Das Comeback des Chianti Classico

Von Brolio öffnet sich die Landschaft weit Richtung Süden.

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Von Brolio öffnet sich die Landschaft weit Richtung Süden.

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Bastflasche war gestern, heute regiert Chianti Classico Gran Selezione. Diese neue Top-Kategorie für Chianti Classico wurde 2013 eingeführt. Anfänglich von vielen mit Skepsis betrachtet, hat sie dem Chianti Classico zu einem neuen Image verholfen. Feintrinker, die früher bei »Chianti Classico« nur verächtlich die Nase rümpften, lassen sich von den Weinen der Gran Selezione begeistern.

»Die Gran Selezione hat uns erlaubt, neue Kundenschichten zu gewinnen und alte zurückzu­holen. Vor allem in Nordamerika, unserem wichtigsten Exportmarkt, haben wir das bemerkt. Die hohen Bewertungen, die diese Weine in der angloamerikanischen Fachpresse erhalten, sind uns dabei eine große Hilfe«, betont Giovanni Manetti, der seit zwei Jahren Präsident des mächtigen Consorzio Chianti Classico ist. Kennzeichen aller Chianti Classico ist der schwarze Hahn, der Gallo Nero, der auf eine mittel­alterliche Legende zurückgeht. Es werden drei Kategorien unterschieden: »Chianti Classico DOCG« ohne weiteren Zusatz, häufig auch als »Annata« bezeichnet.

Die Hauptsorte ist Sangiovese, dessen Anteil mindestens 80 Prozent betragen muss, der Classico kann aber auch ausschließlich aus Sangio­vese erzeugt werden. Die lokalen Sorten Canaiolo und Colorino oder auch Cabernet, Merlot oder Syrah dürfen beigegeben werden. Ein Chianti Classico darf ab 1. Oktober im Jahr nach der Ernte in den Verkauf gehen. Bei »Chianti Classico Riserva DOCG« dauert der Ausbau im Keller mindestens 24 Monate, die meiste Zeit davon im Holzfass. Für die Riserva-Qualitäten werden selektionierte Traubenpartien verwendet. Darüber rangiert »Chianti Classico Gran Selezione DOCG«.

Der Mindestausbau erhöht sich auf 30 Monate, die Trauben dürfen ausschließlich aus betriebseigenen Weingütern stammen. Eine Gran Selezione kann sowohl eine Selektion der besten Trauben als auch ein Lagenwein sein. »Mit der Gran Selezione können wir endlich auch unsere Lagencharakteristika zum Ausdruck bringen!«, sagt Giovanni Manetti stolz. Zwischen den nördlich bei Florenz gelegenen Gemeinden und denen südlich bei Siena gibt es große Unterschiede im Ausdruck. Auch die verschiedenen Höhenlagen, die von 250 bis 600 Meter reichen, spielen eine Rolle. Und dann natürlich die verschiedenen Böden. Nächster Schritt wird eine Kennzeichnung der Gran Selezione nach Gemeinden sein. Manetti ist zuversichtlich und hofft, dass die entsprechende Regelung bereits 2020 beschlossen wird.

Giovanni Manetti

Giovanni Manetti

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Mit Fontodi leitet Giovanni Manetti einen der renommiertesten Betriebe im Chianti Classico. Ende der 1970er-Jahre übernahm er das Weingut in Panzano von seinem Vater. Er holte den damals jungen Önologen Franco Bernabei mit an Bord, und zusammen schufen sie Weine, die aufhorchen ließen. Da gab es plötzlich einen Chianti Classico, der richtig gut war. Dann den Lagenwein Vigna del Sorbo, damals Riserva, heute Gran Selezione. Und schließlich den Flaccianello, ein reinsortiger Sangiovese und »Super-Tuscan« der ersten Stunde. Mit gut 90 Hektar umfassen die Weinberge von Fontodi heute nahezu die gesamte Fläche der »Conca d’Oro« von Panzano – ein nach Süden ausgerichtetes Amphitheater, das als Top-Lage im Chianti Classico gilt. Seit einigen Jahren bearbeitet Fontodi auch 10 Hektar im höher gelegenen Lamole, eine weitere Top-Lage. Ein Vergleich der beiden Chianti Classico gibt Aufschluss: finessenreich und elegant der Lamole, mit reiferer Frucht und mehr Fülle der Chianti Classico Fontodi. »Gerade das ist der Reichtum unserer verschiedenen Lagen, den wir endlich mehr valorisieren müssen«, gibt sich Manetti begeistert.

