Die Jagd in Wien

Lobau: Im Gebiet der Donauauen befinden sich die Obere und die Untere Lobau. Hier sind die Lobauhirsche beheimatet.

© Kurt Kracher | imagesBROKER | picturedesk.com

Lobau: Im Gebiet der Donauauen befinden sich die Obere und die Untere Lobau. Hier sind die Lobauhirsche beheimatet.

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Mit Durchschnitt hat Wien nichts am Hut. Die ehemals kaiserliche Residenzstadt glänzte schon als der Goldene Apfel des heiligen Römischen Reichs und strotzt auch heute noch vor Superlativen. Wien wird als internationales Kulturzentrum und als Hauptstadt der klassischen Musik verehrt. Weit weniger bekannt hingegen sind die Wiener Jagdgebiete, deren Schönheit damals wie heute geschätzt wird.

Schon die Babenberger pflegten die ­Jagd, die unter den Habsburgern zur hohen Kunst perfektioniert wurde. Wiens Landesjägermeister Norbert Walter betont den Wildreichtum des Wienerwalds als Schlüssel zum Aufstieg der Donaumetropole vom römischen Truppenlager zur Hauptstadt. Unter Kaiser Franz Joseph erlangten die Hege des Wilds und die Pflege der Jagdgebiete einen neuen Höhepunkt. Seine allerhöchste Majestät war einer der leidenschaftlichsten Jäger unter den gekrönten Häuptern. In den Annalen der Geschichte ist verzeichnet, dass der Monarch höchstselbst 55.000 Stück Wild zur Strecke brachte. Und da in der letzten Hochblüte der Monarchie der Kaiser allen anderen hohen Herren als Vorbild galt, war die Ausübung der Jagd ein hohes Ziel und Zeichen der gesellschaftlichen Stellung. Nicht zuletzt deshalb verfügt Wien über historische Jagdgebiete von außergewöhnlicher Schönheit.

Wiens Jagdgebiete

In Wien werden jedes Jahr rund 2500 Stück Wild erlegt. Knapp die Hälfte davon sind Wildschweine, die sich in den letzten Jahren stark vermehrt haben und immer öfter in Wohngebiete vordringen.

Mensch und Wildtier

Im heutigen Alltag stellt die rasch wachsende Metropole das Wild und damit die Jägerschaft vor große Herausforderungen. Die tatsächliche Arbeit eines Jagdpächters beinhaltet heute viele Dienste an der Allgemeinheit. Im Schnitt wird auf Wiens Straßen täglich ein Wildtier getötet. Dieses zur weiteren Verarbeitung als Lebensmittel ungeeignete Tier zu entsorgen, zählt auch zu den Pflichten des Jagdpächters.

Eine weitere Herausforderung sind die steigenden Besucherzahlen in Wiens Wäldern und Weingärten. Dieser Trend hat auch erheblichen Einfluss auf den Lebensraum der Wildtiere, deren Interessen die Jäger vertreten. Raubtiere wie Fuchs, Dachs und Marder dringen umgekehrt weit in die Städte vor und sorgen dort für Unmut. Im Stadtgebiet ist eine Jagd zur Regulierung der Wildtiere jedoch kaum vorstellbar. Die ständig wachsende Stadt dehnt sich auch in die Wald- und Wiesenflächen aus. Lebensraum der Wildtiere wird zum Siedlungs- und Erholungsgebiet. Das hat Folgen. »Am Stadtrand hinterlassen Wildschweine oft tiefe Spuren in den Gärten der Anrainer. In den letzten Jahren hat sich das Schwarzwild stark vermehrt«, berichtet Peter Wolff. Der über die Grenzen Wiens hinaus bekannte Winzer und Heurigenwirt hat das 400 Hektar große Revier Grinzing-Sievering gepachtet. Dieses von Insidern »Revier Nussberg« genannte Jagdgebiet gilt als eines der schönsten in Wien. Es ist ein Weingarten­revier, in dem sich der Wildreichtum der Stadt zeigt. »Von Neustift bis Sievering blickt man hier beim Jagen auf das schöne Wien und ist doch mitten in der Natur«, schwärmt Wolff. Die Gegend ist gerade wegen des Ausblicks auch bei Erholungs­suchenden beliebt.

