Alles Müller! Später Ruhm für die weiße Rebsorte

Bei der Wallfahrtskirche wächst der Birnauer Müller-Thurgau vom Weingut Markgraf von Baden.

© Winfried Heinze

Bei der Wallfahrtskirche wächst der Birnauer Müller-Thurgau vom Weingut Markgraf von Baden.

Bei der Wallfahrtskirche wächst der Birnauer Müller-Thurgau vom Weingut Markgraf von Baden.

© Winfried Heinze

http://www.falstaff.at/nd/alles-mueller-spaeter-ruhm-fuer-die-weisse-rebsorte/ Alles Müller! Später Ruhm für die weiße Rebsorte Falstaff stellte in einer Blindprobe die Frage: Wie gut ist der Müller-Thurgau heute? http://www.falstaff.at/fileadmin/_processed_/c/f/csm_RebenWeingutMarkgrafVonBaden-c-WinfriedHeinze-2640_9ae06e2780.jpg

Lautlos gleitet das Boot dahin, einzig das Zischen der Ruder im Wasser durchbricht die nächtliche Stille – und hier und da der kreischende Protest eines erschrocken davonschwimmenden Haubentauchers. Albert Röhrenbach und Gottfried Ainser sehen die Silhouetten ihrer Heimatorte Immenstaad und Hagnau im Mondschein kleiner werden, mit kräftigen Armbewegungen lenken sie das Boot in Richtung des Konstanzer Trichters, dann mit der Strömung in den engen Seerhein und unbemerkt an der Zollstation beim Ort Gottlieben vorbei – und schließlich, die Insel Reichenau zur Rechten, ans Schweizer Ufer des Bodensees zum Ort Ermatingen am Fuß des Arenenbergs.

Heinrich Schellenberg, der den Versuchsanbau von Hermann Müllers Neuzüchtung am Arenenberg leitete, hatte Wort gehalten und die Reiser am vereinbarten Ort deponieren lassen. Die beiden jungen Männer, beide Anfang zwanzig, packen das große Bündel ins Boot, bedecken es zur Tarnung mit ein paar Fischernetzen und machen sich auf den beschwerlichen Rückweg: Gegen die Strömung des Rheins rudern sie ein zweites Mal am Zollposten vorüber, bleiben auch diesmal unbehelligt, erreichen schließlich den Obersee und steuern das heimatliche Ufer an. Dort warten schon ihre Väter mit Ungeduld: Josef Ainser, Fischer aus Hagnau, mit dessen Boot die Schmuggelfahrt erfolgte, und Johann Baptist Röhrenbach, der Weinbauverwalter des Markgrafen von Baden auf Schloss Kirchberg bei Immenstaad.

Etwa auf dem Weg, wo die Fähre ihre Bahn zieht, erfolgte 1925 die Schmuggelfahrt.
Etwa auf dem Weg, wo die Fähre ihre Bahn zieht, erfolgte 1925 die Schmuggelfahrt.

© Winfried Heinze

Auf Schleichwegen zum Erfolg

Diese abenteuerliche nächtliche Bodenseeüberquerung spielte sich im April 1925 tatsächlich so ab. Acht Stunden brauchten die beiden jungen Ruderer für eine Aktion des zivilen Ungehorsams, mit der sie den Müller-Thurgau nach Deutschland brachten, heimlich und gegen den Willen der Obrigkeit. Denn Johann Baptist Röhrenbach war nach zahlreichen Besuchen am Arenenberg zu der Überzeugung gelangt, dass der Müller-Thurgau die richtige Sorte sei, um dem kriselnden Weinbau am Bodensee auf die Beine zu helfen – beiderseits des Schlagbaums. Doch die markgräfliche Verwaltung lehnte seine Bittschreiben, die Sorte erproben zu dürfen, ein ums andere Mal ab. So musste der Müller-Thurgau, obgleich 1882 im Rheingau gezüchtet, als illegaler Einwanderer zurück nach Deutschland kommen. Die Pioniertat Johann Baptist Röhrenbachs, dessen Urenkel heute in Immenstaad eine Pension und ein Weingut leitet, entfaltete indes erst langsam ihre Wirkung. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Müller-Thurgau, den Elbling abzulösen – am Bodensee und weit darüber hinaus, vor allem an Standorten, die für Riesling oder Burgunder zu kühl sind.

