Arty Weekend: Berlin

Berlin ist eine  Party- und Kunsthauptstadt – und meistens beides gleichzeitig. Nicht überraschend bei einer Metropole, die von ihrem ehemaligen Bürgermeister liebevoll als »arm, aber sexy« bezeichnet wird.

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Berlin ist eine  Party- und Kunsthauptstadt – und meistens beides gleichzeitig. Nicht überraschend bei einer Metropole, die von ihrem ehemaligen Bürgermeister liebevoll als »arm, aber sexy« bezeichnet wird.

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Genau das macht die deutsche Haupt­stadt zum perfekten Magneten für Kunst. Ein Wochenende auf den Spuren der Berliner Kunstszene führt auf einen Trip zu den großen Plätzen und verborgenen Winkeln der Metropole.

Viel Platz, viel Freiheit, eine entspannte Toleranz, günstige Mieten und ein überbordendes Nachtleben. Kein Wunder, dass Berlin Künstler und Kunstinteressierte anzieht wie ein Magnet. Die Kunstszene ist dabei so vielfältig wie die Stadt selbst. Szenekieze, versteckte Nischen und gleich mehrere Stadtzentren. Provokant-Experimentelles findet sich hier ebenso wie Klassisches aus preußischen Sammlungen. Neon und Nofretete, Punk und Pergamonaltar, Theorie und Tanz-performance. Die Schwerpunkte verschieben sich ständig, weswegen der kunstinteressierte Besucher jedes Mal ein neues Berlin vor-findet. Das Urteil des Kritikers Karl Scheffler von 1910, die Stadt sei verdammt dazu, »immerfort zu werden und nie zu sein«, gilt auch heute noch. Wenn man sich auf dieses Werden einlässt, ist ein wild-aufregendes Wochenende auf den Spuren der Berliner Kunst garantiert.

Freitag

Ab durch die Mitte: vom Hamburger Bahnhof zum Potsdamer Platz und auf den Spuren der Moderne im Herzen der Großstadt.

Berlin ist eine ausufernde Stadt. Um nicht sofort die Orientierung zu verlieren, beginnen wir also am besten in der Mitte, am Hauptbahnhof. Neben dessen Gewühl aus Zügen, Menschen und Taxis, liegt etwas versteckt eine zweite Station. Durch den ­Hamburger Bahnhof fahren zwar schon seit 1884 keine Züge mehr, dafür haben sich seine lichtdurchfluteten Hallen als Ort für zeitgenössische Kunst etabliert. Bis Januar 2018 sind hier mit dem »Preis der Nationalgalerie 2017« ausgezeichnete Werke zu sehen.

Von dort geht unser Weg nach Süden, über die Spree und vorbei an Reichstag und Brandenburger Tor bis zum Potsdamer Platz. Mit seiner Hochhauskulisse und seinen Verkehrsströmen ist dieser heute wieder die großstädtischste Kreuzung der Stadt, wie sie es schon in den goldenen Zwanzigerjahren war. Nicht weit davon liegt der nach seinem Architekten benannte elegante Martin-Gropius-Bau. Hier stellten schon Paul Klee, Anish Kapoor und Ai Weiwei ihre Werke aus, heute wird er von den Berliner Festspielen mit wechselndem Programm kuratiert. Gropius’ Neffe Walter war später einer der wichtigsten Bauhaus-Architekten und entwarf das Bauhaus-Archiv, das sich gleich ein paar Ecken weiter findet. Wir durch-queren auf dem Weg dorthin das weitläufige Kulturforum an der Rückseite des Potsdamer Platzes. Dieses ist dank der Philharmonie und der National­galerie schon ein Mekka der modernen Architektur, das Bauhaus-Archiv ist hier also genau am richtigen Platz. Es beherbergt unter seinen weißen Dächern die weltweit größte Sammlung von Bauhaus-Exponaten, von Zeichnungen und Dokumenten bis zum Privat­archiv von Walter Gropius. Bis März 2018 ist hier zudem eine Ausstellung über moderne Architektur in Chicago zu sehen. 

Wir bleiben stilecht und beschließen den Tag modern mit einem Drink in der coolen »Monkey Bar« im 10. Stock des »25hours Hotels« am Zoo mit Blick auf die City West.

Samstag

Stadt der Gegensätze: von den Schätzen der alten Kunst auf der Museumsinsel zu den Off-Spaces am östlichen Rand.

Das zweite Stadtzentrum nehmen wir uns am Samstag vor, und wir starten mit einer Reihe von Schwergewichten. Denn die Museums­insel bildet nicht nur das historische Zen­trum, sondern auch eines der dichtesten Kunstkonzentrate der Welt. Das Alte Museum und das kongenial restaurierte Neue Museum bilden das Kernstück des Areals mit ihren Sammlungen aus Kunst und Ethnologie (die Nofretete-Büste ist Pflicht!), das wuchtige Pergamonmuseum direkt daneben wurde um den riesigen, atemberaubenden Pergamonaltar herum gebaut. Wem nach diesem Marathon dann noch Luft bleibt, kann sich in der Alten Nationalgalerie mit der Ausstellung zu Rodin, Rilke und Hofmannsthal inspirieren lassen. Danach haben wir uns eine Pause redlich verdient. Die Straßen nördlich des Hackeschen Markts bieten eine Fülle kleiner Lokale, zum Beispiel das französisch-charmante »Café Fleury«. 

