Dr. Stephan Mikinovic begann bei der AMA als »One-Man-Show«. Heute hat das ­Unternehmen 50 Mitarbeiter
Dr. Stephan Mikinovic begann bei der AMA als »One-Man-Show«. Heute hat das ­Unternehmen 50 Mitarbeiter / Foto: beigestellt

FALSTAFF: Herr Dr. Mikinovic, vor rund 20 Jahren begann die Erfolgsgeschichte der AMA bzw. des AMA-Gütesiegels. Sie waren von Beginn an dabei – können Sie uns etwas über die Anfänge erzählen?
Dr. Stephan Mikinovic: Ich habe 1993 ­allein begonnen – mit dem Auftrag, Agrarmarketing in Österreich zu etablieren, sowohl für das Inland als auch für die Exportmärkte nach dem EU-Beitritt 1995. 

Wie sind Sie dazu gekommen?

Ich war jahrelang in der Lebensmittel­indus­trie und wechselte dann in die Mineralölwirtschaft. Ich habe aber bald gemerkt, dass man über seinen Job den ganzen Tag mit Liebe und Begeisterung reden können muss. Das kann ich bei Essen und Trinken, nicht aber bei Motoröl und Autos. Deshalb habe ich mich für den AMA-Posten beworben.
Die Leidenschaft für Lebensmittel habe ich von klein auf mitbekommen und sie bis heute nicht verloren. Ich probiere gerne Neues aus, von Heuschrecken in China bis hin zu Würmern in Afrika.

Welche Strategie haben Sie entwickelt, um Österreich als »Feinkostladen« zu etablieren?
Zu Beginn bestand die Angst, dass das kleine Österreich im großen Europa übrig bleiben würde. Andere Nationen waren in der Lage, billiger und schneller große Mengen zu produzieren. Bei der Milchwirtschaft sind wir heute nach wie vor Schlusslicht. Obwohl sich auch hier einiges getan hat: Hatte ein Bauer einst noch zehn Kinder und zehn Kühe, so hat sich das Verhältnis inzwischen verschoben: Heute sind es nur mehr drei Kinder, dafür aber 14 Kühe. Almen kann man nicht fusionieren, daher mussten andere Kaufanreize für österreichische Produkte geschaffen werden. Wir fokussierten auf die Werte Natürlichkeit und Reinheit. 1993 lancierten wir das AMA-Gütesiegel als Symbol für kontrollierte Qualitätsprodukte aus Österreich. Damit verbunden war ein strenger Qualitätssicherungsprozess. Heute gibt es Hunderte Kriterien, die bei Lebensmitteln, ihrem Anbau und ihrer Verarbeitung überprüft werden.

Wie wird sich die Lebensmittelindustrie in Österreich weiterentwickeln?

In ein bis zwei Jahren werden wir mehr ­exportieren als importieren, das hätte keiner erwartet. Seit 1995 hat sich der Export fast vervierfacht, der Käseexport hat sich sogar verachtfacht. In vielen Ländern, beispielweise Italien, Korea oder Japan, ist das AMA-Gütesiegel eine Importvoraussetzung bei Fleisch. Wir haben viel geschafft, müssen den Leuten aber auch immer wieder mittels Kampagnen in Erinnerung rufen, wofür wir stehen. Dabei ist es wichtig, das Thema mit Witz zu vermitteln, um Appetit auf Österreich zu machen.

Gegessen wird in Österreich aber ohnehin genug, nicht?
Ich bin generell der Meinung, dass wir nicht zu viel essen, sondern uns zu wenig ­bewegen. Ich benutze beispielsweise nie den Lift und fahre – so es das Wetter zulässt – zu meinen Terminen mit dem Rad. Dann muss ich auch kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich ein Schnitzel esse.

»Noch vor Kurzem stand bei 10.000 Wirten in ganz Österreich Almochse auf der Karte. Und das, obwohl jährlich nur 3000 Almochsen geschlachtet werden.« / Foto: beigestellt
»Noch vor Kurzem stand bei 10.000 Wirten in ganz Österreich Almochse auf der Karte. Und das, obwohl jährlich nur 3000 Almochsen geschlachtet werden.« / Foto: beigestellt

In Ihrer AMA-Laufbahn waren Sie auch mit Lebensmittelskandalen konfrontiert. Wie haben Sie diese gemeistert?
Eigentlich hat uns jede Krise geholfen und dazu geführt, dass sich wieder neue Produktgruppen für das AMA-Gütesiegel beworben haben. Aktuell gibt es erste Konzepte für Wild und Fisch, die in den nächsten eineinhalb Jahren umgesetzt werden.

