Gustav Grüner war ein Freund Friedrich Torbergs, der in mindestens drei Kaffeehäusern, vor allem aber im »Café Herrenhof«, die Position eines Stammgastes beanspruchte. Von ihm stammt der fundamentale Satz: »Ein anständiger Gast stellt beim Verlassen des Kaffeehauses seinen Sessel selbst auf den Tisch.«

»In dieser Form wurde Grüners Postulat Nacht für Nacht im Café Herrenhof von ihm

»Café Engländer« – »Ein Wiener Kaffeehaus kann heute nur dann erfolgreich sein, wenn es eine eigenständige Identität hat«
»Café Engländer« – »Ein Wiener Kaffeehaus kann heute nur dann erfolgreich sein, wenn es eine eigenständige Identität hat«

erfüllt«, schrieb Torberg in seiner legendären Anekdotensammlung »Tante Jolesch«.
Torberg und die Wiener Kaffeehäuser. Kaum ein Schriftsteller hat mehr zur Legende der Wiener Kaffeehausszene beigetragen. »Im Grunde ist das ganze Buch ein Buch über das Kaffeehaus«, schrieb Torberg über die »Tante Jolesch«, in der er unzählige Geschichten aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg verewigte. Zu seinen Kumpanen zählten damals unter anderem die berühmten Kaffeehausliteraten Egon Erwin Kisch, Anton Kuh, Egon Friedell und Alfred Polgar. Sie alle saßen in den Wiener Kaffeehäusern oft bis spät in den Morgen; es waren selbst gewählte Zufluchtsorte, Biotope eines bissigen, jüdisch geprägten Humors. So schwadronierte etwa Alfred Polgar über das »Café Central«: »Das ist kein Kaffeehaus wie andere Kaffeehäuser, sondern eine Weltanschauung, und zwar eine, deren innerster ­Inhalt es ist, die Welt nicht anzuschauen.«

Wiener Kaffeehäuser als Institution besonderer Art
Eine Melange aus geheimnisvoller Faszi­nation, wohliger Abgeschiedenheit und intel­lek­tueller Geborgenheit. »Für die meisten«, schrieb Torberg, »war es ein Nährboden, aus dem sie ihre geheimen Lebenssäfte sogen.« Das Geheimnis und damit das Unvergleichliche der Wiener Kaffeehauskultur beschrieb auch Stefan Zweig in der »Welt von Gestern«: »Um dies zu verstehen, muss man wissen, dass das Wiener Kaffeehaus eine Institution be­son­derer Art darstellt, die mit keiner ähnlichen der Welt zu vergleichen ist. Es ist eigentlich eine Art demokratischer, jedem für eine billige Schale Kaffee zugänglicher Klub, wo jeder Gast für diesen kleinen Obolus stunden­­lang sitzen, ­diskutieren, schreiben, Karten ­spielen, seine Post empfangen und vor allem eine unbegrenzte Zahl von Zeitungen und Zeitschriften konsumieren kann.« Ein leichtfüßig melancholischer Ort am Rand der ver­ge­henden Zeit. Eine Insel im Verfließen des ­Tages.

»Café Korb«: Das Zeitung­lesen ist noch immer die wichtigste Kaffeehaus­beschäftigung
»Café Korb«: Das Zeitung­lesen ist noch immer die wichtigste Kaffeehaus­beschäftigung



