Der Handel mit den Spitzenweinen aus Bordeaux hat im Laufe der Jahrhunderte so seine Eigenheiten entwickelt. Ein Großteil dieses Geschäfts wird von einem ­exklusiven Kreis auf sehr diskrete Weise ­abgewickelt, bevor der private Kunde die ­Gelegenheit bekommt, durch den Subskrip­tionskauf mit seinem Geld diesen lukrativen Kreislauf auf Jahre vorzufinanzieren. Über viele Jahre profitierten alle Beteiligten von diesem En-Primeur-System. Angefeuert durch einige sensationelle Jahrgänge entwickelten sich die Preise mit ungeahnter Rasanz und erlebten 2009 und 2010 Rekordhöhen. Das war offensichtlich auch für eingefleischte Bordeauxfreunde zu viel des Guten, und nun ist niemand mehr bereit, überteuerte Weine zu subskribieren. Die Frage, die immer lauter gestellt wird, heißt: Ist das Subskriptions­geschäft in seiner bestehenden Form in ­Zukunft noch haltbar?

Traditionell sind nur die besten und pres­tigeträchtigsten Gewächse am En-Primeur-Geschäft beteiligt. Der Löwenanteil der Produktion im 130.000 Hektar großen Anbaugebiet Bordeaux wird ganz normal gehandelt – wie überall anders auch. Bisher funktionierte das so: Im Bordeaux selbst sind am Geschäft drei Fraktionen beteiligt. Da sind zunächst die Besitzer der noblen Weingüter, der Châteaux, auch »Châtelains« genannt. Sie erzeugen das begehrte Handelsgut. Die nächste Gruppe sind die Weinmakler, die Gruppe der »Courtiers«, diese bilden das Bindeglied zwischen den Weingütern und den Großhändlern im Bordeaux, welche die dritte Gruppe der »Négociants« bilden.

Patrick Bernard vom erfolgreichen Handelshaus Millésima / Foto beigestellt
Patrick Bernard vom erfolgreichen Handelshaus Millésima / Foto beigestellt


Patrick Bernard vom erfolgreichen Handelshaus Millésima / Foto beigestellt

Drehen wir die Zeit um 150 Jahre zurück, um die Ursprünge des Systems besser zu verstehen. Ein großes Château wie Lafite in Pauillac erzeugte damals etwa 400 bis 500 Barriques Wein pro Jahr und bekam pro Fass etwa 1000 bis 1200 Francs. Bald nach der Ernte stellten sich Makler im Keller ein, um Fass für Fass zu beurteilen. Sie wählten im Auftrag der Händler im Bordeaux jene Barriques aus, die sie für die besten hielten und markierten diese mit ihrem Zeichen. Im Frühjahr wurde der Jungwein im Fass nach Bordeaux-Stadt verfrachtet, wo die Händler ihre eigenen Weinkellereien besitzen. Dort wurde entweder weiter geschult oder im Fass per Schiff an Kollegen in London, Bristol, Amsterdam oder Hamburg weitergeschickt. Die systematische Abfüllung auf Flaschen, die zunächst auch von den Händlern und nicht von den Weingütern besorgt wurde, ­begann erst Ende des 19. Jahrhunderts.

HINTERGRUND: Bordeaux – Zahlen und Fakten

Erst mit der industriellen Produktion der Glasflasche – davor gab es nur mundgeblasene Exemplare, die entsprechend teuer waren – begann der Handel mit etikettierten Flaschen. Die obligatorische Abfüllung der Weine direkt auf dem Weingut, die »mis en bouteilles au château«, wurde erst 1972 eingeführt. Bis dahin war der Fassverkauf durchaus noch gängige Praxis, speziell bei den Weinen vom Rechten Ufer. Daher stammen die unzähligen »Händlerabfüllungen«, die teilweise weit entfernt vom Entstehungsort des Weins in England, Belgien oder Deutschland durchgeführt wurden. Die Zweifel in Bezug auf Jahrgang und tatsächlichen Inhalt sind in diesem Zusammenhang berechtigt und stellen im Altweinhandel durchaus ein Problem dar. Denn selbst wenn diese Abfüller seriös waren, wie z. B. Vandermeulen in Ostende, so sind ihre Flaschen einerseits bei Kennern beliebt, andererseits aber auch besonders fälschungsanfällig.

Château Palmer ist ein Klassiker der Appellation Margaux, die Preise für seine Weine stiegen zuletzt merklich an / Foto beigestellt
Château Palmer ist ein Klassiker der Appellation Margaux, die Preise für seine Weine stiegen zuletzt merklich an / Foto beigestellt

 

Heute gibt es rund 130 Courtiers im Bordeaux, der Großteil dieser Experten ist im  Syndicat Régional erfasst und bewegt rund 85 Prozent des Fine-Wine-Handels. Sie sind das Bindeglied zwischen Handel und Erzeuger, informieren die Weingüter über Angebot und Nachfrage und wickeln, ähnlich wie Börsenmakler, die Kaufverträge mit den Négocianten ab. Der Courtier erhält dafür eine Provision von zwei Prozent, die dem Kaufpreis aufgeschlagen wird. Seine wichtigste Rolle ist die Zuteilung der Weinmenge eines Château an verschiedene und untereinander konkurrierende Négocianten.

