»Café Engländer«: Treffpunkt von Künstlern und Journalisten.
»Café Engländer«: Treffpunkt von Künstlern und Journalisten. / Foto: Peter Rigaud

Gustav Grüner war ein Freund Friedrich Torbergs, der in mindestens drei Kaffeehäusern, vor allem aber im »Café Herrenhof«, die Position eines Stammgastes beanspruchte. Von ihm stammt der fundamentale Satz: »Ein anständiger Gast stellt beim Verlassen des Kaffeehauses seinen Sessel selbst auf den Tisch.«

»In dieser Form wurde Grüners Postulat Nacht für Nacht im Café Herrenhof von ihm

»Café Engländer« – »Ein Wiener Kaffeehaus kann heute nur dann erfolgreich sein, wenn es eine eigenständige Identität hat«
»Café Engländer« – »Ein Wiener Kaffeehaus kann heute nur dann erfolgreich sein, wenn es eine eigenständige Identität hat«

erfüllt«, schrieb Torberg in seiner legendären Anekdotensammlung »Tante Jolesch«.
Torberg und die Wiener Kaffeehäuser. Kaum ein Schriftsteller hat mehr zur Legende der Wiener Kaffeehausszene beigetragen. »Im Grunde ist das ganze Buch ein Buch über das Kaffeehaus«, schrieb Torberg über die »Tante Jolesch«, in der er unzählige Geschichten aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg verewigte. Zu seinen Kumpanen zählten damals unter anderem die berühmten Kaffeehausliteraten Egon Erwin Kisch, Anton Kuh, Egon Friedell und Alfred Polgar. Sie alle saßen in den Wiener Kaffeehäusern oft bis spät in den Morgen; es waren selbst gewählte Zufluchtsorte, Biotope eines bissigen, jüdisch geprägten Humors. So schwadronierte etwa Alfred Polgar über das »Café Central«: »Das ist kein Kaffeehaus wie andere Kaffeehäuser, sondern eine Weltanschauung, und zwar eine, deren innerster ­Inhalt es ist, die Welt nicht anzuschauen.«

Wiener Kaffeehäuser als Institution besonderer Art
Eine Melange aus geheimnisvoller Faszi­nation, wohliger Abgeschiedenheit und intel­lek­tueller Geborgenheit. »Für die meisten«, schrieb Torberg, »war es ein Nährboden, aus dem sie ihre geheimen Lebenssäfte sogen.« Das Geheimnis und damit das Unvergleichliche der Wiener Kaffeehauskultur beschrieb auch Stefan Zweig in der »Welt von Gestern«: »Um dies zu verstehen, muss man wissen, dass das Wiener Kaffeehaus eine Institution be­son­derer Art darstellt, die mit keiner ähnlichen der Welt zu vergleichen ist. Es ist eigentlich eine Art demokratischer, jedem für eine billige Schale Kaffee zugänglicher Klub, wo jeder Gast für diesen kleinen Obolus stunden­­lang sitzen, ­diskutieren, schreiben, Karten ­spielen, seine Post empfangen und vor allem eine unbegrenzte Zahl von Zeitungen und Zeitschriften konsumieren kann.« Ein leichtfüßig melancholischer Ort am Rand der ver­ge­henden Zeit. Eine Insel im Verfließen des ­Tages.

»Café Korb«: Das Zeitung­lesen ist noch immer die wichtigste Kaffeehaus­beschäftigung
»Café Korb«: Das Zeitung­lesen ist noch immer die wichtigste Kaffeehaus­beschäftigung



Die Ursprünge
Der Ursprung des Wiener Kaffeehauses geht auf eine Legende zurück: So soll der aus Polen stammende Georg Franz Kolschitzky nach der zweiten Türkenbelagerung im Jahr 1683 ein paar Säcke mit Kaffeebohnen gefunden haben. Die Wiener hielten den Inhalt zunächst für ­Kamelfutter, Kolschitzky aber wusste, dass es Kaffee war, und so wurde er Wiens erster Kaffeesieder. Die Geschichte hat nur einen Haken: Sie ist frei erfunden. Tatsächlich war es eine schillernde Persönlichkeit armenischer Herkunft, nämlich Johannes Diodato, der 1685 die Hoffreiheit, Kaffee auszuschenken, erhielt. Es war die eigentliche Geburtsstunde des ­Wiener Kaffeehauses. 1714 existierten bereits 31 Kaffeehäuser, 1879 waren es 605 und 1918 etwas mehr als 800. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg war von der heilen Kaffeehauswelt nur noch we­nig übrig. Der Grund dafür: Ein Großteil der ­Gebildeten, Literaten, Ärzte und Anwälte jüdischer Abstammung, die einen wesentlichen Teil der Intelligenz ausmachten, war nach dem Dritten Reiches nicht mehr da.

