Das Comeback des Chianti Classico

Von Brolio öffnet sich die Landschaft weit Richtung Süden.

Foto beigestellt

Von Brolio öffnet sich die Landschaft weit Richtung Süden.

Von Brolio öffnet sich die Landschaft weit Richtung Süden.

Foto beigestellt

http://www.falstaff.at/nd/das-comeback-des-chianti-classico/ Das Comeback des Chianti Classico Chianti Classico zählt zu den bekanntesten Weinen der Welt. Klammheimlich hat in den vergangenen Jahren eine grundlegende Qualitätsrevolution in den Hügeln zwischen Florenz und Siena stattgefunden. http://www.falstaff.at/fileadmin/_processed_/e/1/csm_Chianti-Classico-c-beigestellt-2640_e64cd962c9.jpg

Bastflasche war gestern, heute regiert Chianti Classico Gran Selezione. Diese neue Top-Kategorie für Chianti Classico wurde 2013 eingeführt. Anfänglich von vielen mit Skepsis betrachtet, hat sie dem Chianti Classico zu einem neuen Image verholfen. Feintrinker, die früher bei »Chianti Classico« nur verächtlich die Nase rümpften, lassen sich von den Weinen der Gran Selezione begeistern.

»Die Gran Selezione hat uns erlaubt, neue Kundenschichten zu gewinnen und alte zurückzu­holen. Vor allem in Nordamerika, unserem wichtigsten Exportmarkt, haben wir das bemerkt. Die hohen Bewertungen, die diese Weine in der angloamerikanischen Fachpresse erhalten, sind uns dabei eine große Hilfe«, betont Giovanni Manetti, der seit zwei Jahren Präsident des mächtigen Consorzio Chianti Classico ist. Kennzeichen aller Chianti Classico ist der schwarze Hahn, der Gallo Nero, der auf eine mittel­alterliche Legende zurückgeht. Es werden drei Kategorien unterschieden: »Chianti Classico DOCG« ohne weiteren Zusatz, häufig auch als »Annata« bezeichnet.

Die Hauptsorte ist Sangiovese, dessen Anteil mindestens 80 Prozent betragen muss, der Classico kann aber auch ausschließlich aus Sangio­vese erzeugt werden. Die lokalen Sorten Canaiolo und Colorino oder auch Cabernet, Merlot oder Syrah dürfen beigegeben werden. Ein Chianti Classico darf ab 1. Oktober im Jahr nach der Ernte in den Verkauf gehen. Bei »Chianti Classico Riserva DOCG« dauert der Ausbau im Keller mindestens 24 Monate, die meiste Zeit davon im Holzfass. Für die Riserva-Qualitäten werden selektionierte Traubenpartien verwendet. Darüber rangiert »Chianti Classico Gran Selezione DOCG«.

Der Mindestausbau erhöht sich auf 30 Monate, die Trauben dürfen ausschließlich aus betriebseigenen Weingütern stammen. Eine Gran Selezione kann sowohl eine Selektion der besten Trauben als auch ein Lagenwein sein. »Mit der Gran Selezione können wir endlich auch unsere Lagencharakteristika zum Ausdruck bringen!«, sagt Giovanni Manetti stolz. Zwischen den nördlich bei Florenz gelegenen Gemeinden und denen südlich bei Siena gibt es große Unterschiede im Ausdruck. Auch die verschiedenen Höhenlagen, die von 250 bis 600 Meter reichen, spielen eine Rolle. Und dann natürlich die verschiedenen Böden. Nächster Schritt wird eine Kennzeichnung der Gran Selezione nach Gemeinden sein. Manetti ist zuversichtlich und hofft, dass die entsprechende Regelung bereits 2020 beschlossen wird.

Giovanni Manetti

Giovanni Manetti

Foto beigestellt

Mit Fontodi leitet Giovanni Manetti einen der renommiertesten Betriebe im Chianti Classico. Ende der 1970er-Jahre übernahm er das Weingut in Panzano von seinem Vater. Er holte den damals jungen Önologen Franco Bernabei mit an Bord, und zusammen schufen sie Weine, die aufhorchen ließen. Da gab es plötzlich einen Chianti Classico, der richtig gut war. Dann den Lagenwein Vigna del Sorbo, damals Riserva, heute Gran Selezione. Und schließlich den Flaccianello, ein reinsortiger Sangiovese und »Super-Tuscan« der ersten Stunde. Mit gut 90 Hektar umfassen die Weinberge von Fontodi heute nahezu die gesamte Fläche der »Conca d’Oro« von Panzano – ein nach Süden ausgerichtetes Amphitheater, das als Top-Lage im Chianti Classico gilt. Seit einigen Jahren bearbeitet Fontodi auch 10 Hektar im höher gelegenen Lamole, eine weitere Top-Lage. Ein Vergleich der beiden Chianti Classico gibt Aufschluss: finessenreich und elegant der Lamole, mit reiferer Frucht und mehr Fülle der Chianti Classico Fontodi. »Gerade das ist der Reichtum unserer verschiedenen Lagen, den wir endlich mehr valorisieren müssen«, gibt sich Manetti begeistert.

