Weißbier, das ist Bayern pur – sagen die Bayern. Und übersehen dabei, dass einer der wichtigsten Impulse für die Weizenbierbrauereien im damaligen Herzogtum Bayern ausgerechnet aus dem heutigen Österreich kam, genauer gesagt: aus Mattighofen. Diese Marktgemeinde liegt im Inn­viertel, das bekanntlich bis zum Vertrag von Teschen, der 1779 den Bayerischen Erbfolgekrieg beendete, zu Bayern gehörte. Und Mattighofen hatte eine Brauerei im herzoglichen Besitz – der Bayernherzog hatte aber auch seit dem Reinheitsgebot von 1516 (das den Untertanen vorschrieb, zum Brauen nur Gerste, Hopfen und Wasser zu verwenden) ein Monopol für die Weizenbierherstellung.

Daher wurde das Mattighofer Brauhaus nach einem Brand 1607 als eine der ersten reinen Weizenbierbrauereien Bayerns neu aufgebaut. Das Mattighofer Weißbier wurde dann zu Markttests in andere Städte gebracht. Wo es erfolgreich war, wurden gleich weitere »Weisse Brauhäuser« errichtet. Die vielen Hofbräuhäuser dürften dem Hof in München gute Einkünfte gesichert haben – als das Weizenbiermonopol 1798 endlich aufgehoben wurde, gab es gut sechs Dutzend »Weisse Brauhäuser«. Aber da hatte das einst so beliebte Weißbier schon einiges an Popularität eingebüßt.

Das ist in der Geschichte öfter vorgekommen, auch beim Bier gibt es ja Moden: Bierstile kommen und gehen, werden wiederentdeckt oder modifiziert – in
den 1980er-Jahren trank man in Österreich etwa bevorzugt fil­triertes Kristallweizen, das inzwischen fast gänzlich von hefe­trüben Weizenbieren aller Farbschattierungen und Stärken abgelöst wurde. Weizenbier wurde auf diese Weise zur vielfältigsten Bierfamilie des deutschen Sprachraums. Als das Weizenbier in den 1970er-Jahren in Österreich wiederentdeckt wurde, gab es nur in Salzburg (»Die Weisse« seit 1901) und in Ried im Innkreis (1933 bis 1981) spezielle Weißbierbrauereien. Ab 1972 wurde dann in Obertrum »Weizengold«, ab 1986 in Kaltenhausen »Edelweiss« gebraut. Gerade die Edelweiss-Marke ist eine internationale Erfolgsgeschichte – immer wieder können sich die Edelweiss-Biere in internationalen Konkurrenzen gegen bayerische Mitbewerber durchsetzen. Vor drei Jahren wurde ihre Produktion nach Zipf übersiedelt.

Während der Trend heute zu halbdunklen und dunklen Weizenbieren geht, ist das international als »South German Style Hefeweizen« bekannte helle Hefeweizen weltweit der gängigste Stil: Goldgelb bis hellbernsteinfarben soll es sein, ein wenig trüb, ziemlich spritzig und nicht zu bitter. Und man erwartet einen Hauch Banane und eventuell gewürzhafte Aromen (Nelken, Muskat).

Die Wiederbelebung des Stils ist Werner Brombach von Erdinger Bräu zu verdanken: Er erkannte in den 1960er-Jahren, dass kaum noch jemand Weizenbier trinken wollte. Also trimmte er sein Weizenbier auf eine hellgoldgelbe Farbe, gleichmäßige Trübung und schönen Schaum, stellte den Geschmack gefällig ein und erreichte eine extreme Drinkability – im Falstaff-Test kam sein Bier auf
93 Punkte.

Erst der Erdinger Erfolg hat viele andere auf den Plan gerufen – Franziskaner etwa im Jahr 1974. Heute ist der Stil weltweit gefragt, aber auch wenn Hefeweizen aus Oregon, Russland oder eben aus Österreich kommt, bleibt der Geschmack doch typisch für Bayern!


DIE BEWERTUNGEN

Naturtrübes Weissbier Familienbrauerei Jacob, Bodenwöhr / Foto: beigestellt
Naturtrübes Weissbier Familienbrauerei Jacob, Bodenwöhr / Foto: beigestellt


96 Punkte

Naturtrübes Weißbier
Familienbrauerei Jacob, Bodenwöhr
Braumeister: Holger Becker
Alkohol: 5,4 % ABV
Bierstil: Hefeweizen hell
Goldgelb mit gleichmäßiger Trübung, Aromen von Bananenschalen und Vanil­le zeichnen dieses Bier aus der Oberpfalz aus, das als »das wahrscheinlich beste Weißbier der Welt« angepriesen wird. In der Blindverkostung sticht es durch fruchtige Frische bei leichter Süße hervor. Es ist sehr ausbalanciert, nur ganz leicht bitter und lässt im Nachtrunk die Süße einem trockenen Eindruck weichen.
www.brauerei-jacob.de

 

 


Paulaner Hefe-Weißbier / Foto: beigestellt
Paulaner Hefe-Weißbier / Foto: beigestellt

 

95 Punkte
Paulaner Hefe-Weißbier
Paulaner Brauerei, München
Braumeister: Christian Dahncke
Alkohol: 5,5 % ABV
Bierstil: Hefeweizen hell

