Berlin: Das Trendlabor

Berlin ist bekannt als »Hipster-Stadt« und weltgewandte Food-Metropole – von hier gehen regelmäßig neue Strömungen aus.

© Monika Skolimowska / dpa / picturedesk.com

Berlin ist bekannt als »Hipster-Stadt« und weltgewandte Food-Metropole – von hier gehen regelmäßig neue Strömungen aus.

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http://www.falstaff.at/nd/berlin-das-trendlabor/ Berlin: Das Trendlabor Vegan-Boom, Naturwein, Sharing-Konzepte: Wenn es um Kulinariktrends geht, führt an Berlin kein Weg vorbei. Vielfältiger als hier kann man in Deutschland nicht genießen. http://www.falstaff.at/fileadmin/_processed_/b/1/csm_20220819_PD13679.HR_cad9e4cb08.jpg

Das Schlaraffenland existiert, und es befindet sich in der Uhlandstraße im Berliner Ortsteil Schöneberg, in der sechsten Etage eines prachtvollen Warenhauses. Natürlich, die Rede ist vom »Kaufhaus Des Westens«, kurz »KaDeWe«, und das legendäre Angebot der Feinkostabteilung in der »Sechsten« ist eigentlich keine Neuigkeit, erst recht nicht für Gourmets. Doch was in den letzten Monaten mit der Einweihung des so genannten »neuen Quadranten« eröffnet wurde, verdient einen näheren Blick.

Da wäre zum einen eine Premiere: die erste Dachterrasse in der Geschichte des »KaDeWe«. Sie gehört zum Restaurant »Fischkutter« und bietet 40 Sitzplätze mit Blick auf den Ku’Damm. Drei Mal pro Woche wird hier Fisch und Seafood angeliefert, frischere Ware als hier und in der Fischtheke findet man wahrscheinlich kaum irgendwo in Berlin. Die legendäre Austernbar, wo es neben neun verschiedenen Austern auch glasweise Krug-Champagner gibt (42 Euro), hat mit der eleganten Kaviarbar »Pearlossol« eine ideale Ergänzung gefunden – wer bislang Berührungsängste mit den feinen Perlen hatte, wird sie hier dank ungewöhnlicher Kombinationen schnell verlieren. Mehr als 30 Restaurants finden sich auf der »Sechsten«, die Patisserie auf Weltniveau, die hauseigene Bäckerei mit allein 15 Sorten Baguette und das grandiose Weinangebot unter der Leitung von Hagen Hoppenstedt und viele weitere kulinarische Attraktionen gehören ohnehin dazu.

Das »KaDeWe« ist ein Magnet für Shopper aus aller Welt und im gehobenen Anspruch ein Sonderfall im kulinarischen Angebot der deutschen Hauptstadt – und doch bildet die Bandbreite in der »Sechsten« die Diversität und Vielseitigkeit Berlins ab, die in Deutschland unangefochtenes Kapital für Gourmets und Foodies bleibt.

Die Currywurst als deutscher Exportschlager soll ihren Ursprung in Berlin haben – zumindest behaupten die Berliner das steif und fest.

Foto beigestellt

Von authentischer Sichuan-Küche mit großartiger Weinkarte im »Hot Spot« über das Imperium von The Duc Ngo (»Madame Ngo, Cocolo Ramen, etc«) bis zu buddhistischer Tempelküche im »Oukan« – anspruchsvolle Ethnoküche bekommt man nirgendwo im Land so geballt wie in Berlin. Hinzu kommen so überzeugende Trend-Konzepte wie die Milchreisbar »Moriz«, Gourmetpommes mit Sternetouch wie bei »Goldies« – von Berliner Fast Food wie die (mittlerweile auch vegane) Currywurst und Döner in allen Variationen ganz zu schweigen (siehe Kasten).