Château Beychevelle in Saint-Julien zählt zu den qualitativen Aufsteigern der letzten Jahre / Foto beigestellt
Château Beychevelle in Saint-Julien zählt zu den qualitativen Aufsteigern der letzten Jahre / Foto beigestellt

 

Die Négocianten, die klassischen Weinhändler, blicken auf eine lange Geschichte zurück, die ihren Ursprung in den Jahrhunderten hat, als Aquitanien ein Teil des Königreichs England war. Sukzessive ließen sich in der Stadt Bordeaux Händler aus den Hansestädten sowie aus England und Irland nieder, die mit den haltbaren Weinen der Region gute Geschäfte machten. Verschifft wurden diese vom Quai des Chartrons, in dessen Umfeld die Weinhandelsleute ihre Kontore und Kellereien errichteten. Bis heute haben viele dieser »Maisons de négoce« ihren Sitz in diesem Stadtviertel. Wie in jedem Business gibt es auch hier einige Platzhirsche und eine erkleckliche Zahl kleinerer Firmen bis hin zu Einmannbetrieben, den »Négociant en chambre«, die aus einem Zimmerchen agieren, oder »Faxisten«, Briefkasten­firmen ohne Personal vor Ort. So gibt es ­heute etwa zwischen 400 und 500 Négocianten, von denen weniger als 50 Firmen rund 85 Prozent des gesamten Umsatzes machen. Fast alle Crus Classés und rund 70 Prozent des restlichen Weinvolumens werden von diesen Unternehmen in alle Länder der Welt verhandelt. Die Giganten unter den ­Négocianten wie Castel, Les Grands Chais de France, Baron Philippe de Rothschild, CVBG Dourthe-Kressmann, Mähler-Besse oder ­Millésima sind zugleich Besitzer namhafter Weingüter, erzeugen aber auch generische Markenweine, die weltweit gehandelt werden. Mouton-Cadet aus dem Hause ­Rothschild ist Bordeaux’ älteste und erfolgreichste Weinmarke und verkauft eine Million – nein, nicht Flaschen, Kisten zu zwölf ­Flaschen pro Jahr!

BILDERSTRECKE: Bordeaux-Weine der Superlative – Rotweine, die man zumindest ein Mal im Leben getrunken haben sollte.

Nobelweine werden bislang durch sogenannte En-Primeur-Verkäufe gehandelt. Um eine Zuteilung durch einen Courtier bekommen zu können, muss der Händler bei der Handelskammer eingetragen sein und seine Bonität nachgewiesen haben. Erfolgt eine ­Allocation (Zuteilung) eines Château an den Négocianten, dann wird dieser eine Spanne von zehn bis 20 Prozent aufschlagen und ­diesen Wein dann seinen Kunden, den interessierten Weinhändlern von Berlin bis Peking, offerieren – solange der Vorrat reicht. Die wichtigen Châteaux geben ihre Weine in Tranchen ab, selten auf einmal. Ist die Nachfrage stark, wird der Abgabepreis für die nächste Teilmenge sofort erhöht und so weiter. Der Weinhändler am Ende der Nahrungskette ist also gut beraten, abzuwarten, bis alle Tranchen abgewickelt sind, und dann eine Mischkalkulation zu erstellen.

Dann kommt der finale Schritt: das Subskriptionsangebot an den Letztverbraucher. Der kann nur den Wein ordern, der zu diesem Zeitpunkt noch in den Fässern auf dem Château schlummert und den er erst nach dessen Abfüllung frühestens ein Jahr später geliefert bekommt. Wichtigster Punkt: bezahlt wird sofort. Wenn es dem Handel gelingt, alle übernommenen Tranchen zu verkaufen, und die Käufer ihre Weine bezahlt haben, dann ist der Kreislauf in Perfektion geschlossen. Die Weingüter bekommen für den Wein Geld, noch bevor er überhaupt abgefüllt ist, Courtier, Négociant und Weinhändler haben ihren Schnitt gemacht. Der Endverbraucher hat seinen Wein zu einem Preis gekauft, der deutlich unter dem liegen sollte, zu dem dieser später in den Einzelhandel kommt – und hat sich gutes Geld gespart. So war das einmal.