Kaffeemaschine im modernen Café Drechsler
Kaffeemaschine im modernen Café Drechsler

Heute ist alles anders
Heute ist die Wiener Kaffeehausszene eine gänzlich andere. Sie lebt zwar noch vom Mythos vergangener Zeiten, ist aber zwangsläufig moderner geworden, beeinflusst von Moden und internationalen Strömungen. Zu den bekannten Klassikern früherer Epochen sind längst Lokalitäten der sogenannten »Latte-Macchiato-Generation«, einer inter­nationalen »Espressoisierung« und einer ­modernen Mischform aus Restaurant und Kaffeehaus hinzugekommen. Manche der traditionellen Cafés wurden auch geschlossen, und die Wiener beklagten bereits ein um sich greifendes Kaffeehaussterben. Das sei ­übertrieben, schreibt Christoph Wurmdobler in seinem Buch »Kaffeehäuser in Wien« (Falter Verlag), denn es seien inzwischen, so der Autor, viele alte Kaffeehäuser wieder besser geworden, ­einige wenige seien so geblieben, wie sie immer waren, und schließlich sind eben auch viele neue hinzugekommen, die dem Namen »Wiener Kaffeehaus« durchaus alle Ehre ­machen.

Die bedeutendsten Cafés von damals
Zu Zeiten Torbergs waren es vor allem die Cafés »Herrenhof«, »Parsifal«, »de l’Europe« und »Central«, die eine wichtige Rolle spielten. Legendär auch das »Café Museum«, in dem Karl Kraus, Gustav Klimt, Egon Schiele, Oskar Kokoschka, Robert Musil und Georg Trakl zu den Stammgästen zählten. Ähnlich viel Künstlerprominenz verkehrte auch im »Café Grien­steidl«, das 1847 von einem Apotheker dieses Namens eröffnet wurde. Zwar wurde es 1848 in »Café National« umbe­nannt, die Liste der späteren Stammgäs­te vom Rang eines Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal oder Arnold Schönberg aber in­spirierte die Wiener ohnedies zu einem anderen Namen: Sie nannten das Lokal lie­bevoll »Café Größenwahn«. Das Ende des »Café National« kam 1897, erst 1990 wurde es wieder unter dem alten Namen »Griensteidl« eröffnet. Die Bedeutung von einst hat das durchaus schön gestaltete Café ­allerdings nie wieder erlangt.

Ein Wien-Besucher, der  nicht im »Hawelka« war,  ist nicht in Wien gewesen
Ein Wien-Besucher, der nicht im »Hawelka« war, ist nicht in Wien gewesen

»Hawelka« sind bis heute Eckpfeiler der Wiener Kaffeehauskultur geblieben – das Lokal hat es im Lauf der Zeit zu einer veritablen Touristenattraktion ­gebracht – durchaus vergleichbar mit der ­Spanischen Hofreitschule oder Schönbrunn. In den Reisebüros auf der ganzen Welt wird den Wien-Reisenden versichert: Wer nicht im ­»Hawelka« war, sei nie wirklich in Wien ge­wesen.

Text von Herbert Hacker

Fotos von Peter Rigaud

Den ganzen Artikel mit Beschreibungen von weiteren Wiener Kaffeehäusern lesen Sie in Falstaff Nr. 8 2010.

Tipp: Die besten Kaffeehäuser Wiens

Mehr zum Thema

  • In Wien ist die Liebe zum Kaffee besonders ausgeprägt
    19.11.2010
    Tipp: Die besten Kaffehäuser Wiens
    Die Wohnzimmer der Wiener: Kaffeehauskultur hat hier eine lange Tradition. Ob klassisch, modern oder stimmungsvoll – Wien lässt in puncto...
  • Mehr zum Thema

    News

    Kulinarische Einlassungen von Peter Handke

    Der passionierte Pilzsammler über Kindheitserinnerungen und Orte, die Werk und Leben bestimmen...

    News

    Ein Prosit auf den Genuss

    Dank der Qualität der ausgewählten Produzenten, der spannenden Weine und des vielfältigen Programms ist die viertägige Gourmet-Veranstaltung »Ein...

