Digitales Design

Couchlandschaften werden beweglicher und dürfen im Zimmer herumwandern – je nach Bedürfnis des Nutzers. wittmann.at

© Wittmann

Couchlandschaften werden beweglicher und dürfen im Zimmer herumwandern – je nach Bedürfnis des Nutzers. wittmann.at

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Die Entwicklung kam schleichend, aber sie ist nicht zu leugnen: Viele Möbelstücke, die wir seit Jahrzehnten – wenn nicht Jahrhunderten – als selbstverständlich erachten, verlieren ihre Bedeutung. Zu verdanken ist das zu einem großen Teil den Veränderungen, die uns die digitale Welt beschert. Beim Thema Digitalisierung im Zuhause oder Office denken die meisten zuerst an Smart-Home-Lösungen oder neue Herstellungsmethoden. Doch ein anderer Aspekt wird oft übersehen: Wir verbringen unser Leben immer mehr mit Handy oder Tablet in der Hand. Und so entstehen neue Bedürfnisse in der Wohnwelt, die vorrangig die Funktionalität von klassischen Möbeln betreffen. Denn wie wir Sitzgelegenheiten verwenden oder sich unsere Bücherregale dank E-Readern und Tablets leeren, hat auf Design und Konzeption großen Einfluss.

»Man wird im Büro vermehrt Loungemöbel finden. Das liegt daran, dass sich Arbeits- und Privatleben immer mehr annähern.« Hartmut Roehrig Geschäftsführer Wittmann

LIVING: Wie wirkt sich die digitale Revolution auf die Funktionalität von Möbeln aus
Hartmut Roehrig:
Mit der Digitalisierung verändert sich die Nutzung. Wir sitzen mit Handy oder Tablet herum, hören Musik oder streamen Videos. Man konsumiert individuell und weniger als Familie, wie zum Beispiel beim Fernsehen. Das hat in der Einrichtungsbranche einiges verändert. Jüngere Generationen kaufen Möbel mit einem hohen Augenmerk auf Flexibilität. Die großen Sitzlandschaften sind zwar noch präsent, werden aber in Zukunft nicht mehr so wichtig sein. Wichtig werden eher Möbelstücke, die flexibel sind und auf denen man etliche Tätigkeiten ausführen kann, also sitzen, liegen und arbeiten.

Ein Möbelstück muss das alles vereinen?
Wir versuchen, alles unter einen Hut zu bringen: Einerseits muss es einen Lounge-Charakter geben, doch wenn ich mit dem Laptop arbeite, kann ich nicht acht Stunden liegen! Deswegen werden Couchtische wieder höher. Die großzügigen, niedrigen Designs sind auf dem Rückzug, denn wenn man auf dem Computer arbeiten oder einen Film sehen will, dann sind kleine und flexible Tische viel praktischer. 

Die Beweglichkeit ist also wichtig?
Genau, denn eine relativ große Sitzgruppe mit 3,5 Metern Schenkellänge und einem riesigen Couchtisch bleibt ja immer am selben Ort. Das ist zwar repräsentativ und schön, aber kann in der Nutzung nicht verändert werden. Wenn ich aber drei Sessel, ein loungiges Sofa und viele kleine Beistelltische habe, kann ich schnell von Party- auf Konzentrationsmodus umschalten. Die Mischung aus kompakten Möbeln und ausladenden Sofas muss stimmen. 

Können Sie anhand eines Möbelstücks die Entwicklung der letzten Jahre erklären? 
Bei der Serie »Vuelta« sieht man es gut. Als sie vor drei Jahren auf den Markt kam, gab es ein klassisches Sofa und zwei Stühle in verschiedenen Größen. Im Laufe der Zeit wollten die Kunden den Sessel plötzlich drehbar. Daran hatten wir gar nicht gedacht, denn wozu würde man einen drehbaren Sessel im privaten Umfeld brauchen? Die Erklärung ist einfach: Wenn man das Smartphone verwendet, dreht man sich von anderen Menschen weg, erledigt seine Sachen und dreht sich dann wieder zurück. Ich kann mich also öffnen und schließen, wie ich möchte. Das scheint heutzutage eine riesige Bedeutung zu haben. 

Wird es in Zukunft überhaupt noch Schreibtische im Büro brauchen? 
Man wird dort vermehrt Loungemöbel finden. Das liegt daran, dass sich Arbeits- und Privatleben immer mehr annähern. Die Menschen wollen im Arbeitsumfeld eine ähnliche Atmosphäre wie zu Hause haben. Und umgekehrt nimmt die Bedeutung des Homeoffice zu.

Wir haben dank E-Readern und Tablets auch viel weniger Bücher als früher …
Das stimmt. Das ist für uns glücklicherweise kein Problem, aber die Hersteller von Bücherregalen klagen seit längerer Zeit. Die Bedeutung der Bibliothek verschwindet zusehends, man hat eher Coffee Table Books, die einen dekorativen Zweck erfüllen. Das Bücherregal wird oft durch ein Sideboard ersetzt. 

Was sind die größten Herausforderungen der digitalen Revolution?
Viele Menschen wollen zwar die Technik haben, aber keine Sichtbarkeit dieser Technik. Dieses Verschwindenlassen ist etwas, womit viele Möbelhersteller spielen und arbeiten. Wir haben in unser Sofa »Palais« eine sogenannte IT-Box integriert. Sie befindet sich bei der Armlehne und ist mit einem Holzschieber verschlossen. Im Inneren findet man Anschlüsse für Strom, WLAN und dergleichen. 

Welche Technologien könnte man sich im Interior in Zukunft zunutze machen?
Bei neueren Geräten gibt es den Trend, dass über Induktion statt mit Kabeln aufgeladen wird. Man könnte die Induktionsvorrichtungen in Sideboards, Sofas und Beistelltische inte-grieren, sodass man das iPhone nur noch an eine bestimmte Stelle legen muss, auf der es sich von selbst auflädt. So verschwindet auch das Kabelproblem, das sehr unschön ist.

Daraus ließe sich doch ein Designthema machen! 
Ja, erste Designer haben damit in öffentlichen Coffeeshops in Skandinavien gespielt. Es gibt einen gestalteten Punkt auf der Tischfläche, der mir zeigt, wo ich mein Handy hinlegen muss. Und so schließt sich der Kreis von digital und analog. Es gibt immer irgendwo eine Schnittstelle zwischen Mensch und Gerät, und Design ist dann spannend, wenn es diese Schnittstelle perfekt abdeckt.

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LIVING Nr. 03/2019
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