Der Wald in der Stadt

Forstdirektor Andreas Januskovecz plaudert mit Christa Kummer über Waldbewohner und die Besucher aus der Stadt.

© Johannes Kernmayer

orstdirektor Andreas Januskovecz plaudert mit Christa Kummer über Waldbewohner und die Besucher aus der Stadt.

Forstdirektor Andreas Januskovecz plaudert mit Christa Kummer über Waldbewohner und die Besucher aus der Stadt.

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»Wir haben ganz viele Bissopfer bei Jungtieren. Hundebesitzer bekommen es oft gar nicht mit, dass ihr Hund einen Hasen in der Sasse totgebissen hat.« Der Wiener Forstdirektor Andreas Januskovecz spaziert mit Christa Kummer durch den Wienerwald und genießt die Aussicht über die Stadt ebenso wie das freundliche Herbstwetter. Der oberste Förster der Donaumetropole erzählt von den besonderen Herausforderungen, wenn der Forst auch beliebtes Naherholungsgebiet ist. Auch kleine Hunde wie Dackel folgen ihrem natürlichen Jagdinstinkt und töten immer wieder Wildtiere oder scheuchen Bodenbrüter während der sensiblen Brutzeit auf. Januskovecz setzt dabei auf Dialog und Aufklärung: »Regeln werden nur dann eingehalten, wenn man sie auch versteht.«

Unbemerkte Schönheit

Christa Kummer, Jägerball-Co-Organisatorin und Vorstandsmitglied des Grünen Kreuzes, berichtet von verstörenden Beobachtungen. Spaziergänger verlassen oft die Wege, haben Kopfhörer im Ohr und bekommen die Schönheit des Waldes gar nicht mit. Das attraktive Angebot der Stadt Wien, die Wälder und Wege pflegt, wird als selbstverständlich genommen. »Die Natur ist keine Müllkippe!« Christa Kummer macht ihrem Unmut über undisziplinierte Waldbesucher Luft. Janusko­vecz weist darauf hin, dass die Wiener Wälder zwei Mal pro Woche gereinigt werden müssen – einmal vor dem Wochenende, einmal danach: »Das kostet Steuergeld.« Manche Zeitgenossen entsorgen bei den Mülleimern der Grillplätze des Nachts sogar ihren Hausmüll und schimpfen gleichzeitig über das Chaos, das nur vermeintlich von den Grillfreunden hinterlassen wird.

Aufklären statt Gift spritzen: Forstdirektor Andreas Januskovecz warnt vor Eichenprozessionsspinnern, die juckende Hautausschläge auslösen können.

Aufklären statt Gift spritzen: Forstdirektor Andreas Januskovecz warnt vor Eichenprozessionsspinnern, die juckende Hautausschläge auslösen können.

© Johannes Kernmayer

Gleichgewicht des Waldes

Wien besteht fast zur Hälfte aus Grünfläche, einen erheblichen Teil davon macht Wald aus. Die Stadt kümmert sich um die Pflege und Sicherheit der Wanderwege, deren Ausgangs- und Endpunkte immer mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sind. Regelmäßig wird der Zustand der Bäume überprüft, damit es nicht zu gefährlichen Astbrüchen kommt.
Forstwirtschaft hat im urbanen Bereich andere Herausforderungen als am Land. Hauptzweck sind Naturschutz und die Schaffung von Erholungsraum und nicht die Holzwirtschaft, die aber natürlich dennoch für Einkünfte sorgt. Der Forst-direktor und sein Team kümmern sich darum, dass das notwendige Gleichgewicht im Wald erhalten bleibt. Wenn die Wildtierpopulation zu groß wird, dann ist der Schaden an der Flora die natürliche Folge. Daher gibt es einen von Experten erstellten Abschussplan, um die natürliche Balance wiederherzustellen. Die Jagd in einem Erholungsgebiet ist eine besondere Herausforderung und ein Fall für absolute Vollprofis. Januskovecz ist zu Recht stolz auf seine Bilanz: »Ich mache diesen Job seit 19 Jahren, und es ist noch nie etwas passiert.« Christa Kummer ergänzt: »Bei der Jagd ist Disziplin das Wichtigste, Schussgeilheit hat hier nichts verloren.«

»Regeln werden nur dann eingehalten, wenn man sie auch versteht«, sagt der Wiener Forstdirektor Andreas Januskovecz

