© Monika Nikolic

Uhren, Banker, Langeweile? Weit gefehlt! Unter der gediegenen Zürcher Oberfläche gibt es viel Aufregendes zu entdecken. Erst recht in der Welt der Kunst, wo die beschauliche Metropole am See weltweit in der Champions League mitspielt.

01 . Februar 2019 - By Maik Novotny

Haltestelle Kantonsschule. Ecke Rämi-strasse und Zürichbergstrasse. Eine helvetischere Adresse als die der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich kann man sich kaum vorstellen. Ein idealer Startpunkt, um Zürich auf die Schliche zu kommen. Denn wer sich hier ins Innere wagt, steht plötzlich in einem spektakulären Raum aus Glas und Holz – der Institutsbibliothek von Stararchitekt Santiago Calatrava. Schweizer Uhren gehen langsam, aber genau: Fünfzehn Jahre brauchte der Bau von der Idee zur Realisierung, dafür mit perfektem Ergebnis. Keine Angst, für ein Zürich-Wochenende auf den Spuren von Kunst und Design braucht man keineswegs einen langen Geduldsfaden. Nur etwas Neugier beim Öffnen der Türen. Denn hinter dem gediegenen Äußeren lauern Abenteuer, Experimente und Überraschungen.

Freitag

Bergsteigen lohnt sich! Eine Kunstwanderung an den Hängen über dem See, mit Panoramaausblick und Seilbahnfahrt als Belohnung.

Schweizern wird nachgesagt, sie seien besonders ordentlich und organisiert. Teilen wir uns also das Wochenende ordentlich auf: Heute bleiben wir rechts der Limmat. Dort wartet der vornehme »Florhof«, ein Patrizierhaus aus dem Jahr 1763, wo der seit 2014 am Herd amtierende Ludovic Pitrel 90 von 100 Falstaff-Punkten erkocht hat. Nur, falls jemand Zweifel daran hatte, dass die calvinistischen Zürcher auch genießen können. 

Das direkt nebenan gelegene Kunsthaus am Pfauen, wie der Zürcher den Heimplatz nennt, beherbergt eine der wichtigsten Kunstsammlungen der Schweiz vom 13. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Fans von Edvard Munch, Alberto Giacometti, Georg Baselitz oder Johann Heinrich Füssli kommen hier besonders auf ihre Kosten. Die Schweizer Malerei des 19. Jahrhunderts ist ebenso vertreten wie die zeitgenössischen heimischen Stars Pipilotti Rist und Fischli/Weiss. Ab 2020 wird der Erweiterungsbau von David Chipperfield der Kunst noch mehr Platz bieten.

Gediegen bis Provokant

Nicht weit vom Kunsthaus wartet mit der Mai 36 Galerie ein Fixpunkt der lebhaften Zürcher Galerienszene. 1987 von Victor Gisler in Luzern gegründet, ist sie seit 1996 in Zürich zu Hause und mit ihrem reichhaltigen Künstler-Portfolio auf allen internationalen Messen vertreten. Ein wahrer Geheimtipp ist die ehrwürdige ETH Zürich: Auch hier lohnt sich der Mut, hinter die Türen der Hochschule zu schauen, denn dort wartet die 1867 gegründete Graphische Sammlung mit 160.000 Werken und ihren historischen und zeitgenössischen Blicken auf die Welt der Grafik. Von der ETH bietet sich danach ein Blick über die abendliche Stadt, und eine kurze Fahrt mit der Polybahn, einer niedlichen roten Zahnradbahn, bringt uns zum »Central« (auf der ersten Silbe betonen!) und ins nicht zu unterschätzende Nachtleben.

Samstag

Glas, Beton und Abstraktion: Ein Kunstspaziergang links der Limmat wird zur Erlebnisreise des Sehens, Denkens und Fühlens.  

Auch links der kühlen grünen Limmat lohnt es sich, die Türen zu öffnen. Etwa die des romanischen Grossmünsters, in dem man nicht unbedingt moderne Kunst vermuten würde. Doch genau hier hat der deutsche Künstler Sigmar Polke 2009 zwölf Glasfenster gestaltet, teils abstrakt, teils gegenständlich, alle von leuchtender Farbigkeit. Sie führen als Reihe zu den Chorfenstern von Augusto Giacometti aus dem Jahr 1933 mit der Darstellung der Geburt Christi.

