http://www.falstaff.at/nd/apulien-sonne-salz-und-rotwein-1/ Apulien: Sonne, Salz und Rotwein Der »Wilde Süden Italiens« ist rau, aber herzlich. Verbrannt von der Sonne, grün von den Reben. Und mit Weinen von Tiefe und Eigenständigkeit.

High Noon. Die Sonne brennt auf die Gleise des Bahnhofs von San Pietro Vernotico. Es riecht nach dörrem Gestrüpp, nach Staub und nach Eisen. Kein Mensch weit und breit. Ließe nicht der Wind irgendwo ein Schild quietschend hin- und herschwingen, wäre es ganz still. An jedem der beiden Bahnsteige hält nur einmal pro Stunde ein Zug: Der nach Norden fahrende hat einen weiten Weg vor sich – nach Foggia, nach Mailand, nach Bozen. In südlicher Richtung aber ist nach zwanzig Kilometern Endstation. Mehr Süden als Lecce – das sieht das Netz der italienischen Staatsbahn nicht vor, zumindest nicht im Absatz des Stiefels.

Zur vorletzten Jahrhundertwende muss im Herbst ein ungeheures Gewusel geherrscht haben um die Bahnhöfe von San Pietro Vernotico, Squinzano und Lecce. Zügeweise ratterten Trauben und Most – gärender wohlgemerkt – nach Norden, die Staatsbahn kam gar nicht hinterher, Waggons zur Verfügung zu stellen. Dokumente aus dem Stadtarchiv von Lecce zeigen, dass die Ferrovie dello Stato jeden Sommer aus dem fernen Ancona besorgt an den Bürgermeister Lecces schrieben. Mit der Bitte, die zu erwartende Erntemenge einzuschätzen. Dieser wiederum antwortet beispielsweise im Jahr 1907, dass ­der Bahnhof von Lecce für die Erfordernisse der zu erwartenden reichlichen Ernte viel ­zu wenige Gleise habe. Da das Rangieren umständlich sei, habe es schon in der Vergangenheit immer Tage gedauert, bis eingetroffene Waggons entladen und nach dem erneuten Beladen mit Trauben und Most wieder auf den Weg gebracht werden konnten.

Pasquale Petrera vom Weingut Fatalone in Gioia del Colle, der Hochburg des Primitivo. / Foto beigestellt
Pasquale Petrera vom Weingut Fatalone in Gioia del Colle, der Hochburg des Primitivo. / Foto beigestellt

Pasquale Petrera vom Weingut Fatalone in Gioia del Colle, der Hochburg des Primitivo. / Foto beigestellt

Gianfranco Fino vor seinen Weinreben. / Foto beigestellt
Gianfranco Fino vor seinen Weinreben. / Foto beigestellt

Gianfranco Fino vor seinen Weinreben. / Foto beigestellt

Diese Unzulänglichkeiten scheinen indes dem Durst des Nordens nach apulischem Wein kaum geschadet zu haben. Im Büro des Weinguts Vallone in Lecce kann man in Bilderrahmen an der Wand jene Etiket­­ten bestaunen, die damals nicht etwa auf Flaschen prangten, sondern an Waggons: »Tenuta Flaminio« stand darauf, und »vino da taglio«. Heute ist der Wein der Tenuta Flaminio ein ausgezeichneter Roter aus der DOC Brindisi – in Flaschen vermarktet und in alle Welt exportiert. Damals wurde er als Verschnittwein verkauft, um manch schwächerem Chianti – und wer weiß, welch anderem Wein noch – den Rücken zu stärken. Vallone unterhielt um das Jahr 1900 sogar eine eigene Dependance in Florenz.

Monetär muss das für Apuliens Winzer attraktiv gewesen sein, doch sie ließen sich durch solche Geschäfte auch um die Identität ihrer Weine prellen. Einer, der sich darüber noch heute ereifern kann, ist Pasquale Petrera vom Weingut Fatalone in Gioia del Colle, der Hochburg des Primitivo. »Der Primitivo ist früher aus politischen Gründen als Verschnittwein definiert worden«, sagt Pe­trera, dessen Vater Filippo 1987 den Verkauf von Fasswein gestoppt und die Selbstvermarktung begonnen hat – visionär und erfolgreich. Gioia del Colle, dieser auf 350 Metern für apulische Verhältnisse geradezu alpin gelegene Ort hat magere Kalkböden. Ein Jammer sich vorzustellen, dass Primitivo mit solch einzigartigem mineralischem Schliff früher in einem Wein von mutmaßlich deutlich geringerer Qualität aufgegangen ist.

