Die Geschichte des Merlots im Tessin

Flaschenetiketten aus der Frühzeit des Merlot. Der Merlot del Ticino mauserte sich ab den 1950er-Jahren allmählich zum wichtigsten Wein des Kantons. 

© Hans-Peter Siffert/Weinfotos

Flaschenetiketten aus der Frühzeit des Merlot. Der Merlot del Ticino mauserte sich ab den 1950er-Jahren allmählich zum wichtigsten Wein des Kantons. 

© Hans-Peter Siffert/Weinfotos

Der Merlot del Ticino ist ein Kind des 20. Jahrhunderts, aus der Krise geboren und erst nach langer Adoleszenz erwachsen geworden. Seine Geschichte liest sich wie eine gigantische Sanierung vor dem Hintergrund der drei aus Amerika importierten Rebkrankheiten, die große Teile von Europas Rebbergen verwüsteten. Als erste Krankheit trat im Kanton Tessin 1846 der Echte Mehltau (Oidium) auf. Er traf auf eine triste Realität mit einer Unzahl roter Rebsorten, in Mischkultur angebaut, nach alter Väter Sitte mehr oder weniger sorglos und sortenbunt gekeltert und der Eigenversorgung dienend. Der spätere Bundesrat Stefano Franscini zeichnete in seinem Standardwerk »La Svizzera italiana« (1837–1840) das ungeschminkte Bild des Tessiner Weinbaus.

Ab 1878 verbreitete sich der Falsche Mehltau (Peronospora). Die Weinproduktion brach zusammen. Als sich dann 1897 erstmals die Reblaus über die Wurzeln hermachte, fand sie einen Weinbau vor, der wegen Oidium und Peronospora bereits auf dem Tiefpunkt angelangt war. 

Was war zu tun? Chemische Methoden halfen nicht. Denn wenn der parasitäre Befall sichtbar wurde, war es um den Rebstock bereits geschehen. Die Lösung lag in der Aufpfropfung europäischer Edelreiser auf resistente Unterlagsreben amerikanischer Provenienz. Der Wiederaufbau des Tessiner Weinbaus begann 1902 mit der Schaffung eines sogenannten Wanderlehrstuhls und seiner Besetzung durch den Agronomen und Pharmakologen Alderige Fantuzzi. Seine Aufgabe bestand primär in der Schulung der zumeist ungenügend ausgebildeten Winzer. Zu Fuß oder mit dem Fahrrad suchte er die entlegensten Dörfer des Kantons auf. Daneben oblag ihm die Inventarisierung und Analyse des Tessiner Rebsortenspektrums. Im Rahmen dieser Tätigkeit trafen 1904/1905 die ersten Merlotstöcke im Tessin ein! 1906 wurden ihre ersten Trauben gekeltert, die Trauben und der Wein analysiert.

Alderige Fantuzzi war 1906 überzeugt, die Sorte gefunden zu haben, die den Tessiner Rebbau aus seiner schweren Krise zu führen versprach.

Foto beigestellt

Das Ergebnis war ermutigend. Zusammen mit dem früher aus Frankreich importierten Malbec erbrachte der Merlot die besten Alkohol- und Säurewerte. Bezüglich Krankheitsresistenz und Ertrag stach er seinen Konkurrenten sogar aus: Er erwies sich als früher reif, ertragskräftiger, krankheits- und fäulnisresistenter. Alderige Fantuzzi war 1906 überzeugt, die Sorte gefunden zu haben, die den Tessiner Rebbau aus seiner schweren Krise zu führen versprach – doch noch war gar nichts entschieden. 