Im Lebensmitteleinzelhandel wie in der Gastronomie ist »Back to the roots« das ­aktuelle Credo. Regionalität, Saisonalität und Bio boomen mehr denn je. Wie erklären Sie sich das?
Die Globalisierung der Speisekarten schreitet weiter voran, man besinnt sich aber auch wieder auf heimische Küche. Eine Mousse au Chocolat kann vorbereitet werden und hält sich lange. Ist im Gegensatz dazu ein Kaiserschmarren nicht frisch zubereitet, schmeckt er nicht. Wir haben daher das Kuratorium Kulinarisches Erbe Österreich initiiert. Hier bemühen wir uns darum, dass heimische Gerichte auf den Tellern landen – nach dem Motto: Grießnockerlsuppe statt Carpaccio.

Und welche Trends werden sich zukünftig in der Gastronomie durchsetzen?

Der Regionalgedanke wird noch wichtiger, Authentisches, das es schon lange gibt, also Produkte mit Tradition, werden immer gefragter werden. Reinheit und Natürlichkeit werden international an Stellenwert gewinnen. Zudem wird es eine stärkere Sortendifferenzierung geben. Bei Äpfeln kannten viele bislang nur die Ampel-Koalition – rot, gelb, grün. Hier wird man zukünftig mehr Vielfalt finden. Das Aroma wird zählen, nicht etwa die Größe eines Produkts.

Am 21. Dezember haben Sie Ihren letzten Arbeitstag. Was kommt danach?
Ich werde weiterhin als Präsident des Kuratoriums Kulinarisches Erbe Österreich tätig sein und mich auf das Feinschmeckerland Frankreich als zukünftigen Exportmarkt konzentrieren. Privat möchte ich noch eine Sprache – Französisch – und auch ein Instrument lernen. Außerdem will ich kulinarisch weiterhin alles ausprobieren, was schmeckt.

Mit dem Jahresbeginn 2013 übernimmt Dr. Michael Blass Ihre Agenden. Was geben Sie ihm mit auf den Weg?
Er sollte den Weg der Natürlichkeit und Reinheit weitergehen, die Differenzierung der Sortimente unterstützen und gegen die Globalisierung der Lebensmittelindustrie ankämpfen, schließlich können wir hier in ­Österreich aus dem Vollen schöpfen.


AMA-ERFOLGSZAHLEN
AMA-Gütesiegel: 1993 eingeführt, 2012 Bekanntheitgrad von 98 Prozent. Der durchschnittliche Pro-Kopf-Käsekonsum in Österreich: 1993 rund elf Kilogramm, 2012 rund 20 Kilogramm. Differenzierung in Richtung Feinkostladen: Die Käsevielfalt wuchs von ca. 80 verschiedenen heimischen Käsen auf 365. Bio-Markt: Im Gegensatz zu anderen Ländern (Marktanteile von zwei bis vier Prozent) sind Bio-­Produkte in Österreich ein etabliertes Marktsegment mit Anteilen von zehn bis 20 Prozent (Jahresumsatz: drei Mrd. Euro). Rund 15.000 heimische Bauern haben einen AMA-Vertrag. Lebensmittel-Exportsteigerung seit dem EU-Beitritt 1995: von 1,7 Mrd. auf 8,7 Mrd. Euro; Käse exportiert Österreich heute achtmal so viel (rund 80.000 Tonnen). Im Vergleich: Die Schweiz exportiert »nur« 40.000 Tonnen.

Dr. Michael Blass / Foto: AMA, Wilke
Dr. Michael Blass / Foto: AMA, Wilke

DR. MICHAEL BLASS
Mit 1. 1. 2013 übernimmt Dr. Michael Blass die Agenden von Dr. Stephan Mikinovic als AMA-Geschäftsführer. Blass ist Jurist und engagierte sich nach dem Gerichtsjahr vorerst in der Sozial­arbeit. 1983 trat er in die Wirtschaftskammer Österreich ein, 1998 wurde er zum Geschäfts­führer des Fachverbands der ­Lebensmittelindustrie bestellt. Besonders am Herzen liegen ihm die Weiterentwicklung des Lebensmittelrechts sowie die ­Wettbewerbsfähigkeit des Landwirtschafts- und des Lebens­mittelsektors.



Interview: Marion Topitschnig und Bernhard Degen
Aus Falstaff Nr. 08/2012

Mehr zum Thema

News

Teatime: Geschichte und Wissenswertes

Was wären die Briten ohne ihren geliebten Tee? Kaum eine Nation auf der Welt trinkt so viel davon, von hier stammen der Afternoon Tea und so köstliche...

