Arty Weekend: Mailand

Die Galleria Vittorio Emanuele II ist die älteste Shoppingmall der Welt und beherbergt heute Luxusboutiquen und ein Sieben-Sterne-Hotel.

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Die Galleria Vittorio Emanuele II ist die älteste Shoppingmall der Welt und beherbergt heute Luxusboutiquen und ein Sieben-Sterne-Hotel.

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Che bella figura! Keine Frage, kaum jemand hat einen so ausgeprägten und schwärmerischen Sinn für die schöne Form wie die Italiener. Die Bellezza reicht von Südtirol bis Sizilien, aber nirgends vermischt sich die schöne Form so perfekt mit dem Stolz des Machens wie in Mailand. Die lombardische Metropole ist die Design- und Modehauptstadt der Welt. Boutiquen von Valentino, Gucci oder Dolce & Gabbana, die mit ihren Flagship-Stores die fashionable Kundschaft ins Schwärmen bringen, neben Showrooms von Cappellini, Driade und Kartell. Modefirmen neben Designstudios und Architekten. Mailand ist ein Kraftwerk der Kreativität. Der Ehrgeiz, das Beste und Schönste zu erschaffen, findet hier ebenso Platz wie der entspannte Espresso auf der Via Napoleone. Unsere Suche nach Kunst, Design und Architektur führt uns von Caravaggio zum futuristischen Hochhaus, vom perfekten Möbelstück zur filmreifen Bar. Nichts wie los!

Freitag

Hinein in die Welt der schönen Formen! Vom Duomo bis zu den Palazzi, von der Kunst der Jahrhunderte bis zur wilden Design-Party.

Um den Gradmesser der Schönheit schon zu Beginn auf Milano-Niveau einzustellen, eignet sich nichts besser als die Piazza del ­Duomo. Hier die drittgrößte Kirche der Welt, die selbst den Sarkasten Mark Twain ins Schwärmen brachte, dort die Galleria Vittorio Emanuele II mit ihrem prunkvollen Glasdach und ihren Nobelboutiquen und legendären Restaurants. Genau gegenüber: der Palazzo dell’Arengario mit seinen großen arkadenartigen Fenstern und dem Museo del Novecento. Im Inneren des Palazzo lassen wir uns von der großen, prächtigen Wendeltreppe beeindrucken, bevor wir uns in eine der umfassendsten Sammlungen italienischer Kunst des 20. Jahrhunderts vertiefen. Die erste Flut an »bella figura« lassen wir danach im Art-déco-Ambiente des »Ristorante Giacomo Arangario« im Erdgeschoß Revue passieren.

Die beste Gelegenheit, Mailand auf dem Gipfel seiner Betriebsamkeit zu erleben, ist der Salone del Mobile, der jedes Jahr an fünf Tagen im April stattfindet. Auf dieser Möbelmesse trifft sich die ganze Welt des Designs, um die neuesten Meisterwerke italienischer Produktion zu bewundern. Und natürlich sich selbst und sich gegenseitig. Denn der Fuorisalone, der nicht in den Messehallen, sondern in der Stadt selbst stattfindet, gilt mit seinen Partys und Empfängen unter vielen Besuchern als die eigentliche Attraktion. 

Weitaus ruhiger und ehrwürdiger geht es in der Pinacoteca di Brera zu. Die Schönheit bleibt uns allerdings erhalten. Schon seit 1776 ist dieses Museum, das zu den großartigsten Kunstsammlungen Italiens zählt, im Palazzo di Brera im Norden der Innenstadt zu Hause. Hier lässt sich vor Meisterstücken von Caravaggio bis Tintoretto und Modigliani über die Zeitlosigkeit des Schönen sinnieren. Eine Beschwingtheit, die wir mit hinaus in die milanesische Nacht nehmen.

Samstag

Italiener sind oberflächlich? Eh, basta, Unsinn! Heute gehen wir auf doppelte Spurensuche nach Intelligenz und Sinnlichkeit.

Gut geschlafen? Auch wenn die Nacht kurz war, hilft ein Espresso in einer der vielen Bars in den engen Gassen der Innenstadt wieder auf die Beine. Schließlich wartet schon der nächste Palazzo. Denn die Triennale di Milano ist in den Ausstellungshallen des 1933 errichteten Palazzo dell’Arte zu Hause. Keine Angst, hier ist nicht nur alle drei Jahre etwas zu sehen, sondern permanent. Das 2007 eröffnete Triennale Design Museum bietet die bedeutendste Sammlung italienischen Designs der Moderne. Neben permanenten Shows wie der »Collezione permanente del design italiano«, »Coffee Design, »Il Fiat Café La Triennale« und »l’Art Book« finden alle drei Jahre wechselnde Ausstellungen statt. Wer sich schon immer gefragt hat, warum ­Italien beim modernen Industriedesign Weltspitze ist, findet hier die Antworten.

