Aus Sicht der Winzer in Bordeaux stand die En-primeur-Probe unter einem günstigen Stern: Schon im Vorfeld wurde verlautbart, dass man es mit einer überdurchschnittlichen Qualität zu tun haben würde, dass 2010 möglicherweise sogar über dem großartigen 2009er liegen könnte, dass die Mengen nicht ­gewaltig sind.

Wiedererstärkte Märkte sorgen für noch mehr Nachfrage
Diese Ausgangsposition in Kombination mit fühlbar wiedererstarkenden Märkten in Westeuropa und den USA und einer enormen Nachfrage aus Asien führten zu einem regelrechten Ansturm auf die von der Union de Grands Crus durchgeführten Händlerproben. Über 5000 Fachleute drängelten sich an den Tischen. Für viele war es schlichtweg ein Ding der Unmöglichkeit, Verkostungstermine bei manchen Châteaux zu bekommen. »Dabei geben wir uns Mühe, so viele Interessierte wie möglich probieren zu lassen«, so Paul Pontallier, Direktor des Premier-Cru-Château Margaux, »von Montag bis Donnerstag waren es bei uns allein zwei­tausend Personen.« Auf anderen Gütern wie ­beispielsweise Latour herrschte eine rigidere Besuchspolitik, dort blieb die Zahl der Gäste in der Woche dreistellig. »Wir haben in dieser Woche sehr viele Chinesen, das hat Vorrang«, war vielerorts zu hören.

Verkostungsunterlagen und Factsheets in Mandarin gehören längst zum Normalbild in den Degustationsräumen. Der chinesische Markt ist aufnahmefähig und zugleich finanzstark, die Nachfrage nach den bes­ten und teuersten Weinen ist weiter gestiegen. Auch die Amerikaner waren wieder verstärkt zu sehen. Amerikanische Journalisten wie James Suckling oder James Molesworth, der Suckling beim »Wine Spectator« ersetzt, posteten schon vor den En-primeur-Proben Höchstpunkte.

Historischer Jahrgang
Der Jahrgang 2010 wird mit Sicherheit in die Geschichte eingehen, denn er bedeutet eine wohl unabwendbare stilistische Änderung für die Rotweine aus Bordeaux. Das warme und vor allem extrem trockene Wetter von Juni bis zur Erntezeit führte zu einer enormen Konzentration der Trauben. Da dem bereits aufgrund einer recht schlechten Blüte ein geringerer Fruchtansatz ­vorangegangen war, zeigten bereits die Moste Werte, die in Bordeaux nie für möglich gehalten worden waren. Nie zuvor gab es solch hohe Tanninwerte, Extrakte und dazu noch, völlig ungewöhnlich, enorme Säurewerte. Dies gepaart mit einem hohen Zuckeranteil führte zu den höchsten Alkoholwerten, die man in Bordeaux auf natürliche Weise je geerntet hat.

Man erinnere sich: Es war in Bordeaux, wo man die teuren Mostkonzentratoren erfunden hat, um den Weinen mehr Stoff zu verleihen. 2010 hat man Weine geerntet, deren Parameter eher ins Napa Valley oder nach Australien passen würden, sieht man von der Säure einmal ab. Dass unter solchen Rahmenbedingungen manch Merlot am rechten Ufer die 15 Volumenprozent Alkohol übersteigen würde, war anzunehmen. Dass aber ein Finessenwein wie La Mission Haut-Brion einmal 15,1 Volumenprozent erreichen würde – wer hätte das gedacht?

Resumee und Vorschau
Was aber bedeutet das im Klartext? 2010 ist ein völlig atypischer Bordeaux-Jahrgang, wenn man den Blick zurück richtet. Betrachtet man aber die ebenfalls extrem trockenen Jahrgänge 2005 und zuletzt 2009, die beide als Jahrhundertjahrgänge gefeiert wurden und einen enor­men Preisanstieg auslösten, so könnten Jahre wie diese aufgrund des Klimawandels schneller die Regel werden, als den wahren Bordeaux-Freunden lieb ist. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass die Topweine 2010 nochmals teurer werden als die aus 2009. Und die Mehrheit der 2010er wird tatsächlich besser sein als die Weine aus dem etwas heterogenen 2009er-Jahr. Aber auch 2010 wird eine selektive Einkaufspolitik notwendig machen. Falstaff wird diesen Jahrgang detailliert analysieren und in der nächsten Ausgabe auch jene Weine vorstellen, die für ganz normale Weinkonsumenten erschwinglich und empfehlenswert sind. Es gibt sowohl für die Gastronomie als auch für Private Weine mit großartigem Preis-Leistungs-Verhältnis, von den spekulativen Topweinen wird man sich ohnehin wohl oder übel verabschieden müssen.


Text von Peter Moser aus Falstaff Nr. 3/2011

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