Ein in dunkles Rot getauchtes Wochenende liegt hinter mir. Wie es der geschätzte Kollege Peter Moser bereits an diesem Ort beschrieben hat, standen die beiden letzten Tage im Zeichen der Verkostungen beim Grand Cercle. Bei dieser Vereiningung gibt es mit schöner Regelmäßigkeit die besten Trouvaillen zu probieren – also Weine, die einem die ganze Faszination des Bordelais zu fairen Tarifen nahebringen. Ein Verkostungs-must für uns Journalisten, um die must-buys für Bordeaux-Liebhaber aus dem riesigen Angebot herauszufinden.

Ich habe allerdings nicht alle Weine geschafft. Da ich sehr langsam probiere und unter anderem auch kryptische Zahlenkolonnen notiere, die ich später für meine Analysen verwende – siehe Auszug unten – habe ich es nur auf 140 Weine in zwei Tagen gebracht. Außerdem nütze ich das Angebot des Cercle, blind zu probieren. Zum auffinden wirklicher Entdeckungen ist dieses Verfahren nach wie vor unersetzlich, so jedenfalls meine Meinung.



Auch sonst ist der Erkenntnisgewinn während der zwei Tage gewaltig. Denn die Probe beim Cercle bringt einem nicht nur Schnäppchen ins Glas, sondern sie ist auch eine nahezu erschöpfende Bestandsaufnahme des Jahrgangstyps in all seinen stilistischen Spielarten.

Austrieb in vollem Gange
Nach dem Mittagessen auf Château Bellefont Belcier, wo die Probe stattfindet, vertrete ich mir in strahlendem Sonenschein etwas die Füße und sehe, dass die Reben in den Weinbergen des Gutes bereits ausgetrieben haben. Zurück auf dem Weg in den Verkostungssaal treffe ich auf Jean-François Quenin, den Besitzer von Château Pressac. Auf meine Frage, wie er den Jahrgang 2015 beurteile, erzählt er, dass er neulich bei einem Essen eingeladen war, bei dem die auf dem Tisch stehenden älteren Jahrgänge fast unangetastet blieben, weil alle Gäste die Fassmuster des 2015ers austrinken wollten.

Austrieb auf Château Bellefont Belcier © Ulrich Sautter

Nach einer anstrengenden zweiten Tageshälfte klappe ich um 19 Uhr den Laptop zusammen und fahre zum Abendessen nach Château Siaurac in Néac (Lalande-de-Pomerol), wohin Paul Goldschmidt eine muntere Gästeschar eingeladen hat. Beim Aperitif plaudere ich mich mit Count John Salvi MW und seiner Frau Nellie fest, denn die Änderungen, die die Union des Grands Crus für die Primeurproben bekannt gegeben hat, sehen die Salvis ebenso kritisch wie ich selbst: Dienstag- und Mittwochvormittag werden wir Journalisten in Bordeaux’ neuem Fußballstadion verkosten. Nichts gegen den Ort – doch statt wie früher vier Tageshälften bleiben uns nur noch zwei, und das für die selbe Anzahl an Weinen. Außerdem bietet die UGC keine Blindproben mehr an. Nellie Salvi sagt, das sei das komplett falsche Zeichen, und ich kann ihr da nur zustimmen.

Sonntag, 3. April
Am nächsten Morgen sind Markus del Monego MW und ich den ganzen Vormittag die einzigen Verkoster im Blindproben-Raum auf Bellefont-Belcier. Sehr zur Freude der Probenassistentinnen, denen ein stressiger Job erspart bleibt. Alle paar Stunden schaut überdies die Kellermeisterin von Bellefont Belcier mit einem Thermometer vorbei, um die Temperatur der Verkostungsweine zu prüfen. Als einmal die Sonne von der Seite auf die Flaschen fällt, lässt sie sofort die Fensterläden schließen – die Organisation auf Bellefont Belcier klappt prächtig.

Genaue Temperaturkontrolle auf Bellefont-Belcier © Ulrich Sautter

Nach dem Mittagessen ziehe ich mich mit Alain Reynaud, dem Präsidenten des Grand Cercle, für ein kurzes Interview zurück. Reynaud äußert große Sorgen, dass die Preistreiberei der marktbestimmenden Châteaux in 2015 weitergehen werde. Und er klagt Teile des Handels an: Viele Händler wollten nur das schnelle Geschäft mit teuren Weinen machen, vergäßen aber, dass Bordeaux in jeder Preisklasse attraktive Weine besitze. Und die zu verkaufen, sei ja eigentlich auch ihr Job.

Château La Gaffelière
Nach diesem Gespräch mit seinen erfrischend klaren Aussagen fahre ich für eine Stunde schnell hinüber nach Château La Gaffelière, wo Stéphane Derenoncourt zum Pressetasting eingeladen hat. Interessanterweise präsentiert Derenoncourt alle Fassmuster in 0,375-Liter-Fläschchen. Das scheint mir eine sinnvolle Idee zu sein, denn so bleiben die Verkostungsmuster frischer. Ich probiere ein paar Weine, die mir bislang fehlen und von denen ich weiß, dass ich sie nirgendwo anders probieren werde.

Stéphane Derenoncourt © Ulrich Sautter

Dann fahre ich eilends zurück nach Bellefont Belcier. Bis zum bitteren Ende um 19 Uhr schaffe ich das Programm, das ich mir vorgenommen habe, gerade so eben. Als ich schon fast dabei bin einzupacken, kommen noch Bernard Burtschy vom Figaro und der Luxemburger Winzer Abi Duhr hereingeschneit, sehr zum Missvergnügen der Aushilfskräfte. Aber 20 Minuten zu überziehen ist ja noch vertretbar, also probiere ich schnell auch noch einen zusätzlichen Flight, bevor ich mich verabschiede.

(von Ulrich Sautter)

Ulrich Sautters ausführliche Jahrgangsanalysen finden Sie ab Ende April/Anfang Mai auf www.weinverstand.de.

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