Die Chardonnay-Traube kann besonders gut das Terroir zum Ausdruck bringen. © Shutterstock
Die Chardonnay-Traube kann besonders gut das Terroir zum Ausdruck bringen. © Shutterstock

Ihren Ursprung hat die Rebsorte Chardonnay in Frankreich. Eine DNA-Analyse brachte das Ergebnis, dass es sich um eine natürliche Kreuzung aus Pinot und Gouais Blanc (auch bekannt als Heunisch) handelt. 180.000 Hektar Rebfläche sind weltweit mit Chardonnay bepflanzt, mit rund 45.000 Hektar führt das Mutterland Frankreich die Statistik unter den Ländern an. Die Sorte liebt kalkreiche Böden und ein eher gemäßigtes Klima, hohe Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht lassen die Trauben an Aromatik zunehmen – so erreicht ein Chardonnay ein hohes, frisches Säure­niveau. Die Weine, die man trotz einer feinen Apfelfrucht eher als neutral beschreiben könnte, spiegeln im hohen Maße das jeweilige Terroir wider. Wo dieses nicht besonders ausdrucksstark ist, spielt der Einsatz von neuem Holz eine bedeutende Rolle.

Unterschiedliche Vorbilder
Vorbilder für Winzer auf der ganzen Welt sind die Chardonnay-Weine aus dem Burgund, nur in Kalifornien hat man in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – bedingt durch das wärmere Klima – einen anderen Stil eingeschlagen: Alkoholreichere Weine mit Butter­­­s­cotch- und Karamellnoten waren erfolgreich, 1976 konnte bei einer legendären Blindprobe in Paris das kalifornische Château Montelena die franzö­sische Konkurrenz hinter sich lassen. Dieser Erfolg löste einen Chardonnay-Boom aus, auch in New-World-Weinbauländern wurde die Rebsorte verstärkt ausgepflanzt. Der Lebensmittelhandel setzte vermehrt auf reine Sortenweine, und Chardonnay wurde zur beliebtesten Weißweinsorte der 80er-Jahre. Neben gelungenen Vertretern überschwemmte allerdings bald industriell gefertigte Massenware die Märkte, bis es hieß: »ABC« – »Anything but Chardonnay«. Zu Deutsch: Du darfst mir alles einschenken, nur keinen Chardonnay. Heute weiß man einen feinen Chardonnay wieder sehr zu schätzen, die Nachfrage wächst stetig.


Das Weingut Château de Chamirey in
Mercurey. © Chateau de Chamirey

FRANKREICH
Frankreich ist die Heimat des Chardonnays, doch auf dem Etikett französischer Weine taucht der Name dieser Rebsorte nur selten auf. Denn vor allem im Burgund werden die Herkunftsgemeinden und Crus auf das Etikett geschrieben, nicht jedoch die Rebsorte. Doch gleich ob Chablis, Corton-Charlemagne, Montrachet, Montagny (an der Côte Chalonnaise) oder Pouilly-Fuissé (im Mâconnais): In der Flasche ist stets ein Chardonnay. Auch in der Champagne, der zweitwichtigsten Produktionsregion für Chardonnay, taucht der Name praktisch nie auf den Etiketten auf. Allerdings kann man sich sicher sein, einen reinsortigen Chardonnay vor sich zu haben, wenn »Blanc de Blancs« auf dem Etikett steht. Übrigens wird in der Champa­gne auch in winzigen Mengen stiller Chardonnay erzeugt: ein schlanker, nerviger Weiß­­wein, der unter der Herkunftsbezeichnung »Côteaux Champenois« abgefüllt wird.