BILDERSTRECKE: Best of Apulien

Auch auf Meereshöhe bei Manduria entwickelt der Primitivo Terroir-Qualitäten. Die Böden hier sind stark eisenhaltig, bald enthalten sie mehr Sand, bald mehr Kalk, bald mehr Lehm. Blauer Himmel, rote Erde und kleine, knorrige Weinstöcke soweit das Auge reicht – hier haben Gianfranco Fino und ­seine Frau Simona fast zwanzig Jahre nach Familie Petrera eine Erfolgsgeschichte begonnen. Fino, der vor seiner Winzerkarriere als Landwirtschaftsberater tätig war und vor allem Produzenten von Olivenöl betreut hat, erzeugt seit 2004 Weine, die Wucht und Frische miteinander verbinden. Ein moderner Stil – aber auch einer, der die Kraft der alten, im Buschreben-System (»alberello«) erzogenen Rebstöcke so umsetzt, dass der Wein nicht protzig, sondern nuanciert ausfällt. »Die Alberelli sind unsere Kinder«, sagt Simona Fino, die nach wie vor als Juristin tätig ist. Wenn man das Paar durch eine ihrer zig Parzellen schlendern und die Blätter der Reben-Bäumchen im Vorbeigehen streicheln sieht, klingt das höchst glaubhaft.

Gianfranco Fino erzeugt seit 2004 Weine, die Wucht und Frische miteinander verbinden. / Foto beigestellt
Gianfranco Fino erzeugt seit 2004 Weine, die Wucht und Frische miteinander verbinden. / Foto beigestellt


König Negroamaro
Nachdem die EU jahrelang Rodungsprämien für alte Weinberge ausgelobt hat – mit der Idee, an ihrer Stelle mechanisierbare Anlagen zu schaffen – sind viele Alberello-Anlagen verschwunden. Doch Handarbeit hin oder her: Wo die Buschreben erhalten wurden, entdecken die Winzer ihre Qualität gerade neu. Denn der Alberello – schon von den Autoren der Antike beschrieben – hat sich als ideale Erziehungsform im Süden erwiesen. Die Rebe kann die Feuchtigkeit besser speichern und sie ist weniger dem Wind ausgesetzt, der in Apulien immer von irgendeiner Küste her weht. Durch das dichte Blattwerk sind die Trauben vor der sengenden Sonne geschützt, zudem wird mit dem Alberello der Ertrag gesenkt. Das ist vor allem für die wichtigste lokale Sorte Negroamaro von Vorteil, die sonst leicht ins Kraut schießen würde. Zum Teil findet man sogar noch wurzelechte Stöcke, die in den sandigen Böden der Reblaus erfolgreich getrotzt haben. Sie sind heute der größte Schatz des Salentos – jenes Teils von Apulien, der sich südlich von Brindisi als Halbinsel zwischen das Adriatische und das Ionische Meer schiebt.

Dabei ist der Negroamaro keine einfache Sorte. Er ist weder leicht zu produzieren, noch leicht und süffig wegzutrinken wie etwa der fruchtige Primitivo. Eher gehört er in eine Reihe mit jenen sperrigen italienischen Trauben, die hochbegabt, aber auch kapriziös sind: der Aglianico etwa und die Nerello-Varietäten vom Ätna, aber letztlich auch Sangiovese und Nebbiolo. Zu würzig-balsamischen Noten, zu Anklängen an Macchia und Kräutern gesellt sich beim Negroamaro eine bedeutende Tanninstruktur, die den Weinen ein exzellentes Alterungspotenzial verleiht. Dass dies selbst für gute Basis-Qualitäten gilt, beweisen die Weine der Genossenschaft von Copertino: Der aktuelle Jahrgang des normalen roten Copertino DOC ist 2010, die aktuelle Riserva stammt aus dem Jahrgang 2007. Ein soliderer, wohlschmeckenderer Wein in perfektem Reifezustand für deutlich weniger als zehn Euro dürfte woanders so schnell nicht zu finden sein.

(1) Castel del Monte, (2) Andria, (3) Flughafen Bari, (4) Gioia del Colle, (5) Osteria di Chichibio, (6) Alberobello, (7) Flughafen Brindisi, (8) Sava, (9) Manduria, (10) San Donaci, (11) Salice Salentino, (12) Copertino, (13) Lecce, (14) Gallipoli / Illustration: Artur Bodenstein
(1) Castel del Monte, (2) Andria, (3) Flughafen Bari, (4) Gioia del Colle, (5) Osteria di Chichibio, (6) Alberobello, (7) Flughafen Brindisi, (8) Sava, (9) Manduria, (10) San Donaci, (11) Salice Salentino, (12) Copertino, (13) Lecce, (14) Gallipoli / Illustration: Artur Bodenstein



Den ganzen Artikel inklusive »Apulien kompakt« lesen Sie im neuen Falstaff Magazin Nr. 02/2015 – Jetzt im Handel!


>> Zu den Verkostungsnotizen


Text von Ulrich Sautter  
Mitarbeit: Othmar Kiem

Mehr zum Thema

  • 06.03.2015
    Das Mega-Imperium Antinori
    Seit über 600 Jahren produziert die Familie Antinori Wein und schuf die weltberühmten »Super Tuscans«. Heute verfügt das Haus über einen...
  • 16.03.2012
    Italiens neue Stars
    Nach einer Phase der frenetischen Neugründungen ist es in der italienischen Weinszene ruhig geworden. Dennoch gibt es interessante Newcomer,...
  • 06.03.2015
    »Es geht um Trinkfreudigkeit«
    Falstaff-Herausgeber Wolfgang Rosam und Weinchefredakteur Peter Moser sprachen mit Marchese Piero Antinori in Wien.
  • Mehr zum Thema

    News

    Der Sommer kann kommen

    Um eine passende Weinbegleitung in den Sommermonaten bereitzustellen, hat sich Sabrina Ferner für Lidl in der Wachau und am Wagram umgesehen und ist...

