Aargauer Winzer: Ade Klischee

Auch in der hübschen kleinen Stadt Baden wird Rebbau betrieben. 

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Auch in der hübschen kleinen Stadt Baden wird Rebbau betrieben.

Auch in der hübschen kleinen Stadt Baden wird Rebbau betrieben. 

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Wunderschön und sträflich verkannt ist er, der liebe Aargau. Und von Stereotypen geplagt, die ihm die restliche Schweiz seit ewigen Zeiten aufzwingt. Natürlich sehen wir einige schicke, aufgemotzte Autos, als wir an diesem Tag in Richtung Würenlingen fahren, viel eindrücklicher ist aber die atemberaubend schöne Landschaft, die sich uns auf unserem Weg offenbart. Satte Wälder, die gemütlich vor sich hin fließende Aare und pittoreske Ortschaften.

Die Realtiät ist bei weitem schöner als das, was die meisten Menschen in ihrer eingefärbten Fantasie mit dem Aargau verbinden. Aber nicht nur wie schön der Aargau ist, wird gerne vergessen, nein, auch dass im viertgrößten Weinbaukanton der Deutschschweiz äußerst individuelle Weine entstehen. Mit diesem Underdog-Status haben sich die hiesigen Winzer längst abgefunden. Wohl wissend jedoch, dass sie Weine, vor allem aus der Hauptsorte Pinot Noir, produzieren können, die den internationalen Vergleich keinesfalls scheuen müssen.

Sicherlich ist dies auch dem besonderen Terroir zuzuschreiben, das den Aargau kennzeichnet. Das Gebiet liegt rund zwei- bis dreihundert Meter tiefer als die restlichen Anbaugebiete der Schweiz, was dazu führt, dass die Winzer hier rund eine Woche vor ihren Kollegen mit der Ernte beginnen. Noch viel wichtiger sind jedoch die Böden, die hier zu finden sind. Der Aargau liegt zum großen Teil im Einflussgebiet des Jura, weshalb die Untergründe hier mehrheitlich stark kalkhaltig sind. Perfekte Bedingungen für Burgundersorten wie Pinot Noir, die in ihrer Heimat, dem französischen Burgund, ebenfalls auf ähnlichen Böden gedeihen und Weine von Weltformat hervorbringen.

Vom großen Potenzial, das dem Terroir des Aargaus innewohnt, ist auch Winzer Andreas Meier vom Weingut zum Sternen in Würenlingen überzeugt. »Der Aargau besitzt eine eigene Handschrift, die sich auf den Jurakalk bezieht, und das macht die Region vor allem für die Rebsorte Pinot Noir besonders spannend«, berichtet er. Flaggschiff des Hauses, zu dem auch eine landesweit bekannte Rebschule gehört, ist zweifelsohne der Pinot Noir Kloster Sion Réserve.

Ein Wein, der lange stellvertretend für den Aargau stand und seit Anbeginn Mitglied der Schatzkammer der Vereinigung »Mémoire des Vins Suisse« ist. Die Trauben für den kraftvollen, üppigen Blauburgunder gedeihen in einer der wärmsten Lagen des gesamten Kantons oberhalb des Klingnauer Stausees auf schweren Böden aus verwittertem Opali-
nuston und Muschelkalksediment. Wie alle Lagen des 13 Hektar großen Weinguts wird auch die Prestigelage, die seit 127 Jahren im Besitz der Familie ist, seit einigen Jahren zertifiziert biologisch bewirtschaftet.

In den ersten Jahren, als Meiers Vorfahre Adalbert Meier hier wirkte, muss die Witterung vergleichbar mit dem aktuellen Jahr gewesen sein. »›Witterung 1897 –  Landregen, Gewitterregen und Regenwetter!‹ stand mit Bleistift an einem Balken im alten Rebhaus geschrieben«, erzählt Meier. Und fügt an, dass er in diesem Weinjahr besonders gespannt auf das Resultat in den Flaschen sei. Letzteres musste sich Meier bei den Schweizer Weingeniessern auf seinem Weg in den letzten Dekaden stetig erarbeiten. So erinnert er sich an das Ende der 1980er-Jahre, als er seine Weine in einem Restaurant zeigen durfte und die Gäste lieber auf das gratis Glas Wein verzichteten, weil es ein Aargauer war. Seine Tochter Patrizia, die den Betrieb in einigen Jahren übernehmen wird, hat deutlich bessere Voraussetzungen. »Die nächste Generation hat auch mehr Selbstbewusstsein und wird frecher«, sagt Meier, der zudem auf kantonaler und vielleicht auch nationaler Ebene politisch engagiert ist.

Der Underdog-Kanton

Regionen mit Underdog-Status wie der Aargau sind oftmals besonders für junge Winzer und Quereinsteiger, die ihre eigene Geschichte schreiben wollen, ein spannendes Pflaster. Tom Litwan beispielsweise, der auf Umwegen zum Wein kam als er als 18-Jähriger auf einem Châteaux im burgundischen Chablis wirkte, ist einer von ihnen. Litwan landete im Jahr 2010 in der Region, pachtete die ersten 1,5 Hektar in Schinznach. Heute sind es rund 5,5 Hektar, die Litwan im Fricktal zertifiziert biodynamisch bewirtschaftet, seit 2018 hat er auch einen eigenen Keller in Oberhof, wo wir ihn treffen. Litwan berichtet von den Erfolgen im Rebschutz, die er in diesem besonders schwierigen Jahr mit stärkenden Pflanzentees hatte. Ein Thema, das er noch weiter erkunden möchte, denn man wisse noch viel zu wenig darüber, was man mit diesen Mitteln alles erreichen könne.

