Bio-Revolution im Burgenland

Esterházys Herde von 30 Mutterkühen hält den Steppenrasen am Westufer des Neusiedler Sees
busch- und schilffrei.

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Esterházys Herde von 30 Mutterkühen hält den Steppenrasen am Westufer des Neusiedler Sees
busch- und schilffrei.

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»Ich lebe in einer Gegend mit weitem Horizont,« sagt Franz Traudtner nachdenklich. »Mancherorts müssen wir noch Hügel erklimmen.« Das »Aber« dazwischen hat er bewusst weggelassen. Der Biobauer bewirtschaftet im Seewinkel 40 Hektar Ackerland, vertritt im Nebenerwerb als Obmann die Interessen der burgenländischen Ökobauern und bemüht gern Gleichnisse. Etwa, dass jetzt halt »die Mühen der Ebene beginnen«. Weil sich Erfolg nun mal nicht verordnen lasse.

Was der Biofunktionär meint, wenn er vom Verordnen spricht, ist die agrarpolitische Agenda seines Landeshauptmanns. Sein ehrgeiziges Ziel hat Hans Peter Doskozil im vergangenen Frühjahr in einem Punkteplan anhand von zwölf konkreten Maßnahmen erläutert. Wichtigster und letztlich allem übergeordneter Punkt: Bis 2027 sollen 50 Prozent aller landwirtschaftlichen Flächen des Bundeslandes biologisch bewirtschaftet werden. »Die Marschrichtung lautet Schritt für Schritt zu 100 Prozent Bio«, so Doskozil damals. Wobei der erste Hügel bereits erklommen wurde. Als das Land seinen Maßnahmenplan vorstellte, lag die Bioquote noch bei 31 Prozent. Nur wenige Monate später freute man sich, bereits 37 Prozent verlautbaren zu können. Freilich: Die Umstellung auf Biolandwirtschaft ist ein aufwendiger mehrjähriger Prozess, der anfangs sogar Verdiensteinbußen bedeuten kann (weil punktuell Ernteerträge sinken, die Erzeugnisse aber noch nicht als zertifizierte Bioware vermarktet werden können). Die eingerichtete Landesförderung zur Umstellung auf Biolandbau rufen viele Betriebe daher dankbar ab.

Die groß angelegte »Biowende« folgt einem Verständnis, das die Biobewegung nicht als Spleen der Bobos und Bessergestellten erachtet, sondern Gesundheit und den konsequenten Schutz von Wasser und Boden, aber auch den Erhalt der kleinstrukturierten Kulturlandschaft im Sinn hat. Die Stoßrichtung lautet: Lebensqualität für alle. Durchaus stimmig, dass eine der zwölf Maßnahmen nun gewissermaßen »Bio für die Massen« bringt. In landesnahen Küchen und Buffets wird der Bioanteil sukzessive erhöht. Schon 2021 soll er bei 50 Prozent, 2024 bei 100 Prozent liegen. Das soll – natürlich – Absatz sichern und gewährleisten, dass die Bauern ihre Bioerzeugnisse auch verkaufen können.

Bio-Revolution in der Gastronomie

Nicht ob, sondern wie die Biowende am besten gelingen kann, erarbeitet das renommierte Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FIbL) für das Land gerade in einer Machbarkeitsstudie. »50 Prozent Bio sind noch ambitioniert, aber die Voraussetzungen im Burgenland sind sehr gut«, sagt Susanne Kummer, Projektleiterin am FIbL. Fest steht: Das künftige »Bioland Burgenland« ist gut beraten, sich am Erfolgsmodell Dänemark zu orientieren.

Großküchen in Kopenhagen haben mittlerweile einen Bioanteil von bis zu 90 Prozent. Um die Nachfrage auch privat zu fördern, wurde ein eigenes dänisches Gütesiegel für Biogastronomie eingeführt. Noch naheliegender: Auch in Wien hat sich die von der Stadt geförderte dreistufige Gastro-Zertifizierung »Natürlich gut essen« bewährt. Zuletzt sorgte etwa die dadurch angestoßene 100-Prozent-Biospeisekarte von »Kolariks Luftburg« im Wiener Prater für Bewegung. Und dass die Mensa der Universität für Bodenkultur (BOKU) ab diesem Wintersemester voll auf Bio setzt, kommt einer kleinen Revolution gleich. Immerhin wird dort die Agrarelite des Landes ausgebildet.

Weil sowohl die Bundeshauptstadt als auch die BOKU stark auf Regionalität setzen, profitieren davon neben den Produzenten aus Niederösterreich auch klar die bäuerlichen Betriebe des Burgenlands. Praktisch auch, dass die süddeutsche Biosupermarktkette Denn’s bereits im vergangenen Herbst eine eigene Filiale in Eisenstadt eröffnet hat – und auf ein deutlich regionaleres Sortiment setzt als konventionelle Supermärkte. Denn klar ist für Susanne Kummer auch: Um Bio wirklich flächendeckend auszurollen, reicht es nicht, wenn Bioprodukte nur in Wien, in noblen Weinbars oder in den burgenländischen Gourmettempeln verkocht werden. Auch die lokale Bevölkerung muss mitziehen. Und der Tourismus.

