FALSTAFF: Bei der Gründung von Wein & Co war die heimische Weinwelt verglichen mit heute noch eine völlig andere. Was ist in den letzten Jahren passiert?
HEINZ KAMMERER: Als wir 1993 WEIN & CO gründeten, war Österreich ein Weinentwicklungsland: Es gab eine Handvoll guter Weißweinwinzer aus der Wachau und dem Kamptal, das steirische Weinwunder stand erst ante portas, Rotwein sollte erst 1997 relevant werden. Die Grenzen waren dicht, alles lief über Kontingente, und der Private musste mit der Konfiszierung seines Kofferraumimports rechnen, wenn er mehr als drei Flaschen mitführte. Nach dem EU-Beitritt 1995 ging es Schlag auf Schlag, vor allem was Importweine betraf: Wein & Co verkaufte damals 70 Prozent ausländische Weine, heute ist es genau umgekehrt.

Wein & Co hat erstmals der breiten Masse der Weininteressierten einen unkomplizierten Zugang zur Welt der großen Weine geboten. War Österreichs Weinkonsum mangels Angebot ­damals unterentwickelt?
Natürlich bestand ein enormer Nachholbedarf, die großen Weine der Welt waren einer kleinen Schicht von Freaks bekannt, aber die nunmehr problemlose Verfügbarkeit löste einen regelrechten Run auf alles, was gut oder zumindest teuer war, aus. Die Preise, die wir damals für Mouton 1986 verlangten, waren gemessen am Rest des Sortiments zwar enorm, nehmen sich allerdings heute lächerlich aus: 690, wohlgemerkt Schilling, also nicht einmal 50 Euro, dafür bekomme ich heute gerade einmal eine Flasche F. X. Pichler Kellerberg – der kostete damals 100 Schilling! Mouton hingegen wird en primeur um ebendiese 690 oder mehr gehandelt, aber in Euro. Der 86er kursiert jetzt um zirka 1.500 Euro!

Wie haben sich die Preise der prestigeträchtigen Luxusweine in den letzten zwanzig Jahren entwickelt?

Man kann die Preisentwicklungen im sogenannten Fine-Wine-Bereich nur als atemberaubend bezeichnen. Das hat seinen Grund natürlich nicht in der österreichischen Spezialsituation, sondern vor allem darin, dass damals die bemerkenswerteste Kapitalmarkt-Hausse aller Zeiten einsetzte, ein Phänomen, mit dem der Weinmarkt klar korreliert. Dieser Umstand hat die internationalen Spitzenweine hierzulande praktisch unerschwinglich gemacht, diese Weine werden überwiegend dort verkauft, wo das meiste Cybermoney verdient beziehungsweise kreiert wird: an der US-Ostküste und in Südostasien.

Welchen Stellenwert hat speziell der österreichische Wein im Sortiment von Wein & Co?
Wir sind heute klarer Marktführer in Öster­reich und unsere Kunden sind längst nicht mehr ein paar weinverrückte Freaks, sondern ungefähr 300.000 Menschen, die ihr Leben stilvoll führen und in allen Bereichen nach Qualität trachten. Außerdem sind sie mittlerweile nicht nur versierte Weinkenner, sondern auch vernünftige Konsumenten, die ihr Geld nicht sinnlos zum Fenster hinauswerfen. Dieser Umstand und der Trend zum Wein-Chauvinismus haben dem österreichischen Wein einen unglaublichen Boom beschert, der aber nur in Österreich stattfindet. Für den Rest der Welt sind unsere Spitzenweine zu rar und zu teuer, um auf dem Weltmarkt wahrgenommen zu werden, also ist der Heimmarkt
für unsere Winzer von besonderer Bedeutung.

Welche Bedeutung messen die Weinkonsumenten dem Renommee eines Weines bei?
Die Zeit des reinen Etikettentrinkens ist – im Gegensatz zu anderen Weltgegenden – in Österreich vorbei. Hier erwartet man einen echten Gegenwert fürs Geld, und man weiß, nicht ­zuletzt durch die großartige Arbeit der Wein-­&-Co-Scouts, dass es überall auf der Welt hervorragende Weine zu fairen Preisen gibt. Dieser Trend wird sich naturgemäß mehr und mehr verstärken, und am Ende werden die Preis-Leistungs-Sieger das höchste Prestige haben. Die Ausnahme werden wohl die großen Champagnerhäuser bleiben. Deren ungeheure Werbe­mittel machen es kleineren und oftmals viel ­besseren Produzenten fast unmöglich, in das ­Bewusstsein der Konsumenten zu gelangen.

 

Text von Peter Moder
Aus Falstaff Nr. 7/2011