Cortis Küchenzettel: Kichern über Cicero

© Shutterstock

© Shutterstock

Eigentlich erstaunlich, dass nur wenige Italiener ahnen, wie unglaublich zart Kichererbsen schmecken, wenn sie im Frühling frisch von der Pflanze geerntet werden und in hellstem Grün leuchten. Schließlich sind unsere südlichen Nachbarn auf der anderen Seite der Alpen sonst echte Experten darin, jedes Gemüse von früher Jugend an auf seine geschmacklichen Qualitäten zu ergründen.

Aber es sind auch nur wenige Tage, während derer den Hülsenfrüchten jenes feine Zitronenaroma innewohnt, das den Frühling auf den Gaumen bringt und sich etwa toll in Risotto macht. Die Erntezeit ist kurz, schnell wechselt die Farbe in sandiges Beige. Im Gegensatz zu Bohnen, die erst mit der Entdeckung Amerikas auf europäische Speisepläne fanden, gehören Kichererbsen seit Jahrtausenden zu unserer Kultur.

Bescheiden, unaufdringlich, mannigfaltig einsetzbar: Kichererbsen wurden schon von den Ägyptern in der Antike kultiviert, in Indien gehen die Funde noch viel weiter zurück. Die alten Römer gaben ihr den Namen Cicer arietinum – daher die Kicher-(Cicer-) Erbse, der Legende nach aber auch der Familienname Marcus Tullius Ciceros, des großen Politikers und Philosophen im alten Rom: Das Antlitz eines seiner Vorfahren soll demnach von einer überaus mächtigen Warze geschmückt gewesen sein, deren Form an eine Kichererbse erinnerte. Der botanische Name »arietinum« wiederum leitet sich von »aries« für Widder ab, weil manche Sorten kleine Knubbel und Schwünge aufweisen, deren Anmutung an geschwungene Widderhörner erinnern soll.

Wie auch immer: Die Kichererbse macht stark, ihr hoher Proteingehalt prädestinierte sie schon in der Antike als billige Kraftnahrung für arme Bauern und Sklaven. Sie waren es, die sich zahllose Zubereitungsvarianten einfallen ließen, ob gekocht als Suppe und Ragout, zu kühler Hummuscreme passiert wie in der Levante, zu Mehl vermahlen und als hauchdünne, knusprige Panisse-Crêpes gebraten wie in Südfrankreich und Ligurien, oder als Dal und Basis für Backteige in Indien.

Der große europäische Denker Umberto Eco meinte gar, dass die Entstehung unseres Kontinents aus den Wirren der Völkerwanderung ohne die erneute Kultivierung von Hülsenfrüchten undenkbar gewesen wäre: »Arbeitende Menschen konnten mehr Eiweiß zu sich nehmen; dadurch wurden sie robuster, lebten länger, zeugten mehr Kinder und besiedelten einen ganzen Kontinent neu. Wir glauben, dass unser Fortschritt von komplizierten Maschinen und Erfindungen abhängt. Dass es uns noch gibt – ich meine uns Europäer –, verdanken wir in Wahrheit jedoch den Hülsenfrüchten.« Also bitte: Mit solch kostbaren Gedanken gewürzt schmeckt auch ein bescheidener, frühlingshafter Eintopf ganz besonders gut.

Severin Corti's Rezept:

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 02/2019
Zum Magazin

MEHR ENTDECKEN

Mehr zum Thema

News

Reis: Diese Sorten sollten Sie kennen

Von Basmati bis Sushi: Rund 10.000 verschiedene Reissorten soll es weltweit geben. Wir geben einen Überblick über die wichtigsten Sorten.

News

Bachl's Restaurant der Woche: Do & Co Onyx

Von einer Bar zum Asia-Restaurant: Im »Onyx« in der Wiener Innenstadt wird ab sofort asiatische Kulinarik serviert.

News

Staatsoperndirektor Bogdan Roščić im Falstaff-Talk

Im Interview erzählt der Chef der Wiener Staatsoper vom Essen in London und kulinarischen Sünden.

News

Rezepttipps: Hahnenkamm am Teller

Genuss abseits der Rennstrecke: Anleitung von den Salzburger Spitzenköchen Karl und Rudi Obauer sowie Hahnenkamm-Alternativen für Pasta-Fans und...

News

Bestseller: Genießer sind erfolgreicher

Ein neuer Bestseller erklärt, weshalb es für die gesamte Gesellschaft gut ist, wenn sich jeder seinen individuellen Genuss gestattet.

News

Mehr geht nicht: Die üppigsten Gerichte

Falstaff präsentiert ein Best-of üppiger Gerichte, denn manchmal wünschen sich auch Feinschmecker Opulentes am Teller.

News

Top 10: Die beliebtesten Rezepte aus Italien

Wir verraten in unserem Ranking, welche Klassiker der italienischen Küche von der Falstaff Community am häufigsten aufgerufen werden.

News

Buchtipp: Hot Cheese

Das neue Kochbuch von der Foodwriterin Polina Chesnakova macht eindeutig Heißhunger auf Käse. Wir haben einige Showstopper-Rezepte für Sie zum...

News

Die besten Schokoladenmacher der Welt

Die Bandbreite in Sachen Schokolade-Qualität ist enorm. Selbst im obersten Segment gibt es große Unterschiede. Falstaff verrät wer nun wirklich die...

Rezept

First comes the Egg

Zum ersten Mal wird Österreich bei der BARILLA Pasta World Championship vertreten: Sören Herzig, Creative Director der DOTS Group, kocht Pasta mit Ei.

Rezept

Gitzileber mit Ziegenfrischkäse, Mais und Molkenzuckerkaramell

Andreas Caminada aus dem »Schloss Schauenstein« beweist, dass sich die einfachsten Zutaten auf hohem Niveau in ausgefalle Kombinationen integrieren...

Rezept

Ris de Veau à la Grenobloise

Der französische Klassiker – Kalbsbries auf Grenobler Art – ists ein herrliches Beispiel für die wichtige Rolle der Zitrusfrüchte in der salzigen...

Rezept

Flan di Spinaci con Fonduta

Klassisch, piemontesisch, gut – so schnell kann aus Spinat ein aufregendes Geschmackserlebnis werden.

Rezept

Eigelb mit Tomme-Fleurette-Sauce und Feldsalat

Club Prosper Montagné präsentiert eine modern interpretierte Haute Cuisine mit französischem Charme von Laurent Eperon.

Rezept

Sanft in Butter gebratener Spargel mit Birne und Sauerklee

Spargel als delikate Souplesse: Koch-Star Alain Passard serviert ihn nicht mit schwerer Sauce Hollandaise, sondern mit Birnen und Sauerklee.

Rezept

Mousse vom Adelbodner Alpkäse mit Hirschtrockenwurst

Björn Inniger vom Restaurant «Alpenblick» im Schweizer Adelboden zeigt, was man aus Alpkäse machen kann.

Rezept

Graumohn Soufflé

Das Graumohn Soufflé wird mit Heidelbeerröster, Griechisches Joghurt, Kürbiskernkrokant sowie Kürbiskern serviert.

Rezept

Brathuhn

Dieses Rezept von AMA macht das Brathuhn richtig knusprig.

Rezept

Blanquette von der Pfauengeiss

Club Prosper Montagné präsentiert eine exquisite Kreation von Albi von Felten.