Conrad Seidl
Conrad Seidl © Ingo Pertramer

Humpen aus Zinn und Krüge aus ­salzglasiertem Steingut, womöglich auch Luxusausführungen von Bierbechern aus Silber, Porzellan und Elfenbein: Dieses alte Kulturgut lässt das Herz des Bierfreundes höherschlagen. Es füllt ganze Museen – etwa das Bier­krugmuseum im schwäbischen Bad Schussenried. Aber es reflek­tiert auch eine Zeit, in der unsere modernen Biere keine Chance ge­habt ­hätten. Und umgekehrt entsprechen auch die Biere jener Zeit nur mehr bedingt unserem heutigen Geschmacksempfinden.

Das, was heute weltweit als Erstes in den Sinn kommt, wenn wir an Bier denken, ist helles, untergäriges Bier, das mehr oder weniger der Pilsner Brauart entspricht. Und was in zweiter ­Linie einfällt – das Pale Ale, das Weißbier oder eine der alten belgischen oder der neuen italienischen Bierspezialitäten –, macht sich in den dickwandigen Trinkgefäßen auch nicht besonders gut. Man will schließlich sehen, was man trinkt.

Glas findet Marketing
Das aber kann man noch gar nicht so lange. Natürlich: Schon im Mittelalter hat es Biergläser gegeben, sehr aufwendig gemachte sogar. Schließlich musste jedes Glas mundgeblasen hergestellt werden, das konnten sich nur wenige leis­ten. Und die, die es sich leisteten, trieben seltsame Spiele mit den Gläsern: Die Glasbläser wurden angehalten, auf den Gläsern parallel zueinander Ringe aus Glas aufzuschmelzen, von denen jeder einen eigenen Trinkhorizont darstellte. Es entstanden sogenannte Passgläser: Man füllte sie mit Bier und ließ sie reihum gehen.

Im 19. Jahrhundert begannen die Glashütten schließlich mit der Herstellung von billigem Pressglas. Industriell gefertigtes Glas eröffnete neue Absatzmöglichkeiten. Und den Brauereien ­einen Zugang zu dem, was man heute Marketing nennt. Zwischen 1830 und 1870 entstand ein ­wahrer Wettlauf darum, wer das hellste Bier brauen konnte. Nur in München, wo man am Keferloher Tonkrug festhielt, widersetzte man sich einige Jahrzehnte lang dem Trend – der »bayerische Bierstil« blieb bis ins 20. Jahrhundert ­dunkel. Die englischen Pale Ales dagegen mischten ganz früh mit, obwohl ihre Bernsteinfarbe nach heutigem Maßstab wohl nicht als »hell« durchginge. Auch Anton Drehers Wiener Lager galt mit ­einer ähnlichen Farbe ab den 1840er-Jahren als Beispiel für helles Bier. Den Durchbruch aber brachte die böhmische Brau­in­dustrie (im Verein mit der böhmischen Glasindustrie) mit dem 1842 eingeführten Pilsner Urquell.

Willy findet Glas
Jahrelang trank man solche Biere aus Seideln – also aus Gläsern mit einem Henkel. Aber die Rationalisierungstendenzen der  Nachkriegszeit begünstigten ­einen anderen Glastyp: Willy Steinmeier, ein Mitarbeiter der Ruhrglas GmbH, entwarf den einfach herzustellenden Willy­becher (oder Willibecher), der von fast allen  Brauereien im deutschen Sprachraum als Standardglas übernommen wurde und bis heute das meistproduzierte Bierglasmodell ist. Er war gut geeignet für die damals im Ruhrgebiet gängigen Exportbiere, für bayerisches Helles und das Märzenbier österreichischer Brauart.

Die Pilsbiere, die in Deutschland Mitte der 1960er-Jahre ­einen beispiellosen Siegeszug antraten, verlangten allerdings nach feineren Gläsern. Es ist kein ­Zufall, dass die Bitburger Brauerei 1964 an den Glashersteller Rastal in Höhr-Grenzhausen ­herangetreten ist, um ein spezielles Glas für diese Pilsmarke zu ent­wickeln: Es entstand das erste ­Exklusivglas für eine Brauerei. Rastal und der ebenfalls im Westerwaldkreis beheimatete Mit­bewerber Sahm (tätig für Krombacher, Veltins und Peroni) be­gannen nun, nicht nur eigene Glasformen für jeden Bierstil zu entwickeln, sondern auch spezifisch für einzelne Biersorten ­zahlungskräftiger Brauereien typische Gläser zu kreieren.

