1990er: Österreichs Weinszene im Aufbruch

Albert Gesellmann erzeugt im Mittelburgenland Weine von Weltformat.

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Gesellmann

Albert Gesellmann erzeugt im Mittelburgenland Weine von Weltformat.

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Am Anfang, also bis etwa Ende der Achtzigerjahre, standen Österreichs Weine nicht gerade oft im interna­tionalen Fokus. Und wenn, dann nur punktuell. Meist wenn einzelne Spitzenerzeugnisse mit Medaillen oder anderen Auszeichnungen geadelt wurden – was vor allem bei süßen Weinen immer wieder der Fall war.

Heimische Edelsüßkreszenzen waren gerne ein Garant für Schlagzeilen, wobei das Pendel hier heftig hin und her schlug: Serien-Weltmeister in Laibach, Weinskandal, und dann war es schließlich Alois Kracher, der mit seinen Botrytisweinen Österreich die Tür zur Weinwelt aufsperrte.

Mit Beginn der Neun­­zigerjahre wurde – nicht zuletzt dank kräftiger Investitionen der Weinmarketinggesellschaft – die internationale Fachpresse auf Österreich aufmerksam. Magazine wie »Decanter«, »The Wine Spectator« und schließlich auch Wein-Guru Robert Parker begannen, die heimische Weinproduktion wohlwollend zur Kenntnis zu nehmen. Die sogenannte »Wertschätzungsschere«, also jener Zustand, dass österreichische Weine im eigenen Land punkto Qualität meist über- und jenseits der Grenzen eher unterschätzt werden, klaffte dadurch ­ab Mitte der Neunziger bereits wesent­lich weniger weit auseinander als davor.

Verantwortlich dafür war eine wachsende Zahl von Winzern, die den drohenden Strukturproblemen im Weinbau nicht mit Wehklagen und dem Ruf nach Subventionen, sondern mit Ambitionen ­und dem Streben nach bestmöglicher Qualität begegneten. Und neben dem Blick über den Tellerrand war die Besinnung auf vorhandene Stärken von entscheidender Bedeutung – denn so konnten die inländischen Konsumenten wieder ins Boot geholt werden, die nach dem Weinskandal – ge­linde gesagt – bereits leise Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit rot-weiß-roter Winzer geplagt hatten.

Vom Doppler zur Spitze

»Es ist noch gar nicht so lange her, dass Spitzenwinzer in Österreich von Qualitätswein in Bouteillen nicht leben konnten«, stellte der Langenloiser Weinmacher Willi Bründlmayer im Jahr 1996 lakonisch fest. Wahr ist: Vor 1985 war dies selbst für die illustresten Namen der Branche illusorisch. Und so verkauften auch Größen wie Jamek oder Bründlmayer reichlich in Liter- und sogar Doppelliter-Flaschen.

Blicken wir also zurück in die Mitte ­der Neunziger, als das Fundament für den rasanten Aufstieg der neuen österreichischen Weine gegossen wurde. Die Ansage lautete damals: »Weiß und trocken, dann können wir an der Spitze dabei sein.« Zu jener Zeit erfreuten sich die Wachauer Smaragd-Rieslinge bereits einer derartigen Nachfrage, dass die jungen Lagen-Ikonen namens Kellerberg, Singerriedel oder Schütt von den führenden Betrieben – angeheizt durch die tollen Jahrgänge zu Beginn der Neunziger – bald nur mehr über Reservierungslisten zugeteilt wurden. Gleichzeitig setzte sich die Erkenntnis durch, dass man auch aus Grünem Veltliner Weißwein von Weltformat erzeugen kann, der noch dazu die Vorteile der größeren Verfügbarkeit einerseits und der Singularität andererseits aufweisen konnte. Und drittens begann man, auch die Chancen zu sehen, die in der duftig-würzigen Sorte Sauvignon Blanc liegen. Hatten die steirischen Winzer Ende der Achtziger zunächst auf eine sehr leichtfüßige, grasige Linie gesetzt, so überraschten sie nun Kenner im In- und Ausland mit Lagenweinen mit Namen wie Kranachberg, Zieregg, Hochgrassnitzberg oder Nussberg, die sich Schritt für Schritt als ernst zu nehmende Konkurrenz für ­die Kollegen an der Loire entpuppten. In Sachen Chardonnay und Holzausbau gab es in den Neunzigern noch einiges an Po­lemik – auch das Falstaff-Magazin hatte nach einer großen Verkostung ein Zuviel an neuem Holz und ein Zuwenig an Sub­stanz konstatiert. Doch mit der Zeit haben die Winzer gelernt, dass auch hier nur ein drastisch gesenkter Ertrag und die richtige Dosis Barrique zu einem besseren Ergebnis beitragen.