News

Top 10 Filme & Serien mit Genuss-Faktor

Corona-Krise: Welche Filme und Serien zuhause für einen »Augenschmaus« sorgen, erfahren Sie hier.

News

Die Bedeutung von Umami

Umami zählt neben süß zu den angeborenen gustatorischen Wahrnehmungen. Beide Geschmacksrichtungen sind in Muttermilch ­zu finden und sollen glücklich...

News

Best of Golfplätze für Genießer in Österreich

Österreich ist ein Paradies für golfende Gourmets. Eine schier unglaubliche Dichte an erstklassigen Golfclub-Restaurants sorgt für Genuss-Höhenflüge...

News

Gourmet-Eldorado: Bunter, glamouröser Herbst

Der Herbst wird bunt und glamourös – damit Sie nach dem Sommer jeden Grund für Einladungen haben, dürfen wir Ihnen ausgewählte Stücke für Tisch und...

News

Schloss Nymphenburg als Nobel-Gästehaus

The Langham Nymphenburg Residence: Gemeinsam mit der Porzellan Manufaktur Nymphenburg eröffnete eine Herberge der Extraklasse.

News

Erster Liebherr Store in Wien

Direkt im ICON Tower am Hauptbahnhof hat im August 2020 der erste Liebherr Monobrand Store eröffnet. Auf über 170 Quadratmetern erleben die...

Advertorial
News

Traumhafte Herbstgolftage in Kärnten genießen

»2 für 1«-Herbstaktion mit der Alpe-Adria-Golf Card, Ihre Begleitperson spielt ab 5. Oktober kostenlos.

Advertorial
News

7 Plätze in 7 Tagen im Golfland Vorarlberg

Golfspielen in Vorarlberg kann mehr. Sieben reizvolle Plätze in angenehm kurzen Distanzen zueinander. Sie sind so unterschiedlich, wie das Golfland...

Advertorial
News

Wiens beste Hotels zum Sonderpreis für Österreicher

Inlandstouristen können mit der Verlängerung der Aktion »Erlebe Deine Hauptstadt.Wien« bis Mitte September in Spitzenhotels nächtigen und von diversen...

News

Tischgespräch mir Johannes »Gio« Hahn

Falstaff traf sich mit EU-Kommissar Johannes Hahn und sprach mit ihm über Brüsseler Meeresfrüchte und Salzburger Nockerln.

News

Gourmet-Eldorado: Sommerliche Tischkultur

Der Sommer ist da und mit ihm unzählige Möglichkeiten, Tischkultur genussvoll zu zelebrieren – wir haben für Sie Ideen, die Lust auf Dekor und...

News

Herbst-Genuss: Die Kulinarik-Wochen in Scheffau

Von 4. September bis 18. Oktober lockt das kleine Örtchen Freunde der gehobenen Küche an den Wilden Kaiser.

Advertorial
News

Corona: Ist Alkoholverbot gerechtfertigt?

Von Südafrika bis Hamburg und München versucht man der Pandemie auch mit dem Verbot von Ausschank und Verkauf alkoholischer Getränke beizukommen. Was...

News

Buchtipp: Tod in Perchtoldsdorf

Mit »Tod in Perchtoldsdorf« verbindet Christian Schleifer gekonnt einen spannenden Krimi und die lokale Weinkultur.

News

Hofburg Wien: Exklusive Sommerführungen

Einmal hinter die Kulissen der großen Veranstaltungen blicken: Mit einer Führung durch das Kongresszentrum der Wiener Hofburg ist dies nun möglich.

News

Mit Perrier-Jouët den »Tag des Champagner« feiern

An vier ausgewählten Hotspots in Österreich sorgt das traditionsreiche Champagnerhaus am 4. August für besonders prickelnde Momente.

Advertorial
News

Arte di Barbaro – Eine Bühne für Kunstschaffende

»VIVA LA CLASSICA« ist das Motto beim Outdoor Dinner Konzert in der Trattoria Martinelli. Seien Sie am Freitag, 31.Juli 2020, ab 18.30 Uhr dabei und...

Advertorial
News

ART&ANTIQUE in Salzburg findet statt

Während vielerorts Kunstmessen abgesagt oder verschoben wurden, darf man sich im Sommer in Salzburg über eine Konstante im kleinen Kreise freuen.

Advertorial
News

Wissenschaft: Sonnenschutz von innen

Schatten, Hut und Sonnencreme schützen vor Sonnenbrand. Dazu lässt sich ein Basisschutz von etwa 2–3 mit gelb-orange-rotem Obst und Gemüse und...