Ein Lied erzählt von einem Land

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Im Wagrainer Stille-Nacht-Museum im Pflegerschlössl lädt eine lange Holzwand zur Erkundung ein. Entlang einer Zeitleiste befinden sich beleuchtete Symbole. Berührt man sie mit der Fingerkuppe, erhält man Informationen über wichtige Daten der Geschichte Wagrains, etwa dass 1818 »Stille Nacht« erstmals erklang. Und eigentlich ist das falsch. Denn »Stille Nacht« wurde ja in Oberndorf uraufgeführt, nachdem Joseph Mohr den Text zwei Jahre zuvor in Maria­pfarr im Lungau gedichtet hatte. Und erst fast zwanzig Jahre später sollte Joseph Mohr als Vikar nach Wagrain kommen – dazwischen war er in Kuchl, Golling, Vigaun, ­Anthering, Eugendorf, Hof und Hintersee.

Doch so falsch ist die Verbindung der Ur-aufführung mit den Wagrainern auch wieder nicht, denn sie halten den Textdichter seit Jahrzehnten in hohen Ehren: Sie haben die Volksschule nach ihm benannt, und seit sechzig Jahren veranstalten sie alle Jahre wieder ein weihnachtliches Joseph-Mohr-Gedächtnissingen. Und obwohl es jetzt ein eigenes Stille-Nacht-Museum gibt, war dem Wirken Joseph Mohrs bereits davor, seit 1994, im als Mu­seum geführten Waggerl Haus ein Raum gewidmet.

Die Halleiner tun es den Wagrainern übrigens gleich. Dort wird 2018 ein Stille-Nacht-Museum eröffnet, obgleich Komponist Franz Xaver Gruber erst siebzehn Jahre nach der Uraufführung des berühmten Liedes dort Chorregent und Organist werden sollte. Und Hallein war für Franz Xaver Gruber, was Wagrain für Joseph Mohr war: der Ort des längsten Wirkens sowie seines Todes.

Ausstellungsreigen

Zudem dürften die Lebensumstände in allen Stille-Nacht-Gemeinden damals recht ähnlich gewesen sein. Heute formen sie aufgrund ihrer Verbindung zum Dichter oder Komponisten des weltberühmten Liedes und anlässlich seines 200-Jahre-Jubiläums jenen Kranz von Sonderausstellungen, der den Titel »Landesausstellung« erhält. Die Oberndorfer Maus, die den Blasebalg so angenagt haben soll, dass der Organist für die Mette zur Gitarre griff, wäre in Hintersee, Maria­pfarr oder Arnsdorf gleich hungrig gewesen, denn überall waren die Vorratskammern mickrig bestückt. Ein Grund dafür waren Ernteausfälle, nachdem 1815 der indonesische Vulkan Tambora so viel Magma gespien hatte, dass im Folgejahr in Europa der Sommer ausfiel und sich das Klima für einige Jahre ändern sollte – mit Dürren, Hochwasser und Schnee im Sommer.

Ein weiterer Grund für die grassierende Hungersnot war die Konjunkturflaute, die der politische Bankrott des Fürsterzbistums Salzburg nach den Eroberungen Napoleons nach sich zog. Salzburgs Österreich-Eintritt war schmachvoll. Es wurde Oberösterreich zugeschlagen und verlor den Rupertiwinkel. Dies bekamen die Oberndorfer besonders zu spüren: Die neue Staatsgrenze verlief mitten durch die Salzach, ihr einstiger Ortskern lag plötzlich im Ausland, sodass das heutige Oberndorf zum amputierten Vorort von Laufen wurde.

Hier dürfte ebenso wie in Hallein, Wagrain und Mariapfarr die Armutsgefährdung stetig zugenommen haben, weil überall der Bergbau stockte. Die Hütten im Pinzgau, Pongau und Lungau – sofern nicht ausgeschürft – bekamen ab 1816, als sie plötzlich in Österreich lagen, Konkurrenz von steirischen Erzen. Der durch die Eingliederung in Österreich beschleunigte Niedergang des Salzburger Bergbaus wurde von keiner anderen Industrie aufgefangen. Die Wirtschaft entwickelte sich großteils in eine auf Selbstversorgung orientierte Agrarstruktur zurück. Und wer nicht Bauer war oder im Staats- oder Kirchendienst stand, dem blieben oft nur Hilfsdienste. Joseph Mohrs Mutter etwa war Strickerin.

Niedergang des Bergbaus

Freilich wurde in Hallein im Uraufführungsjahr von »Stille Nacht« noch Salz abgebaut. Doch in Österreich mit seinen Salzvorkommen im Salzkammergut wartete niemand auf das mittlerweile ergrauende, einst »weiße Gold« der Halleiner. Das einsetzende Siechtum des Bergbaus in Dürrnberg bekamen auch die Schiffer in Oberndorf zu spüren –  auch von ihnen erzählt übrigens das Stille-Nacht-Museum in Oberndorf.

War Salzburg nur trist und bitterarm, als »Stille Nacht« erstmals erklang? Wenn man die Umstände von 1816 oder 1818 bedenkt, gibt es keinen besseren Befund. Doch wenn man zeitlich etwas zurückgreift, findet sich eine aparte Schilderung der Lebensart. Sie stammt vom reiselustigen Johann Kaspar Riesbeck, der mit dem Blick des Fremden – er stammte aus Höchst bei Frankfurt – die Salzburger beschrieben hat. Seine 1783 erstmals publizierten Briefe (zuletzt erschienen in »Die Andere Bibliothek«, Berlin 2013) sind etwa 35 Jahre älter als »Stille Nacht«, doch dürfte sich bis 1818 am Wesen der Salzburger kaum etwas geändert haben. Johann Kaspar Riesbeck berichtete: »Der Bauer im Innern dieses Landes trägt ganz das Gepräge der Natur um ihn her. Sein Gang ist schnell, wie der seines Waldstroms; er ist in seinen Leidenschaften stürmisch wie die Luft, die er atmet, stark wie die Eiche, die ihn beschattet, und bieder, treu und fest wie der Fels, der seine Hütte trägt.«

Und auch die Frauen hat sich Johann ­Kaspar Riesbeck angeschaut: »Die Mädchen (…), alle frisch wie die Rosen und munter wie die Rehe, verstehen sich auf die Künste der Koketterie so gut als unsere Pariserinnen, nur sind die Reize, womit sie auf Eroberungen ausgehen, natürlicher als bei diesen.«

Mit solchem Menschenschlag vermag man sich gerne vorzustellen: Wie schön muss es klingen, wenn so warmherzige Männer und lebensfrohe Frauen miteinander »Stille Nacht« singen!

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