Französische Prototypen
Frankreichs Chardonnays sind jene Proto­typen, denen die Winzer weltweit mit mehr oder weniger Erfolg nacheifern. Ganz besonders gilt dies für die Grands Crus und Pre­miers Crus von der Côte de Beaune im Burgund, für die Weine aus Orten wie Puligny-Montrachet, Chassagne-Montrachet und Meursault. Buttrig und holzüberladen sind die Originale nur selten – selbst der reichhaltigste aller burgundischen Chardonnays, der Montrachet, ist eher durch Seidigkeit und mineralische Zwischentöne gekennzeichnet als durch Fett und verschwenderischen Einsatz von Neuholz. Der Chablis aus dem kühlen Norden Burgunds ist ein Musterbeispiel an Kernigkeit, unterstrichen von den rauchigen Aromen des für den dortigen Boden typischen Kimmeridge-Kalks. Die alltäglichsten Chardonnays aus dem Burgund, diejenigen aus der Region von Mâcon, die im Süden Burgunds ans Beaujolais grenzt, haben einen kräftigen Körper und eine ausgeprägtere Frucht als die meisten anderen französischen Chardonnays. Oft kommen sie auch mit leichten Honigtönen ins Glas. Die preislich attraktivsten Weine, die in ihrer Stilistik den Spitzenweinen der Côte de Beaune nahekommen – wenngleich in deutlich leichterem Format –, sind die Chardonnays der Côte Chalonnaise: aus Appella­tionen wie Rully, Mercurey und Montagny.

Die Chardonnays des Jura
Das französische Verständnis dessen, was einen guten Chardonnay ausmacht, hat vor allem mit Kalk im Boden zu tun: Daher hat sich neben dem Burgund und der Champagne auch noch eine dritte, wenngleich mengen­mäßig weniger bedeutende Chardonnay-Hochburg entwickelt: diejenige des Jura. Die Chardonnays des Jura sind starke Charaktere: sehnig, tiefgründig mineralisch und zuweilen auch mit einem Hauch jener oxida­tiven Stilistik, mit der Winzer dieser um den Ort Arbois herum gelegenen Weinbauregion so gerne spielen. Auch im Languedoc versuchen sich viele Winzer an Chardonnay: Sofern er hier nicht nur für einen einfachen Schankwein genützt wird, fällt er meist etwas wuchtiger und »wärmer« aus als im Rest des Landes. Zuweilen erinnern die Chardonnays aus dem Midi in ihrer Üppigkeit beinahe etwas an jene der Neuen Welt. Gesamt nimmt der Chardonnay in Frankreich eine Rebfläche von 45.000 Hektar ein, wovon 13.800 Hek­tar auf das Burgund und ein klein wenig mehr als 10.000 Hektar auf die Champagne entfallen.

INFO
Wichtige Erzeuger: Domaine Raveneau, Domaine Dauvissat, Cave Cooperative La Chablisienne (Chablis); Coche-Dury, Guy Roulot, Bonneau du Martray, Domaine Leroy, Comtes Lafon, Louis Latour, Domaine Leflaive, François Carillon, Guy Amiot et Fils, Etienne Sauzet, Marc Colin (Côte de Beaune); Château de Chamirey, Domaine de Villaine, Dureuil-Janthial (Côte Chalonnaise)


Pyramid Valley: Vinifiziert wird hier teilweise in alten Eichenfässern und Ton-Amphoren. © Hetta Malone Photography

NEUSEELAND
Wer von den besten Weinen Neu­seelands spricht, nennt zuerst den alles beherrschenden Sauvignon Blanc, dann kommt der Pinot Noir. Nur wirkliche Kenner denken an die Sorten Pinot Gris oder Riesling. Daneben hat sich in den letzten Jahren gerade beim Chardonnay eine qualitativ sehr beachtliche Szene entwickelt, die – gemessen an der Flaschenzahl der Topweine – noch winzig ist. Zumeist kommen sie von Boutique-Weingütern, die bereits mit ihren Pinots Noirs Kultstatus erreicht haben. Das erklärt, warum die besten Chardonnays Neuseelands ­– trotz ihres geringen Bekanntheitsgrads – bereits beachtliche Preise erzielen können. Die Suche nach Importeuren in den deutschsprachigen Ländern gestaltete sich demgemäß ein wenig wie jener nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen.

