Der alte und der neue »Sacher«-Direktor im Talk

Bernhard Degen im Gespräch mit Reiner Heilmann und Andreas Keese

© Falstaff/Mörzinger

Bernhard Degen im Gespräch mit Reiner Heilmann und Andreas Keese

Bernhard Degen im Gespräch mit Reiner Heilmann und Andreas Keese

© Falstaff/Mörzinger

32 Jahre lang arbeitete Reiner Heilmann in der Wiener Hotellegende »Sacher« und hat damit ein umfassendes Kapitel in der Historie des ehrwürdigen Hauses mitgeschrieben. 29 Jahre war er Hoteldirektor, dabei wollte er nur vorübergehend in Wien bleiben, wohin es den gebürtigen Niedersachsen zufällig hinverschlagen hatte. Die Geschichte seines Nachfolgers Andreas Keese – ebenfalls ein gebürtiger Deutscher – unterscheidet sich gar nicht so sehr von Heilmann. Falstaff traf die beiden Hoteliers zum Gespräch und fand heraus, dass sich nicht nur ihre Lebensgeschichten ähneln, sondern dass sie beide ebenso leidenschaftliche Gastgeber sind.

Falstaff: Herr Heilmann, Matthias Rust landet auf dem Roten Platz. Wissen Sie, in welchem Jahr das war?
Reiner Heilmann: Ich kann mich noch gut daran erinnern, aber das ist schon sehr lange her. Wann war das?

Falstaff: 1987, das Jahr, in dem Sie nach Wien gekommen sind.
Heilmann: Das hätte ich mir nicht gedacht, dass das so lange her ist! Meine Zeit im »Sacher« kommt mir nicht so lange vor.

Falstaff: Damals hat Sie ein Zufall nach Wien geführt, wie hat sich das genau ergeben?
Heilmann: Ich komme aus einem kleinen Gasthaus in Ost-Deutschland und wollte nach Asien, um Erfahrungen zu sammeln. Aber ich habe keine Arbeitsgenehmigung bekommen. Dann riet mir eine Freundin aus Niederösterreich, ich solle mir doch mal Wien ansehen, die Stadt sei so toll. Die Genehmigung habe ich bis heute nicht. Und ehrlich gesagt fand ich Wien damals gar nicht so prickelnd, eher düster. Ich hatte schon konkrete Pläne für London oder Davos. Eines Tages traf ich mich mit einem Freund im Schanigarten des »Sacher«. Mir wurde das Haus gezeigt und nach einigen Gesprächen bekam ich ein Angebot. Ich sagte: »Das klingt alles toll, ist aber leider in der falschen Stadt. Dennoch blieb ich, wurde Direktionsassistent, stellvertretender Direktor und schließlich Direktor.

Falstaff: Herr Keese, wann und wie war Ihr Start im Hotel »Sacher«?
Andreas Keese: Auch bei mir war es per Zufall. Ich lebte bis zum Alter von 22 Jahren in Hannover und hatte mich in Wien im »Sacher« und im »Grand Hotel« für die Küche beworben. Das »Sacher« hat mir damals abgesagt, aber ich bin darüber nicht böse (lacht). Ich habe dann im »Grand Hotel« Fuß gefasst und arbeitete dann drei Jahre lang im »Steirereck«. Dann ging ich nach Genf in ein Romantikhotel. Geplant war es nur als »Sommerjob«, daraus wurden aber sechs Jahre, wo ich als Küchenchef und später als gastronomischer Leiter gearbeitet habe. Ich wollte dann auch nach Asien oder London, hatte aber Probleme mit dem Visum. Die Zeit nützte ich, um ein Diplom beim WIFI Salzburg als FnB-Manager zu machen und arbeitete als Assistant FnB im Hotel »Sacher« in Salzburg. Eine Lehrerin am WIFI hat mich dann auf eine Stellenanzeige aufmerksam gemacht, die gut für mich passen würde. Der Arbeitgeber war noch nicht genannt, aber schließlich stellte sich heraus, dass es sich um das Hotel »Sacher« Wien handelte. Ich war vom ersten Moment an von der Marke begeistert. Es war ein Gänsehaut-Moment, als ich im »Sacher« Café eine Melange und eine Sacher-Torte rausgetragen habe. Also habe ich vor drei Jahren als Assistant FnB begonnen und mittlerweile ist so viel passiert!

Falstaff: Herr Heilmann, wir sind natürlich neugierig, wohin es Sie zieht. Was dürfen Sie schon verraten?
Heilmann: Ich wollte noch einmal etwas anderes machen, ich bin mir bewusst, dass die biologische Uhr tickt. Ich habe viele Gespräche mit den Eigentümern geführt, die nicht sehr glücklich über meine Entscheidung waren, aber ich bin sehr froh, dass wir mit Herrn Keese jemanden gefunden haben, der beide zentralen Bereiche perfekt abdeckt. Er kennt die Küche wie kein anderer, ist aber auch ein perfekter Gastgeber. In beiden Fällen ist der Gast im Mittelpunkt. Ich bleibe in Wien, die Stadt ist meine Heimat geworden, sie ist zurecht zehn Mal zur lebenswertesten Stadt der Welt gekürt worden. Am Anfang hatte ich meine Schwierigkeiten, das Gastronomische stand hinter der Kommastelle. Aber mittlerweile bin ich länger in Österreich, als ich jemals in Deutschland gelebt habe. Ich bleibe der Hotellerie in einer ähnlichen Funktion erhalten und möchte mit kleinen Privathotels arbeiten, die sich anders ausrichten wollen.

