Ein Händler versieht auf dem Mercado Municipal seine wohlgeordneten Früchte mit Preisschildern
Ein Händler versieht auf dem Mercado Municipal seine wohlgeordneten Früchte mit Preisschildern / Foto: Corbis

So ein Markt, der überquillt von farbenfrohen ­Lebensmitteln, auf dem lautstark gehandelt und diskutiert wird, ist im Grunde ein Anachronismus in Zeiten wie diesen, in denen so gut wie alles anonym via Internet ge- und verkauft wird. Dennoch zählen Märkte überall auf der Welt nach wie vor zu den gefragtesten Zielen der Touristen, denn nur hier lässt sich finden, was immer seltener wird: echtes einheimisches Leben in all seinen Facetten. Hierher kommen sie alle – Arme und Reiche, Junge und Alte. Die Besucher wollen ­sehen, was angeboten wird. Und sie wollen andere treffen und mit ­ihnen reden. Von Angesicht zu Angesicht. Falstaff präsentiert drei der schönsten und interessantesten Märkte in Großstädten – wobei die Reihenfolge keine qualitative Rangliste darstellt. Der Naschmarkt ist genauso reizvoll wie der Mercado Municipal in São Paulo.

MERCADO MUNICIPAL/SÃO PAULO

Viele kennen von São Paulo lediglich den Flughafen als Zwischenstation auf dem Weg zu den brasilianischen Sonnenstränden. Was vor allem für Gourmets schade ist, denn sie verpassen ­einen der schönsten Märkte Südamerikas, den Mer­cado Municipal de São Paulo. Die Markthallen am Ufer des Tamanduatei-Flusses sind 22.000 Quadratmeter groß und besitzen 72 bunte ­Bleiglasfenster. Neben der Riesenauswahl an Fleisch, Fisch, Meeresfrüchten, Geflügel, Obst, Gemüse, Nudeln, ­Süßigkeiten, Salaten, Käse, Wein und Spiritu­osen (unzählige Cachaça-Sorten) gibt es auch sämtliche Gewürze und Heil­kräuter dieser Welt und tropische Früchte, die Europäer trotz globalen Handels noch nicht zu Gesicht bekommen haben. Hier arbeiten mehr als 1500 Menschen, die pro Tag etwa 450 Tonnen Lebensmittel ­bewegen.

Bemerkenswert ist die Gourmet-Lounge auf der Empore mit landestypischen Gerichten – also Pause machen und die Architektur bewundern. Einheimische essen bevorzugt Bacalhau (Stockfisch) als Pastete oder Bällchen und Mortadella-Sandwiches. Vor allem am Wochenende muss man allerdings viel Geduld mitbringen, die Warteschlangen sind lang. Mit dem Bau der Markthallen mitten in der Stadt wurde 1928 begonnen, vier Jahre später wurden sie eröffnet. Der Entwurf stammt von dem Architekten Francisco Ramos de Azevedo, die Fenster hat der russische Künstler Sorgenicht Conrad Filho gemacht, dessen Werke auch in der Kathedrale von São Paulo sowie in 300 anderen Kirchen Brasiliens zu bewundern sind. Geöffnet ist der Markt montags bis samstags von 6 bis 18 Uhr, sonntags von 6 bis 16 Uhr (am letzten Sonntag des Monats ist wegen Service­arbeiten geschlossen).

LA BOQUERIA/BARCELONA

Ferran Adrià bezeichnete La Boqueria als »gastronomischen Tempel, in dem sich alle Teilnehmer der Nahrungskette finden« – von Bauern über Fischer, Metzger und Händler bis hin zu den Köchen der Spitzenrestaurants. Zusammen mit den Einheimischen und den Touristen füllen sie die zahllosen Gänge dieser gewaltigen Markthalle an Barcelonas legendä­rer Promenade La Rambla, die die Plaça de Catalunya mit dem Hafen verbindet. Im Zentrum des Mercat de la Boqueria liegt das ovale Areal der Fischhändler, außenrum befinden sich die Stände mit Obst und Gemüse, Fleisch, Geflügel, Wild, Schinken, Pilzen, Gewürzen, Käse, Wein, Honig, kandierten Früchten und anderen Süßigkeiten – was es hier nicht gibt, findet man auch nirgendwo sonst in der Stadt.

