Dienstag ist es also soweit: Das mit Spannung erwartete neue Tasting-Format der Union des Grands Crus steht an. Um 9 Uhr, dem offiziellen Beginn der Proben, ist es noch vergleichsweise ruhig im Stade Matmut Atlantique. Bislang sind nur drei Journalisten hier: James Lawther MW, Markus de Monego MW und ich. Aber auch die Organisatoren der Probe scheinen es nicht eilig zu haben. Um 9.15 Uhr werden die ersten Flaschen geöffnet, um 9.37 Uhr ist der erste Flight im Glas.

Die nächsten fünf Stunden haben es in sich. Ich probiere mich erst sehr schnell durch die weißen Pessac-Léognan, dann durch die Rotweine derselben Appellation. Als ich mit den Saint-Émilions beginne, ist es bereits 13 Uhr. Eigentlich soll um 13.30 Uhr Schluss sein. Ich brauche eine Stunde länger, und bin nicht der einzige, der überzieht. 60 Weine in fünf Stunden, und das ohne Pause – das ist meiner Meinung nach einfach grenzwertig, wenn man seine Arbeit mit der gebotenen Sorgfalt machen möchte. Am Ende der Probe fühle ich mich, als hätte man mich ausgewrungen und als sei kein Tropfen Wasser mehr in meinem Körper. Das Wasserfläschchen auf meinem Probentisch ist längst leer. Im einem zur Kantine umfunktionierten Nachbarraum finde ich Nachschub, und dazu noch ein paar Reste Salat vom Vorspeisenbüffet. Als mir Otto Rettenmaier, der Besitzer von La Tour Figeac, ein Glas seines 2012ers anbietet, erschrecke ich selbst darüber, wie brüsk ich sein Angebot ablehne. Aber jetzt brauche ich nur noch Wasser. Als ich schließlich gehe, entdecke ich, wie ein unbekannter Kollege seinen Laptop wie zum Trocknen über Kopf aufgeklappt hat, aus der Tastatur rinnt ein kleiner Faden Rotwein.

Sommelierbesprechung bei der großen Verkostung im Stadion. / © Ulrich Sautter
Sommelierbesprechung bei der großen Verkostung im Stadion. / © Ulrich Sautter

Sommelierbesprechung bei der großen Verkostung im Stadion. / © Ulrich Sautter

Bei der Verkostung der Union des Grands Crus gab es ein straffes Programm: 60 Weine in fünf Stunden / © Ulrich Sautter
Bei der Verkostung der Union des Grands Crus gab es ein straffes Programm: 60 Weine in fünf Stunden / © Ulrich Sautter

 

Und dann geht es weiter, durch einen dicken Stau vor dem Pont d’Aquitaine ans rechte Ufer. Auf dem Programm stehen Besuche bei Le Gay und L’Evangile, dann fahre ich beim Syndicat Viticole von Pomerol vorbei, wo es jedes Jahr eine Fülle weniger bekannter Châteaux zu probieren gibt. Nachdem ich ein paar wahre Perlen aufgetan habe, fahre ich nach Saint-Émilion. Auf dem Weg dorthin sehe ich im Secteur Figeac einen Kleinwagen im Straßengraben, die beiden Hinterräder stehen über dem Straßenrand mannshoch in der Luft, was durchaus einen Hauch von Komik hat. Dem Fahrer scheint nichts passiert zu sein. Er steht neben dem Wagen und telefoniert.

Bei der Verkostung des Syndicat Viticole von Pomerol standen auch weniger bekannte Châteaux am Programm. / © Ulrich Sautter
Bei der Verkostung des Syndicat Viticole von Pomerol standen auch weniger bekannte Châteaux am Programm. / © Ulrich Sautter

 

Im Chai von Jean-Luc Thunevin / © Ulrich Sautter
Im Chai von Jean-Luc Thunevin / © Ulrich Sautter

 

In der Unterstadt von Saint-Émilion finde ich mit Glück gerade noch einen einzigen freien Parkplatz und schlendere zur Probe von Jean-Luc Thunevin, um dort Valandraud und ein paar andere Weine zu probieren. Um 18 Uhr geht bei Thunevin das Licht kurz aus und der Ruf erschallt »wir schließen«, doch ich kann dann doch noch eine halbe Stunde länger bleiben und in Ruhe zu Ende probieren. Auf der Rückfahrt nach Bordeaux frage ich mich, was die Probe morgen im Stadion Matmut Atlantique wohl bringen wird.


Ulrich Sautters ausführliche Jahrgangsanalysen finden Sie ab Ende April/Anfang Mai auf www.weinverstand.de.

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