Die Ursprünge
Der Ursprung des Wiener Kaffeehauses geht auf eine Legende zurück: So soll der aus Polen stammende Georg Franz Kolschitzky nach der zweiten Türkenbelagerung im Jahr 1683 ein paar Säcke mit Kaffeebohnen gefunden haben. Die Wiener hielten den Inhalt zunächst für ­Kamelfutter, Kolschitzky aber wusste, dass es Kaffee war, und so wurde er Wiens erster Kaffeesieder. Die Geschichte hat nur einen Haken: Sie ist frei erfunden. Tatsächlich war es eine schillernde Persönlichkeit armenischer Herkunft, nämlich Johannes Diodato, der 1685 die Hoffreiheit, Kaffee auszuschenken, erhielt. Es war die eigentliche Geburtsstunde des ­Wiener Kaffeehauses. 1714 existierten bereits 31 Kaffeehäuser, 1879 waren es 605 und 1918 etwas mehr als 800. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg war von der heilen Kaffeehauswelt nur noch we­nig übrig. Der Grund dafür: Ein Großteil der ­Gebildeten, Literaten, Ärzte und Anwälte jüdischer Abstammung, die einen wesentlichen Teil der Intelligenz ausmachten, war nach dem Dritten Reiches nicht mehr da.

Kaffeemaschine im modernen Café Drechsler
Kaffeemaschine im modernen Café Drechsler

Heute ist alles anders
Heute ist die Wiener Kaffeehausszene eine gänzlich andere. Sie lebt zwar noch vom Mythos vergangener Zeiten, ist aber zwangsläufig moderner geworden, beeinflusst von Moden und internationalen Strömungen. Zu den bekannten Klassikern früherer Epochen sind längst Lokalitäten der sogenannten »Latte-Macchiato-Generation«, einer inter­nationalen »Espressoisierung« und einer ­modernen Mischform aus Restaurant und Kaffeehaus hinzugekommen. Manche der traditionellen Cafés wurden auch geschlossen, und die Wiener beklagten bereits ein um sich greifendes Kaffeehaussterben. Das sei ­übertrieben, schreibt Christoph Wurmdobler in seinem Buch »Kaffeehäuser in Wien« (Falter Verlag), denn es seien inzwischen, so der Autor, viele alte Kaffeehäuser wieder besser geworden, ­einige wenige seien so geblieben, wie sie immer waren, und schließlich sind eben auch viele neue hinzugekommen, die dem Namen »Wiener Kaffeehaus« durchaus alle Ehre ­machen.

Die bedeutendsten Cafés von damals
Zu Zeiten Torbergs waren es vor allem die Cafés »Herrenhof«, »Parsifal«, »de l’Europe« und »Central«, die eine wichtige Rolle spielten. Legendär auch das »Café Museum«, in dem Karl Kraus, Gustav Klimt, Egon Schiele, Oskar Kokoschka, Robert Musil und Georg Trakl zu den Stammgästen zählten. Ähnlich viel Künstlerprominenz verkehrte auch im »Café Grien­steidl«, das 1847 von einem Apotheker dieses Namens eröffnet wurde. Zwar wurde es 1848 in »Café National« umbe­nannt, die Liste der späteren Stammgäs­te vom Rang eines Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal oder Arnold Schönberg aber in­spirierte die Wiener ohnedies zu einem anderen Namen: Sie nannten das Lokal lie­bevoll »Café Größenwahn«. Das Ende des »Café National« kam 1897, erst 1990 wurde es wieder unter dem alten Namen »Griensteidl« eröffnet. Die Bedeutung von einst hat das durchaus schön gestaltete Café ­allerdings nie wieder erlangt.

Ein Wien-Besucher, der  nicht im »Hawelka« war,  ist nicht in Wien gewesen
Ein Wien-Besucher, der nicht im »Hawelka« war, ist nicht in Wien gewesen

»Hawelka« sind bis heute Eckpfeiler der Wiener Kaffeehauskultur geblieben – das Lokal hat es im Lauf der Zeit zu einer veritablen Touristenattraktion ­gebracht – durchaus vergleichbar mit der ­Spanischen Hofreitschule oder Schönbrunn. In den Reisebüros auf der ganzen Welt wird den Wien-Reisenden versichert: Wer nicht im ­»Hawelka« war, sei nie wirklich in Wien ge­wesen.

Text von Herbert Hacker

Fotos von Peter Rigaud

Den ganzen Artikel mit Beschreibungen von weiteren Wiener Kaffeehäusern lesen Sie in Falstaff Nr. 8 2010.

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