    Advertorial
    News

    Wein der Etrusker an der toskanischen Küste

    Podere La Regola, ein Ort an dem, Natur, Menschen und Kunst aufeinandertreffen.

    Advertorial
    News

    Ein Wein wie das Meer: Der brilliante Poggio alle Gazze dell’Ornellaia 2020

    Ornellaia präsentiert seine neueste Edition des Poggio alle Gazze dell’Ornellaia – den Jahrgang 2020, dessen Raffinesse von dem Projekt »Botschafter...

    News

    Extraklasse: Conterno meets Hidalgo – Ein Dinner der Superlative

    Auf Einladung von Otto Mattivi und Lissy Pernthaler pilgerten sämtliche Genussfreaks ins »AOMI« Restaurant im »Hidalgo« nach Südtirol. Denn...

    News

    Kommentar: Warum wird im Médoc so viel rechts gewählt?

    Die Weingüter in Médoc-Gemeinden wie Margaux, Pauillac und Saint-Estèphe florieren – doch die Bevölkerung der Gegend hat bei den französischen...

    News

    »Weinsee«: Gardasee Trophy 2022

    Der Gardasee ist der größte italienische See, und viele zieht es Jahr für Jahr dorthin. In erster Linie wegen des Wassers und des milden Klimas. Viele...

    News

    Teil 3: ¡Viva la Revolución! – Der Kult um den Rioja

    Die Weinrevolution in der Rioja steckt noch in den Kinderschuhen. Die auf dem Markt noch raren Einzellagenweine sind mehr als vielversprechend.

    News

    Hommage à Jacques Perrin

    Eine Ikone aus Châteauneuf-du-Pape zu Gast in Österreich.

    News

    Wiener Weinpreis: Das sind die Landessieger 2022

    Die diesjährigen Wiener Landessieger sind gekürt und trumpfen mit Spitzenjahrgängen in 15 Kategorien auf. Winzer Michael Edlmoser gewinnt mit vier...

    News

    Teil 2: ¡Viva la Revolución! – Der Kult um den Rioja

    In der spanischen Rioja Region entstehen immer noch hervorragende Reservas und Gran Reservas nach dem klassischen Prädikatssystem. Gleichzeitig setzen...

    News

    Rückruf: Erneut Ecstasy in »Moët Chandon«-Flaschen gefunden

    In Deutschland wurden bereits zum zweiten Mal große Mengen der harten Droge in einer Charge entdeckt. Es sei bereits zu einem Todesfall gekommen.

    News

    Bussi, Baba & Prost: Hanna Glatzers Wein grüßt von Postkarten

    Die Welt der Nachwuchs-Winzerin aus Göttlesbrunn ist bunt. Das beweist einmal mehr ihre Weinlinie, die nun bei der CCA-Gala im Verpackungsdesign und...

    News

    Historischer Fund: Englisches Kriegsschiff voller ungeöffneter Weinflaschen

    Das Wrack der 1682 gesunkenen »Gloucester« wurde bereits 2007 entdeckt. Nun gibt es erstmals Informationen zur Ladung der archäologischen Sensation.

    News

    Sommerliche Frische

    Sommerliches Wohlgefühl stellt sich ein, da wird es Zeit, sich über die passende Weinbegleitung für die lauen Sommerabende Gedanken zu machen.

    Advertorial
    News

    Brad Pitt und Angelina Jolie streiten erneut um Weingut »Château Miraval«

    Jolie soll ihre Hälfte des Gutes ohne Pitts Zustimmung an einen »Fremden« verkauft haben. Berichten zufolge handelt es sich dabei um einen russischen...

    News

    Teil 1: ¡Viva la Revolución! – Der Kult um den Rioja

    Niemals zuvor war die Vielfalt der Rioja-Weine größer als heute. Die Fokussierung auf das Terroir kommt einer kleinen Revolution gleich.

    News

    Hans Herzog: Erster Blaufränkisch in Neuseeland

    Die gebürtigen Schweizer Therese und Hans Herzog bringen mit ihrem neuseeländischen Weingut den ersten Blaufränkisch auf den Markt.

    News

    Tinazzi (R)evolution: Bio im Vormarsch

    Biologischer Anbau von erlesenen Weinen findet immer mehr Anklang. Tinazzi‘s Engagement im biologischen Anbau spiegelt sich in der wunderbaren Bio...

    Advertorial
    News

    Bond aus Napa Valley zu Besuch in Wien

    Geballte Cabernet-Klasse aus Kalifornien.