Bodo Sperlein im LIVING-Talk

Bodo Sperleins besondere Gabe: Er nutzt alte Handwerkstechniken und Materialien, um sie in einen zeitgemäßen Look zu transformieren.


© Michael Donath

Bodo Sperleins besondere Gabe: Er nutzt alte Handwerkstechniken und Materialien, um sie in einen zeitgemäßen Look zu transformieren.


© Michael Donath

Bevorzugte Lage: Südseite und traumhafter Blick auf die Themse. Auch mit der Standortwahl seines ersten Studios bewies Bodo Sperlein (52) vor zwanzig Jahren das richtige Gespür. Als frischgebackener Absolvent des Camberwell College of Arts bezog er den Oxo Tower im Stadtteil -South Bank, der mit der Jahrtausendwende zu boomen begann. Heute residieren im Hochhaus nahe dem »London Eye« Riesenrad und dem Museum Tate Modern zahlreiche Designfirmen. Im zweiten Stock befinden sich ein weitläufiger eleganter Shop mit Bodo Sperleins Produkten und sein Büro mit acht Angestellten.

LIVING: Herr Sperlein, Sie arbeiten als international renommierter Designer von London aus. Wie wichtig ist für Sie dieser Standort?
Bodo Sperlein: Enorm wichtig. London bietet ungemein viel Power und Inspiration, Kunstvielfalt und zugleich Wirtschaftskraft. 45 Prozent des weltweiten Designs gehen zurück auf Absolventen, die in Großbritannien ausgebildet worden sind. Mit London kann keine andere Metropole mithalten.

Dabei sollen Sie in den neunziger Jahren eher zufällig in der Stadt hängengeblieben sein?
Ich kam nach London, um Spaß zu haben und herauszufinden, wohin ich im Leben will. Ich wollte zunächst Psychologie studieren. Als ich Sachen für meine Wohnung brauchte, habe ich mir überlegt: Das Geschirr kann ich vielleicht selber herstellen, wenn ich so einen Keramikkurs an der Abendschule belege. Das klappte dann ganz gut, wie mir eine der Lehrerinnen bestätigte.

»Nicht überperfektionistisch sein und auch kleine Fehler akzeptieren. Vielleicht machen die am Ende gerade den Charme des Designs aus.« Bodo Sperlein über den Designprozess

Wurde Ihr Talent nicht schon früher entdeckt?
Nein. Ich bin zwar früh in Museen gegangen und konnte auch Wohnungen recht hübsch einrichten, doch der entscheidende Impuls war erst das Studium am Camberwell College of Arts. Statt irgendwelche Designs zu kopieren, wurde dort dein Auge erst einmal grundsätzlich geschult. Während man aus meiner Sicht in Deutschland eher studiert, um seinen Professor zu bauchpinseln, habe ich in England das Rüstzeug bekommen, um eigene Ideen entwickeln zu können. Es war ein anspruchsvolles Studium, das viel aus mir herausgeholt hat. Mein großes Glück.

Rührt daher auch Ihre designerische Vielfalt – vom Geschirr über Lampen bis neuerdings zu TV-Geräten?
Als Creative Director von Loewe arbeite ich erstmals mit einem Technologie-Unternehmen zusammen. Es sind genau solche Herausforderungen, die ich an meiner Arbeit liebe. Ich muss ja keinen neuen Lautsprecher, sondern eine neue Formsprache für das Design erfinden. Das gehe ich mit einem frischen Blick an, den ein Industrie-Designer in seiner Technik-Fixiertheit nicht unbedingt hat. Und Loewe hat mich angesprochen, weil sie die Traditionsmarke über das Design beleben und im Luxus-Segment neu positionieren wollten.

Die Rückkehr des Fernsehers als Möbelstück?
Ich würde lieber sagen: als Wohnobjekt. Die Geräte sind nicht kleiner, sondern nur flacher geworden. In einer Ecke verstecken oder möglichst neutral gestalten? Nein! Dann fallen sie erst recht als Fremdkörper auf. Ich möchte sie bewusst in Szene setzen. Und auch wenn der Fernseher ausgeschaltet ist, soll er schön aussehen. Das ist ein skulptureller Ansatz, und die Formsprache ist elegant-fließend und unisex. Das finde ich ganz wichtig. Denn die Zeit, als Hightech-TV-Geräte wie Lesesofa und Sportwagen zu den Statussymbolen eines männlichen Single-Haushalts gehörten, sind vorbei.

Als »Technologie mit Seele« wurde Ihre Arbeit für Loewe in einem Bericht beschrieben …
Ein schönes Kompliment. Im Fall von Loewe ist es auch eine Rückbesinnung auf das Ma­te­rial Holz. Der Firmensitz wurde nach dem Krieg von Berlin auch deshalb ins oberfränkische Kronach verlegt, weil dort die Holz­industrie saß. Ich bin im benachbarten Bamberg geboren. Wenn jetzt statt Aluminium oder Plastik wieder Holz von Hand für die Loewe-Fernseher verarbeitet wird, verbinde ich das mit regionaler Verwurzelung, Nachhaltigkeit und Qualität. Und immer mehr Menschen schätzen derartiges Handwerk und die Geschichten, die man damit erzäh­-len kann. Das Individuelle setzt sich gerade wieder durch. Auch als Gegenbe­wegung zu minimalistischen, sehr neutralen Designs ­wie bei Apple.

Für die mexikanische Marke Tane haben Sie das Material Silber in einer Kollektion verarbeitet. Auch eine Wiederentdeckung?
Unbedingt. Ich hatte Silber nicht auf der Lis­te. Es gab dieses altmodische, großmütterliche Image. Dabei ist Silber ein sensibles, hoch reflektierendes und faszinierendes Material. Auch hier lag der Reiz darin, zeitgemäße Designformen zu finden. Es weckt meine Krea­tivität, wenn ich mich in unbekanntes Material förmlich mit allen Sinnen und in­tensiver Recherche reinknien kann.

»Im Herstellungsprozess mit vielen anderen Beteiligten gehe ich dann nicht obsessiv vor. Ich bin mit mir im Reinen und weiß: Ich kann mich auf meine spontanen Einfälle und die Empfindung für den richtigen Moment verlassen.« Bodo Sperlein über seine Arbeitsweise

Was sind Ihre Inspirationsquellen?
Die Natur, visuelle Eindrücke, immer wieder die Kunst. Bei der Farbgestaltung der Silber-Kollektion habe ich mich zum Beispiel stark von William Turners Himmelsgemälden in­spirieren lassen. Im Herstellungsprozess mit vielen anderen Beteiligten gehe ich dann nicht obsessiv vor. Ich bin mit mir im Reinen und weiß: Ich kann mich auf meine spontanen Einfälle und die Empfindung für den richtigen Moment verlassen.

Was ist der richtige Moment?
Das Steak nicht noch mal in die Pfanne hauen, obwohl es schon gut ist. Heißt: nicht überperfektionistisch sein und auch kleine Fehler akzeptieren. Vielleicht machen die am Ende gerade den Charme des Designs aus.

Wie sind Sie privat eingerichtet?
Ich bewohne ein restauriertes mehrstöcki­ges Kutscherhaus in London, in dem die ­Spuren der Vergangenheit zu spüren sind. Dabei umgebe ich mich mit Dingen, mit denen ich mich wohlfühle – mit Vintage-­Stücken, Kunst, zeitgemäßen Designobjek­-ten. Nicht steril, aber auch nicht hygge und kakao-gemütlich, sondern ganz individuell kombiniert. Eine moderne Geborgenheit, wenn man so will.

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