In den letzten Jahrzehnten hat Australien zwei entscheidende Fehler gemacht: Der erste war, möglichst billigen Wein zu produ­zieren, als wolle man lediglich den Ansprüchen unwissender Weintrinker genügen. Einige dieser Weine sind durchaus gut und hochwertig, insgesamt haben sie jedoch dem Ruf des australischen Weins sehr geschadet.

Vergessene Qualität
Zum Zweiten haben die gro­ßen Firmen, die Australiens Weinbranche dominieren, die individuellen Noten der einzelnen australischen Weinregionen zunichte­gemacht, da sie sich nur auf überregionale Sorten konzentrieren. Selbst der hochgeschätzte Grange von Penfolds ist häufig ein Verschnitt aus mehreren Regionen. Es ist nicht so, dass diese Weine schlecht wären. Die Konsumenten wurden jedoch dazu verleitet, die herausragende Qualität Australiens bester Weinanbaugebiete zu vergessen. Massen­produkte wie die ursprünglich den amerikanischen Markt dominierende Marke [yellow tail]® und die unzähligen nichtssagen­den Supermarkteigenmarken haben Australiens Ruf auch nicht gerade gutgetan.

Terroir rückt in den Vordergrund
Australien ist schließlich größer als Europa. Stellen Sie sich einmal den Verschnitt eines Cabernet Sauvignon aus Bordeaux, der Toskana und Spanien vor. Dies mag durchaus ein guter Wein sein, doch erscheint er uns wohl etwas sinnlos. Der fünfte Kontinent verfügt über bedeutende Weinbaugebiete, in einigen können Weltklasseweine produziert werden. Diese Tatsache wird von Australiens Industrie ­inzwischen verstärkt berücksichtigt – was wiederum den längst überfälligen positiven Effekt hat, dass regionale Besonderheiten sowie das Terroir und somit die lokale Bindung wieder mehr in den Vordergrund rücken.

Ich denke, dass dies in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen und dabei helfen wird, Australiens Weine auf den internationalen Märkten, insbesondere auch auf den stetig an Bedeutung gewinnenden asiatischen Märkten, wieder besser zu positionieren.

Weine und Gebiete im Fokus
Meiner Meinung nach werden es folgende Weine und Anbaugebiete schaffen, sich international einen Namen zu machen: Sowohl Coonawarra als auch Margaret River sind relativ kühle Anbaugebiete, die eine Art Cabernet Sauvignon hervorbringen können, die zwar nicht europäisch ist, jedoch nahezu Bordelais-Eleganz mit kräftigeren Noten kombiniert. Trockener Riesling aus dem Clare Valley und dem Eden Valley in Südaustralien ist besonders mineralhaltig und hat die petrolige Note, die einige Weinkenner so lieben. Pinot Noir aus Victoria (besonders aus Teilgebieten wie Yarra Valley und Mornington Peninsula) besticht durch besondere Reinheit und Finesse, und Tasmanien erscheint ebenfalls vielversprechend. In den meisten Anbaugebieten kann feiner Chardonnay produziert werden, und die Zeiten, als dieser fett und buttrig schmeckte, sind längst vorbei. Viele Weltklasse-Chardonnays kommen von den Adelaide Hills, aus Victoria und aus Westaustralien.


Ballonfahrt über das Yarra Valley. Hier entsteht exzellenter Pinot Noir / Foto: Hans Gerlach

Shiraz mit Finesse
Shiraz ist die bekannteste Traube des Landes. Die kräftigen, holzbetonten, überreifen und zu alkoholhaltigen Shiraz-Weine aus Barossa haben sich jedoch als nur begrenzt Erfolg versprechend erwiesen (abgesehen von großartigem Shiraz aus erstaunlich alten Reben – die Neigung zu üppigen, ermüdenden Weinen ist hier weniger ausgeprägt). Gebiete wie das Hunter Valley und Heathcote in Victoria produzieren Shiraz von ganz besonderer Frische und Finesse.

Der ursprüngliche Ruhm des australischen Weinbaus ist geprägt von gespriteten Weinen. Auch wenn sich diese nie zu Verkaufsschlagern entwickeln werden, verfügen Weine wie der Rutherglen Muscat, der bis zu hundert Jahre im Fass reift, über eine erstaunliche Konzentration und Viskosität. Selbst ein relativ junger Rutherglen Muscat, kein allzu teurer Wein, ist extrem reichhaltig und delikat. In Barossa finden sich außerdem »Ports« aus Shiraz und Grenache, die bes­ten von gelbbrauner Farbe und vor dem Verkauf oft jahrzehntelang gereift.

Experimentierphase
Angesichts der Größe des Landes ist es nicht überraschend, dass die Winzer auch ständig mit neuen Sorten experimentieren. Sind Sie auf der Suche nach Tempranillo, Barbera, Sangiovese, Arneis oder Vermentino? Im King Valley in Victoria werden Sie bei all diesen Rebsorten fündig. Auch wenn diese Weine dem heimischen Markt zusätzliche Würze verleihen, bezweifle ich, dass sie beim Export eine bedeutende Rolle spielen werden.

Möge die Welt die Einzigar­tigkeit der australischen Weine eines Tages schätzen lernen. Rutherglen Muscat und Tokay gehören zu dieser Kategorie, ebenso aber auch der herausragende Semillon aus dem Hunter Valley. Da sie, um ihre Säure zu erhalten, früh geerntet und ohne Reifung im Eichenfass abgefüllt werden, erscheinen sie als junge Weine recht gewöhnlich. Nach fünf Jahren in der Flasche nehmen sie jedoch eine eindeutig nussige Note und eine Geschmackstiefe an, die selbst erfahrene Weinliebhaber und -kenner schwören lässt, der Wein wäre im Barrique-Fass gereift (was natürlich nicht der Fall ist).

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass Australien seinen weltweiten Ruf als Weinbaugebiet durch die Klassiker wiedererlangen wird: Cabernet aus Margaret River und Coonawarra, Riesling aus Südaustralien und Chardonnay aus Victoria und anderen Gebieten. Nahezu gleichauf liegen die bes­ten Shiraz-Weine aus Südaustralien und Victoria sowie Pinot Noir aus Victoria und Tasmanien.

Gefahr durch Buschfeuer
Der langfristige Erfolg wird zu einem großen Teil von den klimatischen Bedingungen abhängen. Wasserknappheit beschränkt die Erwartungen der Winzer und Weinhersteller, während Buschfeuer vor allem im Hunter Valley und in Victoria in einigen Jahren zu einer ernsten Gefahr für Weinbau und -produktion werden könnten.

In Australien gibt es jede Menge gut ausgebildete und erfahrene Winzer. Erforderlich sind bessere Kenntnisse über die Anbauflächen und die damit verbundenen Chancen und Grenzen für den Weinbau in den unterschiedlichen Regionen. Das Potenzial ist enorm, die Qualität ist seit vielen Jahren offensichtlich, und wenn die Winzer erst einmal anfangen, diese Qualität hervor­zuheben, ist Australien wieder auf dem richtigen Weg.

von Stephen Brook
aus Falstaff Nr. 06/2013