Fèlsina liegt im Südosten des Anbaugebiets. Wie bei Fontodi ist auch hier Franco Bernabei als Önologe beratend tätig. Giuseppe Mazzocolin und Giovanni Poggiali, die Fèlsina leiten, standen der Gran Selezione anfangs skeptisch gegenüber. Dann präsentierten sie aber mit dem Colonia einen der besten Chianti Classico Gran Selezione. Ähnlich verhält es sich mit Paolo De Marchi von Isole e Olena. Auch er meinte auf der Präsentation der ersten
Gran Selezione noch, er würde so etwas wohl nie machen. Dann zauberte er plötzlich den Gran Selezione 2006 hervor, der lange im Keller gereift war und ein würdiger Partner für seinen berühmten Super-Tuscan »Cep­parello« ist. So hat die Gran Selezione für neue Aufbruchstimmung unter den Winzern des Chianti Classico gesorgt.

Die Qualitätssprünge und neuen Regulierungen sind angekommen. Die Chianti-Weine werden insgesamt als konsumfreundlicher wahrgenommen.
Anton A. Rössner, Weinland Abayan, Hamburg

Auch dem »normalen« Chianti Classico kommt das zugute. In den 1990er-Jahren wurden viele Weinberge des Chianti Classico neu bepflanzt. Neue Züchtungen des Sangiovese und dichtere Bepflanzungen sollten höhere Qualitäten erbringen. Heute sind die Weingärten in ihrem besten Alter. Während früher Sangiovese mit der Beigabe von Cabernet oder Merlot zu mehr Dichte gelangte, steigt der Anteil der reinsortigen Sangiovese immer mehr.

Querciabella liegt auf einer lichtdurchfluteten Hochebene über der Ortschaft Greve. Roberto Lasorte leitet das Weingut, im Keller arbeitet der Südafrikaner Manfred Ing, ein engagierter Önologe mit reicher internationaler Erfahrung. Als Querciabella vor knapp 20 Jahren auf Biodynamie umstellte, war das Weingut unter den ersten in der Toskana. »Das hat sich sehr bewährt«, meint Manfred Ing, »der Wuchs der Reben ist einheitlicher, unsere Weine sind eleganter und harmonischer geworden.« Die Chianti-Classico-Produktion von Querciabella beschränkt sich auf Chianti Classico und Riserva. Das sei einfach die Tradition des Hauses, sagt Roberto Lasorte. Noch.

Giovannella Stianti Mascheroni zählt zu den Grandes Dames des Chianti Classico. Ihr Castello di Volpaia umfasst einen ganzen mittelalterlichen Borgo, hoch über Radda auf 600 Metern Höhe. Ihr Vater erstand das Anwesen und die umliegenden Wälder in den 1960er-Jahren, weil er hier auf die Jagd gehen wollte. Giovannella Stianti ließ die Gebäude sorgsam restaurieren, und heute ist neues Leben in den Borgo eingekehrt. Zum Teil leben Mitarbeiter in den Häusern, andere werden an Gäste vermietet. Herzstück von Volpaia ist das Weingut, dessen Keller kunstvoll in die historischen Gebäude eingegliedert wurde. Giovannella Stianti Mascheroni wird heute von ihren Kindern Federica und Nicolò unterstützt.

Bereits seit 2004 werden die Weingärten biologisch bearbeitet. Wichtigster Wein von Volpaia war schon immer der Chianti Classico Riserva. In den 1980er-Jahren – als es die rechtlichen Bestimmungen noch nicht erlaubten, einen Chianti Classico ausschließlich aus Sangiovese zu erzeugen – entstand der Coltassala als Super-Tuscan. Als es 1998 erlaubt wurde Chianti Classico auch allein aus Sangiovese-Trauben zu erzeugen, wurde er Chianti Classico Riserva, heute ist es ein Gran Selezione. Mit dem »Il Puro Casanova« steht ihm seit einigen Jahren ein zweiter hervorragender Chianti Classico Gran Selezione zur Seite. Im direkten Vergleich kommen die unterschiedlichen Lagen sehr gut zum Ausdruck.

Francesco Ricasoli: vom Profi-Fotografen zum erfolgreichen Weingutbesitzer.

Francesco Ricasoli: vom Profi-Fotografen zum erfolgreichen Weingutbesitzer.

