FALSTAFF: Herr Dr. Mikinovic, vor rund 20 Jahren begann die Erfolgsgeschichte der AMA bzw. des AMA-Gütesiegels. Sie waren von Beginn an dabei – können Sie uns etwas über die Anfänge erzählen?
Dr. Stephan Mikinovic: Ich habe 1993 ­allein begonnen – mit dem Auftrag, Agrarmarketing in Österreich zu etablieren, sowohl für das Inland als auch für die Exportmärkte nach dem EU-Beitritt 1995. 

Wie sind Sie dazu gekommen?

Ich war jahrelang in der Lebensmittel­indus­trie und wechselte dann in die Mineralölwirtschaft. Ich habe aber bald gemerkt, dass man über seinen Job den ganzen Tag mit Liebe und Begeisterung reden können muss. Das kann ich bei Essen und Trinken, nicht aber bei Motoröl und Autos. Deshalb habe ich mich für den AMA-Posten beworben.
Die Leidenschaft für Lebensmittel habe ich von klein auf mitbekommen und sie bis heute nicht verloren. Ich probiere gerne Neues aus, von Heuschrecken in China bis hin zu Würmern in Afrika.

Welche Strategie haben Sie entwickelt, um Österreich als »Feinkostladen« zu etablieren?
Zu Beginn bestand die Angst, dass das kleine Österreich im großen Europa übrig bleiben würde. Andere Nationen waren in der Lage, billiger und schneller große Mengen zu produzieren. Bei der Milchwirtschaft sind wir heute nach wie vor Schlusslicht. Obwohl sich auch hier einiges getan hat: Hatte ein Bauer einst noch zehn Kinder und zehn Kühe, so hat sich das Verhältnis inzwischen verschoben: Heute sind es nur mehr drei Kinder, dafür aber 14 Kühe. Almen kann man nicht fusionieren, daher mussten andere Kaufanreize für österreichische Produkte geschaffen werden. Wir fokussierten auf die Werte Natürlichkeit und Reinheit. 1993 lancierten wir das AMA-Gütesiegel als Symbol für kontrollierte Qualitätsprodukte aus Österreich. Damit verbunden war ein strenger Qualitätssicherungsprozess. Heute gibt es Hunderte Kriterien, die bei Lebensmitteln, ihrem Anbau und ihrer Verarbeitung überprüft werden.

Wie wird sich die Lebensmittelindustrie in Österreich weiterentwickeln?

In ein bis zwei Jahren werden wir mehr ­exportieren als importieren, das hätte keiner erwartet. Seit 1995 hat sich der Export fast vervierfacht, der Käseexport hat sich sogar verachtfacht. In vielen Ländern, beispielweise Italien, Korea oder Japan, ist das AMA-Gütesiegel eine Importvoraussetzung bei Fleisch. Wir haben viel geschafft, müssen den Leuten aber auch immer wieder mittels Kampagnen in Erinnerung rufen, wofür wir stehen. Dabei ist es wichtig, das Thema mit Witz zu vermitteln, um Appetit auf Österreich zu machen.

Gegessen wird in Österreich aber ohnehin genug, nicht?
Ich bin generell der Meinung, dass wir nicht zu viel essen, sondern uns zu wenig ­bewegen. Ich benutze beispielsweise nie den Lift und fahre – so es das Wetter zulässt – zu meinen Terminen mit dem Rad. Dann muss ich auch kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich ein Schnitzel esse.

»Noch vor Kurzem stand bei 10.000 Wirten in ganz Österreich Almochse auf der Karte. Und das, obwohl jährlich nur 3000 Almochsen geschlachtet werden.« / Foto: beigestellt
»Noch vor Kurzem stand bei 10.000 Wirten in ganz Österreich Almochse auf der Karte. Und das, obwohl jährlich nur 3000 Almochsen geschlachtet werden.« / Foto: beigestellt

In Ihrer AMA-Laufbahn waren Sie auch mit Lebensmittelskandalen konfrontiert. Wie haben Sie diese gemeistert?
Eigentlich hat uns jede Krise geholfen und dazu geführt, dass sich wieder neue Produktgruppen für das AMA-Gütesiegel beworben haben. Aktuell gibt es erste Konzepte für Wild und Fisch, die in den nächsten eineinhalb Jahren umgesetzt werden.

