Das Pfälzer Weinmärchen

Die Pfalz ist Deutschlands zweitgrößtes Weinbaugebiet.

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Die Pfalz ist Deutschlands zweitgrößtes Weinbaugebiet.

Die Pfalz ist Deutschlands zweitgrößtes Weinbaugebiet.

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Der Winzernachwuchs der Pfalz ist ehrgeizig, zielstrebig, begeistert. Winzern wie zum Beispiel Thomas Pfaffmann ist keine Mühe zu viel, kein Umweg zu groß. Die jungen Wilden, die in allen Teilen des 23.000-Hektar-Gebiets von sich reden machen, sind gut ausgebildet, in der Welt herumgekommen und auch untereinander vernetzt.

Das Pfälzer Weinwunder der letzten zwanzig Jahre – es hat nicht zuletzt mit einer Aufbruchstimmung zu tun, die auch eine Stimmung von Gemeinsamkeit ist, getragen von einer Heimatliebe, die frei vom Verdacht miefiger Deutschtümelei ist.

Frank und Thomas Pfaffmann
Die Jungwinzer Frank und Thomas Pfaffmann bringen frischen Wind in die Pfalz.

© melhubach photographie

Vom Massenwein zur Qualität

Die Pfälzer nämlich, jung wie alt, tragen wie selbstverständlich das Bewusstsein in sich, in einem Anbaugebiet zu leben, das keine Konkurrenz zu scheuen braucht, weder national noch über die Landesgrenzen hinaus. Dabei sah die Realität in den 1970er- und 1980er-Jahren keineswegs glänzend aus: Die Pfalz hatte das Aussehen eines Massengebiets, der alte Ruhm der Mittelhaardt als der neben Mosel und Rheingau nobelsten Riesling-Herkunft Deutschlands stand auf manch ehrwürdigem Betrieb eher in den Büchern, als dass er von den Weinen eingelöst worden wäre. 

Auf einem der emblematischen Güter, bei Dr. Bürklin-Wolf in Wachenheim an der Weinstraße, erinnert sich Bettina Bürklin-von Guradze an ihre Betriebsübernahme im Jahr 1990. »Damals hatte Bürklin-Wolf ein Drittel mehr Fläche als heute, produzierte aber doppelt so viel Wein.« Nach und nach veränderte Bürk­lin gemeinsam mit ihrem Ehemann Christian von Guradze das Aussehen des Betriebs.Gleich zu Beginn nahm die damals 30-jäh­rige Önologin eine betriebsinterne Klassifi­kation ihrer Weinberge vor: Kurz darauf, 1994, versah sie erstmals einen Wein mit der Bezeichnung G. C. – Grand Cru –, einen Riesling aus der Lage Ruppertsberger Reiterpfad.

Nicola Libelli ist Kellermeister bei Dr. Bürklin-Wolf
Nicola Libelli stammt aus Italien, ist Kellermeister bei Dr. Bürklin-Wolf - und fühlt sich wohl in der Pfalz.

© Jack Senn

Dann stoppte sie die Abfüllung von Literweinen und entrümpelte die Preisliste: Von mehr als hundert Lagen blieben nur jene dreißig übrig, deren Weine wirklich einen wiedererkennbaren Charakter aufweisen. 1997 schließlich veröffentlichte das Weingut Dr. Bürklin-Wolf gemeinsam mit den Wein­gütern Christmann, Koehler-Ruprecht und Mosbacher eine »Erklärung zur Lage« – eine Art Gründungsmanifest der neueren Klassifikation in der Pfalz, die letztlich auch diejenige Hierarchie wieder aufnimmt, die schon 1828 von den – damals bayerischen – Steuerbehörden vorgenommen wurde.»Um das Jahr 2000 erkannten wir schließlich«, fügt Bürklin an, »dass wir qualitativ ohne Ökologie nicht weiterkommen.« So trieb sie die Umstellung auf Biodynamik voran. 

Seit 2005 wird die gesamte Fläche von heute 85 Hektar nach biodynamischen Grundsätzen bewirtschaftet. Eine Entscheidung, mit der sich auch der Traubenzukauf für Basisweine erledigt hat – heute verwendet das Gut ausschließlich Trauben aus eigenem Anbau.

