Der Designer Werner Aisslinger im Exklusiv-Interview

Werner Aisslinger zählt zu den innovativsten und bekanntesten deutschen Designern der Gegenwart. Nebst Studium lernte er sein Handwerk unter anderem bei Ron Arad und Jasper Morrison. aisslinger.de

© Daniel Hofer / laif / picturedesk.com

Werner Aisslinger zählt zu den innovativsten und bekanntesten deutschen Designern der Gegenwart. Nebst Studium lernte er sein Handwerk unter anderem bei Ron Arad und Jasper Morrison. aisslinger.de

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LIVING: Sie haben 1996 auf der Mailänder Möbelmesse Ihren ersten Stuhl präsentiert. Der inzwischen im New Yorker Museum of Modern Art ausgestellte »Juli Chair« war grün. Heute gelten Sie selbst als Grüner unter den Designern. Ihre Lieblingsfarbe?
Werner Aisslinger: Das habe ich so noch gar nicht gesehen. Die inhaltliche Verbindung zu Grün stimmt sicher, wenngleich ich selbst eher immer bunter werde, während meine Haare ergrauen. Farben helfen mir, neue Welten zu eröffnen – viel stärker als noch vor zehn Jahren.  

War Ihnen die Welt des Möbeldesigns zu klein geworden? 
Dieser Stuhl hat meiner Karriere entscheidenden Auftrieb gegeben. Ich designe auch weiterhin gerne Stühle, aber ich habe vor allem den Anspruch, Produkte für alle Lebensbereiche zu entwerfen und mit neuen Materialien zu experimentieren.

Jüngst haben Sie eine Uhr für NOMOS Glashütte entworfen. War die Form da nicht stark vorgegeben? 
NOMOS Glashütte hat einen starken Markenkern, der vom Bauhaus geprägt ist. Da kann man nicht sagen: Wir machen die Uhr jetzt einfach mal etwas bunter. Das war ein langwieriger Spagat zwischen der Tradition und neuen sportlich-leichten Elementen.

Bauhaus steht für eine Strenge, die allein der Funktion folgt. Mit Ihren ersten Designkonzepten für Hotels haben Sie es vor Jahren gewagt, farbenfroh, verspielt und sogar gemütlich zu sein. Nichts für Puristen ... 
... zumal in Deutschland, wo die Design-Philosophie des Bauhauses zur DNA zählt. Das habe ich auch während meines Studiums an der Hochschule der Künste in Berlin gespürt. Mein Professor Hans Roericht kam von der Ulmer Hochschule für Gestaltung, die sich beim Industriedesign in direkter Folge des Bauhauses sah: schöne Proportionen, klares Design, sehr deutsch.

»Das Leben ist eine Collage.« Werner Aisslinger Designer

Und Sie? 
Ich hatte mein Schlüsselerlebnis in Mailand, wo ich unter anderem Michele De Lucchi, einen der Gründer des Designerkollektivs Memphis, kennenlernte. Das war die Gegenbewegung: Wohnobjekte sollten nicht als stumme Diener, sondern wie Persönlichkeiten betrachtet werden. Diese Emotionalisierung hat mich begeistert, und von da an habe mich abgewandt vom sehr rationalen Ansatz. Und ich hatte das Glück, mit so einflussreichen Designern wie Jasper Morrison und Ron Arad zusammenzuarbeiten, bis ich dann mein eigenes Studio gegründet habe. 

Sie haben einen nachhaltigen Stuhl aus Hanf produziert, und Sie integrieren textile Stoffe in Ihre Arbeit. Wie viel Öko und wie viel Design ist das? 
Ich kann da nicht trennen, wenn ich mich nicht nur als Dienstleister im industriellen Räderwerk sehe, sondern als Querdenker, der die Augen vor Rohstoffmangel und Klima­krise nicht verschließt. Und außerdem: Wolle oder Velours sind High-End-Oberflächen wie Holz. Textilien strahlen viel Wärme aus. Von Stahl, Glas und kühlen Displays sind wir schon genug umgeben.

Ihre Lounges in den »25hours Hotels« sind ein bunter Mix aus skandinavischer Leichtigkeit, erzählerischen Akzenten und Vintage. Welche Idee verfolgen Sie damit? 
Das Leben ist eine Collage! Unser Alltag ist bestimmt von Patchworkfamilien, Internationalität und individuellen Lebenskonzepten – dann kann auch unser Wohnumfeld ein Sammelsurium sein. Es gibt darin keine in sich geschlossene Stilwelt, sondern ich mische neue Möbel mit Einzelobjekten oder Fundstücken vom Flohmarkt. Alle Designer meines Studios sind zugleich Kuratoren oder – zeitgemäßer formuliert – arbeiten im Prinzip wie DJs, die zitieren, anders abmischen und eine neues Gefüge entstehen lassen.

»Alle Designer meines Studios sind zugleich Kuratoren oder – zeitgemäßer formuliert – arbeiten im Prinzip wie DJs. Sie zitieren, mischen anders ab und lassen so ein neues Gefüge entstehen.« Werner Aisslinger Designer

Es macht den Eindruck, dass sich Ihre Arbeit dahin stark verlagert hat.
Mein Studio arbeitet schon weiter zweigleisig: hier das klassische Produktdesign, dort architektonische Gesamtlösungen, für die sich in der Tat die Anfragen häufen. Ob Bar, Hotel oder auch Shopping Mall, wie ich sie gerade in Bangkok neu konzipiere: Weil unsere digitale Welt mit dem Onlinehandel immer perfekter wird, suchen viele Menschen, die reale Architektur bespielen, nach neuen Ansätzen für attraktive Erlebnisräume. 

Für das Berliner Bikini-Haus nahe des Zoos haben Sie gestalterisch die Idee des Großstadtdschungels ausgerufen, und nach Hotel und »Monkey Bar« wurde dort jüngst Ihre Indoor-Gastromeile »Kantini« eröffnet. Eine ganze Aisslinger-Welt ... 
Solche Food Courts gibt es in Asien an jeder Ecke. Es ist eine Mischung aus Markt und Essständen. Es stärkt Streetfood-Leute mit coolen Ideen, die aber regional bleiben wollen. Das ist ein weltweiter Trend, und die ersten Monate zeigen, dass Berlin für solch ein Pilotprojekt ein guter Standort ist.

Ist es gewünscht, dass Ihre Raumkonzepte organisch weiter wachsen? 
Unbedingt. Ein Ansatz ist das Indoor Farming, das wir beim Stockholmer »Hobo Hotel« integriert haben: Der Barmann holt sich seine Kräuter direkt von einer Regalwand in der Lobby. Und wer zum Beispiel im Züricher ­»25hours Hotel« sonntags ein Objekt wie eine Vintage-Lampe mitbringt, wohnt umsonst und nimmt somit an der schleichenden Modifikation teil.

ERSCHIENEN IN

LIVING Nr. 03/2018
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