Eine handvoll Chardonnays
Von der sehr kleinen, feinen Region Wairarapa/Martinborough am unteren Ende der Nordinsel kommen eine Handvoll sehr be­­achtliche Chardonnays, noch ist die Hek­taranzahl zweistellig. Namen wie Ata Rangi, Martinborough Vineyard, Escarpment oder Craggy Range sind verlässliche Adressen, viele Betriebe verarbeiten auch Trauben aus Weingärten aus der nahen Hawke’s Bay, wo Betriebe wie Trinity Hill, Vidal, Esk Valley, Te Mata oder Sileni gute Chardonnays anbieten.

Außergewöhnliche Weingüter im Süden
Auf der Südinsel erzeugt man Chardonnay in allen Anbaugebieten. In Canterbury liegt der Chardonnay hinter dem Pinot Noir bereits auf Platz zwei, vor allem auf kalkreichen Böden fühlt sich die Sorte sehr wohl.  So entstehen körperreiche, gut strukturierte Vertreter mit angenehmer Säure und feinen Zitrusnuancen. Am Rande der Anbauzone befinden sich auf dem Weg zum Weka Pass zwei außergewöhnliche Weingüter. Das biodynamisch geführte Pyramid Valley Vine­yards von Claudia und Mike Weersing verfügt über ganze 2,2 Hektar Pinot Noir und Chardonnay, bepflanzt mit 10.000 bis 12.000 Stöcken pro Hektar in vier Blöcken. Vinifiziert wird in alten Eichenfässern und Amphoren aus Ton. Die beiden Chardonnays namens »Lion’s Tooth« und »Field of Fire« sind einfach großartig. Bell Hill Vineyards von Marcel Giesen und Sherwyn Veldhuizen ging 1997 am Weka Pass in North Canterbury an den Start. Die beiden erzeugen nicht nur die vielleicht besten Pinots Noirs der südlichen Hemisphäre, auch der »Bell Hill Chardonnay« gehört in die Liga der Weltklasse. Im Sauvi­gnon-Blanc-Zentrum Marlborough haben sich einige Betriebe sehr erfolgreich mit dem Chardonnay angefreundet. Die Fromm Winery im Brancott Valley, gegründet vom Schweizer Winzer Georg Fromm aus Malans in Graubünden, erzeugt mit »La Strada« und »Clayvin Vineyard« zwei der besten Sortenvertreter. Im Wairau Valley liefert Giesen Wines mit dem »The Fuder« und »The Brothers« exzellente Weine. Auch Nautilus er­­zeugt einen sehr guten Chardonnay. Im aufstrebenden Gebiet rund um Nelson gibt Neudorf Vineyards beim Chardonnay den Takt an, die Schweizer Familie Schwarzenbach hält mit dem »Blackenbrook Chardonnay« gut mit. Der Stil der Chardonnays aus Nelson ist elegant, die Weine der Subregion Moutere Hills zeigen sich komplex, jene aus Waimea wirken oft leichtfüßiger. Im Moment ist es noch recht schwierig, an die tollen Chardonnays aus Neuseeland heranzukommen, doch das Angebot wird in naher Zukunft wachsen. Ein Land für Chardonnay-Schnäppchen wird Neuseeland aber wohl niemals werden.

INFO
Gesamtrebfläche: 3200 Hektar
Anbaugebiete: Marlborough, Hawke’s Bay, Gisbourne, vereinzelt in Canterbury, Central Otago und Nelson
Wichtige Weingüter: Ata Rangi, Bell Hill, Dog Point, Felton Road, Fromm, Kumeu River, Martinborough Vineyards, Neudorf Vineyards, Pyramid Valley Vineyards

Details zu den Chardonnays aus Kalifornien, Australien, der Schweiz, Deutschland, Österreich, Südafrika und Italien lesen Sie im aktuellen Falstaff Magazin.


BILDERSTRECKE: Best of Chardonnay

>> Zu den Verkostungsnotizen

Texte von Peter Moser, Ulrich Sautter, Othmar Kiem, Martin Kilchmann
Aus Falstaff Nr. 03/2015

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