Bordeaux en Primeur: Tag 8 von Ulrich Sautter

Crus Bourgeois

© Ulrich Sautter

Crus Bourgeois

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Der vorletzte Tag der Primeurwoche beginnt auf Château Lafite-Rothschild, wo der alte Direktor Charles Chevallier und sein Nachfolger Eric Kohler Seite an Seite ein ausgezeichnetes Wein-Trio vorstellen: Duhart Milon, Les Carruades de Lafite und den Grand Vin. Weiter geht es zu Cos d'Estournel, und dort bestätigt sich einmal mehr die Vermutung, dass der Jahrgang 2015 ausgezeichnete Zweitweine hervorgebracht hat: Der Pagodes de Cos hat eine Feinheit, wie man sie lange nicht mehr gesehen hat.

Die nächste Etappe heißt Mouton-Rothschild, und nachdem ich wie jedes Jahr mit einem Golfcaddy über knirschenden Kies zum Tasting gefahren wurde, entdecke ich Weine, die sehr viel straffer gebaut erscheinen, als dies hier im letzten Jahrzehnt der Fall war. Mouton change, könnte man vielleicht schlussfolgern.

Duhart Milon, Les Carruades de Lafite und Grand Vin im Test.

© Ulrich Sautter

Weiter geht es zu Châtaeu Pedesclaux, wo ich im strömenden Regen ebenfalls mit einem Golfcaddy vom Parkplatz abgeholt werde. Ob etwas dran sei an dem Gerücht, frage ich den technischen Direktor Vincent Bache-Gabrielsen, dass Pedesclaux an den Weinbergen von Château Fonbadet interessiert sei. Dazu muss man wissen, dass Fonbadet – eines der letzten verbliebenen Crus bourgeois in Pauillac – über beste Lagen neben Pichon Comtesse und Clerc Milon verfügt. Bache-Gabrielsen amüsiert sich: »Ja, die Revue du Vin de France hat das geschrieben – nur, weil die Fonbadet-Inhaberfamilie Peyronie einmal zum Essen auf Pedesclaux war, wie das unter Nachbarn doch ganz normal ist.«

Nach einem Zwischenstopp im Weiler Bages, wo ich beim Comptoir d’Andréa, dem besten Bäcker des Médoc, im Vorbeigehen eine Quiche aux légumes zu mir nehme, fahre ich weiter zu Pichon Longueville (Baron), und von dort zum Tasting beim Handelshaus Dourthe, das auf Château Belgrave stattfindet. Dort bleibe ich zwei Stunden lang, um noch so viele Lücken wie möglich in meinem Verkostungsprogramm zu schließen.

Die Verkostung »Crus artisans« im Chai von Château Des Graviers.

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Nachdem ich Belgrave verlassen habe, lenke ich meinen Leihwagen nach Listrac, wo es eine Verkostung von Weinen »hors classement« gibt – also von Weinen, die keiner Gruppe wie etwa den Crus bourgeois der den Crus Classés angehören. Die Qualität ist recht durchwachsen, zwei oder drei Trouvaillen sind aber doch dabei. Dann fahre ich nach Arsac, wo das Tasting der Alliance des Crus bourgeois noch bis 19 Uhr geöffnet ist. Auf dem Weg zum Château d’Arsac biege ich aber noch einmal ab, um die Verkostung der »Crus artisans« im Chai von Château Des Graviers zu besuchen. »Cru artisan« war früher eine Bezeichnung für Güter, die im Preis und im Anspruch unterhalb der Crus bourgeois lagen. Jetzt wird die Bezeichnung offenbar wiederbelebt – und was ich probieren konnte, fand ich sehr ansprechend. Es scheint, als würden die in ihrem Qualitätsstreben etwas müde gewordenen Crus bourgeois in rasantem Tempo überholt – von unaffektierten cru artisan-Weinen auf gutem technischem Niveau. »Bei uns finden Sie kein industrielles winemaking«, sagt der Winzer René Rabiller von Château La Peyre aus Saint Estèphe, »wir machen unseren Wein aus Trauben.«

Die Probe der Alliance des Crus bourgeois verlangt mir nochmal den letzten Kampfeswillen ab, denn 80 Prozent aller Weine sind hier wirklich arm an Frucht und viel zu weich in der Gaumenstruktur, manche »trumpfen« sogar mit Süße auf. O Herr, wirf Hirn vom Himmel! Aber einiges Exzellente ist auch dabei, Tour Haut Caussan aus dem Médoc beispielsweise, die Margaux Deyrem Valentin und Tayac Plaisance, oder der Pauillac La Fleur Peyrabon. Das werden in ein paar Jahren ausgezeichnete Flaschen sein – und sie werden das Vorturteil widerlegen, dass Bordeaux teuer sei. Um 19.30 Uhr will ich die Hilfskräfte, die schon seit einer halben Stunde mit dem Aufräumen begonnen haben, nicht weiter nerven (und mich selbst auch nicht) – und mache Feierabend.

Ulrich Sautters ausführliche Jahrgangsanalysen finden Sie ab Ende April/Anfang Mai auf www.weinverstand.de.

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