Der Lainzer Tiergarten, einst das Übungsrevier der Habsburger, ist heute Lebensraum für Hirsche, Rehe, Wildschweine und kleinere Wildtiere.

Der Lainzer Tiergarten, einst das Übungsrevier der Habsburger, ist heute Lebensraum für Hirsche, Rehe, Wildschweine und kleinere Wildtiere.

© Gerhard Trumler | lmagno | picturedesk.com

Des Öfteren ist es hier deswegen auch schon zu Konflikten gekommen. Noch dazu sind nicht alle Hundebesitzer darauf gefasst, dass der Jagdinstinkt ihres vierbeinigen Lieblings plötzlich erwacht, wenn er Wildtiere wittert. Auch damit müssen Jäger rechnen. »Als Jäger in Wien hat man eine besonders hohe Verantwortung«, erklärt Wolff. »Sicherheit geht immer vor, und man muss mehr als irgendwo sonst auf Passanten achten, die durch die Weingärten spazieren.« Wenn man als Besucher des Alt-Wiener Heurigen Glück hat, dann war der Jäger Peter Wolff erfolgreich und es steht Wildbret auf der Speisekarte.

Das Wildbret ist auch der Teil der Jagd, bei dem Nicht-Jäger und Jäger beim Verzehr des köstlich zubereiteten Wildfleisches zusammenkommen. »Die Gewinnung eines hochwertigen Lebensmittels ist ein zentraler Aspekt der Jagd«, erklärt der Unternehmer und leidenschaftliche Jäger Philipp Harmer. Als Vizepräsident des CIC (International Council for Game and Wildlife Conservation), des Internationalen Rats zur Erhaltung des Wilds und der Jagd, setzt sich Harmer seit Jahren für die Anliegen des traditionsreichen Handwerks ein.

»Die waidgerechte Jagd ist zentral zur Erhaltung der Biodiversität unseres Lebensraums und zur Verhinderung von Schäden durch das Wild«, so Harmer. Erfreulich für die Jägerschaft ist, dass sich das Wissen um die Qualität von Wildbret gesellschaftlich durchsetzt. Denn Wildfleisch ist frei von künstlichen Zusatzstoffen und hat nur wenig Fett. Die Wiener Jägerschaft liefert einiges an gesundem Wildfleisch: Jährlich werden in Wien im Schnitt rund 1150 Wildschweine, 370 Stück Rehwild, 215 Hasen, 215 Fasane und 60 Stück Rotwild erlegt – zusammen mit anderen Wildtieren wie etwa Dachsen oder Füchsen ergibt das rund 2500 Stück Wild im Jahr.

Das Wiener Jagdgebiet

Wiens Stadtgebiet erstreckt sich über eine Fläche von 41.460 Hektar oder 414,6 Quadratkilometer. Die 33 Wiener Jagdgebiete nehmen fast die Hälfte davon ein. Aktuell teilt sich die Jagdfläche in 20 Eigenjagd­gebiete und 13 Gemeindejagdgebiete. Eine Eigenjagd anzumelden, ist dann möglich, wenn ein Grundstückseigentümer eine zusammenhängende und zur Jagdausübung geeignete Fläche von mindestens 115 Hektar nachweisen kann.

In Wien verfügt gerade einmal eine Privatperson über eine derartige Eigenjagd. Die meisten der anderen 32 Gebiete stehen im Eigentum der Stadt Wien oder der Bundesforste. Diese schließen Verträge für einzelne Pirschbezirke und vergeben Abschüsse. Die restlichen Waldflächen und Flurgebiete, die viele verschiedene Besitzer haben, werden nach den Bestimmungen des Jagdgesetzes jeweils zu Gemeindejagdgebieten zusammengefasst und verpachtet.

