Ein Blick in die Schatzkammer des Stifts Klosterneuburg
Ein Blick in die Schatzkammer des Stifts Klosterneuburg © Degen

Es gibt nur ganz wenige Weingüter, in dessen Kellern man die österreichische Weinbau-Geschichte bis in die 50er-Jahre nachverkosten kann. Den reichsten Fundus hat sicherlich das Stift Klosterneuburg, das alle wesentlichen Entwicklungen der Nachkriegszeit mitgemacht hat und mit seinen Weingärten auch mehrere Weinbaugebiete abdeckt.

Ich hatte am Donnerstagabend das Vergnügen, einer der regelmäßig stattfindenden Verkostungen von Altweinraritäten beiwohnen zu dürfen. In vier Flights wurden St. Laurent, Traminer und Weißburgunder bzw. Burgunder bis ins Jahr 1960 zurück verkostet. Vinotheksleiter Hans Fabian führte mit viel Fachwissen und pointierten Bonmots durch die Weinguts-Geschichte bis ins Jahr 1960 zurück. Der vinophile Anspruch war nicht allzu hoch und dennoch konnte man einiges über erstaunliche Irrungen in der Vinifikation von den 60ern bis nach dem Weinskandal erfahren.

Beim St. Laurent Flight war das Highlight ein St. Laurent Ausstich 1997 aus Tattendorf in der Thermenregion. 1997 war ja der erste, der als »Jahrhunderjahrgang« gepriesen wurde, es folgten dann aber mit 1999, 2000 und 2002 weitere großartige Jahre die immer überschwänglicher gefeiert wurden, bis hin zur wenig ausgewogenen Bezeichnung »Jahrtausendjahrgang«. Der Ausstich 1997 hatte jedenfalls einen athletischen Körper und gefiel besonders durch seine sehnige Mineralik und Graphit-Noten. In der Nase überwogen selchige Würze und rustikal-rauchige Töne, die sich am Gaumen abgeschwächt wiederfanden.

Der älteste Wein des Abends war der 1960er Ausstich, der durch die damaligen (aus heutiger Sicht) abstrusen Vinifikationsmethoden ein komplett ungewohntes Geschmacksbild zeigte. Die Rotweine des Stiftes wurden damals durchwegs mit einem Restzucker von rund neun Gramm gefüllt, was oftmals die ungewollte Folge hatte, dass in der Flasche eine zweite Gärung oder ein unkontrollierter biologischer Säureabbau begonnen hat. Deshalb wurden die Rotweine der 60er und 70er-Jahre nach dem Vorbild der Milch-Pasteurisierung auf 60 Grad erhitzt und abgefüllt. Es gab dann zwar keine Nachgärungen mehr, aber fast alle Inhaltsstoffe, die den Wein zum lebendigen Naturprodukt machen, waren abgetötet. Umso erstaunlicher, dass der 1960er St. Laurent noch am Leben und durchaus trinkbar war. Markante Grenadine- und Sherry-Aromen setzten sich am Gaumen fort, wo sich der Wein weich und fruchtig, gefällig, aber ohne Ecken und Kanten präsentierte. Aber der Methusalem war in bemerkenswert gutem Zustand.

Der Traminer-Flight mit den Stationen 2008, 1979, 1972 und 1969 war auf hohem Niveau, allerdings ohne echte Überraschungen. Zwar nicht ganz so genussvoll, aber unheimlich spannend, war der Weißburgunder-Flight vom Kahlenbergerdorf mit einem hervorragenden 99er, der gerade erst der Pubertät entwachsen ist. Die Auswirkungen des Weinskandals konnte man im 87er schmecken: Um ja keinen Glykol-Verdacht zu erregen, wurde hohe Reife vermieden und auf extrem hohe Säure hingearbeitet. Der so genötigte Wein ist diffus, stahlig und an der Grenze zur Trinkbarkeit.

Der Burgunder-Flight mit Auslese 1979 und 1967, Beerenauslese 1975 und Spätlese 1966 war wieder eine echte Leistungsschau der Stiftskellerei. Da man erst in den 80er Jahren Chardonnay von Weißburgunder differenzierte, wurden davor fast alle weißen Burgundersorten allgemein als »Burgunder« bezeichnet. Der beste Wein des Abends war für mich der 1967er Burgunder Auslese aus dem Kahlenbergerdorf: In der Nase mit einem opulenten Potpourri nach Karamell, Tabak und Bratapfel, am Gaumen unheimlich frisch und lebendig mit rassiger Säure, Vielschichtigkeit und Finesse.

von Bernhard Degen

 

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