Glas findet Design
Allerdings gilt auch beim Bier: Es trinkt nicht nur das Auge mit. Gläser, die der Marketingabteilung einer Brauerei gefallen, müssen nicht die bestgeeigneten Gläser für das ­jeweilige Bier sein. Michael Sahm vom gleichnamigen Glashersteller räumt ­offen ein: »In den vergangenen 15 bis 20 Jahren waren die ­Entscheidungen über neues Bier­glasdesign sicherlich markentechnisch getrieben. Überlegungen zur Schaumhaltigkeit und zum Trinkverhalten wurden einbezogen, aber Formensprache als solche wie auch das Dekordesign standen sicherlich im Vordergrund. In den letzten ­Jahren ­gewinnt jedoch auch der ­Geschmackseindruck des Glases ­zunehmend an Bedeutung.«

Man kann es leicht selbst ausprobieren: Wenn man etwa ein helles Bockbier aus einer schlanken Pilsflöte und aus einem bauchigen Schwenker verkostet, so bekommt man einmal den Eindruck, ein schlankes, spritziges Bier zu trinken, während beim zweiten Glas Süße und alkoholische Schärfe stärker zur Geltung kommen. Welches Glas nun als »offizielles« Glas der je­weiligen Marke zugeordnet wird, ­beeinflusst den Eindruck vom Bier wesentlich stärker, als man noch in den vom Willibecher geprägten Sechziger- und Siebzigerjahren angenommen hat. Und der Fantasie sind bei der Glasgestaltung keine Grenzen gesetzt – der Produktion jedoch schon.

Rastals Chefdesigner Carsten Kehrein formuliert es so: »Ein Relaunch eröffnet neue Perspektiven für die Marke. Das Verlangen nach mehr Individualität steht dabei oft im Vordergrund. Der Werkstoff Glas bietet hier zwar ein breites Spektrum an Gestaltungsmöglichkeiten – jedoch sind besondere Innovationen auch an spezielle Fertigungsverfahren gebunden, die immer wieder zu neuen Glasformen inspirieren. Eine absolute Herausforderung sind die Glas­entwicklungen für international agierende Braugruppen. Landes­spezifische Gesetze und kulturelle Faktoren prägen hier zusätzlich die Gestaltung von Trinkgläsern. In den letzten Jahren sind besonders auf dieser Ebene kreative Ex­klusiv­glas-­Lösungen entstanden.« Guinness und Heineken haben jedenfalls ihre Standardgläser in den letzten Monaten umgestellt, andere Marken sind am Überlegen. Bei Sahm wurde eine eigene Abteilung gegründet, die in Zusammenarbeit mit Sommelierweltmeister Markus Del Mo­nego »Taste Design« anbietet, um ­Gläser auf die jeweiligen Biere optimal abstimmen zu ­können.

Glas findet Vitrine
Und was bedeutet das für den Biergenuss daheim, wo man ja meis­tens nicht für jede Biersorte ein eigenes Gläserset bereithält? Wer immer nur Pils oder immer nur Weißbier trinkt, tut sich vergleichsweise leicht. Der kann sich ein Dutzend Pilsstangen oder Weizenbiergläser zulegen. Wer aber Abwechs­lung schätzt, der muss Kompro­misse eingehen und sich statt der für eine Biersorte oder einen Bierstil optimierten Gläser ein Glas ­anschaffen, das den meisten Bieren zumindest nicht ungerecht wird. Als besonders »gutmütiges« Glas hat sich ­dabei der Harzer Pokal ­erwiesen – jenes Glas, das sich in Deutschland als 0,3-Liter-Glas für Schwarzbier etabliert hat. Dieser Pokal läuft zum Stiel hin konisch zu, ist aber auf dem letzten Zen­timeter zum Trinkrand gerade ­ausgeprägt. Edler im Aussehen und für die Wahrnehmung der Aromen unterschiedlicher Biere noch besser geeignet ist die Biertulpe aus der Spiegelau-Classics-Serie, die sich für vergleichende Bierverkos­tungen ebenso eignet wie für den Genuss starker, obergäriger Biere.

von Conrad Seidl

aus Falstaff Deutschland Nr. 5/2011

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