Doch auch für seine selbst für Berlin hohe Dichte an Galerien ist der Kiez seit Jahren bekannt. Die Galerie Martin Mertens in der Linienstraße ist darunter eine der spannendsten und beherbergt seit 2016 auch einen Artist in Residence, der in der Galerie wohnt. Noch weiter weg von den Schwergewichten der Museumsinsel liegt das östliche Stadtviertel Weißensee mit seiner Kunsthochschule, auch hier hat sich eine Galerienszene etabliert. Die Galerie Sexauer in ihrer ruppigen alten Indus­triehalle ist wohl das denkbar schärfste Gegenstück zu den Kunsttempeln im Stadtzentrum. 

Wer dieses andere Berlin-Feeling noch eine Weile auskosten will, kann mit der Bier­flasche in der Hand den Sonnenuntergang betrachten, wem nach Party zumute ist, der kann den Tag am Prenzlauer Berg oder in Friedrichshain zur Nacht werden lassen – oder zum Morgen.

Sonntag

Der Westen und Kreuzberg: Architekturmonumente im Grünen, Entdeckungsreise durch die Hinterhöfe und Kunst in der Kirche. 

Etwas Kraft sollte man allerdings noch übrighaben, um am Sonntag fit in die dritte Runde zu gehen. Denn sportlich geht es zu im riesigen Oval des Olympiastadions weit im Berliner Westen. Sollten es die Tempera­turen zulassen, lohnt auch ein Sprung ins Wasser des architektonisch nicht weniger bombastischen Olympiabades direkt daneben. Wer mehr auf moderne Leichtigkeit steht, kommt nebenan auf seine Kosten: 

Das 1957 errichtete, prachtvoll renovierte 17-geschossige Corbusierhaus steht mitten im Grünen wie eine Fata Morgana aus Beton. Wer das Grün noch länger auskosten will, kann bei gutem Wetter einen der lauschigen Biergärten in Grunewald oder am Wannsee aufsuchen.

Aber nicht zu lang, denn zum Schluss des Wochenendes lassen wir es noch einmal urban werden. Das multikulturelle Kreuzberg hat sich immer noch eine charakteristische Berliner Mischung aus Herzlichkeit und Rauheit bewahrt, und auch die Kunst ist hier noch nicht zum Konsumprodukt avanciert. In einem der typischen Innenhöfe angesiedelt ist die sympathische DAM Gallery, die auf digitale Kunst spezialisiert ist – hier ist ab November 2017 die Soloausstellung der New Yorker Multimediakünstlerin Carla Gannis zu sehen. Am anderen Ende Kreuzbergs hat sich seit einer Weile die König Galerie in der ehemaligen Kirche St. Agnes etabliert, deren Betonarchitektur der Sechzigerjahre sich perfekt als atmosphärischer Rahmen für Kunst mit minimalistischem Einschlag eignet. Im November zeigt die Berlinerin Alicja Kwade ihre »Time-state-sculptures«. Im idyllischen Garten hinter der Kirche sind als Dauerausstellung Skulpturen vom Atelier van Lieshout und Erwin Wurm zu sehen. 

Das Wochenende lassen wir, da wir schon in der Gegend sind, in einer der vielen kleinen Bars in Kreuzberg ausklingen, wie etwa im »Möbel-Olfe« am Kottbusser Tor oder im »Mano Café« am Görlitzer Bahnhof.

Adressen

Hamburger Bahnhof 
Museum für Gegenwart Berlin

»Preis der Nationalgalerie 2017«, bis 14. 1. 2018
Tipp: Die Werke von Beuys in der Dauerausstellung.
smb.museum

Martin Gropius Bau
»Juden, Christen und Muslime. Im Dialog der -Wissenschaften 500–1500«, 9. 12. 2017–4. 3. 2018
berlinerfestspiele.de

Bauhaus-Archiv
»
New Bauhaus Chicago«, 15. 11. 2017–5. 3. 2018
Tipp: Im Archiv stöbern! bauhaus.de

Museumsinsel
»Rodin, Rilke, Hofmannsthal«, 17. 11. 2017–18. 3. 2018
Tipp: Tickets vorher online reservieren!
smb.museum

Galerie Martin Mertens
»Katrin Bremermann«, 2. 12. 2017–6. 1. 2018
Tipp: In der Gegend gibt es immer neue Galerien
zu entdecken. martinmertens.com/en/

Galerie Sexauer
»Jay Gard«, ab 10. 11. 2017
Tipp: Bei den Vernissagen trifft sich alles, was in -Berlin wichtig ist. sexauer.eu

Olympiastadion und Corbusierhaus
Tipp: Aufzug fahren! Die Aussicht vom Glockenturm und vom Corbusierhaus ist toll.
corbusierhaus-berlin.org

DAM Gallery
»Carla Gannis«, 15. 11.–20. 12. 2017
Tipp: Hier gibt es ausgezeichnete Bücher zu digitaler Kunst. dam-gallery.de

König Galerie
»
Alija Kwade: Phase«, bis 26. 11. 2017
Tipp: Zeit nehmen, um das Gebäude zu bewundern. koeniggalerie.com

ERSCHIENEN IN

LIVING Nr. 05/2017
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