Die erfolgreiche Designerin Patricia Urquiola im Interview

Wagemutig: Patricia Urquiola sitzt selten still. Meistens mischt sie sich im Atelier unter ihre rund 40 Designer und Mitarbeiter. 

© Marco Craig

Wagemutig: Patricia Urquiola sitzt selten still. Meistens mischt sie sich im Atelier unter ihre rund 40 Designer und Mitarbeiter. 

© Marco Craig

Das »Studio Urquiola« liegt versteckt hinter einer großbürgerlichen Fassade, die sich vor hundert Jahren ein Textilhändler im Nordwesten von Mailand errichten ließ. Doch sobald man den Innenhof in der Via Bartolomeo Eustachi Nummer 45 betreten hat, nimmt einen gleich die Modernität und bunte Formenvielfalt auf den fünf Stockwerken des neu errichteten Ateliergebäudes gefangen. Seit nunmehr 15 Jahren entwirft die mit vielen internationalen Designpreisen ausgezeichnete Patricia Urquiola (55) hier ihre Möbel für Moroso, B&B und Foscarin sowie zunehmend Wohnaccessoires und ­Interieu

LIVING: Sie bevorzugen weiche und verspielte Formen. Gleichzeitig ist auch ein gewisser Purismus in Ihren Arbeiten erkennbar. Wie würden Sie es beschreiben?

PATRICIA URQUIOLA: Ich möchte, dass die Menschen eine enge Verbindung zu natürlichen Materialien wie Holz, Stein und Glas spüren. Gleichzeitig sollen die Dinge klar und unkompliziert sein. Es gibt aber keinen typischen Urquiola-Stil. Das würde meinem offenen Verständnis von Design widersprechen. In all meinen Arbeiten suche ich jedes Mal aufs Neue eine Verbindung zu meinen Erinnerungen und Gefühl

Luftig: Für den Möbelhersteller Moroso schuf Patricia Urquiola die Liege »Tropicalia«. www.moroso.de 

© Moroso

LIVING: Ihr Stil wird als natürlich, sensibel und weiblich beschrieben. Ist Ihre Identität als Frau ein elementarer Bestandteil Ihrer Design-Philosophie?

Entscheidend ist allein deine Intuition, dein Einfühlungsvermögen und deine Fähigkeit, im Team zu arbeiten. Als eine der wenigen Frauen in der noch immer männerdominierten Welt von Architektur und Design habe ich, so empfinde ich es jedenfalls, einige Vorurteile abbauen können. Das Geschlecht des Designers tritt heute mehr und mehr in den Hintergrund. Ich möchte mich mit großer Empathie auf die Philosophie der jeweiligen Firma einlassen, ihre inneren Zusammenhänge und vor allem die Wünsche ihrer Kunden verstehen. Auf dieser Basis möchte ich helfen, die Identität des Unternehmens mit meinen Entwürfen weiterzuentwickeln.

Sessel »Fjord« ist im New Yorker Museum of Modern Art ausgestellt. www.moroso.de 

© Moroso

LIVING: Denken Sie in Kategorien wie »maskulin« und »feminin«?

Es sind veraltete Begriffe, die inzwischen vor allem einschränkend wirken. Es ist an der Zeit, die Frage des Geschlechts viel offener zu behandeln. Ich habe das bei meiner jüngsten Möbelkollektion für Cassina versucht. Sie heißt »Geschlecht«: Ich benutze hier weibliche wie männliche Formen, und in deren Zusammentreffen entstehen dann ganz neue Formen. Und ich hoffe, dass dies bei Menschen etwas auslösen und vor allem ihre Sinne öffnen wird.

Dekorativ: Feminine und maskuline Formen verschmelzen bei »Gender« zu etwas völlig Neuem. www.cassina.com 

© Cassina

LIVING: Was ist ein guter und ausgefüllter Tag für Sie?

Meine freie Zeit verbringe ich am liebsten mit den Menschen, die ich liebe – mit meiner Familie und meinen Freunden. Und auch wenn ich privat bin, sind meine Sensoren jederzeit für neue Eindrücke weit geöffnet. Eine strikte Trennung zwischen Privatem und Beruflichem gibt es also nicht. Beide füttern sich gegenseitig.

LIVING: Woher kommen Ihre Inspirationen?

Meine Familie, Freunde, Bücher, Kunst, Kino, Musik oder Reisen – das alles ist für mich Vergnügen, und gleichzeitig fließen diese Eindrücke in meine Arbeit ein. Und auch wenn ich in meiner Nachbarschaft in Mailand unterwegs bin, fallen mir Dinge auf, die ich vielleicht einmal verwenden werde. Und ich habe das große Glück, in unterschiedlichen Städten faszinierende Menschen zu kennen. Sie ermöglichen mir den Zugang zu Dingen, den ich als normaler Tourist nie hätte.

LIVING: Sind Sie ein Teamplayer?