In Sachen Rotwein war der Fortschritt unübersehbar: Dominierte auch hier zunächst das Holz – anfänglich bediente man sich auch öfter französischer Fässer aus Limousin-­Eiche, die eigentlich für die Cognac-Produktion bevorzugt werden –, so behauptete man bereits Mitte der 90er-Jahre stolz, dass Österreich die mit großem Abstand besten Rotweine des deutschen Sprachraums er­zeuge. Wo der Plafond für die heimischen Roten allerdings tatsächlich liegt, kann ­in Anbetracht der klimatischen Veränderungen auch heute noch nicht realistisch eingeschätzt werden. Die Falstaff-Rotweinprämierung hat diese Entwicklung begleitet und gefördert – retrospektiv kann man sogar von einer sehr dynamischen Entwicklung sprechen.

Qualitätspyramide

In Österreich war man auch immer stolz auf die Spitze der edelsüßen Weine, die durch das regelmäßige Auftreten der Edel­fäule Botrytis Cinerea möglich werden. In der Person von Alois Kracher hatte die Süßweinszene ein geniales Vorbild, das nicht nur Weltklasse erzeugte, sondern diese auch mit enormem persönlichem Einsatz auf der ganzen Welt bekannt machte. So blühte eine regelrechte Szene für den süßen Wein auf: Neben den edelsüßen Weinen gab es plötzlich vermehrt Eisweine, aber auch Spezialitäten wie Strohwein oder Schilfwein. Dass es bis zum Jahr 2020 gedauert hat, ehe man auch für Süßweine aus dem Seewinkel und den Ruster Ausbruch ein DAC-Statut umsetzen konnte, ist der internationalen Marktlage geschuldet, die selbst an hochwertigsten Süßweinen wenig Interesse zeigt.

Deutlich besser sieht es da mit der heimischen Schaumweinproduktion aus, die durch die Einführung einer dreiteiligen Qualitätspyramide einen spürbaren Schub erfahren hat. Hier ist das Angebot von sehr guten Produkten stark gestiegen, und die heimischen Weinfreunde lassen sich auch zunehmend von Sekt aus Österreich mit geschütztem Ursprung überzeugen.

Nachhaltigkeit ist für die heimischen Winzer ebenfalls kein Schlagwort mehr. Hier hat in der gesamten Produktionskette ein breites Umdenken eingesetzt, die Zahl der zertifizierten Biobetriebe nimmt zu und Österreich ist im Vergleich auf einem guten Weg.

Zuletzt hat uns auch die Welle der Natural Wines erreicht, es wurden experimentelle Vinifikationsmethoden – von im Boden vergrabenen Amphoren bis zu Betoneiern – erprobt und interessante Ergebnisse erzielt. Auch wenn manche Kommentatoren hier mehr Rückschritt als Fortschritt erblicken: Fakt ist, dass es am Ende immer beim Konsumenten liegt, wofür er sich entscheidet. Und das fällt angesichts der Dichte an österreichischen Spitzenweinen ohnehin schwerer denn je.


Die Stars der neuen Weinszene

  • Paul Achs
    »Bio-Allroundkünstler aus Gols.«
    paul-achs.com
     
  • Albert Gesellmann 
    »Der Perfektionist aus Deutschkreutz.«
    gesellmann.at
     
  • Alois Gross 
    »Steirische Grandezza mit langem Atem.«
    gross.at
     
  • Hannes Hirsch 
    »Vorschrauber der Weinnation.«
    weingut-hirsch.at
     
  • Reinhold Krutzler 
    »Der ›Perwolff vom Eisenberg‹.«
    krutzler.at
     
  • Fred Loimer 
    »Langenloiser ›Bio-nier‹ und Sekterzeuger.«
    loimer.at
     
  • Gerhard Markowitsch
    »Der Rosenberg blüht für ihn.«
    markowitsch.at
     
  • Weingut MORIC
    »Roland Velich ist ›Mr. Blaufränkisch – Alte Reben‹.«
    moric.at
     
  • Christoph Neumeister
    »Veredelt das Terroir des Vulkanlands.« 
    neumeister.cc
     
  • Martin Nigl 
    »Punktet mit Veltliner und Riesling Privat.«
    nigl.at
     
  • Hans »John« Nittnaus
    »Erfinder von Comondor und Pannobile.«
    nittnaus.wine
     
  • Bernhard Ott 
    »Wagramer Grüner-Veltliner-Könner.«
    ott.at
     
  • Rudi Pichler 
    »Mineralische Wachauer Klassik aus Wösendorf.
    rudipichler.at
     
  • Josef Pöckl 
    »Rote Klasse: ›Admiral‹ und ›Rêve de Jeunesse‹.«
    poeckl.at
     
  • Erich & Walter Polz 
    »Die Meister vom Hochgrassnitzberg.«
    polz.co.at
     
  • Erwin Sabathi
    »Mit Chardonnay und Sauvignon Blanc on top.«
    sabathi.com
     
  • Uwe Schiefer
    »Erzeugt die Blaufränkisch-Legende ›Reihburg‹.«
    weinbau-schiefer.at
     
  • Roland Velich
    »Der Hüter der Chardonnay-Ikone ›Tiglat‹.«
    velich.at
     
  • Fritz Wieninger 
    »Der Burgunder-Macher aus Stammersdorf.«
    wieninger.at

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