Durchaus von Vorteil, dass gerade der Ökotourismus im Burgenland bereits eine große Rolle spielt. Das weite Land ist ideal für Fahrradtouren, und der Seewinkel etwa wird von Birdwatchern aus aller Welt besucht. »Da ist die Akzeptanz für Bio natürlich größer, als wenn jemand zu einem Open-Air-Konzert nach Ischgl fährt«, weiß Alois Lang, der im Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel seit Jahrzehnten den Ökotourismus entwickelt. Eine naturaffine Klientel habe höhere Ansprüche an die Qualität von Lebensmitteln. »Das ist natürlich einfacher, als wenn es wo nur Touristen gibt, die ihre Bucket-List abhaken wollen – und eine Chance, die kleinen Strukturen der Landwirtschaft zu erhalten«, so Lang.

Kaum ein Gemüse, das es im Burgenland nicht gibt – neben den Klassikern im Kisterl, gedeihen inzwischen sogar Oliven, Ingwer und Minikiwis.

Kaum ein Gemüse, das es im Burgenland nicht gibt – neben den Klassikern im Kisterl, gedeihen inzwischen sogar Oliven, Ingwer und Minikiwis.

© GettyImages | valentinrussanov

Zweifelsohne ist es um die Landwirtschaft auch im Burgenland nicht rosig bestellt. Bald 70 Prozent der Bauern haben seit 1995, dem Zeitpunkt des EU-Beitritts, ihre Höfe aufgegeben. Die verbliebenen Betriebe sind entsprechend größer geworden, bewirtschaften weitere Flächen. Namhafte Winzer wie Franz Weninger haben auch ins grenznahe Ungarn expandiert. Bio ist für Weninger seit Jahren selbstverständlich. Er orientiert sich an den – noch weitaus strengeren – Richtlinien für biodynamischen und Demeter-Weinbau. »Die erste große Biowelle im Weinbau gab es 2008, 2016 sind dann viele der ganz Großen nachgezogen, andere stellen gerade um«, weiß er. »Wer ernsthaft mit Trauben arbeitet und auf Individualität setzt, kommt immer schwerer an Bio vorbei,« sagt Weninger, der durchaus bedauert, dass es – gerade im Weinbau – längst auch eine Bioindustrie gibt, mit maschineller Ernte und seelenlosen Weinen.

Im internationalen Vergleich sind freilich selbst die Großen der Gegend immer noch überschaubar klein und agieren in Nischenmärkten. Für Biobauernfunktionär Franz Traudtner ist es deshalb entscheidend, bei der Bewusstseinsbildung anzusetzen – gerade auch bei Köchen. Diesen müsste nicht zuletzt vermittelt werden, dass Bio auch auf herkömmlichen Beschaffungswegen kein Problem mehr darstelle – in der Küche wie auf der Weinkarte.
Was Köchen, die sich für regionale Bioqualität begeistern lassen, entgegenkommt: Es gibt wenig, das es im Burgenland nicht gibt. Getreide, Gemüse, Pilze, Früchte, Reis, Rinder und Wild. Mittlerweile sogar Oliven, Ingwer und Minikiwis. Die Diversität ist groß. Und beim Wein wächst jede Sorte, die in Österreich gedeiht, auch um den Neusiedler See. Umgekehrt ist das nicht der Fall.

Ein ganz wesentlicher regionaler Akteur ist die Esterházy-Gruppe, in vielerlei Hinsicht ein Leitbetrieb, der mit der Landespolitik an einem Strang zieht. Mit seinen 2200 Hektar Landwirtschaft setzt Esterházy konsequent auf die behutsame Bewirtschaftung der ökologisch bedeutsamen Flächen. »Nur im Weinbau haben wir noch einen gesunden Respekt vor Bio, wollen kein Risiko eingehen«, gesteht Geschäftsführer Matthias Grün. »Wir sehen uns aber als Vorreiter im naturnahen Weinbau und streben eine Bioumstellung an.«

Die unter der Esterházy-Marke Pannatura vermarkteten Bioprodukte werden vor allem regional verkauft – in den eigenen Gastro- und Tourismusbetrieben, in der Markthalle in Eisenstadt und seit Kurzem über zwei Foodtrucks. Diese »rollenden Markthallen« vertreiben auch Bioprodukte anderer burgenländischer Betriebe. Überregional machte Esterházy bereits vor einiger Zeit auf sich aufmerksam – mit einer Kooperation mit Ja! Natürlich, der Biomarke der REWE-Gruppe. Erstmals setzte Ja! Natürlich bei Mehl, Brot und Feingebäck gewissermaßen auf Co-Branding. Ein Riesenschritt für beide Partner. Die Innovation im Biobereich hierzulande, das steht derzeit fest, geht einigermaßen geballt vom Burgenland aus. Weitem Horizont sei Dank.

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