Ich glaube fest an den ständigen Wandel von Ideen. Deshalb ist die Diskussion innerhalb des Teams existenziell für mich. Und ich liebe Menschen, die eine klare Vorstellung haben und sich nicht scheuen, diese vorzubringen. Es bringt uns schließlich alle voran.

Edel: Kuscheliger Genuss in Weinrot: der Sofa-Klassiker »Husk« von B&B. www.bebitalia.com

© B&B Italia

LIVING: Würden Sie sich als Designerin aus Spanien oder Mailand bezeichnen?

Mailand ist zu meinem Zuhause geworden. Auch künstlerisch. Ich wollte zunächst Architektin werden, doch das Studium in Madrid war sehr traditionsverbunden. Als ich mich dann fürs Produktdesign interessierte und nach Mailand ging, haben sich plötzlich großartige Möglichkeiten eröffnet, was ich vor allem meinen Lehrmeistern Achille Ca­stiglioni und Vico Magistretti verdanke.

LIVING: Ist der Spirit dieser beiden Designer in Ihren Arbeiten nach wie vor präsent?

 Beide haben in mir die tiefe Liebe zum Design geweckt und mein Selbstbewusstsein gestärkt, um meinen eigenen Weg zu gehen. Ihre Ideen gehören unauflöslich zu meiner Arbeit. Insbesondere von Achille Castiglioni habe ich die zwei wesentlichen Voraussetzungen gelernt, die ein Projekt einzigartig machen können: Präzision und Neugierde.

LIVING: Empfinden Sie weiterhin eine spanische ­Mentalität in Ihren Arbeiten?

Ich arbeite sehr dynamisch und leidenschaftlich. Das hat sicher mit meiner Herkunft zu tun. Zu meiner Mentalität gehört aber auch, dass ich eine gewissenhafte Beobachterin bin. Mich interessieren gesellschaftliche Entwicklungen,und ich versuche, diese mit meinen Arbeiten auch zu begleiten und zu interpretieren.

LIVING: Ihre Arbeiten, von Möbeln über Lampen bis zum kompletten Badezimmer-Interior, zeichnet eine große Bandbreite aus: Wie gehen Sie diese unterschiedlichen Aufgaben an?

Jedes Projekt beginnt mit einem leeren Blatt Papier. Ich beschäftige mich vorher sehr intensiv mit der Philosophie meiner Auftraggeber, und gleichzeitig wissen Sie genau, wie wichtig es mir ist, mit unbekannten Materialien zu arbeiten und zu experimentieren.

Verspielt: Geschirr und Gläser der Kollektion »Trama«. www.kartell.com 

© Kartell

LIVING: Wenn Sie ein Möbelstück entwerfen, haben Sie dann als gelernte Architektin stets den Raum dazu im Kopf?

Ich empfinde mich als Architektin und Designerin. Und manche Objekte verändern sich, wenn man sie erst im Raum erlebt hat. Als man mich zum Beispiel fragte, ob ich die Innenausstattung des »Mandarin Oriental« in Barcelona übernehmen möchte, hat es mich zunächst Überwindung gekostet. Doch am Ende war diese Hürde sehr wichtig für meine Motivation. Ich war bereit, wieder einmal etwas ganz Neues zu wagen. Das Projekt hat mir sehr viel Energie gegeben. Die Architektur ist also stets präsent, aber wenn ich mich entscheiden muss, tendiere ich klar zum Design.

LIVING: Sie haben auch das Privathaus der Design-Unternehmerin Patricia Moroso in Udine gestaltet. Wie kam es dazu?

Wir sind befreundet, und die Idee wurde geboren, als wir einen gemeinsamen Trip nach Ayers Rock in die australische Wüste unternahmen. Als wir dann vor dem Uluru-Monolithen standen, habe ich ihr versprochen: »Patricia, du wirst dein neues Haus bald über eine rot schimmernde Wüstenrampe betreten.« Es war für mich ein sehr spezielles Projekt, auch weil sich unsere unterschiedlichen Charaktere so gut ergänzen: Patricia ist besonnen und hartnäckig, während ich ungestüm und sehr direkt sein kann.

Elegant: Füße wie ein gefaltetes Origami: der Tisch »Diamond« von Molteni & C. www.molteni.de 

© Molteni

LIVING: Wenn Sie Hotels wie das »Giula« in Mailand oder »The Stu« in Berlin gestalten, reflektiert das auch Ihren persönlichen Wohnstil?

Ich muss mich darin wohlfühlen, natürlich. Aber noch entscheidender ist es, dass die Räume ein Gefühl für die Zeit, Gestaltungsfreiheit, angenehme Proportionen und viel Empathie widerspiegeln. Dann sollen die Gäste es mit ihren Augen sehen, anreichern – und sich hoffentlich zu Hause fühlen.

Aus dem Living Magazin 01/17 

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