Die Pacht gilt jeweils für eine Jagdperiode von neun Jahren. Mit 1. Jänner 2020 hat die aktuelle Jagdperiode begonnen. Natürlich wird die Vergabe der Pachten in der Jägerschaft mit Argusaugen überwacht. ­

»Sie glauben nicht, was da an Interventionen versucht wird«, plaudert ein Insider aus. Wer sich um eine Jagdpacht bemüht, muss nicht nur eine gültige Jagdkarte besitzen und die Jagd seit mindestens drei Jahren ausüben, laut Jagdgesetz werden Personen als Jagdpächter ausgeschlossen, »bei denen Gründe zur Annahme vorliegen, dass sie die Jagd nicht waidgerecht ausüben oder den vertraglich festzusetzenden Obliegenheiten nicht aus eigenen Mitteln nachkommen können«. Allerdings relativiert Landes­jägermeister Walter: »Meistens ­kommen bei der Verpachtung örtliche Landwirte zum Zug, da sie ihr Gebiet gut kennen und selbst für ein ausgewogenes Ökosystem sorgen können, in dem die Wildtiere gedeihen.«

Nicht in allen Jagdgebieten wird die Jagd auch tatsächlich ausgeübt. Insgesamt sind gut 4000 Hektar der Jagdfläche zum Jagd­ruhensgebiet erklärt. In der Leopoldstadt, am Wienerberg und auf der Donauinsel wird zur Sicherheit der zahlreichen Erholungssuchenden keine Jagd ausgeübt. Der Wildanteil ist in diesen Gebieten ohnehin sehr gering. Auch der Wiener Teil des Nationalparks Donauauen ist Jagdruhensgebiet, und das sind immerhin knapp 2500 Hektar.

Ein spezielles Sonderschutzgebiet befindet sich im Westen von Wien: der von einer 22 Kilometer langen Mauer umgebene Lainzer Tiergarten, der sich über fast 2500 Hektar erstreckt. Hier handelt es sich nicht nur um einen der ältesten Tierparks in Europa, sondern vor allem auch um das historische Übungsrevier der Habsburger. Die jungen Erzherzöge sollten unter fachgerechter Aufsicht der kaiser­lichen Jäger das Handwerk perfektionieren.

Ursprünglich waren hier sämtliche Wildarten vertreten. Heute leben hier Wildschweine, Rehe und viele kleinere Wildarten. Das  2015 beschlossene Wildtiermanagement sieht unter anderem das Aus der im Lainzer Tiergarten ursprünglich vorkommenden Wildschafe sowie des Dam- und Rotwilds vor. Die Trophäenjagd im Lainzer Tiergarten ist damit Geschichte. In Wien wohnen 5500 Jägerinnen und Jäger, also Besitzer einer gültigen Jagdkarte. Die meisten von ihnen üben die Jagd allerdings außerhalb von Wien, und zwar vornehmlich in Niederösterreich, aus. »Darum ist Wien auch von der Mitgliederanzahl her der größte Bezirk des Niederösterreichischen Landesjagdverbands«, erklärt Sylvia Scherhaufer, Wiener Bezirksjägermeisterin und Generalsekretärin des Niederösterreichischen Landesjagdverbands.

Der Wiener Landesjagdverband zählt hingegen nur rund 1400 Mitglieder. Diese Konzentration von Jägern in Wien, die ihre Reviere außerhalb der Stadt haben, führt zur Wiener Eigenheit der Jagdclubs. »Während sich die Jäger am Land kennen und im Gasthaus treffen, müssen sie sich in Wien organisieren, um sich auszutauschen«, so Norbert Walter. Natürlich gibt es darunter auch altehrwürdige und traditionsreiche Jagdclubs, die nicht gleich jeden, der die Jagdprüfung bestanden hat, sofort mit offenen Armen aufnehmen. Einer der an Mitgliedern stärksten und aktivsten Jagdclubs ist der Jagdstammtisch. Unter ­dieser Patronanz wird monatlich eine Hundertschaft von Jägern zusammengeführt. »Den Initiatoren des Jagdstammtischs war es ein Anliegen, die Jagd und ihr gesamtes Umfeld in ihren wildbiologischen, kulturellen und gesellschaftlichen Aspekten nachhaltig zu pflegen und mitzuhelfen, sie zu bewahren«, erklärt Karl-Heinz Strauss, Präsident des Jagdstammtischs. Dieser Jagdclub gilt als ebenso vorbildlich im Sinne der Wildtiere und der Ökologie wie streng in Bezug auf die Einhaltung der jagdlichen Tradition und der Waidgerechtigkeit. Da­runter verstehen Jäger den ethischen Kodex für anständiges, verantwortungs­volles und tierschutzgerechtes Jagen. Strauss: »Es liegt im Selbstverständnis eines Jägers, als Anwalt des Wildes zu agieren.«

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