1990er: Die Geburtsstunde der Wiener Barszene

Hunderte Spirituosen und ein Handy – die Architektur des »Planter’s Club« stemmte sich mit Nostalgie gegen das beginnende digitale Zeitalter.

© Imago Skata

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Hunderte Spirituosen und ein Handy – die Architektur des »Planter’s Club« stemmte sich mit Nostalgie gegen das beginnende digitale Zeitalter.

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Wie viel kostete ­vor 30 Jahren ein Cocktail in Wiens bester Bar? Die Antwort findet sich – noch mit Tintenstrahl-Drucker verfasst – in der Esterházygasse. Melanie Castillo hütet die erste Karte des »Barfly’s«, das ­ihr Mann 1990 eröffnet hat. Umgerechnet 4,72 Euro wurden für die Coladas damals verlangt. Inkludiert in diesen 65 Schilling war aber auch ein karibisches Lebensgefühl, das Wien bis dahin nicht gekannt hatte. Mario Castillo verkörperte das »Wiener Barwunder«, denn der Mann ­aus der Dominikanischen Republik lieferte, was die Nachtschwärmer der Hauptstadt erwarteten: »Der Cocktail als Urlaubsersatz«, wie es Bar-Kollege Erich Wassicek formulierte, liefert zugleich auch eine soziologische Erklärung, warum die Bars ­in diesem Jahrzehnt gar so sehr boomten

»Groß, bunt, süß« hatte ein Cocktail zu sein, erinnert sich Wassicek – »und natürlich mit Schirmchen.« Die historische Karte von Mario Castillo, der heuer 66 Jahre alt geworden wäre, unterstreicht das. Der Blue Hawaii findet sich hier ebenso wie der Mai Tai, ein anderer Liebling dieser Zeit. Es waren die leistbaren Pauschalflüge in die Karibik, die diese Sehnsucht beflügelten. Aber auch ein kreativer Aufbruch, der sich von der Mode über die Architektur bis in die Magazinszene zog: »Die Kultgetränke wechselten des Öfteren, und die ›Smart Export(Zigaretten-Marke, Anm.) waren immer stangenweise lagernd«, fasst der Musik-Promotor Herbert Kefeder die »Nineties« zusammen. Die Bars waren mehr als ein Ort der populären Kultur. Sie schafften es, wie das legendenumwobene »Incognito«, sogar in die Pop-Songs von Falco über Wilfried bis Joesi Prokopetz.

Ein Mentor namens Mario

Doch der Sound der 1990er-Jahre ist nicht das Einzige, was bleibt. Für die Wiener Barkultur ist diese Gründerzeit des Flüssigen prägend, auch wenn längst nicht mehr Latino-Rhythmen und Rum-Drinks allein die Nacht regieren. Blättert man in den Bildern von Mario Castillos Crew, dann findet man einen jugendlichen Heinz Kaiser (heute: »Dino’s Apothecary«), Salar Gerami (»Comida y Ron«), »Halbestadt«-Mastermind Erich Wassicek und René van de Graaf, den späteren Gründer des »Dino’s« am Salzgries. Und mit Andreas Obermeier werkt ein Urgestein heute wieder im »Barfly’s«-Team. Die »Barfly’s«-Zeit war auch für alle, die später mit eigenen Lokalen das Barwunder beflügelten, wichtig: »Alle, die eröffneten, taten das mit den gleichen Rezepten – jenen von Mario«, unterstreicht Erich Wassicek.

Wobei die Welt der Neunziger bei den vermixten Produkten noch eine völlig andere war. Selbst vermeintlich einfache Zutaten wie Rose’s Lime gab es gerade mal in einem Geschäft, das britische Spezialitäten importierte. Umgekehrt wiederum ist ein echter Regent der damaligen Zeit heute nahezu aus den Rezepturen verschwunden. In der ersten »Barfly’s«-Karte aber findet man ihn ebenso wie in den Erinnerungen von Musikmanager Kefeder: »Eine Zeitlang waren alle Musiker verrückt nach dem Harvey Wallbanger – aber nur wegen dem Galliano darin.« Es war eine der ersten großen Promotions, die heute gang und gäbe im Spirituosen-Business sind. Die gel­ben Hosenträger, die es zum Vanille­likör gab, hatten damals aber Neuigkeitswert. Ebenfalls in den 1990er-Jahren wurde das Konzept dessen grundgelegt, was man heute »Signature Drinks« nennt. Die speziellen Mixturen einzelner Bars machten sie zur Anlaufstelle. Etwa die Apotheke, die mit Fernet Menta von Fredy Pangerl in der Berggasse kredenzt wurde.  

