Conrad Seidl
Conrad Seidl © Ingo Pertramer

Altbier! Wer kennt das nicht? Franz Schönfeld zum ­Beispiel. Schönfeld war in den 1930er-Jahren Leiter der Hochschulbrauerei in Berlin, einer der wichtigsten Ausbildungsstätten für deutsche Brauer. Und er war Autor des damals einflussreichsten deutschsprachigen Lehrbuchs über obergäriges Bier. In dessen zweiter Auflage von 1938 schreibt er zwar: »Es ist ein alter Brauch im Rheinland, obergärige, hochvergorene Lagerbiere zu brauen von heller, goldgelber Farbe und starkem, ja überstarkem Hopfengeschmack. Schon vor mehr als 100 Jahren hatte das rheinische Bier einen Ruf, das dem englischen hellen, bitteren Bier (dem bitteren Ale) in mancher Hinsicht ähnelt ... Im übrigen wurde es, gleich dem englischen, … sehr kräftig gehopft, ja gewissermaßen überhopft, einer zwei- bis dreimonatlichen Lagerung bei einer den obergärigen Bieren zukommenden mäßig kalten Temperatur (5–7 °C) unterworfen, doch nicht gespundet, da es ohne den sonst den ­Lagerbieren eigenen, haltbaren, ­dichten, hohen Schaum zum Ausschank kommen soll.«

Kölsch gleich Alt?
Was beschreibt Schönfeld da? Bierfreunde aus Köln würden schon spotten: Was hier geschildert wird, ist doch niemals ein Altbier! Das ist doch vielmehr jenes Bier, das wir als Kölsch kennen! Na ja. Kölsch, wie wir es heute kennen, ist anders. Altbier auch. Und Schönfeld kannte weder die eine noch die andere Bezeichnung. Dafür beschreibt er zwei Absätze weiter getreulich auch ein anderes braunes »obergäriges Lagerbier«, in dem wir ganz gut das wiedererkennen, was uns heute als »Alt« bekannt ist: »Es ist ebenfalls ein kräftig gehopftes wie auch nachgehopftes Bier ... Der Eigenart des Bieres als Lagerbier entsprechend, ist die Gärung aber keine ausgesprochene Warmgärung ... Die kalten Temperaturen sind es, welche in erster Linie mit dazu beitragen, dem Biere Rundung, Schaumdichte und Schaumhaltbarkeit zu geben, sofern sonst alle anderen dafür erforderlichen Voraussetzungen vorhanden sind.«

Alt als Marketingschreck
Hier also finden wir jenes köstliche Bier beschrieben, das uns im »Uerige« in Düsseldorf, bei »Pinkus Müller« in Münster und in anderen Brauhäusern nördlich von Köln serviert wird: dunkles, obergäriges Bitterbier. Wobei die Bezeichnung »Bitterbier« für sensible Ohren abschreckend klingt: »Bitter« verbindet man in der deutschen Sprache ja irgendwie mit bitterer Armut oder bitterer Kälte, und das Wort ist auch sonst nicht sehr einladend, während es in der englischen Sprache ziemlich neutral eine Eigenschaft des Bieres ­beschreibt. Überhaupt ist das mit den Bezeichnungen so eine Sache: »Alt«-Bier. Klingt ja auch gar nicht gut, nicht »jung« genug für die Zielgruppe – fanden jedenfalls die Brandmanager der Marke Diebels: Sie ließen in den vergangenen Jahren die drei Buchstaben, die den Bierstil bezeichnen, immer ­öfter in der Kommunikation des Diebels weg. Auf der Flasche des Diebels Alt findet man sie nicht mehr, auch auf dem Kasten nicht – und schon gar nicht auf dem Fass.

Geholfen hat es nicht, im Gegenteil: Altbier gilt als einer der schrumpfenden Bierstile, allein im Jahr 2010 hat sein Absatz laut dem Verband der nordrhein-westfälischen Brauereien um beinahe neun Prozent abgenommen – in Deutschland werden derzeit nur noch 1.217.000 Hektoliter ­Altbier gebraut. Und Diebels ist der größte Verlierer:  490.000 Hektoliter braut der Marktführer aus Issum, der einst eine stolze Familienbrauerei war und nun im Anheuser-Busch-Inbev-Konzern auf weniger als die Hälfte seiner ursprünglichen Größe ­geschrumpft ist.

Frühere Erfolge und internationale Zukunft
Dazu muss man wissen: Alle Bierstile sind Modeströmungen unterworfen, Altbier hatte seine großen Erfolge in den 1980er-Jahren. Da war es – noch vor dem Kölsch – das als typisch für Nordrhein-Westfalen em­p­fundene Bier. Bestellte jemand
in einem Lokal ein etwas dunkler aussehendes Bier, dann guckten erst einmal alle – und dann bestellten die meisten ein Alt nach: Das durch Aromen von Kakao (kommt vom Röstmalz) und von getrockneten Früchten (kommt von der obergärigen Hefe) aus­gezeichnete Bier hatte einen Kultstatus, der keiner weiteren Erklärung bedurfte.

