Bordeaux en Primeur: Fazit von Ulrich Sautter

Bordeaux

© Shutterstock

Bordeaux

© Shutterstock

Um mit der Tür ins Haus zu fallen: Ich halte 2015 für einen guten bis sehr guten, aber im Allgemeinen nicht für einen großen Jahrgang. Zwar sind einzelne Weine groß – und die besten Güter haben dermaßen homogene Qualitäten geerntet, dass ihre Zweitweine so nahe am Grand Vin liegen wie vielleicht noch nie. Es ist kein Zufall, dass Cheval blanc sogar ganz auf die Produktion eines Zweitweins verzichtet. Das scheint meiner einleitenden Einschätzung zu widersprechen.

Doch es bleiben folgende Bedenken: Die pH-Werte vieler Weine liegen ziemlich hoch, bei 3,8 und regelmäßig auch höher. Hinsichtlich der Reifefähigkeit weckt das Zweifel. Dazu passt die »leckere« Anmutung, die manch ein Fassmuster hinterlassen hat. Nicht immer, aber oft ist diese Zugänglichkeit ein Ausdruck von Strukturarmut. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Güter den ausladenden Jahrgangstyp zusätzlich mit später Lese und wahrscheinlich auch mit kellertechnischen Methoden in Richtung Süße und Cremigkeit getrieben haben, um dem asiatischen Geschmack – oder dem, was man dafür hält – entgegen zu kommen.

Am anderen Ende des stilistischen Spektrums stehen – vor allem am rechten Ufer – viele Weine, die sich nahe der Überextraktion bewegen. Dicke Beerenschalen infolge des trockenen Sommers und hohe Alkoholgrade haben offenbar manchen Winzer bei der Kelterung überrascht. Zudem fehlt es vielen Weinen kleinerer Châteaux auf eklatante Weise an Frucht.

2015: Ein komplizierter Jahrgang

Dennoch gibt es unter den Weinen von B- und C-Terroirs einige hervorragende Weine. 2015 ist einfach ein komplizierter Jahrgang. Denn auf den tieferen Böden hat die Trockenheit des Sommers den Vegetationsverlauf weniger blockiert als auf den eigentlich besseren Böden mit höherem Skelettanteil. Wo die Böden dennoch genug drainieren konnten, um die herbstlichen Regentage wegzustecken, sind Weine von jahrgangsuntypischer Frische und von einer im besten Sinn klassischen Struktur entstanden.

Gut Ding brauch Weile

Ich teile nachdrücklich die vom Kollegen Peter Moser in seinem Bericht von Tag 8/9 der Primeurwoche geäußerte Meinung, dass Saint Estèphe und das nördliche Médoc völlig zu unrecht als Verlierer des Jahrgangs gelten. Sicher, es gibt dort einige dünne Weine. Aber die besten Saint Estèphes und einige Médoc-Weine wie La Tour de By und Potensac oder der nördliche Haut-Médoc Sociando Mallet werden nach zehn oder 20 Jahren wahrscheinlich zu den erfreulichsten Entdeckungen im Keller gehören. Pauillac und Saint Julien liegen global gesehen dieses Jahr vielleicht ein klein wenig hinter Margaux, aber die bekannten Namen waren eigentlich alle erfolgreich. Fast durchwegs gut sehe ich auch Pessac-Léognan.

Am rechten Ufer sind die Weine vom Kalkplateau Saint-Émilions eine Klasse für sich. Der Kalk hat es während der sommerlichen Trockenheit ermöglicht, die Frische zu bewahren. In Pomerol steht Petrus nach meinem Dafürhalten so turmhoch über seinen Nachbarn wie lange nicht mehr.

Durchwachsene Weißweine

Die Weißweine finde ich sehr durchwachsen, vielen fehlt es an Nerv und Spannung. Die vins liquoreux zeigen das Dilemma des Jahrgangs besonders prägnant: Manche haben eine flache, manche eine intensiv grüne Säure. Selbst einigen der Besseren fehlt es an aromatischem Volumen. Aber auch hier muss man differenzieren: Yquem ist dicht und voll und hat dennoch Spiel – zweifellos einer der besten Yquem der letzten zehn Jahre. Die Verfolger sind Climens, de Fargues und Suduiraut.

Bleibt die Frage nach den Preisen. Allgemein erwartet wird, dass die Premiers 20 bis 30 Prozent aufschlagen werden. Sie und Raritäten wie Petrus werden vermutlich unabhängig vom Preis rasch ausverkauft sein, auch wenn Preise oberhalb des Niveaus von 2009 und 2010 nach meinem Dafürhalten nicht gerechtfertigt sind.

Kein Grund zur Kaufpanik

Im Allgemeinen gibt es indes keinerlei Grund für eine Kaufpanik. Bei geschickter Auswahl wird es auch im mittleren Preisbereich zwischen 15 und 40 Euro viele Weine geben, die den Jahrgang nahe seines Optimums zeigen. Auch war 2015 eine mengenmäßig normale bis gute Ernte. Die Erträge liegen verbreitet um die 40 hl/ha, zuweilen sogar darüber. Last not least sollte man sich vor einer Subskription auch fragen, ob einem der mollige, alkoholkräftige, tendenziell eher runde und weiche Jahrgangstyp wirklich zusagt. Einen Vorteil der 2015er sollten indes auch die Liebhaberinnen und Liebhaber des klassischen Stils nicht übersehen: Mit ihrer verführerischen Zugänglichkeit können die 2015er dabei helfen, das Warten auf reifebedürftigere Jahrgänge wie 2008, 2009 und 2010 zu überbrücken.