Im Keller arbeitet er zurückhaltend, vergärt spontan und versucht den Einsatz von Schwefeldioxid auf ein Minimum zu reduzieren. »Meine Rolle ist, so wenig wie möglich im Wein aufzufallen. Und das beinhaltet genau das zu tun, was es braucht, damit das Terroir, die Traubensorte und der Jahrgang erkennbar sind und nicht sekundär werden«, erklärt Litwan. Damit spielt er auf die Naturweine an, bei denen seiner Ansicht nach häufig der Verzicht des Winzers im Keller den Geschmack des Weins bestimmt und den Terroirgedanken verwischt.

Mit seiner klaren Philosophie und eleganten lebendigen Weinen erarbeitete sich der Winzer in den letzten Jahren einen hervorragenden Ruf – weit über die Grenzen des Aargaus und der Schweiz hinaus. Litwan will mit den Großen im Ausland mithalten können und das tut er auch, wie die Rezeption seiner Weine zeigt. Spricht man mit Weinexperten aus dem Ausland heute über Schweizer Wein, fällt der Name Litwan schnell. »Das, was wir hier im Aargau machen, hat Hand und Fuss, aber das wird in der Schweiz selbst gerne vergessen. Wir werden vielleicht nie eine weltberühmte Weinregion, da sind wir flächenmäßig zu verzettelt, aber qualitativ können wir international absolut mithalten«, sagt Litwan. 

Ein Isländer im Aargau

Das spürt auch Hoss Hauksson, ein weiterer Quereinsteiger im Aargau. Hauksson, der sich in das ehemalige Gebäude der ortsansäßigen Genossenschaft in Rüfenach eingemietet hat, exportiert mittlerweile gar den Großteil seiner Produktion. Die Hälfte geht in seine Heimat Island, ein Teil nach Dänemark, auch in Frankreich und Dänemark vertreibt er seine Aargauer Weine. Oftmals sind sie schon ausverkauft, bevor sie überhaupt abgefüllt wurden. Bevor Hauksson Winzer wurde, wirkte er rund zwanzig Jahre in der Finanzwelt. Wein, so sagt er, interessierte ihn aber schon immer.

Die ersten Versuche unternahm er bereits während des Studiums in Island Waschküchenexperimente nennt er diese heute, weil es genau solche waren. Nachdem Hauksson im Jahr 2014 die ersten handfesten Weine im Tessin gekeltert hatte – aktiv ist er dort heute immer noch –, kam er 2017 in den Aargau. Entscheidend hierfür war die Verfügbarkeit von Rebflächen, berichtet er, die Liebe zur Region entwickelte sich erst anschliessend. »Ich bin glücklich, dass ich hier bin«, sagt er. Seine Parzellen Alpberg, Horn und Rütiberg in der Gemeinde Remigen bewirtschaftet er heute wie Litwan biodynamisch.

Und genau dort, in den Rebbergen, liegt aktuell auch sein Fokus. Schafe sollen künftig die Begrünung in Schach halten und wichtigen Dünger liefern, zudem will er Beikräuter bewusst pflanzen. Seine Rebberge sollen ein funktionierendes Ökosystem werden, in dem sich jedes Individuum frei entfalten kann. So wie er selbst hier im Aargau, denn im Gegensatz zu anderen Winzern muss er keine bestehende Tradition weiterführen. 

Potenzial ausschöpfen

Adrian Hartmann von Adrians Weingut arbeitet schon immer im Aargau. Zunächst als Kellermeister bei diversen Weingütern in der Region tätig, erfüllte er sich im Jahr 2016 den Wunsch vom eigenen Weingut. Heute bewirtschaftet Hartmann vier Hektar, drei davon direkt hinter seinem Weingut in Oberflachs und einen in Schinznach. Vor allem Pinot Noir und Riesling-Sylvaner gedeihen auf seinen Flächen, aber auch Spezialitäten wie Charmont oder Zweigelt. »Wir haben hier Top-Bedingungen. Die Böden sind von Muschelkalk geprägt und wir können elegante Weine produzieren«, gibt er sich begeistert. Auch er arbeitet biodynamisch, stellte die mit bis zu fünfzig Jahre alten Reben bepflanzten Rebberge, direkt nachdem er in Oberflachs gestartet war, um. Das Profil seiner Weine bestimmt heute lediglich der Lesezeitpunkt, im Keller unternimmt auch er nur noch das Minimum.

Etwas, an das er sich stetig herantastete und bei dessen Erkundung er noch lange nicht am Ende angekommen ist. »Mich nimmt es wunder, was passiert, wenn man den letzten Schritt noch geht«, berichtet Hartmann. Und dem nähert er sich Jahr für Jahr an und blickt dabei über den Tellerrand. Gepaart mit seiner Anbauweise sieht er darin den einzigen Weg, um das immense Potenzial, das dem Aargau innewohnt, auch auf die Flasche zu bringen. Listungen bei renommierten Schweizer Weinhändlern und Restaurants bestätigen sein Tun. »Der Aargau ist eine der am meisten unterschätzten Regionen in der Schweiz und das Potenzial wurde in der Vergangenheit viel zu wenig ausgeschöpft«, sagt Hartmann. Mit Winzern wie ihm und den anderen Protagonisten dieses Artikels wird es das aber, so viel ist sicher.

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Aus der Falstaff Schweiz Ausgabe 7/2021

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