Dr. Bürklin-Wolf – in seiner heutigen Form seit 1875 bestehend – gehört zu den sogenannten »drei großen B« der Pfalz, gemeinsam mit von Buhl und Bassermann-Jordan. Die beiden letztgenannten Güter wiederum teilen ihre Historie mit dem Weingut Dr. Deinhard, denn alle drei Güter entstammen dem Besitz des legendären Deidesheimer Bürgermeisters An­dreas Jordan (1775–1848), der als Pionier des Qualitätsweinbaus in der Pfalz gilt. Als Jordan starb, wurde sein Weinbergbesitz unter seinen Kindern auf­geteilt: Sein Sohn Ludwig Andreas erhielt das Stammhaus, die Schwiegersöhne Franz Peter Buhl und Friedrich Georg Deinhard leiteten die ererbten Anteile ihrer Gemahlinnen.

Güter mit Profil

Es ist eine Pointe der neueren Geschichte der Pfalz – und eine, die in ihrer ganzen Tragweite wohl erst aus der Distanz kommender Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte zu erfassen sein wird –, dass die »Jordansche Teilung« durch den Neustädter Unternehmer Achim Niederberger (1957–2013) rückgängig gemacht wurde. Niederberger erwarb 2002 Bassermann-Jordan, 2005 Buhl und schließlich 2007 Dr. Deinhard. Anders, als es vor der Jordanschen Teilung der Fall war, ließ Niederberger alle drei Güter selbstständig weiterarbeiten – ja, er setzte sogar alles daran, dass jedes sein Profil weiter schärfte.

Jana Niederberger
Jana Niederberger, hier im Keller des Weinguts von Winning, führt das Werk ihres Ehemannes fort.

Foto beigestellt

So steht Bassermann-Jordan unter der Leitung von Ulrich Mell und Gunther Hauck für einen klassischen Pfälzer Stil mit präzise herausgearbeiteter Frucht und zuweilen geradezu süßem Extrakt. Bei Dr. Deinhard wird das neu geschaffene »Von Winning«-Label für Lagenweine und Prestige-Kelterungen genützt: Hier verleiht Stephan Attmann den Rieslingen der Mittelhaardt durch die Vergärung und den Ausbau in 500-Liter- und Stückfässern einen geradezu burgundisch anmutenden Ausdruck.

Als letztem der drei Güter gab Niederberger auch Buhl kurz vor seinem Tod im Jahr 2013 eine neue Richtung vor, als er den zuvor geschlossenen Pachtvertrag mit der Familie Tokuoka löste und mit dem Weinjournalisten Richard Grosche als Geschäftsführer und dem von Champagne Bollinger abgeworbenen Önologen Mathieu Kauffmann ein neues Führungsduo installierte. Fumiko Tokuoka fand mit dem Weingut Biffar eine neue Wirkungsstätte. Der Elsässer Kauffmann indes erzeugt seither bei Buhl rasierklingenscharfen und knochentrockenen Terroir-Riesling – Lagenweine von Purismus, die in der Pfalz einen völlig neuen Ton anschlagen. Zudem haben die ersten degorgierten Sekte die Erwartung an das, was künftig noch von diesem Teil des Sortiments kommen wird, in höchste Höhen geschraubt. Die Pfalz wäre jedoch nicht die Pfalz, wenn nicht an jeder Ecke eine Geschichte schlummern würde – und zwar auch abseits vom Gebiet Mittelhaardt.

In den vergangenen Jahren sind nicht nur Betriebe wie derjenige der Brüder Rings in Freinsheim fast aus dem Nichts in die Spitzengruppe der Pfalz aufgestiegen, auch rückten auf der Pfälzer Wein-Landkarte Orte in den Fokus, die früher im wahrsten Sinne des Wortes randständig waren. Denn in einem ohnehin recht warmen Gebiet wie der Pfalz hinterlässt die globale Erwärmung natürlich ihre Spuren: So kommen heute aus den Höhen­lagen am Rand des Pfälzer Walds einige der spannendsten Weine – beispielsweise aus dem winzig kleinen Odinstal, einer Weinbau-Insel rund hundert Höhenmeter oberhalb von Wachenheim. Ganz im Norden der Pfalz, an der Grenze zu Rheinhessen, sorgt das Zeller­­-tal in den letzten Jahren für Furore.