Bildergalerie: Best of Müller-Thurgau

Auch im Falstaff-Test bestätigten sich die kühleren Regionen als die besten Müller-Thurgau-Herkünfte: der Bodensee, Franken, Sachsen. Dabei ist es eine schöne Pointe, dass der Wein des Markgrafen von Baden in der Blindprobe ganz vorne landete. Denn so sehr das Adelshaus sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegen den damaligen Neuling sträubte, so großen Stellenwert nimmt die Sorte heute in den Weinbergen am See ein. »Für uns ist der Müller-Thurgau mit seiner Eleganz und Finesse die weiße Rebsorte«, freut sich Volker Faust, der Betriebsleiter des markgräflichen Weinguts am See, über das Verkostungsergebnis und fügt hinzu: »Wir kämpfen auch im VDP für den Müller.«

Denn den Statuten des badischen Landesverbands zufolge darf der Müller-Thurgau nur als Ortswein bereitet werden, es darf also keine Einzellage genannt werden. In Franken beispielsweise wird das anders gehandhabt. »Aber was soll’s, wir verkaufen den Birnauer Müller-Thurgau auch als Ortswein für gute elf Euro, das ist doch ein Wort.« Augenzwinkernd fügt Faust hinzu, dass bei den Weinen von der Birnau sicher nicht allein die natür­liche Gunstlage ausschlag­gebend sei, sondern auch die segensreiche Nachbarschaft der Wallfahrtskirche.

Müller schnell ausverkauft

Höherem Beistand verdankt auch ein weiterer Müller-Thurgau-Betrieb in den Top Ten des Falstaff-Tests seine Existenz: 1881 – und damit fast zeitgleich mit dem Züchtungserfolg des in Geisenheim tätigen Thurgauer Forschers Hermann Müller – hatte der Hag­nauer Dorfpfarrer Heinrich Hansjakob den Winzerverein Hagnau gegründet. Für diese Genossenschaft hat der Müller-Thurgau heute eine herausgehobene Bedeutung: »Sechzig Hektar von 150 sind bei uns mit Müller-Thurgau bestockt, und trotzdem reicht er uns hinten und vorne nicht«, sagt Geschäftsführer Tobias Keck. Zum Erfolgs­rezept gehört, dass die Genossenschaft viel experimentiert: Sie keltert einen etwas cremigeren Typ Müller-Thurgau für die Spargel­saison, einen schlankeren, rassigen Vertreter als Begleiter zum Bodenseefisch par excellence, dem Felchen. Und selbst als Premium-Wein kommt der Müller-Thurgau infrage: »Wenn man denselben Aufwand betreibt wie bei einer Burgundersorte, dann kommt ein ganz anderer Typ raus.«

Vorbei also die Zeiten, in denen der ­Müller-Thurgau als dünnes Wässerchen ­verschrien war, als ein nach Eisbonbon und Gummibärchen duftender, früh welkender Wein. Aus Notwehr gegen das schlechte Prestige der Sorte waren damals manche Betriebe dazu übergegangen, die Bezeichnung »Rivaner« zu verwenden – und viele haben diesen Namen beibehalten, obwohl inzwischen klar ist, dass nicht Riesling und Silvaner die Eltern des Müller-Thurgau sind, sondern Riesling und die frühreife Sorte Madeleine Royale. Doch nachdem der schlechte Ruf des Müller-Thurgau dazu führte, dass sich die Anbaufläche in den vergangenen zwanzig Jahren nahezu halbiert hat, scheint inzwischen ein Punkt erreicht, an dem Weinkenner neuen Spaß an der Sorte entdecken – und die Winzer neuen Ehrgeiz entwickeln.

»Der Müller-Thurgau lebt von der Frucht – man muss noch mehr arbeiten, um den Bodenton zur Geltung zur bringen.«
(Johannes Zang Winzer, Sommerach)

Johannes Zang ist Silvaner-Spezialist, aber hält auch am Müller-Thurgau fest.
Johannes Zang ist Silvaner-Spezialist, aber hält auch am Müller-Thurgau fest.

© Eva Hagen

Das Weingut von Otmar und Johannes Zang im fränkischen Sommerach benennt seinen Müller-Thurgau sogar nach dem Bodentyp: »Muschelkalk« – und der Wein löst dieses Versprechen tatsächlich mit mineralischen Noten ein. »Das ist unser gehobener Wein für den Alltag«, sagt Johannes Zang – und lobt die »Trinkfreude«, die von diesem Wein ausgeht. Ist es eigentlich schwerer, einem Müller-Thurgau Terroir-Töne mitzugeben als beispielsweise einem Silvaner? »Ich würde sagen: ja. Der Müller-Thurgau lebt von der Frucht. Da muss man noch mehr arbeiten, um den Boden zur Geltung zu bringen: Ertragsbegrenzung – wir schneiden ein Drittel weg –, Grünlese, und dann nur gesundes Lesegut verwenden.« Hört sich alles so leicht an. Und ist vielleicht gerade dann besonders schwer, wenn ein Wein im öffentlichen Ansehen eher für Süffigkeit steht als für Tiefgang. Die besten Müller-Thurgau aber schaffen es, das eine mit dem anderen zu verbinden, und verdienen es, von uns allen wieder einmal probiert zu werden.

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