Die Mailänder Mischung aus Kunst, Mode und Architektur ist wohl nirgends so konzentriert gebündelt wie in der Fondazione ­Prada. Die 2015 von Stararchitekt Rem Koolhaas in eine aufregende Mischung von Alt und Neu verwandelte Gin-Brennerei ist fast schon eine Stadt für sich, mit einem komplett in Gold verkleideten Turm als Eyecatcher. Die ständig wechselnden Kunstprojekte wollen hier entdeckt werden: Die ­Fondazione Prada ist ein Parcours von immer wieder neuen und überraschenden Räumen, in denen man sich fast verlaufen kann. Dabei sollte man aber keinesfalls die »Bar Luce« übersehen, die von Regisseur Wes Anderson gestaltet wurde und genauso aussieht wie seine Filme: bunt, überbordend, surreal. 

Nach diesem Feuerwerk der Sinne lassen wir es etwas ruhiger ausklingen. Die Galerie Kaufmann Repetto ist einer der Fixpunkte der Kunstszene der Stadt. 2010 von Francesca Kaufmann und Chiara Repetto gegründet, hat sie sich mit einer Mischung aus bekannten und jungen Künstlern einen Namen gemacht und führt seit 2013 eine Filiale in Manhattan. Globaler Ruhm ist ganz selbstverständlich in einer Stadt, deren Fußballclub sich Internazionale nennt.

Sonntag

Mailand ist kein Freiluft-museum, hier sieht man nach vorne. Beweise? Experimentelle Architektur und Kunst – und Mode in einem Silo.

In der Mailänder Mischung aus Mode, Design, Kunst und Architektur fehlt noch eine Zutat: die Literatur. Genau von dieser hat sich der Mailänder Architekt Stefano Boeri für ein spektakuläres Bauwerk inspirieren lassen. Die Idee für seinen Bosco Verticale (vertikaler Wald) kam ihm bei der Lektüre von Italo Calvinos Roman »Der Baron auf den Bäumen«. Es klingt tatsächlich wie ausgedacht, aber da stehen sie: zwei Türme, 80 und 110 Meter hoch, mit Balkonen, auf denen ganze stattliche Bäume wachsen. Die Bewohner freuen sich über den kleinen Wald im 27. Stock, die Stadt über bessere Luft und Stefano Boeri über den Internationalen Hochhauspreis 2014.

Noch etwas vergessen? Natürlich, wie konnten wir nur – das Essen! Es wäre nicht Italien, wenn auch dies nicht mit Mode und Design zu tun hätte. Ein ehemaliges Getreidesilo war es nämlich, das sich Modezar Giorgio Armani kaufte, um dort ein Museum für seine Mode einzurichten. »Ich nannte es Armani Silos, denn für mich ist Kleidung ebenso ein unersetzlicher Teil des Lebens wie Nahrung.« Bei der Eröffnung gaben sich Stars von Cate Blanchett bis Leonardo DiCaprio die Ehre, und auch heute scheint der spröde Beton mit Glamour aufgeladen: eine komplette Geschichte der Armani-Designs auf 4500 Quadratmetern.

Die Verbindung des Produktiven und Schönen ist so charakteristisch für Mailand, dass wir das Wochenende ganz stilecht im Pirelli Hangar Bicocca abschließen: Die ehemalige Lokomotivenfabrik im Norden der Stadt beherbergt heute ein Zentrum für zeitgenössische und experimentelle Kunst auf einer der größten zusammenhängenden Ausstellungsflächen Europas. Bei einem abendlichen Risotto milanese lässt sich dann die Frage diskutieren, ob wir das Geheimnis der schönen Form entschlüsselt haben oder ob wir gleich die nächste Forschungsreise nach ­Mailand buchen.

Adressen

Museo del Novecento
»Time After Time, Space after Space«, bis 14. 4. 2018
Tipp: Zeit nehmen für die vielen Ausblicke auf die Stadt.
museodelnovecento.org

Salone del Mobile
Fiera Milano, 17.–22. 4. 2018
Tipp: Der »Fuorisalone« in der Stadt beginnt schon früher!
salonemilano.it

Pinacoteca di Brera
Hier finden sich Meisterwerke der Kunstgeschichte. Tipp: die Napoleonischen Räume, die am 29. 3. nach der Renovierung wieder öffnen.
pinacotecabrera.org 

Triennal di Milano
»Ettore Sottsass – There is a planet«, bis 11. 3. 2018 Tipp: das ganz in Holz verkleidete Teatro Agorà im Triennale Design Museum.
triennale.org

Fondazione Prada
»Slight Agitation 3/4: Gelitin«, bis 22. 4. 2018
Tipp: natürlich die unglaubliche »Bar Luce« von Wes Anderson.
fondazioneprada.org

Galerie 
Kaufmann Repetto
»Nicolas Party«, bis 31. 3. 2018
Tipp: der riesige Parco Sempione gleich gegenüber.
kaufmannrepetto.com

Bosco Verticale
Im Stadtviertel Porta Nuova.
Tipp: nett fragen, ob ein Bewohner die Tür öffnet.
stefanoboeriarchitetti.net

Armani Silos
Dauerausstellung: 40 Years of Armani Fashion
Tipp: Hier lohnt sich eine Führung.
armanisilos.com

Pirelli Hangar Bicocca
»Matt Mullican: The Feeling of Things«, ab 12. 4. 2018
Tipp: die Dauerausstellung von Anselm Kiefer
hangarbicocca.org 

ERSCHIENEN IN

LIVING Nr. 01/2018
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