Fèlsina liegt im Südosten des Anbaugebiets. Wie bei Fontodi ist auch hier Franco Bernabei als Önologe beratend tätig. Giuseppe Mazzocolin und Giovanni Poggiali, die Fèlsina leiten, standen der Gran Selezione anfangs skeptisch gegenüber. Dann präsentierten sie aber mit dem Colonia einen der besten Chianti Classico Gran Selezione. Ähnlich verhält es sich mit Paolo De Marchi von Isole e Olena. Auch er meinte auf der Präsentation der ersten
Gran Selezione noch, er würde so etwas wohl nie machen. Dann zauberte er plötzlich den Gran Selezione 2006 hervor, der lange im Keller gereift war und ein würdiger Partner für seinen berühmten Super-Tuscan »Cep­parello« ist. So hat die Gran Selezione für neue Aufbruchstimmung unter den Winzern des Chianti Classico gesorgt.

Die Qualitätssprünge und neuen Regulierungen sind angekommen. Die Chianti-Weine werden insgesamt als konsumfreundlicher wahrgenommen.
Anton A. Rössner, Weinland Abayan, Hamburg

Auch dem »normalen« Chianti Classico kommt das zugute. In den 1990er-Jahren wurden viele Weinberge des Chianti Classico neu bepflanzt. Neue Züchtungen des Sangiovese und dichtere Bepflanzungen sollten höhere Qualitäten erbringen. Heute sind die Weingärten in ihrem besten Alter. Während früher Sangiovese mit der Beigabe von Cabernet oder Merlot zu mehr Dichte gelangte, steigt der Anteil der reinsortigen Sangiovese immer mehr.

Querciabella liegt auf einer lichtdurchfluteten Hochebene über der Ortschaft Greve. Roberto Lasorte leitet das Weingut, im Keller arbeitet der Südafrikaner Manfred Ing, ein engagierter Önologe mit reicher internationaler Erfahrung. Als Querciabella vor knapp 20 Jahren auf Biodynamie umstellte, war das Weingut unter den ersten in der Toskana. »Das hat sich sehr bewährt«, meint Manfred Ing, »der Wuchs der Reben ist einheitlicher, unsere Weine sind eleganter und harmonischer geworden.« Die Chianti-Classico-Produktion von Querciabella beschränkt sich auf Chianti Classico und Riserva. Das sei einfach die Tradition des Hauses, sagt Roberto Lasorte. Noch.

Giovannella Stianti Mascheroni zählt zu den Grandes Dames des Chianti Classico. Ihr Castello di Volpaia umfasst einen ganzen mittelalterlichen Borgo, hoch über Radda auf 600 Metern Höhe. Ihr Vater erstand das Anwesen und die umliegenden Wälder in den 1960er-Jahren, weil er hier auf die Jagd gehen wollte. Giovannella Stianti ließ die Gebäude sorgsam restaurieren, und heute ist neues Leben in den Borgo eingekehrt. Zum Teil leben Mitarbeiter in den Häusern, andere werden an Gäste vermietet. Herzstück von Volpaia ist das Weingut, dessen Keller kunstvoll in die historischen Gebäude eingegliedert wurde. Giovannella Stianti Mascheroni wird heute von ihren Kindern Federica und Nicolò unterstützt.

Bereits seit 2004 werden die Weingärten biologisch bearbeitet. Wichtigster Wein von Volpaia war schon immer der Chianti Classico Riserva. In den 1980er-Jahren – als es die rechtlichen Bestimmungen noch nicht erlaubten, einen Chianti Classico ausschließlich aus Sangiovese zu erzeugen – entstand der Coltassala als Super-Tuscan. Als es 1998 erlaubt wurde Chianti Classico auch allein aus Sangiovese-Trauben zu erzeugen, wurde er Chianti Classico Riserva, heute ist es ein Gran Selezione. Mit dem »Il Puro Casanova« steht ihm seit einigen Jahren ein zweiter hervorragender Chianti Classico Gran Selezione zur Seite. Im direkten Vergleich kommen die unterschiedlichen Lagen sehr gut zum Ausdruck.

Francesco Ricasoli: vom Profi-Fotografen zum erfolgreichen Weingutbesitzer.

Francesco Ricasoli: vom Profi-Fotografen zum erfolgreichen Weingutbesitzer.

