Es war beileibe nicht der erste, aber unbestritten der größte Bio-Skandal bisher: Konventionell produzierte Produkte (Obst und Gemüse, Getreide und Futtermittel, zum Teil mit Pestiziden be­lastet) wurden zwischen 2007 und 2011 von einem italienischen Fälscherring als Bio-Ware in den europäischen Handel gebracht – 700.000 Tonnen, 220 Millionen Euro Erlös.

Die Sehnsucht der Österreicher nach gesunden Lebensmitteln ist groß. Allein in den letzten drei Jahren haben sie um zehn Prozent mehr Bio-Produkte gekauft. Mit »Bio« verbinden die meisten Käufer neben gesunder Ernährung auch ethische Werte wie artgerechte Tierhaltung, Vermeidung von Kunstdünger und Pestiziden sowie Umwelt- und Klimaschutz. Für diesen Mehrwert sind die Konsumenten auch bereit, mehr zu zahlen: In ­einer Umfrage der Agrarmarkt Austria (AMA) von 2010 gaben 59 Prozent der Befragten an, höhere Preise für biologische Lebensmittel für gerechtfertigt zu halten. Damit wird bewusste Ernährung zum Wirtschaftsfaktor, der Bio-­Konsument zur Zielgruppe – und es wird das ­Interesse von Fälschern geweckt, denen es um schnellen Profit ­geht.

Bio Global

Der Umsatz von Bio-Frischwaren im heimi­schen Lebensmitteleinzelhandel ist 2011 um 0,6 Prozent auf 304,4 Millionen Euro zurückgegangen. Mit einem Bio-Anteil beim Einkauf von Frischeprodukten von 6,5 Prozent gehört Österreich aber immer noch zur weltweiten Spitze. Da einerseits die heimische Bio-Landwirtschaft der Nachfrage nicht immer nachkommen kann und andererseits auch immer mehr Bedarf an exotischen Produkten in Bio-Qualität besteht, wird ein großer Teil der in Österreich verkauften Bio-Erzeugnisse importiert. Der Bio-Markt funktioniert längst global. Im Februar war auf der Biofach in Nürnberg, der weltweit größten Bio-Messe, davon die Rede, dass Getreide, Hülsenfrüchte und Saaten wie ­Sesam, Leinsamen oder Sonnenblumenkerne in Bio-Qualität heutzutage vor allem aus China stammen. Bio-Kartoffeln kommen aus Ägypten, Bio-Forellen aus Peru und so weiter.

Die Auswirkung dieser Entwicklung erkennt man in den heimischen Supermärkten. Dort wird eine Fülle an importierten Bio-Produkten »aus kontrolliert biologischer Landwirtschaft« angeboten – von Tomaten über Avocados bis hin zu Bananen. Wer genauer hinsieht, liest Herkunftsbezeichnungen wie »Asien« – und fragt sich, wer denn hier nun wirklich die biologische Erzeugung garantiert?

Bio vs. Bio
Die EU-Verordnung 834/2007 regelt, wie Hersteller verpackter biologischer Lebensmittel seit 1. Juli 2010 das EU-Bio-Logo führen können: Wird es verwendet, muss auch der Erzeugungsort der Agrar-Zutaten angegeben werden. Das Siegel ist jedoch keine Pflicht, sondern bei Importen von biologischen Lebensmitteln aus Drittländern freiwillig. Der Vertrieb von als »Bio« ausgewiesenen Produkten aus Drittländern ist auf dem EU-Markt generell nur zulässig, wenn diese ­unter gleichen oder gleichwertigen Bedingungen wie in EU-Staaten produziert und kontrolliert wurden.

Der Haken an diesem System: Die Spielregeln der EU-Bio-Verordnung bieten kaum Barrieren gegen kriminelle Geschäftemacher. Der Konstruktionsfehler wurzelt dort, wo ein zum Beispiel in Österreich gut funktionierendes System auf Länder übertragen wird, in denen Korruption und Rechtsbeugung die gesellschaftliche Realität bestimmen. Wenn in einem Land die Kontrolleure mit den Fälschern zusammenarbeiten, sind den österreichischen Behörden damit sogar in allen EU-Staaten die Hände gebunden.

Austro-Bio
Wer sich sicher sein will, dass er wirklich Bio-Obst, -Fleisch oder -Milch kauft, greift am bes­ten zu einem Produkt aus Österreich. »Die biologische Landwirtschaft befindet sich in Österreich nicht mehr im Dornröschenschlaf, sondern ist ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor«, sagt Rudi Vierbauch, Obmann der Bio-Bauern-Vereinigung »Bio Austria«. »Niemand in Österreich will und kann es sich leisten, in diesem ­Bereich schlampig zu arbeiten und durch Unachtsamkeit oder Ungenauigkeit einen Skandal heraufzubeschwören. Deshalb sind wir von der bäuerlichen Seite sehr bemüht, Abläufe und Maßnahmen festzulegen, die ein Maximum an Sicherheit gewährleisten.«

Bio Austria vertritt etwa 60 Prozent der rund 21.800 heimischen Bio-Betriebe und ist damit nicht nur der größte öster­reichische, sondern auch der größte Bio-Verband in Europa. Die Bio-Austria-Bauern verpflichten sich dazu, nach Richtlinien zu arbeiten, die in vielen Punkten über die EU-Bio-Verordnung ­hinausgehen. Liegt der Grenzwert für die Bezeichnung »gentechnikfrei« bei der EU-Bio-Verordnung etwa bei 0,9 Prozent, so setzt ihn Bio Austria bei 0,1 Prozent an, also noch unter der Nachweisbarkeitsgrenze. In ­Österreich sorgen unabhängige Kontrollstellen, die vom jeweiligen Landeshauptmann zugelassen werden, für die Einhaltung der Richtlinien.

Waren Bio-Lebensmittel vor 20 Jahren noch ein Nischenprodukt, so sind sie heute fix im Alltag etabliert. Seit die Bio-Produkte in den Supermärkten angekommen sind, hat sich ihr Erscheinungsbild geändert. Liegt eine Bio-Karotte neben ­einer aus konventionellem Anbau, ist kein ­optischer ­Unterschied zu bemerken. Somit kann sich der Konsument nur auf Logos und Bezeichnungen verlassen – und geht dabei oft von falschen Annahmen aus, wie eine Umfrage der AMA zeigt.

Drei Viertel der Österreicher nehmen etwa an, dass hierzulande angebotene Bio-Lebensmittel auch aus Österreich kommen, und kaufen dabei vielleicht gerade eine Bio-Frucht, die um die halbe Welt gereist ist. Rund die Hälfte der Konsumenten glauben, dass die banale Floskel »aus naturnahem Anbau« ­bereits eine biologische Herkunft garantiert. Auch die durch die Werbung vermittelten ­Bilder von glücklichen Hühnern, Apfelbäumen auf blühenden Wiesen und von Hand gebackenen Broten entsprechen nicht immer der Realität der biologischen Landwirtschaft. Im Zweifelsfall empfiehlt sich immer noch der direkte ­Kontakt zum Bio-Bauern – und etwa der ­wöchentliche Bezug einer nach Hause oder ins Büro gelieferten ­regionalen Bio-Kiste.

Lesen Sie hier das Interview mit Bio-Pionier Werner Lampert.

Den vollständigen Artikel mit allen Hintergründen und dem, was Landwirtschaftsminister Niki Berlakovich zu Bio-Lebensmitteln sagt, finden Sie im aktuellen Falstaff Nr. 03/2012.

Text: Sonja Hödl

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