Die interessantes­ten Eindrücke kommen meist erst am Schluss – und das ist bei den Bieren des Jahres kaum anders. Ja, sicher: Im Jahresverlauf wurden in der vergangenen Zeit immer wieder spannende Biere gebraut. Aber weil in Österreich nun einmal die Starkbierzeit in den Spätherbst fällt, kann man erst am Ende des Jahres Bilanz ziehen, im Falle von 2009 sogar erst am allerletzten Tag. Denn das letzte Bier, das für die Auswahl der Biere des Jahres in Conrad Seidls Bierguide vorgestellt wurde, kam erst am 31. Dezember erstmals zum Ausschank: Es ist das »Bourbon Oak aged Stout« aus der 1516 Brewing Company.  Gebraut hat dieses Bier kein Ge­ringerer als Christian von der ­Heide, Präsident der European Brewery Convention EBC. Im Zivilberuf ist er als Technischer Direktor bei Diageo tätig und damit für die Produktion von Guinness verantwortlich. Während man in jedem Land typischerweise nur eine Variante von Guinness kennt, gibt es an die 20 verschiedene Rezepte für unterschiedliche Märkte, darunter eines für Nigeria, wo nicht zuletzt aus steuerlichen Gründen ein beachtlicher Teil der Gerstenmalzschüttung durch Weizen und Sor­ghum ersetzt wird, was dem Bier ein Aroma von Brombeeren und einen leicht süßen Unterton verleiht. Es ist auch stärker eingebraut – mit 7,5 Prozent Alkohol fällt es in die Kategorie »Foreign Extra Stout«.

Horst Asanger, der Besitzer der 1516 Brewing Company, hat seinen Freund Christian dazu überreden können, nach Wien zu kommen und hier eine Wiener Version eines Foreign Extra Stout zu brauen. Es ist ein klassischer Vertreter des Typs geworden, dem Stil und der Jahreszeit entsprechend ein Starkbier. Was aber einzigartig ist: Dieses Bourbon Oak aged Stout ist in gebrauchten Whiskeyfässern nachgereift worden, eine Technik, die in den Neunzigerjahren in den USA für kräftige Stoutbiere erfunden wurde. Weil die Bourbon-Fässer nicht völlig gasdicht sind, hat so ein Bier noch weniger Kohlensäure als die anderen ohnehin nicht sehr CO2-lastigen Stouts. ­Dafür hat es von dem Holz und Whiskey Aroma angenommen. Das Bier hat eine schöne, ins Schwarze spielende Kas­tanienfarbe und kaum Schaum. Weitere Verkostungsnotizen: ein Duft von frischem und von leicht angesengtem Holz, Karamell, Portwein und Sherry. Sehr weiniger Antrunk. Starke Bittere, die an dunkle Schokolade erinnert, aber keine auffällige Süße. Nicht zu vollmundig, sehr süffig. Trocken und beinahe adstringierend im Nachtrunk, sehr lang anhaltende Bittere, wieder mit starkem Schokoton.

Dieses Bier hat das Zeug dazu, unter die Top Ten des im März erscheinenden österreichischen Bierguides zu kommen. Aber es ist nicht der einzige Anwärter auf einen Spitzenplatz. Denn während man noch vor zehn Jahren intensiv suchen musste, um in Österreich wenigstens zehn Bierinnovationen pro Jahr ausfindig zu machen, tut man sich heute umgekehrt schwer, alle Biere, die so im Jahresverlauf auf den Markt kommen, im Auge zu behalten (und dann zur Verkos­tung zu bekommen). Die Vereinig­ten Kärntner Brauereien haben beispielsweise ein Schema entwickelt, regelmäßig saisonale Biere (einmal aus der Villacher, ein andermal aus der Schleppe Brauerei) in ihre Gastronomiebetriebe zu bringen. Und Stiegl nutzt die hauseigene Versuchs- und Schaubrauerei, um in der Stiegl-Brauwelt immer ein Monatsbier vorrätig zu haben, wobei die Innovationsfreude von Braumeister Ernst Schreiner kaum Grenzen kennt: So braute er im Herbst ein »Lungauer Gold«, in dessen Malzschüttung sich 30 Prozent des Tauernroggens aus seiner engeren Heimat wiederfanden. Den strengen Lebensmittelkennzeichnungspflichten entsprechend darf dieses Bier nicht »Roggenbier« genannt werden (da müsste es mehr als 50 Prozent Roggen enthalten), aber es geht ja vor allem um den Geschmack: Das Bier war sehr hell und enorm spritzig, es verströmte ein Aroma von Walderdbeeren und klang mit der herben Note von Mühlviertler Hopfen (Malling, Aurora und Perle) aus. 

Bei der Brau Union geht die Innovationsfreude inzwischen sogar so weit, dass das Unter­nehmen gar nicht mehr auf jede einzelne Neuig­keit hinweist. Wenn im Herbst jeweils mit gro­ßem Aufwand das Reininghaus Jahrgangs­pils präsentiert wird, könnte glatt untergehen, dass zur selben Zeit der Schwechater Bock ausgeliefert wird. Der hatte es 2009 besonders in sich: Brau­meister Andreas Urban braute das (unfiltrierte) Bockbier nämlich als »Hopfenbock« – mit einer ungewöhnlich hohen Bittere und einem Hopfenaroma, das dem starken Bier einen dezent grasig und harzig wirkenden Duft verlieh. Aber Vorsicht! Vom Alkoholgehalt her hatte es dieser Sud durchaus in sich – auch wenn die noble Bittere das leicht vergessen ließ.

Kleinere Brauereien zeigten dagegen schon im Frühjahr Mut zum Starkbier: Gerhard Forstner aus Kalsdorf überraschte bereits bei den Falstaff-Festivals der Bierkultur mit seinem Maibock, einem auf eine Haltbarkeit von mindes­tens zwei Jahren getrimmten, sehr hellen Starkbier, das fast wie Champagner im Glas perlt, einen perfekt weißen Schaum zeigt und einen blumig-­hefigen Duft verströmt. Im Antrunk ist das Bier sowohl prickelnd frisch als auch aromatisch herb, die leichte Süße wird durch die Bittere balanciert, wie man es sonst nur bei den bes­ten belgischen Stark­bieren findet.

Eine andere Innovation lieferte das Wiener Kadlez-Bräu mit dem Aperol-Bier, das vom Bierfestival im Alten AKH her bekannt ist. Und die Weisse mit ihrem leichten Weizenbier, das Brauhaus Gusswerk mit seiner »Horny Betty« ­sowie das »O-Strong« aus dem Haselbräu dürften ebenfalls um die Top-Plätze mitspielen. Die Wahl wird gerade für 2009 nicht einfach werden.

Die Biere des Jahres mit Bezugsquellen:

 
von Conrad Seidl,
aus Falstaff 01.10