Die Beurteilung der Bordelaiser Süßweine zum Zeitpunkt der En Pimeur-Verkostung, die kaum ein halbes Jahr nach der Ernte der Trauben erfolgt, zählt zu den kompliziertesten und in manchen Jahren auch bizarrsten Aufgaben, vor die man als Weinexperte gestellt werden kann. Sicher, auch hier kann man aus dem Gesamtbild der vorgestellten Weine einen ersten Eindruck von der durchschnittlichen Qualität des Jahrgangs gewinnen, aber die Weine mit Punkten zu versehen ist aufgrund ihres sehr geringen Entwicklungsfortschrittes sehr schwierig und eine nähere Beschreibung eigentlich wenig zielführend. Es braucht schon einige Zeit auf der Flasche, die es ermöglicht, ein klareres Bild der Weine zu gewinnen und ich denke, dass dieser mit einem gewissen Abstand zur Abfüllung nach mehr als zwei Jahren nach der Ernte gegeben ist. Die Weine werden nun bald ausgeliefert und im Handel verfügbar sein, für jene Weinliebhaber, die nicht in Subskription gekauft haben, werden diese Bewertungen daher von Interesse sein.

Sehr guter Jahrgang
Eine kurze Einschätzung: 2011 ist bei den Süßweinen im Gegensatz zu den Rotweinen in Bordeaux ein sehr gutes bis hervorragendes Jahr, die Qualitäten liegen eindeutig noch über denen des Vorjahres 2010. Zusammen mit dem ausgezeichneten 2009er bilden die Jahre 2010 und 2011 eine herausragende Trilogie. Auffällig ist bei 2011 die große Homogenität, die Weine verfügen über viel Botrytis, eine sehr gute Konzentration, Harmonie und eine gute Säurestruktur, um die vorhandene Süße – die oft jenseits von 140 Gramm je Liter liegt – zu balancieren. Man kann aufgrund der Eckdaten auch von einer großen Lagerfähigkeit ausgehen.


Witterungsverlauf als Herausforderung
Die Weine sind Resultat eines Witterungsverlaufes der die Winzer auf Trab gehalten hat. Im Frühjahr gab sich das Wetter sehr sommerlich, dafür fiel der Herbst in den Sommer. Starke Regenfälle von 24. bis 26. August lösten dann die Botrytis aus, danach stellte sich gutes Wetter ein, und alles ging sehr schnell. Da sich der Edelpilz nun auf den Trauben sehr rasch ausbreitete, mussten die Winzer sehr darauf achten, dass es zu keiner Überkonzentration kam. Es musste sehr selektiv geerntet werden, wodurch es in Sauternes zu einem echten Ernte-Marathon kam, der verhältnismäßig früh begann. Die Erntemengen waren sehr gut, abgesehen von jenen Betrieben wie Guiraud oder La Tour Blanche die bereits am Ostersonntag durch schwere Hagelschläge über 60Prozent ihrer potenziellen Menge eingebüßt hatten.

 

Süßweinernte in Sauternes / Foto beigestellt
Süßweinernte in Sauternes / Foto beigestellt

Weine von großer Finesse

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: neben ansprechender Frucht und guter Komplexität verfügen die Süßweine auch über eine nervige Säurestruktur und Frische, wie sie auch bei den Rotweinen als Jahrgangsmerkmal zu bemerken ist. Das Jahr 2011 brachte sehr reintönige Weine von großer Finesse hervor, die sich wohl schon zu einem frühen Zeitpunkt gut trinken lassen werden. Die meisten Weine werden im Frühjahr 2014 an den Handel ausgeliefert. Es werden Preise erwartet, die klar unter dem Niveau von 2010 liegen – und das obwohl die meisten Weine höher einzuschätzen sind. Yquem 2011 wird En Primeur um weniger als die Hälfte des Preises offeriert, der für den hochgehandelten 2009er berechnet wird. Im Klartext: Jahrgang 2009 ca. € 700,-, 2010 ca. € 550,-, 2011 ca. € 300,-, 2012 gibt es keinen Yquem.

Spannendes Preis-Leistungs-Verhältnis
Es macht also durchaus Sinn, die Angebote des Handels zu studieren. Eine preiswerte und qualitativ ansprechende Alternative bilden die Zweitweine der klassifizierten Gewächse, die ebenfalls viel Trinkvergnügen versprechen. Diese stellen speziell für die glasweise Begleitung im gastronomischen Bereich ein reizvolles Angebot dar.

Die diesem Bericht zugrundlegende Blindverkostung der klassifizierten Süßweine aus Barsac und Sauternes erfolgte mit Ausnahme Yquems, der direkt am Weingut bewertet wurde, Anfangs Jänner auf Château Doisy-Védrines in Barsac. Probiert wurden die Jahrgänge 2010 und 2011 sowohl Grands Vins und Zweitweine.

Verkostungsnotizen
>> Barsac & Sauternes 2010
>> Barsac & Sauternes 2011: die Arrivage-Probe

Weitere Bordeaux-Arrivages Jahrgang 2011
St. Julien
Margaux
St. Estèphe
Pauillac
Graves

Text von Peter Moser

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