Zarte Anfänge 

Bis zur endgültigen Etablierung des Merlots sollte es noch mehr als vierzig Jahre dauern. Zwar bestellte die Rebschule in Mendrisio auf die erfreulichen Testergebnisse hin 12.230 Merlot-Pfropfreiser, die 1907 im ganzen Kanton ­verteilt wurden. Ständerat Giovanni Rossi bepflanzte auf dem Weingut Vallombrosa in Castelrotto den ersten Merlot-Rebberg. Bis zum Jahr 1914, als der beginnende Weltkrieg die Sanierung des Tessiner Weinbaus deutlich zu verlangsamen begann, wurden im Mittel jedes Jahr etwa 38.000 Jungreben gesetzt.

Es regte sich aber auch Widerstand – vor allem bei der neugegründeten kantonalen Rebbaukommission. Fantuzzis streng analytische, naturwissenschaftlich geprägte Methode stieß auf Misstrauen. Das sinnlich-geschmackliche Element des Weins, das in der Degusta­tion eingefangen wurde, fand dabei keine Berücksichtigung. Die Kommission liebäugelte mehr mit piemontesischen Rebsorten und beschloss, Bonarda, Dolcetto und Vespolina einzuführen und anzubauen – Sorten, die Fantuzzi ungeeignet erschienen. 1925 wurde anlässlich der landwirtschaftlichen Landesausstellung in Bern erstmals ein Tessiner Wein mit einer Goldmedaille ausgezeichnet: der Merlot Ronco Mezzana mit den Jahrgängen 1921 bis 1924. Fantuzzi sah sich in seiner Favorisierung des Merlot bestärkt.

Ezio Crivelli, Alt-Direktor der Cantina Sociale Mendrisio

© Hans-Peter Siffert/Weinfotos

Die Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre und der Zweite Weltkrieg verzögerten den Durchbruch des Merlots nochmals um einige Jahre. Doch nach Kriegsende war die ein halbes Jahrhundert dauernde Suche nach der geeignetsten Sorte endlich abgeschlossen.

Der Merlot hatte sich gegen harten Widerstand durchgesetzt. 1948 wurde die Qualitätsbezeichnung »Viti« geschaffen, die dem Merlot als Garantiesiegel auf dem Markt gute Dienste leistete. Als erste Weine erhielten dieses Abzeichen Merlots der Genossenschaft von Giubiasco und der beiden Weinhandlungen Fabbroni und Valsangiacomo. Weitere, die zunehmende Akzeptanz des Merlots widerspiegelnde Stationen auf dem erfolgreichen Weg in die Gegenwart waren die Aufnahme des Merlot von Mezzana in die Weinkarte der Schweizer Speisewagengesellschaft und die Auszeichnung der Gewächse Ariete und Roncobello von Valsangiacomo, Cresperino der Tenuta Bally und des Montalbano der Cantina So­ciale Mendrisio mit der Goldmedaille an der »Expo« 1964 in Lausanne.

1949 erhielt der Merlot auch den politischen Segen. Der Tessiner Großrat versprach Subventionen für die Winzer, die auf Merlot umstellen wollten. 2,70 Franken betrug die Zahlung pro hundert Rebstöcke Merlot. Das Gesetz galt zunächst fürs Mendrisotto, wo die Zahl von qualitativ unbefriedigenden Sorten am größten war, und sollte später aufs Luganese und das Sopraceneri ausgedehnt werden. »Dieser Großratsbeschluss steht am Anfang der modernen Zeitrechnung. Damit wurde der moderne Tessiner Weinbau eingeläutet.« Der so spricht, ist ein betagter Zeitzeuge. Ezio Crivelli leitete über dreißig Jahre die Cantina Sociale Mendrisio.

Angestellte der Tenuta Bally (undatiert, erste Hälfte des 20. Jahrhunderts). Die Tenuta Bally in Breganzona gehört zu den ältesten Weingütern des Tessins und feiert 2017 ihren hundertjährigen Geburtstag.