Die Händler des La Boqueria ordnen ihre Produkte mit Liebe und Sorgfalt
Die Händler des La Boqueria ordnen ihre Produkte mit Liebe und Sorgfalt


Die Händler
des La Boqueria ordnen ihre Produkte mit Liebe und Sorgfalt

Dazwischen gibt es kleine Bars und winzige Lokale, in denen man die Köstlichkeiten probieren kann. Auf mehr als 2500 Quadratmetern Fläche präsentieren die Händler ihre Waren. Alles wohl geordnet und mit Liebe geschichtet. Jeder Stand wird da zum Fotomotiv – Gourmets können in La Boqueria Tage ihres Lebens verbringen, ohne sich eine Sekunde zu langweilen. Begonnen hat das Markttreiben bereits Anfang des 13. Jahrhunderts, als Tische vor dem einstigen Stadttor Boqueria aufgestellt wurden, um Fleisch zu verkaufen. Gesetzlich geregelt wurde der Markt 1826, erst 1914 erhielt er das Metalldach, das ihn zusammen mit den bunten Glasmosaiken heute noch prägt. Der markante Eingang stammt von dem katalanischen Architekten Antoni de Falguera i ­Si­villa, das Schild trägt den offiziellen Namen des Marktes: Mercat de Sant Josep.

NASCHMARKT/WIEN

Was es auf dem Naschmarkt nicht gibt, wird man auch sonst in Wien nicht bekommen
Was es auf dem Naschmarkt nicht gibt, wird man auch sonst in Wien nicht bekommen

Wer in Wien auf der Suche nach außergewöhnlichen Zutaten für ein exotisches Gericht ist, bekommt immer den gleichen Tipp: »Versuche es auf dem Naschmarkt!« Und tatsächlich – egal, ob asiatisches Gewürz, süd­amerikanisches Gemüse oder französischer Käse, auf dem Naschmarkt gibt es fast jede Delikatesse. Wo vor 50 Jahren noch vorwiegend Grundnahrungsmittel wie Brot, Sauerkraut oder Fleisch – und zwar sämtliche Teile eines Tieres – für die deftige österreichische Küche verkauft wurden, lassen sich heute Wiener und Touristen gleichermaßen vom Flair der großen weiten Welt verführen. Auf dem Wiener Naschmarkt wird nicht einfach ein­gekauft, es wird flaniert, verkostet, genossen. Wachteleier und Meeresfrüchte, Käse und Steaks, ­Gemüse und Früchte liegen – ­ordentlich drapiert und mit handgeschriebenen Preistafeln beschildert – ­nebeneinander. Bio-Produkte aus Wien reihen sich an Köstlichkeiten aus Nah- und Fernost.

Manche Stände haben Kultstatus erreicht – etwa jener von Gerhard Urbanek, dessen Geschäft ein kleines Universum aus vielfältigen Spezialitäten ist. Erwin Gegenbauer bietet etwas ganz in der Nähe seine weltberühmten Essige an. Beim »Pöhl«, einer der ­besten Feinkost­adressen Wiens, findet man wiederum die feinsten Käse aus Italien und Frankreich. Und Star­köchin Sohyi Kim verkauft ­asiatische Produkte aus Eigenproduktion. Ein Spaziergang über den Wiener Naschmarkt ist jedoch nicht nur ein kulinarisches Erlebnis: Die Marktstände, die seinerzeit als Kompromiss ­zwischen Freiluft- und Hallenverkauf dauerhaft erbaut wurden, sind ­gesäumt von den Jugendstilbauten des ­Architekten Otto Wagner.

 

Den vollständigen Artikel mit allen zehn ausgesuchten Märkten und reichlich Bildmaterial finden Sie im aktuellen Falstaff Nr. 03/2012.

 

Text von Michael Tempel, Sonja Hödl

 

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