»Aber ich bin ein Sacherianer und werde es immer bleiben.«
Reiner Heilmann

Gäste und Mitarbeiter werden über ein Transparent willkommen geheißen.

Gäste und Mitarbeiter werden über ein Transparent willkommen geheißen.

© Falstaff/Mörzinger

Falstaff: Herr Keese, was haben Sie von Herrn Heilmann lernen können?
Keese: Schon bei unserem ersten Gespräch, meinem Bewerbungsgespräch, habe ich gemerkt, dass sich unsere Gastgeber-Position extrem verbindet. Herr Heilmann war immer sehr inspirierend, wir sind einer Meinung und sehr auf einer Wellenlänge.
Heilmann: Es kommt gar nicht so darauf an, dass man immer einer Meinung ist, man muss die selbe Philosophie im Kopf haben, die selbe Vision, wo die Marke hingehört.

Falstaff: Herr Keese, was werden Sie künftig anders machen als Herr Heilmann?
Keese: Wir haben jetzt einen Zeitpunkt, wo wir notgedrungen umdenken müssen. 92 Prozent unserer Gäste können nicht kommen, daher legen wir den Fokus mehr auf Wiener. Das »Sacher« stand schon immer für Innovation und so haben wir auch schnell neue Angebote entwickelt. Es wird beispielsweise Separées für Candlelight-Dinner geben (siehe FOTOS unten). Im »Restaurant Rote Bar« haben wir im Moment nur 22 statt 60 bis 70 Couvers, was aus der Abstandsregel resultiert. Daher weichen wir auf attraktive andere Räume aus. Auch unser Lieferservice »Sacher zu Hause« wollen wir fortsetzen. Ich denke, dass wieder mehr Österreicher ins »Sacher« gehen. Jeder hat den Traum, ein Mal ins »Sacher« zu kommen.

Falstaff: Herr Heilmann, woran erinnern Sie sich besonders gerne zurück?
Heilmann (schmunzelt): Ich habe sogar schon Angebote für Bücher bekommen, aber die interessantesten Geschichten kann man nicht veröffentlichen. Viele haben mich früher gefragt: »Warum machst Du das?« Meine Antwort ist ganz klar, ich mache das wegen der Menschen, der Gäste und der Mitarbeiter. Ein Hotel ist wegen der Menschen ein Hotel, sonst wäre es nur ein Gebäude.

Falstaff: Welche Gäste haben Sie am meisten beeindruckt?
Heilmann: Da gibt es keine richtige Antwort darauf, weil ich so viele tolle Begegnungen hatte, nicht nur mit namhaften Persönlichkeiten. Aber ohne diese zu mindern erinnere ich mich sehr gerne an Caroline von Monaco, die zum Opernball da war. Oder an Nelson Mandela, so eine Persönlichkeit, vor allem wenn man bedenkt, was er alles durchgemacht hat. Aber ich denke auch vor allem an unsere Mitarbeiter. Wir wollen alle Mitarbeiter in allen Betrieben halten. Viele sind ja schon so lange hier, das ist wie eine Familie.
Keese: Wir haben die Kommunikation auch in dieser schwierigen Zeit aufrecht erhalten, wir haben jede Woche Informationen zur aktuellen Situation verschickt. Zu Ostern haben wir unsere Mitarbeiter mit Schoko-Grüßen überrascht und jetzt, wo es wieder los geht, mit einem Willkommenspaket begrüßt. Der außen angebrachte Banner »Welcome Back« ist nicht nur an unsere Gäste, sondern auch an unsere Mitarbeiter gerichtet.

Falstaff: Wie wird es mit der Stadthotellerie weiter gehen?
Heilmann: Das steht und fällt mit der Kurve. Es gibt positive Signale von der AUA, vom Flughafen, aber es ist Angst da. Das kann man nicht steuern, auch wenn die Flüge wieder gehen. Jetzt geht es um klare Signale wie Sicherheit und Hygiene, Hygiene, Hygiene! Man muss wissen, dass man in guten Händen ist.

Falstaff: Herr Heilmann, was geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?
Heilmann: Er soll seine Arbeit weiterhin mit so viel Freude tun. Energie brauche ich nicht zu sagen. Man kann nur etwas gut machen, wenn man es leidenschaftlich tut.

Falstaff: Wie oft werden Sie in der Früh aufstehen und automatisch ins »Sacher« fahren?
Heilmann (lacht): Es wird schon eine immense Umstellung. Ich bin immer mit dem »Sacher« aufgestanden und mit dem »Sacher« ins Bett gegangen. Aber ich könnte auch keine Marke vertreten, die ich nach dem Dienst gleich wieder ablege.

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