Foto beigestellt

Castello di Brolio liegt im Süden von Gaiole, wo sich die Landschaft öffnet und den Blick frei gibt bis nach Montalcino. Bettino Ricasoli war Ende des 19. Jahrhunderts nicht nur zweiter Ministerpräsident des jungen italienischen Nationalstaats, er war auch landwirtschaftlicher Unternehmer und schrieb die bekannte Formel des Chianti Classico fest, nach der zum Sangiovese immer auch etwas weiße Trauben beigegeben werden sollten. Allerdings wurde im Laufe der Jahre vergessen, dass Bettino Ricasoli diese Regel nur für rasch trinkbare Weine formulierte. Wolle man einen lange haltbaren Wein erzeugen, so schrieb er bereits damals, solle man ihn ausschließlich aus Sangiovese machen.

Heute leitet sein Nachfahre Francesco Ricasoli die Geschicke von Barone Ricasoli. Die beachtlichen 250 Hektar Weingärten wurden in den vergangenen 30 Jahren komplett erneuert und in Kleinlagen und Parzellen eingeteilt. Die Krönung dieser langen Arbeit sind vier Chianti Classico Gran Selezione, die mit dem Jahrgang 2016 erstmals alle aufgelegt wurden. Da ist einmal der Castello di Brolio, eine Selektion aus allen Lagen von Ricasoli. Und es gibt drei Lagenweine: Colledilà, der auf Albarese – verwittertem Kalkstein – steht, Roncicone von Muschelkalkböden maritimen Ursprungs und CeniPrimo, der auf durchlässigen Böden von Flussablagerungen gedeiht. Zwischen den einzelnen Parzellen liegen nur wenige Kilometer, und doch zeigen die Weine ganz unterschiedlichen Charakter.

Principessa Coralia Pignatelli della Leonessa könnte man als eiserne Lady bezeichnen. Mit ihren über 80 Jahren steht sie immer noch im Keller, zieht den Wein ab und gibt Anweisungen. Ende der 1960er-Jahre kamen sie und ihr Mann von Rom hierher ins südliche Chianti und erwarben Castell’in Villa, damals mehr Ruine als wirkliches Schloss. Da zum Anwesen auch Weingärten gehörten, begann man, den Wein auch selbst zu vinifizieren. Der Zufall brachte sie mit Giacomo Tachis zusammen, dem berühmten Önologen von Marchesi Antinori. Er stand über viele Jahre lang der Principessa mit seinem Rat zur Seite und weihte sie in die Geheimnisse der Önologie ein.

Bereits ab 1975 verwendete Coralia Pignatelli keine Weißweintrauben mehr in ihrem Chianti Classico. Damals zwar illegal, aber um einen langlebigen Weine zu erzeugen, so sagt sie, musste man sich auf Sangiovese konzentrieren. Für ihre Langlebigkeit sind die Weine von Castell’in Villa heute auch bekannt. Bestes Beispiel dafür ist der Chianti Classico Riserva Poggio delle Rose, eine Einzellage, von dem gerade der Jahrgang 2009 auf den Markt gekommen ist. Ein Prachtexemplar von Sangiovese. Gran Selezione sei derzeit kein Thema für sie. Aber man weiß ja nie, meint die resolute Wein-Lady.

Und wie schaut die Zukunft aus? Für Giovanni Manetti ist die Gran Selezione erst der Anfang. Dann kommen die Ortsangaben und die Vorgabe, dass Gran Selezione ausschließlich aus Sangiovese bestehen darf. Nur der, so ist er überzeugt, bringt die Lagenunterschiede deutlich zum Ausdruck. Und schließlich sollten auch alle reinsortigen Super-Tuscans wie Flaccianello, Percarlo, Cepparello, Tignanello usw. wieder unter das Dach des Chianti Classico zurückkehren. Erste Gespräche würden schon laufen, und die seien vielversprechend, meint Manetti hoffnungsvoll.

Zum »Chianti Classico« Tasting


Chianti Classico – Unsere Top 15

  • Fontodi, Panzano
  • Fèlsina, Castelnuovo Berardenga
  • San Giusto a Rentennano, Monti/Gaiole
  • Marchesi Antinori, Bargino
  • Isole e Olena, Barberino Val d’Elsa
  • Castello di Ama, Gaiole
  • Querciabella, Greve
  • Barone Ricasoli, Gaiole
  • Castello di Volpaia, Radda
  • Fonterutoli, Castellina
  • Castello di Monsanto, Barberino Val d’Elsa
  • Rocca di Montegrossi, Monti/Gaiole
  • Principe Corsini, San Casciano
  • Villa Calcinaia, Greve
  • Poggio al Sole, Badia a Passignano

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 08/2019
Zum Magazin

MEHR ENTDECKEN

Mehr zum Thema

News

Rotweinguide 2023: Vorjahressieger Toni Hartl im Portrait

Der Niederösterreicher überzeugte die Jury im vergangenen Jahr in der Kategorie Syrah. In diesem Jahr ist er zu Gast auf der Rotweingala.

