Artischocke: Heilendes Distelgewächs?

© Gina Müller

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Der Artischocke wird nach­gesagt, eine der Leibspeisen Goethes gewesen zu sein. ­Seine Frau soll sie im eigenen Garten in Weimar angebaut und dem Vielreisenden geschrieben haben, wenn die Ernte anstand. Immerhin galt das Distelgewächs als Aphrodisiakum. Aber nicht nur als Metapher, auch physisch kann die Artischocke dem Herzen im weitesten Sinne Gutes tun. Schon von den alten Ägyptern, Griechen und Römern wurde sie als Lebensmittel und als Heilmittel eingesetzt. Darauf deuten zahlreiche Abbildungen an den Wänden der Pharaonengrabkammern hin.

Kulinarisch ist die Artischocke ein ­de­likates Gemüse. Für die leicht bittere ­Geschmacksnote ist das Cynarin verantwortlich, das auch gleichzeitig die oft genannten gesundheitlichen Effekte bedingt. Zudem enthalten Artischocken viele Ballaststoffe und sind gute Kalium-Lieferanten. Kalium leitet Nervenimpulse weiter, es ist daher wichtig für Muskel- und Herzfunktionen. Und wer kaliumreich isst, senkt den Blutdruck. Ballaststoffe fördern wiederum das Sättigungsgefühl, weswegen sie auch interessant sind, wenn man abnehmen oder das Gewicht halten möchte. Von den Ballaststoffen ist vor allem Inulin vertreten, das das Darmmikrobiom – die Darmflora – positiv beeinflusst, indem es die guten Darmbakterien fördert und die schlechten verdrängt. Eine gesunde Darmflora wiederum ist wesentlich für die Verdauung und für ein gut funktionierendes Immunsystem. Bei der Verstoffwechslung von Inulin sinkt der pH-Wert im Dickdarm, was die Aufnahme von Kalzium fördert. Daher ist Inulin auch für die Knochengesundheit ein Puzzlestein. Zu viel Inulin kann den Darm aber auch über das gewünschte Maß hinaus in Schwung bringen. Will man eine der fünf Portionen Obst oder Gemüse am Tag mit Artischocken abdecken, braucht man dafür fünf Herzen.

Kraft der Blätter

Zu medizinischen Zwecken werden jedoch nicht die Herzen, sondern auch die Blätter und Wurzeln verwendet – genauer gesagt deren Extrakte in Kapseln oder Dragees – und der Presssaft der rohen Blütenknospen. Als Arzneipflanze wirkt die Artischocke (Cynara scolymus) bei Verdauungsbeschwerden, konkret bei sogenannten funktionellen Dyspepsien – auch Reizmagen genannt. Dabei kommt es zu Flatulenz, Blähbauch, Aufstoßen, Sodbrennen, Völle- und schnellem Sättigungsgefühl, Bauchschmerzen bis hin zu Übelkeit und Erbrechen. Ein Reizmagen ist zwar ungefährlich, schränkt aber die Lebensqualität deutlich ein. Die Ursachen sind noch nicht völlig geklärt. Bewegungs- und Entleerungsstörungen sowie eine Überempfindlichkeit des Magens spielen eine Rolle, ebenso wie psychische Faktoren, zum Beispiel Stress oder Angstzustände. Auch zu schnelles, hastiges Essen wird als Ursache diskutiert. Als Basistherapie wird häufig geraten, auf Alkohol und Nikotin zu verzichten, regelmäßig und in Ruhe zu essen und Stress abzubauen. Hilft das alles nichts, kommen säurehemmende Medikamente zum Einsatz. Unterstützend können auch Artischockenpräparate wirken. In einer Humanstudie hatten sich mit den Artischockenpräparaten im Vergleich zu Placebos die Reizmagen-Beschwerden zu jedem Zeitpunkt deutlich verbessert.

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Bitterstoffe wirken

Grund für die Wirkung ist der hohe Gehalt an Bitterstoffen in den Blättern und Wurzeln. Konkret werden vor allem drei effektive Bitterstoffgruppen genannt: Flavonoide (zum Beispiel Luteolin-Glycoside wie Cynarosid), Hydroxyzimtsäuren und Sesquiterpenlactone wie Cynaropikrin. Sie kommen in unterschiedlichen Konzentra­tionen in den Artischockenblättern vor und steigern vor allem den Gallenfluss. In einer Studie mit zwanzig Teilnehmern wurde eine bis zu 15-prozentige Steigerung beobachtet, womit sich Artischockenextrakte als klinisch wirksam erwiesen haben. Durch die vermehrte Menge an Gallensäure wird vor allem die Fettverdauung angeregt. Extrakte der Artischockenblätter sollen auch helfen, immer wieder auftretenden Gallensteinen vorzubeugen sowie die Lebergesundheit zu fördern.

Zweites interessantes Einsatzgebiet ist die Verbesserung der Blutfettwerte. Die Extrakte der Artischocke können dazu beitragen, den Cholesterinspiegel insgesamt zu senken, weil die Inhaltsstoffe dazu führen, dass vermehrt Cholesterin ausgeschieden wird. Darüber hinaus hemmen sie die Eigenproduktion von Cholesterin. Aber nicht nur der Gesamtwert sinkt, sondern auch das »böse« LDL-Cholesterin. In einzelnen Quellen wird bei täglicher Einnahme über einen längeren Zeitraum von einer Reduktion um 10 bis 15 Prozent gesprochen.

Auf der anderen Seite der Skala – wenn man nicht gerade mit den Folgen des Überflusses kämpft – kommen Bitterstoffe traditionell bei Appetitlosigkeit zum Einsatz. Nicht umsonst ist so mancher Aperitif bitter. Und auch die Inhaltsstoffe der Artischocke fördern in konzentrierter Form den Appetit.

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Falstaff Nr. 03/2019
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