Nach der deutschen Wiedervereinigung aber etablierte sich das Schwarzbier als Alternative. Liegt es daran, dass Altbier altmodisch ist? Nein, nicht einmal dem Namen nach. Altbier ist zwar ein Bierstil, der schon im Namen so viel Tradition trägt, dass man gar nicht wagt, an ihm herum­zudeuten. Aber er ist offenbar erst nach dem Zweiten Weltkrieg im Hinblick auf die (im Unterschied zum Pils) althergebrachten ­Rezepturen etabliert worden, frühere Literatur hat den Stil ­allenfalls als »Düsseldorfer obergärig« gekannt.

Stimmt nun die Statistik, die nahelegt, dass der Stil am Verschwinden wäre? Nein, sicher nicht. Ein Blick in die obergärige Hausbrauerei »Zum Uerige« in der Düsseldorfer Altstadt vermittelt ein beruhigendes Bild: Hier wird seit eh und je ein stark gehopftes Altbier ausgeschenkt, eines der bittersten Biere Deutschlands. Und dennoch würde niemand ­sagen, dass das Bier zu bitter, zu altmodisch oder zu wenig trinkbar wäre. Denselben Befund ergibt ein Rundgang durch die ­anderen Brauhäuser der Altstadt: Volles Haus im »Füchschen«, angeregt plaudernde Altbiergenießer beim »Schuhmacher«, bierige Stimmung im »Schlüssel«.

Nein, um das Altbier muss man sich keine Sorgen machen. Nicht in Düsseldorf. Und nicht weltweit: Denn während die Deutschen den neuen alten Bierstil nur in homöopathischen Dosen konsumieren (das traditionelle Ausschankglas fasst nur 0,2 Liter), so kommen andere gerade erst auf den Geschmack: In Öster­reich wird Altbier mit ebensolcher Begeisterung gebraut und konsumiert wie im fernen Ontario. Und der US-Markt ist ohnehin verrückt nach Altbier: Exklusiv für die Amerikaner braut man beim Uerige ein DoppelSticke, eine vollmundige, dennoch herbe Starkbiervariante der Düsseldorfer Spezialität.

Frischer Geschmack nach alter Art

Uerige Alt
Brauerei: Uerige
Braumeister: Michael Schnitzler
Alkohol: 4,7 % ABV
Bierstil: Altbier
Dunkle Kupferfarbe zeichnet dieses traditionell in Bügelverschlussflaschen abgefüllte und im 0,2-Liter-Glas ausgeschenkte obergärige Bier aus. In der Nase kündigt sich schon die markante Hopfung (mehr als 40 Bittereinheiten!) an, das Bier duftet nach Harz und Zitronen. Der Antrunk ist erfrischend schlank und herb, am Gaumen zeigen sich nussige und fruchtige Eindrücke (Birnen, Äpfel) von der ober­gärigen Hefe, im Nachtrunk spielen Hopfenbittere und Röstmalztöne ­miteinander.

Diebels
Brauerei: Diebels
Braumeister: Ulrich Balzer
Alkohol: 4,8 % ABV
Bierstil: Altbier
Dunkelbernsteinfarben und mit schönem Schaum zeigt sich diese milde Altbierver­sion vom Marktführer in Issum im Glas. Das Bier ist sehr erfrischend und hat deutliche Malzaromen, die das Bier im Trunk auch leicht süß wirken lassen, ehe es mit einer milden Bittere trocken ausklingt.


Doppelsticke
Brauerei: Uerige
Braumeister: Michael Schnitzler
Alkohol: 8,5 % ABV
Bierstil: Strong Ale
Sticke ist die Starkbierversion des Altbieres, die so selten ausgeschenkt wird, dass man einander »stickum« (also hinter vorgehaltener Hand) den Tipp weitergibt. Sehr dunkles Rot. Intensiv süße, fruchtige Nase mit Anklängen von reifen Birnen. Sehr bitterer Antrunk mit stark alkoholischem, den Mund wärmendem Eindruck. Ein Geschmack, der an Früchtebrot erinnert, immer wieder kräftig bittere Sensa­tionen, diese sind aber mit einer breiten Süße gut ausbalanciert. Der Nachtrunk ist von schokoladenartiger Bittere.

Unibräu Alt
Brauerei: Stiftsbrauerei Schlägl

Braumeister: Reinhard Bayer
Alkohol: 5,5 % ABV
Bierstil: Altbier
Ein im Mühlviertel exklusiv für das »Unibräu« im Wiener Alten AKH gebrautes obergäriges Braunbier. Die leichte karamellige Süße kündigt sich schon in der Nase an, aber der Trunk ist ausgewogen. Die Hopfung ist eher zurückhaltend, befindet sich eher am unteren Ende der für den Stil typischen Bandbreite.


von Conrad Seidl

aus Falstaff Nr. 1/2012

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