News

NBA-Star Tony Parker kauft Château Saint Laurent

Der vierfache NBA-Champion hat das historische Château mit 40 Hektar Weinbergen im Rhône-Tal gekauft. Er plant, seinen ersten Jahrgang im November...

News

Alkoholfreier Wein: Auf der »ProWein« gibt es erstmals eine eigene Halle

Alkoholfreier Wein ist in aller Munde und gerade bei jungen Menschen beliebt. Auf der »ProWein« gibt es im kommenden Jahr deshalb erstmals eine eigene...

News

WEIN & CO mit über 2.000 Weinen nun auch in St. Pölten vertreten

Ab dem 24. November erwarten Wein-Connaisseure – und solche, die es werden wollen – in St. Pölten auf einer Fläche von 150 Quadratmetern über 2.000...

News

Bacchuspreis geht heuer an Ernst Molden und John Szabo

Der Ausnahmekünstler und der kanadische Master Sommelier wurden für herausragende Verdienste um den österreichischen Wein geehrt. Gesegnet wurde zudem...

News

Licht ins Dunkel: Champagner für den guten Zweck

In Wien eröffnen im November wieder zwei beliebte Champagner-Hotspots, bei denen man mit »Moët Chandon« für »Licht ins Dunkel« spenden kann.

News

»Ich bin meilenweit davon entfernt, mich Winzer zu nennen«

Günther Jauch spricht im Falstaff-Interview über die Gemeinsamkeiten von Fußball und Wein, sein favorisiertes Wine-Food-Pairing und den Anbau einer...

News

Top 11 Ribera del Duero ab dem Jahrgang 2015

Ribera del Duero gilt als eine der aufstrebendsten Weinregionen Spaniens und bringt sensationelle Rotweine hervor. Wir haben für Sie die besten Weine...

News

Enoplastic: nachhaltige Alternative - kompromissloses Design

Die nachhaltige Alternative zu PVS ohne Kompromisse beim Design!

Advertorial
News

Rotweinguide 2023: Das ist die Jury

Die siebenköpfige Jury, bestehend aus österreichischen Weinexperten, verkostete heuer über 1.100 Muster für die 43. Falstaff Rotweinprämierung.

News

Italien erstmals bei der Rotweingala 2022 vertreten

Über 25 italienische Weingüter sind bei der Falstaff Rotweingala 2022 zu Gast in der Wiener Hofburg.

News

Brunello en primeur: Benvenuto Brunello 2022

Benvenuto Brunello im November geht in die zweite Runde. Am vergangenen Wochenende stand der Jahrgang 2018 der Fachpresse zur Prüfung bereit.

News

Die Falstaff Rotweingala 2022 wartet mit dem Who's Who der Winzerszene auf

Mit dabei ist unter anderem das Weingut Scheiblhofer.

News

Qualitätsrevolution im Chianti Classico

Vom geschmähten Allerweltswein zur gesuchten Spitzenkreszenz: Der Chianti Classico hat diesen Sprung dank der neu eingeführten Top-Kategorie Gran...

News

Die Sieger der Chianti Classico Trophy 2021

Chianti Classico bietet guten Trinkgenuss – das gilt natürlich auch für die Jahrgänge 2018 und 2019, die für diese Falstaff-Trophy verkostet wurden.

News

Chianti Classico: Die neuen Gemeinde-Appellationen kommen

Giovanni Manetti, Besitzer des renommierten Weingutes Fontodi in Panzano, ist auch Präsident des mächtigen Consorzio Chianti Classico. Der...

News

Chianti Classico: »UGA« kräht der schwarze Hahn!

Gemeinde-Lagenbezeichnungen im Chianti Classico offiziell festgelegt. Gelten bis auf weiteres aber nur für Chianti Classcio Gran Selezione.

News

Top 8 Chianti unter zehn Euro

Die beliebten toskanischen Klassiker im Test. Chianti mit bis zu 92 Falstaff-Punkten zu sehr attraktiven Preisen.

News

Chianti Classico Collection 2020

Zum ersten Mal präsentierten sich mehr als 200 Winzer in der florentinischen Stazione Leopolda der Einschätzung der Fachbesucher.

News

Die Sieger der Chianti Classico Trophy 2019

Chianti Classico ist eines der ältesten definierten Weinbaugebiete der Welt. In der Falstaff-Bewertung schnitten »Isole e Olena«, »Badia a Coltibuono«...