© Johannes Kernmayer

Der Wald als Klimaanlage für die Stadt

Aktuelle forstwirtschaftliche Herausforderungen sind der Klimawandel und Schädlingsbefall, was man durchaus auch im Kontext sehen muss. Das in ganz Europa verbreitete Eschensterben durch eine Pilzkrankheit ist unaufhaltsam, die Borkenkäfer-Problematik hat man in Wien aber im Griff. Januskovecz begründet dies mit gemischt strukturierten Wäldern mit großer Baumvielfalt und mehreren Etagen, die bei Monokulturen fehlen. Bei der Aufforstung setzen die Wiener Förster aufgrund der stetigen Klimaerwärmung auf Baumarten, die in südlichen Ländern verbreitet sind. Eichen und Tannen beispielsweise lieben Wärme und Trockenheit. Meteorologin Christa Kummer erläutert, dass man bei Wald-bewirtschaftung in Generationen denken muss. 100 bis 150 Jahre sind der Zeitraum, der dabei zu berücksichtigen ist. Forstdirektor Januskovecz berichtet in diesem Zusammenhang von einer genialen Funktion des Waldes, der für eine Stadt wie eine Klimaanlage wirken kann. Wien ist hier in einer besonders glücklichen Situation, da der Wienerwald im Westen der Stadt liegt und der Wind zumeist aus dieser Himmelsrichtung kommt. »Der Wald entlastet die Klimaanlagen der Stadt um zwei bis drei Grad. Man muss sich einmal vorstellen, wie viel Energie dadurch gespart wird!«, sagt Januskovecz.

Andreas Januskovecz und Christa Kummer plaudern beim Spaziergang durch die Natur über die besonderen Herausforderungen von Forstwirtschaft in einer Millionenstadt.

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Respektvoller Umgang mit der Natur

»Die Funktion des Waldes als grüne Lunge ist für Großstädte enorm wichtig«, ergänzt Kummer. Gleichzeitig beklagt sie, dass Städter zwar ökologisch denken, sich aber nicht so verhalten. Viele Eltern nehmen ihre Vorbildfunktion nicht ausreichend wahr. Januskovecz setzt bei dieser Problemstellung auf Dialog und Bewusstseinsbildung. Förster suchen vor Ort das Gespräch und leisten Aufklärungsarbeit. Nur absolut Unbelehrbare werden auch tatsächlich bestraft. Die Kommunikation setzt bereits bei Kindern an, die in Waldschulen lernen, dass man die Wege nicht verlassen soll, dass man respektvoll mit der Natur umgehen muss und dass der Wald ein Geschenk für die Wiener Bürger ist. Die Wiener Stadtwanderwege sind in einem exzellenten Zustand, und eindrucksvolle zwei Drittel davon sind sogar rollstuhltauglich. Positiver Nebeneffekt: Je attraktiver die Wege sind, desto weniger werden sie verlassen.

Christa Kummer und Andreas Januskovecz appellieren an die Waldbesucher, dass man mit Achtsamkeit und Respekt selbst mehr von der Natur hat. Bei der allgegenwärtigen Reizüberflutung ist der Wald ein idealer Ort für Digital Detox, wenn man ihn mit allen Sinnen wahrnimmt.


Richtiges Verhalten bei einer Begegnung mit Wildschweinen

Oberstes Gebot ist, dass man die Wege nicht verlassen soll. Wildschweine zählen Wege nicht zu ihrem Revier und wissen, dass dort Menschen unterwegs sind. Wenn diese aber die Wege verlassen und sozusagen in das Wohnzimmer der Tiere eindringen, dann haben sie ein Problem. Wenn man einem Wildschwein begegnet, sollte man folgende Regeln beachten:

  • Stehen bleiben und langsam rückwärts gehen.
  • Nicht davonlaufen – Wildschweine sind schneller.
  • Wildschweine sehen schlecht, hören aber sehr gut. Einen Rückzug nehmen sie sofort wahr.
  • Das Wildschwein im Blick behalten.
  • Niemals ein Tier in die Enge treiben.
  • Sich von Frischlingen fernhalten.

Niemals sollte man Wildschweine füttern. Das Forstamt weiß von Fällen, wo Frischlinge regelmäßig mit Küchenabfällen gefüttert wurden. Logischerweise gewöhnen sich die Tiere daran und fordern die Fütterung ein. Sie bleiben aber nicht immer klein und süß – ein ausgewachsener Eber ist eine ernste Bedrohung am Gartentor.

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