Im Top-Segment hat Berlins Gastronomie im Vergleich mit Metropolen wie London und Paris noch Nachholbedarf, hat aber mit dem »Rutz« ein Restaurant, das sich seit zwei Jahren zu den besten der Welt zählen darf. Marco Müller kreiert aus überwiegend regionalen Zutaten mit wahnwitzig hohem Aufwand große Geschmackserlebnisse. Eine Ex- Mitarbeiterin des »Rutz«, Sophia Rudolph, hat sich selbstständig gemacht und führt eines der angesagtesten Restaurants der Hauptstadt: das »Lovis«, das sich in einem früheren Frauengefängnis kurz vor dem Lietzensee befindet.

Auf der anderen Seite der Stadt, in Kreuzberg, freute sich das Team vom »Nobelhart & Schmutzig« unlängst über die Platzierung innerhalb der »Worlds 50 Best« Liste, wonach das unkonventionelle (und manchmal unbequeme) Restaurant auf Platz 17 rangiert – besser war keine andere Adresse in Deutschland.

Das »Kaufhaus des Westens« hat mit der »Sechsten« eine legendäre Feinschmeckeretage – Weinabteilung der Extraklasse inklusive. Eine Flasche Château Margaux eben mal schnell an der Weinbar? Ist hier gar kein Problem!

© KaDeWe / The KaDeWe Group / Martin Dziuba

Weingeneigt

Zunächst: Ja, Reben gibt es in Berlin. Während der mittelalterlichen Warmzeit sollen sogar mehrere tausend Hektar im Brandenburger Umland und am Rand der damaligen Stadt bestockt gewesen sein, Straßennamen wie die Weinmeisterstraße in Mitte oder die Weinstraße im Friedrichshain erinnern an eine solche Nutzung des Geländes. Heute existieren in zahlreichen Stadtteilen kleinere Weinberge, der berühmteste liegt am Kreuzberg mitten in der Stadt, der größte mit 1500 Rebstöcken steht in Britz im Süden Neuköllns.

Die Weinszene Berlins hat sich in den letzten 20 Jahren fulminant entwickelt. Da Berlin jung und urban ist, sprießen die Weinbars wie die Pilze – vor allem solche, die ihr Sortiment mit alternativen Weinbereitungen und mit unkonventionellen Entdeckungen bestücken. Die »Freundschaft« (in Mitte), das »Jaja« (in Neukölln), das »Kontraer« (im Prenzlauer Berg) und viele andere haben ein treues Stammpublikum: Sie alle verbinden flotte Sprüche und temporeiche Berliner Lebensfreude mit einem hohen Maß an weinfachlicher Kompetenz.

Daneben haben sich aber auch Klassiker gehalten wie die »Kurpfalz-Weinstuben« in Charlottenburg, wo schon seit fast einem Jahrhundert bei Schummerlicht ein klassisches Weinprogramm an den Kenner gebracht wird. In Mitte existiert auch noch die erste Weinbar, die kurz nach dem Fall der Mauer im Ostteil der Stadt gegründet wurde, das »Nö!«, mit einem Konzept, das inzwischen etwas aus der Zeit gefallen wirkt, aber immer noch Charme hat und erfolgreich ist.

Mit dem »KaDeWe« und den »Galeries Lafayette« besitzt Berlin auch zwei Kaufhäuser, deren Weinabteilungen Extraklasse sind. Im »KaDeWe« hat man sich beim Umbau der Mitwirkung von Hagen Hoppenstedt versichert, des früheren Sommeliers des Hamburger Hotels «Vier Jahreszeiten« und Maître des Hotels »Adlon«. Das »Lafayette« – 1996 als erste Filiale der französischen Kette außerhalb Frankreichs in einem spektakulären Neubau des Architekten Jean Nouvel eröffnet – startete mit hohen Weinambitionen, die allerdings im Lauf der Jahre immer weiter der Nachfrage angepasst – sprich: reduziert – wurden. Einen Blick lohnen die Weinregale trotzdem noch, man findet hier vor allem im mittleren Preissegment manches, was auf anderem Wege kaum nach Deutschland käme. Auch der Vor-Ort-Ausschank der Weinabteilung ist beliebt, zu den Stoßzeiten ist meist kaum ein Platz am frankophil-genussfreudigen Ausschanktresen zu bekommen.


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Falstaff Nr. 07/2022
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