Das sogenannte »Klassement von 1855« für das Médoc sowie für Sauternes und Barsac wurde scheinbar für die Ewigkeit in Stein gemeißelt. Nur zweimal gab es eine Änderung. Die Klassifizierungen anderer Regionen im Bordelais unterliegen hingegen einer ständigen ­Revision. / Foto beigestellt
Das sogenannte »Klassement von 1855« für das Médoc sowie für Sauternes und Barsac wurde scheinbar für die Ewigkeit in Stein gemeißelt. Nur zweimal gab es eine Änderung. Die Klassifizierungen anderer Regionen im Bordelais unterliegen hingegen einer ständigen ­Revision. / Foto beigestellt

 

Heute gestaltet sich die Geschichte etwas ­anders. Angeheizt durch einige wirklich große Jahrgänge, die von der Fachpresse entsprechend hoch bewertet wurden, und durch eine starke Nachfrage aus teilweise neuen Märkten wie China wurden von den Topweingütern Preise verlangt, die schlichtweg schamlos waren. Auch für die durchschnittlicheren Crus Classés haben sich die Preise erhöht, wenngleich in einem korrekten Umfang. Mit dem Jahrgang 2011, der zwar nicht schlecht, aber auch nicht großartig ausgefallen ist, wurden die Preise zwar wieder gesenkt, aber bei Weitem nicht in dem Umfang, wie es dem Markt gut getan hätte – er war im Durchschnitt immer noch der viertteuerste Jahrgang aller Zeiten. Aber ohne Spitzenbewertungen von Parker und Co. blieben die neuen Kunden aus. Auch die Nachfrage für den 2009er- und 2010er-Jahrgang ließ nach, und erstmals waren die Weine teilweise bei der Marktankunft im Einzelhandel billiger als En Primeur.

INTERVIEW: Was kommt nach Parker?

Es gibt bereits namhafte Châteaux, die auf das neue Szenario reagieren und zum Ausstieg aus dem En-Primeur-Geschäft an­setzen. Da wäre das als Premier Grand Cru Classé klassifizierte Château Latour, das seine Weine zukünftig nur noch abgefüllt anbieten wird – sobald man sie auf dem Weingut als reif genug erachtet. Natürlich kann man dann die volle Handelsspanne einstecken. Das setzt aber wiederum voraus, dass man diese teuren Weine auch verkaufen kann. Da ist es sicher kein Fehler, dass dem Latour-Besitzer François Pinault über seine Artemis Group unter anderem das Auktionshaus Christie’s gehört, das über eine schlagkräftige Weinabteilung verfügt. Andere Cru-Classé-Châteaux wiederum machen keinen Hehl daraus, dass sie bereits heute einen nicht geringen Teil ihrer ­Produktion direkt an den Endverbraucher verkaufen und damit auf diese Weise das komplexe En-Primeur-System unterlaufen.

Das Château d‘Yquem in Sauternes überragt im wahrsten Sinn des Wortes seine Konkurrenten / Foto: beigestellt
Das Château d‘Yquem in Sauternes überragt im wahrsten Sinn des Wortes seine Konkurrenten / Foto: beigestellt

 

Wer sollte da heute wirklich noch Lust verspüren, den wiederum zu teuer angesetzten 2012er-Jahrgang zu kaufen? Und nun steht 2013 vor der Tür – mit magerer Qualität, Nachfrage gleich null. Jetzt stehen die Produzenten vor einem Dilemma. Sie mussten einen hohen finanziellen Aufwand betreiben, um 2013 überhaupt etwas Vernünftiges zu produzieren. Und jetzt werden sie Preise ansetzen müssen, die sehr deutlich unter dem Vorjahresniveau liegen. Geld werden sie ohnehin keines am 2013er verdienen, aber sie könnten den Jahrgang als Chance betrachten, ihr System zu retten. Kommt der Jahrgang sehr billig heraus, dann wird alles sehr schnell gehen. So könnte Bordeaux wieder auf die Weinkarten der Restaurants zurückfinden, die nicht ausschließlich Oligarchen zu ihren Gästen zählen. Mit zahlungskräftiger Kundschaft aus Russland und China ist aktuell nicht zu rechnen. Die Chinesen werden vergattert, ihre Weine zu trinken, und die Russen haben jetzt auf der Krim wieder eigene Châteaux.

 

SERVICE: Hotels & Restaurants – die besten Adressen in Bordeaux

TASTING: Bordeaux en Primeur 2013 – Bordeaux für den Alltag

VIDEOS: Stephan Graf Neipperg und Christian Moueix im Interview

Die ganze Cover-Story inklusive Hintergründen zur glamourösen Welt der Bordelaiser Château-Besitzer, Portraits der Regionen Pauillac, Pessac-Léognan, Sauternes und Barsac sowie Saint-Émilion und Pomerol, einer Beleuchtung des sogenannten »Klassement von 1855« sowie einer ausführliche Jahrgangsanalyse 2013 lesen Sie im aktuellen Falstaff Magazin Nr. 03/2014 – Jetzt am Kiosk!

Text von Peter Moser

© Bianca Tschaikner
© Bianca Tschaikner

 

 

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