    News

    Best of Steakmesser

    Selbst wenn das beste Stück Fleisch vor Ihnen liegt – geht es um wahrhaften Steak-Genuss, dann kann das falsche Messer ein echter Spaßverderber sein.

    News

    Bachls Restaurant der Woche: Sacher Grill

    Alles neu im Grill vom »Sacher«: Name, Konzept, Interieur und Speisekarte. Diese verblüfft nun mit komplexen und ortsunüblichen Gerichten.

    News

    Wie gesund ist Grillen?

    Das gesellige Zusammensein und die Röstaromen regen den Appetit an und sorgen für gute Laune. Doch Grillen will gelernt sein. Aus gesundheitlicher...

    News

    Desserts: Süße Vermittler

    Die Desserts der ehemaligen Kronländer: Die mitteleuropäischen Süßspeisen, die wir vorstellen, sind Zeugen der kulinarischen Verbundenheit von...

    News

    Jessica Préalpato ist »World’s Best Pastry Chef«

    Die Chef-Patissiere des »Alain Ducasse au Plaza Athénée« in Paris wird bei den World’s 50 Best Restaurants 2019 Awards geehrt.

    News

    Heidi Neuländtner kocht am Meidlinger Markt

    FOTOS: Die »Wirtschaft am Markt« hat eben eröffnet und lockt mit raffinierter Wiener Küche. Dazu wird eine reiche Auswahl an heimischen Weinen...

    News

    Bachls Restaurant der Woche: Ganko

    Eines der exotischten Restaurants in Wien: Zaw Zaw Tun bespielt als One-Man-Show ein Grill-Lokal mit japanischen Spezialitäten.

    News

    Essay: Grün kommt von Grillen

    Wer behauptet, dass Vegetarier beim Grillen Spaßverderber sind, hat die Freuden des fleischlosen Feuerkochens bloß noch nicht probiert. Das behauptet...

    News

    Auswärts Essen mit Star-Architekt Alexander Eduard Serda

    Wo trifft neuestes Design auf gemütliches Ambiente, Kunst auf kulinarisches Konzept? Architekt Alexander Eduard Serda verrät seine Lieblingslokale und...

    News

    Falstaff Gourmet Kritik: kalt/warm

    Von kulinarischem Hochgenuss und neuem Look zu Zeitdruck beim Kaffee trinken: Plus gibt es für das »ænd«, »Goldenes Bündl« und »Sacher Grill«, Minus...

    News

    Champagner-Hotspot: »Am Hof Schanigarten«

    Der exklusive Schanigarten des »Park Hyatt Vienna« eröffnet mit Champagnerspezialitäten von Moët & Chandon.

    News

    Summer in the City: KRUG Terrasse by Konstantin Filippou

    Der Spitzenkoch präsentiert in Kooperation mit KRUG Champagner eine luxuriöse Sommerterrasse, auf der exklusive Champagner und höchste Kochkunst...

    News

    Bad St. Leonhard: »streetfood auf lovntolerisch«

    Beim Genuss-Festival von 25. bis 28. Juli präsentiert sich der Hauptplatz in Bad St. Leonhard wieder als »Genuss-Hauptplatz Kärntens«.

    News

    »Gourmet Royal« eröffnet in Tirol

    Wellnesshotel trifft auf Spitzenküche: Robert Letz und Heinz Hanner wandeln die »Stube« des Herberge »Panorama Royal« in ein Gourmetlokal um.

    News

    Tel Aviv im Siebenten

    Der israelische Starkoch Eyal Shani hat im neuen »Max Brown Hotel« in Wien Neubau das Restaurant »Seven North« eröffnet.

    News

    Küchen Update gefällig?

    »Gear up« lautet das Credo für Hobby-Köche und Profi-Gastgeber! Eine neue Generation an Gadgets erobert den Markt und bringt neben allerlei...

    News

    Das sind die beliebtesten Eissalons Österreichs 2019

    »Isola bella« aus Großenzersdorf gewinnt die NÖ-Landeswertung und verzeichnet österreichweit die meisten Stimmen. Überraschungssieger in Wien ist...

    News

    Paul Cunningham im Salzburger Hangar-7

    Die kulinarischen Notizen zum »Ikarus« Gastkoch des Monats Juni 2019: Paul Cunningham, »Henne Kirkeby Kro«, Dänemark.