Foto beigestellt

1949 war der damals 25-Jährige bei der Landwirtschaftsschule in Mezzana angestellt. Seine Aufgabe war, in die Dörfer zu gehen und die Winzer zu überzeugen, ihre minderwertigen Sorten wie Rossera, Rampinella oder Margellana durch Merlot zu ersetzen. »Die Reb­schulen kamen ganz schön in Lieferschwierigkeiten angesichts der steigenden Nachfrage«, erzählt der charmante Signore. 200.000 bis 300.000 Merlot-Setzlinge seien damals jährlich von italienischen Arbeitern gepflanzt worden.

Danach hat sich der Tessiner Weinbau natürlich kontinuierlich weiterentwickelt und dabei nachhaltig verändert. Zunächst war der Merlot ein dunkler, robuster, lagerbedürftiger Wein. Cesare Valsangiacomo war der vielleicht wichtigste Repräsentant dieser Stilrichtung. Dann kam die Tendenzwende. Der Merlot, von der Menge her bedeutend geworden, musste sich jenseits des Gotthards einen Absatzmarkt suchen, denn die Tessiner bevorzugten den billigeren italienischen Barbera. Die Deutschschweizer waren wiederum leichte Landweine gewohnt. Was lag also näher, als die Stilistik zu verändern? Der weiche, süffige Merlot del Ticino war geboren. Er hatte Erfolg und erhielt durch die staatliche Viti-Kommission Flankenschutz.

Cesare Valsangiacomo ist einer der eminenten Merlot-Pioniere des Tessins. Seine Weine wurden schon früh prämiert und repräsentieren den robusten Merlot-Stil.

© Olivero Veturi

Bis in die beginnenden 1980er-Jahre sollte dieser gefällige Typus – als dessen Aushängeschild der Selezione d’Ottobre von Matasci gilt – den Markt dominieren. Dann rissen die aus der Deutschschweiz und der Romandie eingewanderten Pioniere mit Namen wie Huber, Kaufmann, Klausener, Stucky, Zündel & Co. mit ihren kompromisslosen, an Bordeaux orientierten Weinen die Weinwirtschaft aus der Lethargie. Ihre Erfolge provozierten eine Gegenoffensive der investitionsbereiten Weinhändler. Brivio, Delea, Gialdi, Tamborini, Zanini und weitere drängten mit überraschenden Weinen an die Öffentlichkeit.

Auch wenn heute viele der besten und teuersten Weine ein paar Prozent Komplementärsorten wie etwa Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc oder Petit Verdot enthalten, hat sich der Merlot als vorteilhafteste Rebsorte für das Tessin, seine Böden, seine ­klimatischen Bedingungen durchgesetzt. 

Er bedeckt achtzig Prozent der gesamten Anbaufläche von 1098 Hektaren. Das sind 3,9 Millionen Rebstöcke und viel ausgezeichneter Wein. Das Tessin identifiziert sich mit dem Merlot, der Merlot identifiziert sich mit dem Tessin. 

Tasting: Tessinger Merlot 2015

Aktuelles Magazin

New York: Neue Hotspots für Gourmets – Gereifte Weißweine mit Patina – Mythos Tequila – Zitrusfrüchte: Saure Multitalente

Mehr erfahren

Mehr zum Thema

News

Naturweine: Die Ruhe nach dem Sturm

Natur, Orange, Amphore: Alternativ produzierte Weine boomen. Auch in den deutschsprachigen Ländern setzen immer mehr gestandene Winzer auf die »neuen«...

News

Impressionen der Falstaff Champagnergala 2018

Die schönsten Eindrücke vom großen Falstaff Champagner-Event im Wiener Palais Ferstel – mit Fotos vom Symposium, der Verkostung, den Ausstellern und...

News

Die Sieger der Falstaff Soave Trophy 2018

Der Tenuta di Corte Ciacobbe – Soave Superiore Vigneto Runcata der Familie Dal Cero belegt Platz eins und holt sich die Soave Throphy 2018.

News

Was ist dran an der Histamin-Hysterie?

