Alte Räume im neuen Licht

Prunkstück: Die Grande Etage in der »Berggasse 35« gilt als Filetstück des Immo-Projekts. berggasse35.at

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Prunkstück: Die Grande Etage in der »Berggasse 35« gilt als Filetstück des Immo-Projekts. berggasse35.at

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Es muss ein Klingeln und ein Rattern gewesen sein, ein niemals enden wollender Klangteppich aus Hallos und Adieus. Tag und Nacht wurden eintrudelnde Anrufe im Stakkato entgegengenommen und an die gewünschten Fernsprechpartner weiterverbunden. Die große Raumhöhe von 6,50 Metern hatte nicht nur ästhetische, sondern vor allem technische Gründe. Dadurch konnte die warme Abluft der Apparate ungehindert nach oben entweichen, ohne die hier arbeitenden Damen und Herren zu behindern. Die 1898 errichtete »Centrale II des Staatstelephons« war eines von insgesamt drei großen Telegrafenämtern in Wien. 

Diese Zeiten sind längst vorbei. Die prachtvollen Räume in der Berggasse 35 warten nun auf ihre Revitalisierung. Das Haus, das sich heute in Besitz der Stix + Partner Immobilien GmbH befindet, soll ab Sommer zu 31 stattlichen Wohnungen zwischen 60 und 600 Quadratmetern umgebaut werden. Die hochwertige Sanierung mit Stuck, Parkett-boden und Altwiener Flügeltüren versteht sich in diesen mit geschichtlichem Äther gefüllten Räumlichkeiten von selbst. Die Preise starten dementsprechend bei 8000 Euro pro Quadratmeter.

Historischer Boden
Historischer Boden: In der Berggasse 35 war einst die »Centrale II des Staatstelephons« untergebracht. Aus den Räumen werden nun Luxuswohnungen.  

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Geht an die Substanz

Prunkstück der »Berggasse 35«, so der offizielle Titel des Sanierungsprojekts, ist die sogenannte Grande Etage im dritten Stock. Wo einst die Leitungen und Apparate heiß liefen, wird sich schon bald eine zweigeschoßige Galeriewohnung erstrecken. »Das ist ein überhoher und reich ornamentierter Raum, der einen einfach nur in Staunen versetzt«, sagt Petra Teufelsdorfer vom zuständigen Immobilienvermarkter Piment. »Hier zeigt sich der ästhetische und noch gut erhaltene Reichtum des ganzen Hauses. Die außergewöhnliche Bausubstanz soll erhalten bleiben.« 

Dafür allein sorgt Benjamin Lehner, Projekt­leiter bei Holzbauer & Partner Architekten. »Das Haus steht zwar nicht unter Denkmalschutz, aber dennoch werden wir es wie ein Baudenkmal behandeln.« Dazu gehören alte Baumaterialien wie etwa massive Natursteinböden und schmiedeeiserne Geländer, aber auch der Einsatz historischer, fast schon in Vergessenheit geratener Handwerksmetho­den. »Man kann an einen Altbau nicht mit der gleichen Perfektion wie an einen Neubau herangehen«, so Lehner. »Die historisch richtige und angemessene Lösung ist immer ein Abwägen zwischen Praktikabilität, Bauordnung und Originaltreue. Dafür gibt es keine Pauschallösung.« 

Dem Einst und Jetzt auf der Spur
Dem Einst und Jetzt auf der Spur: Das Gartenhaus in Steyr wurde 1650 als Bauernhof errichtet. Architekt Gernot Hertl hat es behutsam revitalisiert und einen Mix aus Alt und Neu geschaffen. gartenhaus.or.at

© Walter Ebenhofer

Jetzt geht die Post ab

Auch bei der Alten Post in der Wiener Innenstadt wird man schon bald eine Zeitreise in die Vergangenheit unternehmen können. Das Wiener Familienunternehmen Soravia Group wird in dem vor sechs Jahren stillgelegten Postgebäude, das sogar noch Teile des jahrhundertealten Barbarastifts beinhaltet, in Zusammenarbeit mit der Wertinvest-Gruppe 80 exklusive Wohnungen sowie ein Fünf-Sterne-Hotel errichten. Während das Hotel von Arkan Zeytinoglu geplant wird, liegen die Wohnungen und die damit verbundenen Service-Einrichtungen wie etwa Bar, Fitness und Galerie in der Hand des Wiener Architekturbüros Project A.01. Insgesamt umfasst der denkmalgeschützte Bau rund 25.000 Quadratmeter Nutzfläche. »Man kann in diesem Haus noch förmlich den Pulsschlag der Geschichte hören«, sagt Architekt Andreas Schmitzer von A.01. »Daher werden wir bei der Sanierung sehr viel Wert darauf legen, diesen Geist mit historischen Baustoffen, originalgetreuen Details und aufwendigen Verarbeitungstechniken zu bewahren.« Ein Beispiel dafür ist der originale, im Zweiten Weltkrieg verschont gebliebene Holzdachstuhl aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert. »Das ist eine Seltenheit in Wien«, so Schmitzer. »Bei der Sanierung des Dachstuhls und der gleichzeitigen konstruktiven Ertüchtigung werden wir uns 1:1 an den historischen Plänen orientieren.« 