Christine Bernhard
Weingut Janson Bernhard: Christine Berhards Familie keltert seit 1739 Wein im Zellertal.

© Bernhard

Bundesweit bekannte Winzer wie Philipp Kuhn und H. O. Spanier sicherten sich Par­zellen in der dortigen Spitzenlage Schwarzer Herrgott sowie der benachbarten rheinhessischen Lage »Zellerweg am schwarzen Herrgott«. Das wiederum befeuert die ortsansässigen Winzer, unter denen Weingüter wie Janson Bernhard, der Klosterhof Schwedhelm sowie das aus dem vormaligen Weingut Herr hervorgegangene Weingut Bremer um die Spitzenposition im Gebiet wetteifern.

Weiter südlich, oberhalb des Orts Burrweiler, sitzt Jürgen Lergenmüller in der guten Stube des »Restaurants Sankt Annagut« – eines Ausflugslokals mit gehobener Küche und Gästezimmern, deren Einrichtung zum Teil noch aus napoleonischer Zeit stammt. Die Panoramafenster bieten einen Blick über die terrassierten Weinberge, die sich bis auf eine Höhe von 355 Metern hinaufziehen. Lergenmüllers ältere Tochter Julia führt gemeinsam mit ihrem Ehemann den Gasthof, seine jüngere Tochter Victoria keltert seit 2012 die Weine des Weinguts Sankt Annaberg. Im Februar wurde die Geisenheim-Absolventin von Falstaff als »Newcomerin des Jahres« aus­gezeichnet – mit gerade einmal 25 Jahren. »Stolz wie ein Goldfasan« sei er auf seine Tochter, sagt Lergenmüller, der selbst erst vor Kurzem die 50 überschritten hat. »Was soll ich alter Sack der Tochter da noch sagen, wie man Wein zu machen hat?«

Herbert Heußler bei der Handlese
Herbert Heußler und sein Pfalz-Ardenner »Rico« bei ihrer Arbeit im Weinberg.

Foto beigestellt

Man liebt es pointiert in der Pfalz. Das gilt auch für den Winzer Herbert Heußler in Rhodt unter Rietburg, dessen Geschichte selbst für Pfälzer Verhältnisse ungewöhnlich ist. »Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es noch fünfzig Pferde in Rhodt«, erzählt der 67-Jährige, »alle für die Arbeit im Weinberg. Doch in den 1960ern haben die Winzer ihre Pferde zum Metzger gefahren und sich Maschinen gekauft.« Heußler, damals noch Genossenschaftswinzer, kaufte sich ebenfalls Maschinen, doch er behielt auch das Pferd.

Die besten Pfälzer Grands Crus

Forster Kirchenstück
3,7 Hektar. Flach ummauert, dadurch mit mildem, aber nicht Feuchte stauendem Mikroklima, eine Vielzahl von Böden auf engstem Raum: Buntsandsteinverwitterung, Sand, rötlicher Ton. Schon in der bayrischen Bodenklassifikation von 1828 die wertvollste Lage der Pfalz. Riesling.

Forster Jesuitengarten
7 Hektar. Buntsandstein und Basaltgeröll, sandiger Ton und Kalk, guter Wasserhaushalt, warme Lage an einem Osthang. Riesling.

Schweigener Sonnberg »Heydenreich«
0,6 Hektar. Extrem flachgründige Kuppenlage auf gelblichen Kalkstein. Liegt praktisch direkt auf der deutsch-französischen Landesgrenze in 250 Metern Höhe. Spätburgunder.

Kallstadter Saumagen
40 Hektar. Kalkmergel und Kaltstein in der Umgebung eine Kaltsteinbruchs aus römischer Zeit. Leider umfasst die Lage in ihrer heutigen Ausdehnung auch einige schwächere Parzellen. Riesling und Spätburgunder.

Forster Pechstein
17 Hektar. Schwarzes Basaltgeröll, Buntsandstein, Basaltadern im Untergrund. Riesling.

Best of Pfalz

In der folgenden Bildergalerie finden Sie die aktuell höchstbewerteten Einzellagenweine der Pfalz aus den Falstaff Verkostungen. 

Weitere Infos und den gesamten Artikel finden Sie im neuen Falstaff Magazin Nr. 03/2016.

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