»Bacardi-Feeling«

Mit Likören ist 30 Jahre später wenig Staat zu machen. Heute liegen zuckerfreie und alkoholreduzierte Drinks im Trend. Doch es gab ja nicht nur Schirmchen-Cocktails. »Wirklich viele Drinks von damals sind noch immer auf der Karte«, hält etwa Melanie Castillo das Erbe hoch. Gerade hat sie das »Barfly’s« komplett erneuert, doch die Klassiker des Hauses werden auch 2021 am »Drinks Menu« zu finden sein. Denn das huldigt nach wie vor den »dark spirits«. Die Ausnahme stellte der weiße Rum dar, der auch in den wenig karibischen Wiener Nächten für »Bacardi-Feeling« sorgte. »Die meistverkauften Drinks damals waren Caipirinha, Mojito und der Bourbon Sour«, so Melanie Castillo. 

Und es waren nicht nur die Arrivierten – Architekten, Journalisten, Werber und Aristos –, die den Tumbler auf Dean Martin erhoben. Verlegen mit dem Strohhalm in Crushed Ice und Rohrzucker herumzustochern, war Teil der Wiener Adoleszenz in diesem Jahrzehnt. Denn während Mario Castillo und Co mit den Drinks ein Lebensgefühl in die dadurch weniger graue Stadt brachten, sorgte Peter Rössler dafür, die Bar auch als wirtschaftliches Großunternehmen zu etablieren. Die kolportierten 20 Millionen Schilling, die der leider ebenfalls bereits verstorbene Pionier in das »Planter’s« steckte, wirken bis heute nach – im imposanten Kolonialambiente in der Zelinkagasse. Rössler lebte vor, dass eine großvolumige Bar auch neben den Clubs – einer neuen Gastronomie-Kategorie – ihre Berechtigung hatte. Vorausgesetzt, die Cocktails treffen das Lebensgefühl und schmecken. Und zumindest das war 1990 ebenso ein mixologisches Muss wie 2020!


Das Wiener »Barwunder«

Die American-Bar-Jahrzehnte im Zeitraffer:

  • 1984
    In dem Jahr beginnt mit dem »Echo« hinter der Kirche Maria am Gestade die Ära der Szenebars. Nach Jahren als »Citythai« folgte 2018 am elf Meter langen, ikonischen Tresen ein Probegalopp der »Salopp Bar«, der leider nur kurz währte.
     
  • 1990
    Versteckt hinter der Treppe des Hotels »Metternich« in der Esterházygasse, eröffnet das »Barfly’s« von Mario Castillo. Nach einem Umbau ist für 2021 die Neueröffnung durch Melanie Castillo, Witwe des 2010 verstorbenen Pioniers, geplant.
     
  • 1990 
    Paukenschlag am Stephansplatz: Hans Holleins Gestaltung des »Haas-Hauses« sorgt für Diskussionen – die »Onyx Bar« wird aber von Beginn an zum Society-Treffpunkt. 30 Jahre später kündigt Eigentümer Attila Dogudan (»Do & Co«) an, anstatt der Bar ein asiatisches Toprestaurant zu etablieren.
     
  • 1993
    Damals eröffnete eine weitere Trinkstätte, die es heute noch – unter dem gleichen Eigentümer – gibt: Gerhard Wanderers »Nightfly’s« in der Dorotheergasse in der City.
     
  • 1994
    Die »Loos Bar« erhält mit Marianne Kohn eine neue Leitung – die bis heute die historische Location (Baujahr 1908) von ihrer »Loge« aus dirigiert.
     
  • 1996
    In dem Jahr wechselte René van de Graaf aus dem Castillo-Team in die Selbstständigkeit. Sein »Dino’s« ist lange der Inbegriff der modernen American Bar. 2019 übernahm Heinz Kaiser die Location als »Dino’s Apothecary Bar«.
     
  • 1998
    Hans Schmid übernimmt aus der Konkursmasse des Konsum das Kaufhaus Steffl; die »Sky Bar« wird zum Szenetreffpunkt. 2020 wird kräftig umgebaut, Barchef Gerry Fryd, früher im »Barfly’s«, sorgt für Top-Drinks.

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