Intensiv trübes, hellorange leuchtendes Bier mit unaufdringlichem Bananenaroma, begleitet von einem Duft nach Ananas, Mango und Grapefruit. Schöner Schaum. Rund und dennoch spritzig mit etwas pfeffriger Note, langer, milder Bittere und einem auffallend weichen Mundgefühl. Eine unaufdringliche Bittere unterstützt den Eindruck von Ausgewogenheit und trockenem Nachtrunk.
www.paulaner.de

 

 

Duckstein Weizen-Cuvée / Foto: beigestellt
Duckstein Weizen-Cuvée / Foto: beigestellt

 

95 Punkte
Duckstein Weizen Cuvée
Mecklenburgische Brauerei Lübz
Braumeister: Michael Jakob
Alkohol: 5,7 % ABV

Die fast an Kastanien erinnernde braune Farbe führte bei diesem Bier zu einer Abwertung in der Kategorie heller Weizenbiere – Aroma (Veilchen, Ananas) und schlanker, weicher Trunk mit vielschichtigen Weizenaromen bestätigen in der Blindverkostung aber Kategorisierung und hohe Punktezahl. Gehopft ist dieses Bier mit Saphir und Perle, beide Hopfensorten halten sich aber mit der Bittere zurück.
www.duckstein.de

 

 

Murauer Weißbier / Foto: beigestellt
Murauer Weißbier / Foto: beigestellt

 

 94 Punkte
Murauer Weißbier
Brauerei Murau, Murau
Braumeister: Günter Kecht
Alkohol: 5,6 % ABV
Bierstil: Hefeweizen hell

Sehr helles, nach Banane, Mandarine, Vanille und Ananas duftendes Weizenbier mit schöner, nicht sehr dichter, aber gleichmäßiger Trübung und einem schlanken, erfrischenden, ein wenig an Bitterorange erinnernden Trunk. Dieses erst kürzlich auf den Markt gekommene Bier hat eine sehr gute Vollmundigkeit, ohne dabei zu süß zu wirken, es klingt angenehm trocken und leicht herb aus.
www.murauerbier.at

 

 

Weihenstephaner Hefe-Weißbier / Foto: beigestellt
Weihenstephaner Hefe-Weißbier / Foto: beigestellt

 

92 Punkte
Weihenstephaner Hefe-Weißbier
Bayerische Staatsbrauerei ­Weihenstephan, Freising
Braumeister: Hans Wolfinger
Alkohol: 5,4 % ABV
Bierstil: Hefeweizen hell

Kräftig-trübes Goldgelb mit schönem weißem Schaum. Gewürzaromen (Nelken, Koriander), zudem Bananen, Zitrusschale, Biskuit und Vanille – etwas stechender lederartiger Geruch. Erfrischender, gerade noch nicht süßer Geschmack, weniger weiches Mundgefühl.
http://weihenstephaner.de

 

 

 

Edelweiss Hefetrüb / Foto: beigestellt
Edelweiss Hefetrüb / Foto: beigestellt

 

91 Punkte
Edelweiss Hefetrüb
Brau Union Österreich, Zipf
Braumeister: Günther Seeleitner
Alkohol: 5,3 % ABV
Bierstil: Hefeweizen hell

Die hellgoldgelbe, intensiv trübe Version ist etwas seltener zu finden, hat aber in Fachkreisen viele Auszeichnungen erhalten, etwa Bronze beim World Beer Cup 2012. Verhaltenes Bananenaroma und ein leichter Duft nach Blumenwiese. Sehr fruchtig und erfrischend prickelnd im Antrunk, ausbalanciert und weich im Trunk, leicht im Gesamteindruck.
www.edelweissbier.at

 

 

Franziskaner Weißbier / Foto: beigestellt
Franziskaner Weißbier / Foto: beigestellt

 

90 Punkte
Franziskaner Weißbier ­Naturtrüb, Spaten-Franziskaner Brauerei, ­München
Braumeister: Josef Kronast
Alkohol: 5,0 % ABV
Bierstil: Hefeweizen hell

Stark trüb, orangebernsteinfarben, Vanille, Nelken, dazu Bananen. Der Antrunk wirkt relativ mild, das Mundgefühl ist cremig und weich. Obwohl wenig CO2 zu spüren ist, tritt die Bittere recht deutlich hervor und hält lang an. Die hohe Drinkability hat die Weißbiermarke zur zweitgrößten Deutschlands gemacht.
www.franziskaner-weissbier.de

 

 

 

Stiegl Weisse / Foto: beigestellt
Stiegl Weisse / Foto: beigestellt

 

86 Punkte
Stiegl Weisse
Stiegl Brauerei, Salzburg
Braumeister: Christian Pöpperl
Alkohol: 5,1 % ABV
Bierstil: Hefeweizen hell

Orangebernsteinfarben, gleichmäßig trüb, in der Nase Bananen und Nelken, eventuell auch Ananas. Spritziger Antrunk, begleitet von einer leichten, etwas harzig wirken­den und lang anhaltenden Bittere. Das Mundgefühl ist cremig, das Bier den­noch leicht zu trinken – sehr im Mainstream sommerlicher Weizenbiere, ein recht guter Begleiter zu Fisch.
www.stiegl.at

 

 

von Conrad Seidl
aus Falstaff Nr. 3/2013

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