Paris, Place de la Madeleine, im Sommer 1978. Attila Dogudan, noch keine 20 Jahre alt, steht wie angewurzelt vor dem Haus Nr. 21. Mit großen, staunenden Augen verschlingt er all die süßen Schokoladen, die edlen Bäckereien, die exotischen Früchte in den Auslagen von »Hédiard«, dem Pariser Feinkostladen erster Güte schlechthin, dem Synonym für französisches Savoir-vivre, dem Olymp der feinen Leckereien. Der junge Student hat kein Auge für die eleganten Damen, die in schweren Bentleys vorfahren. Er spürt, dass er durch die Fenster von »Hédiard« in seine eigene Zukunft blickt. »Damals ist mir klar geworden«, sagt Dogudan, »diese Qualität will ich auch einmal erreichen.«

Im Sommer 2014 hat der österreichische Paradeunternehmer die Perle »Hédiard« in sein inzwischen weit verzweigtes »DO&CO«-Reich übernommen. War das Joint-Venture mit »Fortnum & Mason«, das Dogudan 2010 mit dem Londoner Caterer der britischen Royals eingegangen ist, noch so etwas wie die Aufwärmrunde in der Königsklasse des gehobenen Genusses, so kommt der Kauf des Pariser Gourmet-Tempels der Krönung in diesem Gewerbe gleich.

Auf dem Weg dorthin, der 1981 mit einem kleinen Delikatessenlokal ums Eck der ehemaligen »Kervansaray«, dem längst geschlossenen Wiener Nobel-Türken seines Vaters, begann, hat Dogudan (55) den fünftgrößten Catering-Konzern der Welt aufgebaut. DO & CO notiert heute an den Börsen in Wien und Istanbul, hat Niederlassungen von New York über London bis Kiew, betreibt Restaurants, Airport-Lounges, Hotels, die Gourmet-Shop-Kette »Henry«, versorgt Großveranstaltungen von der Formel 1 über die Champions League bis zur Vierschanzentournee und der nächsten Fußball-EM und verantwortet das Catering für weltweit 60 Airlines, darunter Top-Carrier wie AUA, Cathay Pacific oder British Airways.

Mitarbeiter aus 26 Nationen
In Zahlen ausgedrückt: DO & CO verzeichnete 2014 einen Umsatz von gut 800 Millionen Euro und beschäftigt derzeit etwa 9000 Mitarbeiter aus 26 Nationen. Als Fazit verdichtet: Attila Dogudan ist längst über den Status eines der erfolgreichsten heimischen Entrepreneurs hinausgewachsen und zu einem der wichtigsten Botschafter Österreichs in aller Welt geworden.    

Am vielleicht eindrucksvollsten hat er das abermals beim letzten Formel-1-Finale Ende November 2014 in Abu Dhabi (wo Lewis Hamilton das Rennen und den WM-Titel gewann) unter Beweis gestellt. Drei Tage lang kümmerte er sich höchstpersönlich um das leibliche Wohl der 18.000 VIP-Gäste am Yas Marina Circuit. Für dieses Mega-Event hat er 44 Container voller Küchen, Griller, Öfen, Kühlhäuser und Geschirr einfliegen lassen – der ganze F1-Zirkus kommt mit 36 aus. Und sein Taktstock dirigierte eine exakt eingespielte Armada aus 1100 Mitarbeitern, darunter 320 Köche und Patissiers, die nur ein Ziel verfolgten – »die Menschen glücklich zu machen«, wie Dogudan seine oberste Maxime zusammenfasst. »Die Gäste dort lassen sich das Vergnügen, hautnah am Renngeschehen dabei zu sein, 5000 Dollar pro Nase kosten. Da musst du mehr als nur gutes Essen bieten – ein einzigartiges Erlebnis, ein ganz großes Fest.«

Wenn es etwas gibt, das Dogudans Laune in die Gemütslage eines Krummsäbel schwingenden Berserkers drückt, dann ist es die immer wieder zwischen den Zeilen durchschimmernde Ansicht, weniger die Kunst des kreativen Kochens als vielmehr komplizierte Lebensmittel-Logistik sei seine Meisterschaft. Dann erkaltet der Schalk in seinen Augen, und wenn er nicht aus Verachtung von dannen zieht, lüpft er ein Stück des Schleiers über seiner Geheimpartitur des Caterings. Richtiges Essen in der richtigen Menge zur richtigen Veranstaltung oder auf das richtige Flugzeug zu schaffen – das sei bloß eine Frage der Logistik, eine läppische Pflichtübung, über die DO & CO weit hinaus gehe. »Wir sind kein Massenbetrieb, sondern ein Boutique-Caterer der Spitzengastronomie«, sagt Dogudan. »Wir beherrschen die Pflicht und glänzen mit der Kür. Ein Standard-Catering-Menü schreib’ ich in vier Minuten. Aber ein Menü mit den richtigen Speisen zur richtigen Zeit im richtigen Umfeld mit dem richtigen Effekt für den richtigen Eindruck bei den richtigen Leuten zu finden, dauert Tage. Das ist der Mehrwert unserer Marke.«

Spricht’s, und bricht auf zu seiner nächsten Mission als Österreichs Botschafter Nummer eins der guten Küche. 


Text von Rainer Himmelfreundpointner  
Aus Falstaff Nr. 02/2015 – erscheint am 20. März 2015

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