© Walter Ebenhofer

Ein Teil der Wohnungen wird über Paw­latschengänge erschlossen werden. Von einem dieser Laubengänge wird man auf den alten Schwanenbrunnen im Barbarahof hinunter­blicken können. »Es gibt bei diesem Projekt Tausende kleine Details, auf die wir uns mit­hilfe von Zeichnungen und Fotografien stützen«, erklärt Jürgen Klaubetz, Projektleiter bei Soravia. »Allein schon die prächtigen Stiegenhäuser, die man in dieser Großzügig­keit in keinem Neubau dieser Welt vorfindet, strahlen eine unglaubliche Atmosphäre aus. Das gilt es zu schützen.« 

Das Schlimmste, was man einem historischen Haus antun könne, meint der oberösterreichische Architekt Gernot Hertl, sei der Übereifer, es zu Tode zu renovieren. »Ich rate, bei jedem alten Gebäude bewusst etwas alt und kaputt zu belassen«, so Hertl. »Es ist genau diese Patina, die uns Menschen so fasziniert und die ein Bauwerk in Würde erstrahlen lässt.« Sein sogenanntes »Garten­-haus« in Steyr ist ein perfektes Beispiel dafür. 

»Post«-modern: Aus der Alten Post in der Wiener Innenstadt wird nach der Sanierung ein Luxushotel. Auch exklusive Privatwohnungen sind eingeplant. soravia.at

© ZOOMVP

Wie man sanieren soll

Das Bauernhaus aus dem Jahr 1650, das die letzten Jahrzehnte am Ufer der Enns verlassen vor sich hin schlummerte, erstrahlt heute als Collage aus Flusssteinen, Ziegeln und Beton. Der Putz wurde abgeschlagen, das Mauerwerk ergänzt, die Kontur der Fensteröffnungen und gemauerten Bögen wieder freigelegt. Mit jedem Handgriff wurde das Haus mehr und mehr zu einer Lektüre der Jahrhunderte. In der warmen Jahreszeit wird das kleine Schmuckstück für kulturelle Veranstaltungen vermietet. 

In der Südsteiermark ist mit dem »Haus P« ein zeitüberspannender Kunstgriff gelungen. Das alte Gehöft, das aus insgesamt fünf Einzelbauten besteht, wurde saniert und revitalisiert und dient heute als Wohnhaus mit Weinkeller, Poolhaus, Garage und Gästehaus. »Wir haben uns für eine radikale Variante entschieden«, sagt Hans Gangoly vom Grazer Büro Gangoly & Kristiner Architekten. »Beim Wohnhaus haben wir zwar das gesamte Erdgeschoß rundum verglast, was ein enormer Eingriff in die Bausubstanz ist, doch dafür haben wir uns bei den restlichen Bauelementen komplett zurückgenommen.« 

Neuer Glanz: Der begrünte Innenhof wird zur innerstädtischen Ruheoase. Subtil und behutsam wird das architektonische Erbe der »Alten Post« gepflegt. 

© ZOOMVP

Das beschädigte Dach wurde mit alten Flohmarkt-Dachziegeln ertüchtigt, der Holzgiebel wurde mit aufgekauftem Altholz ergänzt, und im Garten kam ortsüblicher Stainzer Schiefer zum Einsatz. »Wichtig ist, dass man sich bei so einem Projekt für einen ruhigen Materialkanon entscheidet und der Versuchung widersteht, alles neu und perfekt machen zu wollen«, so Gangoly. »Und natürlich die Tatsache, dass man mit guten Handwerkern zusammenarbeitet. Mit der manuellen Erfahrung steht und fällt die Qualität alter Bausubstanz. Es geht um Atmosphäre im Detail und im Moment.«

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Aus dem Living Magazin 03/2017. 

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