Im Lebensmitteleinzelhandel wie in der Gastronomie ist »Back to the roots« das ­aktuelle Credo. Regionalität, Saisonalität und Bio boomen mehr denn je. Wie erklären Sie sich das?
Die Globalisierung der Speisekarten schreitet weiter voran, man besinnt sich aber auch wieder auf heimische Küche. Eine Mousse au Chocolat kann vorbereitet werden und hält sich lange. Ist im Gegensatz dazu ein Kaiserschmarren nicht frisch zubereitet, schmeckt er nicht. Wir haben daher das Kuratorium Kulinarisches Erbe Österreich initiiert. Hier bemühen wir uns darum, dass heimische Gerichte auf den Tellern landen – nach dem Motto: Grießnockerlsuppe statt Carpaccio.

Und welche Trends werden sich zukünftig in der Gastronomie durchsetzen?

Der Regionalgedanke wird noch wichtiger, Authentisches, das es schon lange gibt, also Produkte mit Tradition, werden immer gefragter werden. Reinheit und Natürlichkeit werden international an Stellenwert gewinnen. Zudem wird es eine stärkere Sortendifferenzierung geben. Bei Äpfeln kannten viele bislang nur die Ampel-Koalition – rot, gelb, grün. Hier wird man zukünftig mehr Vielfalt finden. Das Aroma wird zählen, nicht etwa die Größe eines Produkts.

Am 21. Dezember haben Sie Ihren letzten Arbeitstag. Was kommt danach?
Ich werde weiterhin als Präsident des Kuratoriums Kulinarisches Erbe Österreich tätig sein und mich auf das Feinschmeckerland Frankreich als zukünftigen Exportmarkt konzentrieren. Privat möchte ich noch eine Sprache – Französisch – und auch ein Instrument lernen. Außerdem will ich kulinarisch weiterhin alles ausprobieren, was schmeckt.

Mit dem Jahresbeginn 2013 übernimmt Dr. Michael Blass Ihre Agenden. Was geben Sie ihm mit auf den Weg?
Er sollte den Weg der Natürlichkeit und Reinheit weitergehen, die Differenzierung der Sortimente unterstützen und gegen die Globalisierung der Lebensmittelindustrie ankämpfen, schließlich können wir hier in ­Österreich aus dem Vollen schöpfen.


AMA-ERFOLGSZAHLEN
AMA-Gütesiegel: 1993 eingeführt, 2012 Bekanntheitgrad von 98 Prozent. Der durchschnittliche Pro-Kopf-Käsekonsum in Österreich: 1993 rund elf Kilogramm, 2012 rund 20 Kilogramm. Differenzierung in Richtung Feinkostladen: Die Käsevielfalt wuchs von ca. 80 verschiedenen heimischen Käsen auf 365. Bio-Markt: Im Gegensatz zu anderen Ländern (Marktanteile von zwei bis vier Prozent) sind Bio-­Produkte in Österreich ein etabliertes Marktsegment mit Anteilen von zehn bis 20 Prozent (Jahresumsatz: drei Mrd. Euro). Rund 15.000 heimische Bauern haben einen AMA-Vertrag. Lebensmittel-Exportsteigerung seit dem EU-Beitritt 1995: von 1,7 Mrd. auf 8,7 Mrd. Euro; Käse exportiert Österreich heute achtmal so viel (rund 80.000 Tonnen). Im Vergleich: Die Schweiz exportiert »nur« 40.000 Tonnen.

Dr. Michael Blass / Foto: AMA, Wilke
Dr. Michael Blass / Foto: AMA, Wilke

DR. MICHAEL BLASS
Mit 1. 1. 2013 übernimmt Dr. Michael Blass die Agenden von Dr. Stephan Mikinovic als AMA-Geschäftsführer. Blass ist Jurist und engagierte sich nach dem Gerichtsjahr vorerst in der Sozial­arbeit. 1983 trat er in die Wirtschaftskammer Österreich ein, 1998 wurde er zum Geschäfts­führer des Fachverbands der ­Lebensmittelindustrie bestellt. Besonders am Herzen liegen ihm die Weiterentwicklung des Lebensmittelrechts sowie die ­Wettbewerbsfähigkeit des Landwirtschafts- und des Lebens­mittelsektors.



Interview: Marion Topitschnig und Bernhard Degen
Aus Falstaff Nr. 08/2012

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