Übelkeit, Migräne, rinnender Nase und Hautrötungen – Das Spektrum der Symptome einer Histaminintoleranz ist breit. Doch was ist dran am Histamin?

News

World Champions: F.X. Pichler

Franz Xaver Pichler hat Österreich in der internationalen Weinszene bekannt gemacht. Sein Sohn Lucas tut das heute mit der gleichen familientypischen...

News

Italien: »Volcanic Wines« von Nord bis Süd

Am Ätna auf Sizilien wurden die ersten zehn Jahre der »Volcanic Wines« zelebriert. Diese Weine verbindet der vulkanische Boden und eine ausgeprägte...

News

Lageder: Ein Weingut – Drei Geschwister

Helena Lageder, die jüngste Tochter der Lageders, tritt wie bereits ihre zwei älteren Geschwister ins Familienweingut ein.

News

Gewinnspiel: Reunion setzt neue Maßstäbe für Blaufränkisch

Die beiden in Kooperation zwischen Gerhard Kracher und dem Winzerkeller Neckenmarkt vinifizierten Ausnahmeweine aus der Lage Hochberg sind von...

Advertorial
News

Kremstal DAC Rieden-Cup: Stoffige Eleganz

Das Kremstal ist Herkunft großer Grüner Veltliner und Rieslinge. Die Cupsieger kommen diesmal vom Weingut Salomon Undhof und vom Weingut Franz...

News

Umfrage: Die Lieblingsgetränke der Österreicher

Kaffee, Bier, Wein, Wasser... Welches ist ihr Lieblingsgetränk? Worauf könnten Sie gar nicht verzichten? Stimmen Sie mit!

News

Champagne: außergewöhnliche Weinlese 2018

Die heißen Temperaturen und sonnigen Tage des Sommers haben sich bezahlt gemacht: Die diesjährige Weinlese in der Champagne verspricht beste Qualität....

News

Die Wachau ist auf dem Weg zum DAC-Status

Die Winzer haben sich auf eine dreistufige Qualitätspyramide geeinigt und wollen ihre Stil-Bezeichnungen Steinfeder, Federspiel und Smaragd...

News

Die Sieger der Falstaff Burgunder Trophy 2018

Sieger der Burgunder Trophy 2018 sind unter anderem Günter und Regina Triebaumer, Georg Prieler und Andreas ­Gsellmann. Alle weiteren Sieger finden...

News

Domäne Wachau: Produktionsstätten für die Zukunft

Das größte bisherige Projekt der Domäne Wachau ist vollendet und wurde gebührend gefeiert.

News

100 Parker-Punkte für Gewürztraminer »Epokale 2009«

Erstmals konnte ein Südtiroler Wein die Höchstwertung in Robert Parker’s Wine Advocate erzielen. Zuvor hatte schon Falstaff den Wein sehr hoch...

News

Kaiserlichen Wein aus Schönbrunn ersteigern

Wer gerne einen imperialen Tropfen genießen möchte, kann derzeit eine rare Köstlichkeit aus Trauben aus dem Schönbrunner Schlosspark erwerben.

News

Genussfahrt zur Gerolsteiner Quelle

Mit österreichischen Spitzengastronomen durch das Ahrtal nach Gerolstein und über die Mosel wieder nach Hause – mit vielen genussvollen Stationen.

News

Fritz Wieninger ist Winzer des Monats im »Dstrikt«

Das Steakhouse und die Sommelière Sindy Kretschmar präsentieren im September Weine des Wiener Spitzenwinzers.

News

Alles über Naturwein

Natur, Orange, Amphor: Naturweine boomen. Sie führen abseits der gewohnten Geschmackswelten und mögen den einen oder anderen überraschen.

News

Die Top 10 im Piemont: Winzer & Weine

Die Hügel um die Stadt Alba sind im Herbst ein Hotspot für Genießer. Das verdankt das südliche Piemont auch den beiden Königsweinen, die hier...