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Castello di Brolio liegt im Süden von Gaiole, wo sich die Landschaft öffnet und den Blick frei gibt bis nach Montalcino. Bettino Ricasoli war Ende des 19. Jahrhunderts nicht nur zweiter Ministerpräsident des jungen italienischen Nationalstaats, er war auch landwirtschaftlicher Unternehmer und schrieb die bekannte Formel des Chianti Classico fest, nach der zum Sangiovese immer auch etwas weiße Trauben beigegeben werden sollten. Allerdings wurde im Laufe der Jahre vergessen, dass Bettino Ricasoli diese Regel nur für rasch trinkbare Weine formulierte. Wolle man einen lange haltbaren Wein erzeugen, so schrieb er bereits damals, solle man ihn ausschließlich aus Sangiovese machen.

Heute leitet sein Nachfahre Francesco Ricasoli die Geschicke von Barone Ricasoli. Die beachtlichen 250 Hektar Weingärten wurden in den vergangenen 30 Jahren komplett erneuert und in Kleinlagen und Parzellen eingeteilt. Die Krönung dieser langen Arbeit sind vier Chianti Classico Gran Selezione, die mit dem Jahrgang 2016 erstmals alle aufgelegt wurden. Da ist einmal der Castello di Brolio, eine Selektion aus allen Lagen von Ricasoli. Und es gibt drei Lagenweine: Colledilà, der auf Albarese – verwittertem Kalkstein – steht, Roncicone von Muschelkalkböden maritimen Ursprungs und CeniPrimo, der auf durchlässigen Böden von Flussablagerungen gedeiht. Zwischen den einzelnen Parzellen liegen nur wenige Kilometer, und doch zeigen die Weine ganz unterschiedlichen Charakter.

Principessa Coralia Pignatelli della Leonessa könnte man als eiserne Lady bezeichnen. Mit ihren über 80 Jahren steht sie immer noch im Keller, zieht den Wein ab und gibt Anweisungen. Ende der 1960er-Jahre kamen sie und ihr Mann von Rom hierher ins südliche Chianti und erwarben Castell’in Villa, damals mehr Ruine als wirkliches Schloss. Da zum Anwesen auch Weingärten gehörten, begann man, den Wein auch selbst zu vinifizieren. Der Zufall brachte sie mit Giacomo Tachis zusammen, dem berühmten Önologen von Marchesi Antinori. Er stand über viele Jahre lang der Principessa mit seinem Rat zur Seite und weihte sie in die Geheimnisse der Önologie ein.

Bereits ab 1975 verwendete Coralia Pignatelli keine Weißweintrauben mehr in ihrem Chianti Classico. Damals zwar illegal, aber um einen langlebigen Weine zu erzeugen, so sagt sie, musste man sich auf Sangiovese konzentrieren. Für ihre Langlebigkeit sind die Weine von Castell’in Villa heute auch bekannt. Bestes Beispiel dafür ist der Chianti Classico Riserva Poggio delle Rose, eine Einzellage, von dem gerade der Jahrgang 2009 auf den Markt gekommen ist. Ein Prachtexemplar von Sangiovese. Gran Selezione sei derzeit kein Thema für sie. Aber man weiß ja nie, meint die resolute Wein-Lady.

Und wie schaut die Zukunft aus? Für Giovanni Manetti ist die Gran Selezione erst der Anfang. Dann kommen die Ortsangaben und die Vorgabe, dass Gran Selezione ausschließlich aus Sangiovese bestehen darf. Nur der, so ist er überzeugt, bringt die Lagenunterschiede deutlich zum Ausdruck. Und schließlich sollten auch alle reinsortigen Super-Tuscans wie Flaccianello, Percarlo, Cepparello, Tignanello usw. wieder unter das Dach des Chianti Classico zurückkehren. Erste Gespräche würden schon laufen, und die seien vielversprechend, meint Manetti hoffnungsvoll.

Zum »Chianti Classico« Tasting


Chianti Classico – Unsere Top 15

  • Fontodi, Panzano
  • Fèlsina, Castelnuovo Berardenga
  • San Giusto a Rentennano, Monti/Gaiole
  • Marchesi Antinori, Bargino
  • Isole e Olena, Barberino Val d’Elsa
  • Castello di Ama, Gaiole
  • Querciabella, Greve
  • Barone Ricasoli, Gaiole
  • Castello di Volpaia, Radda
  • Fonterutoli, Castellina
  • Castello di Monsanto, Barberino Val d’Elsa
  • Rocca di Montegrossi, Monti/Gaiole
  • Principe Corsini, San Casciano
  • Villa Calcinaia, Greve
  • Poggio al Sole, Badia a Passignano

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Falstaff Nr. 08/2019
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