Ulrich Sautters ausführliche Jahrgangsanalysen finden Sie ab Ende April/Anfang Mai auf www.weinverstand.de.

MEHR ENTDECKEN

Mehr zum Thema

News

Kleine Inseln, große Weine

Sizilien ist umgeben von kleineren, vorgelagerten Nachbarinseln. Auf allen werden köstliche Weine erzeugt.

News

Wein aus Sizilien: Tanz auf dem Vulkan

Der Ätna gilt als Hotspot der Weinbaugebiete Italiens. Die Weinregion Etna bietet die Grundlage für außergewöhnliche Weine.

News

Vino Nobile di Montepulciano Trophy 2019

Vino Nobile di Montepulciano begeistert durch saftige Frucht und Eleganz. Die Weingüter Trerose, Contucci und Boscarelli sichern sich die ersten drei...

News

Top 10: Die besten Wein-Bars in Hamburg

Winzerabende, feine Weine, gutes Essen – diese hanseatischen Weinbars gilt es zu besuchen!

News

Wein aus dem Knast

Wein entsteht nicht immer aus freien Stücken. In verschiedenen Haftanstalten auf der Welt wird mithilfe der Insassen Wein angebaut. Diese Knastweine...

News

Die Sieger des Falstaff Federspiel-Cup 2019

Die Frühjahrsprobe des Federspiel-Jahrgangs eröffnet den Verkostungsreigen. Beim Grünen Veltliner reüssiert das Weingut Schmelz, der beste Riesling...

News

Champagner Sonnenterrasse in Wien

Für besonderes Prickeln ist in der Laurent Perrier Sommer Lounge im Sans Souci Wien gesorgt!

Advertorial
News

Die Sieger des Falstaff Traisental-DAC-Cup 2019

Die Weine mit der Herkunftsbezeichnung Traisental DAC bestechen im Jahrgang 2018 einmal mehr mit homogener Qualität. Das Weingut Herwald Hauleitner...

News

World Champions: Tement – Weine ohne Grenzen

Das Weingut Tement in der Südsteiermark zählt international zu den besten Erzeugern der Rebsorte Sauvignon Blanc. Besonders herausragend sind die...

News

Hoamat-Trank aus Oberösterreich

Wenig hat sich am Trink­verhalten geändert, seit Franz ­Stelzhamer dichtete »Ünsa Traubn hoaßt Hopfn, ünsan Wein nennt ma Most«. Nur Oberösterreichs...

News

Lust auf Löss am Wagram

Eine dynamische, junge ­Winzergeneration folgt dem Vorbild einer Handvoll ­arrivierter Spitzenbetriebe. Und die haben die Region Wagram mit ihren...

News

Gewinnspiel: 25 Jahre Tour de Vin

Weine verkosten, Side-Events genießen: Die Österreichischen Traditionsweingüter bitten am 4. und 5. Mai zum 25. Mal zur Tour de Vin. Wir verlosen 5...

Advertorial
News

Die Sieger des Falstaff Kremstal-DAC-Cup 2019

Der Jahrgang 2018 präsentiert alle Vorzüge, mit denen die Grünen Veltliner und Rieslinge ausgestattet sind. Sieger sind der Winzerhof Dockner und das...

News

Heurige und Gestrige

Österreichs Top-Weinregionen Kamptal, Kremstal und ­Traisental sind nicht nur für edle Trauben ein guter Boden.

News

Jahrgang 2018 passt perfekt zum Spargel

Der neue Jahrgang präsentiert sich harmonisch und mit feiner Säure. Das macht ihn zum idealen Begleiter vom Spargelgerichten.

News

Der Sommelier des Jahres 2019 im Portrait

Wolfgang Kneidinger ist der Herr über den Weinkeller des »Palais Coburg« und scheint jede der über 5000 Flaschen persönlich zu kennen. Falstaff...

News

Der Bürger als Edelmann

Beim Jahrgang 2016 empfiehlt sich dringend ein Blick auf die hinteren Ränge des Klassements. Denn neben den Grands Crus Classés leisten auch die Crus...

News

Bordeaux: Das Rollercoaster-Jahr 2016

Kurzum: 2016 ist in Bordeaux ein großer Jahrgang, sowohl bei der Qualität wie der Quantität. Die Bedingungen waren geradezu perfekt, um hier echte...

News

Bordeaux En Primeur 2016

Der Jahrgang 2016 hatte es gewaltig in sich. Zunächst beschäftigte der extreme Witterungsverlauf die Winzer. Am Ende bringt er dem Weinfreund...

News

Bordeaux Primeur: ein erster Stimmungsbericht

Der Bordeaux-Jahrgang 2016 hat viel Vorschuss-Lorbeer erhalten. Zurecht oder nicht? Das zeigen die Fassproben, die am Montag begonnen haben.