Spirituell gestärkt, sind wir bereit für das Landesmuseum Zürich am Platzspitz neben dem Hauptbahnhof, einem der drei Standorte des Schweizerischen Nationalmuseums. Dieser mächtige Bau bietet im Inneren eine Reise in die Tiefen der Schweizer Geschichte, in der man sich ein ganzes Wochenende verlieren könnte. Spannende Wechselausstellungen setzen diese Historie immer wieder in einen gegenwärtigen Kontext. 2016 wuchs das Museum um einen radikalen Beton-Anbau der Schweizer Architekten Christ & Gantenbein, der luftig in den Park hineinragt. Vor allem inhaltlich radikal ist das Haus Kon-­ struktiv, seit 2001 in einem ehemaligen Elek­trizitätswerk zu Hause. Hier spezialisiert man sich auf konstruktive, konkrete und konzeptuelle Kunst, eine Sparte, in der die Schweiz Mitte des 20. Jahrhunderts führend war und die bis heute lebendig ist. Das Herzstück der Sammlung bildet der Rockefeller Dining Room, den Fritz Glarner 1964 für das Ehepaar Rockefeller in New York konzipierte.
Wo besser den Kunst-Samstag beenden als im Quartier Zürich-West, auch bekannt als Stadtkreis 5? Dieser hat sich in den letzten Jahren zum Galerien- und Ausgehviertel entwickelt. Mittendrin: die 1990 gegründete Galerie Mark Müller. In einem umgebauten Industriebau nahe dem Museum für Gestaltung zu Hause, ist sie der ideale Startpunkt für eine Tour durch die Galerien um die Limmatstrasse.

Sonntag

Schneller Marathon auf der Galerien-Meile: In Zürich-West haben sich Kunst und Kultur zu einem großartigen Konzentrat verdichtet.

Guten Morgen! Bei Kaffee, frischem Brot, Müsli und Produkten glücklicher Kühe klären wir schnell noch die Frage, ob es ein Land mit besserer Frühstückskultur gibt als die Schweiz (nein, gibt es nicht), bevor wir unser Kunstwochenende im Stadtkreis 5 fortsetzen. Das dortige Löwenbräu-Areal hat sich zu einem wahren Kunst-Hotspot entwickelt, und insbesondere die Kunsthalle, schon von Weitem an ihrem White Cube auf dem Dach erkennbar, ist ein Magnet für alles Zeitgenössische. Bis zu zehn Ausstellungen, Gespräche, Workshops, Veranstaltungen und über 20.000 Besucher pro Jahr machen die seit 1985 von einem Verein be­triebene Kunsthalle zum Zentrum des Kunstdiskurses.

Ebenfalls im Stadtkreis 5 beheimatet ist die Galerie Lullin + Ferrari – mit ihren sorgfältig kuratierten Einzelausstellungen und ihrer guten Vernetzung ein Fixpunkt in der heutigen Zürcher Kunstszene (siehe Interview). Ein Stück weiter auf der Galerienmeile hat eine der interessantesten Neueinsteigerinnen der letzten Jahre ihren Standort: die Galerie Maria Bernheim, die vor allem mit jungen Künstlern und Kuratoren zusammenarbeitet und frischen Wind in die Limmatstrasse bringt.

Abenteuer zum Abschluss

Wer zum Abschluss des Kunst-Weekends noch hinter ein paar Zürcher Türen schauen will, kann den Tag im Theater Schiffbau ausklingen lassen, das sich zum Zentrum der Kultur und Gastronomie gemausert hat, oder in einem der Lokale unter dem Letten-Viadukt. Und wer ganz mutig ist, wagt einen Sprung in die Limmat oder den See.

LIVING Nr. 05/2018

Erschienen in:

LIVING Nr. 05/2018

Die besten Adressen im Überblick

  • 1
    Schwarzenbach Kolonialwaren
    Ein charmantes Delikatessen-Geschäft mit teils kuriosem Sortiment. Wer schon immer gedörrte Drachen- oder Sternfrüchte probieren wollte, ist hier goldrichtig.
    Münstergasse 19, 8001Zürich
    Telefon: +41 44 2611315
    Öffnungszeiten: Mo-Fr: 09-18:30 Uhr, Sa: 09-17 Uhr
  • 2
    Schweizer Heimatwerk
    Kunsthandwerk auf höchstem Niveau – sowohl Traditionelles wie auch junges Schweizer Design werden hier verkauft. Das Sortiment reicht von der Senner­kutte bis hin zu Keramik- und Holzarbeiten.
    Bahnhofstrasse 2, 8001Zürich
    Telefon: +41 44 2210837
    Öffnungszeiten: Mo-Fr: 09-20 Uhr, Sa: 09-18 Uhr
  • 3
    Orell Füssli
    Die größte Buchhandlung der Stadt lädt zum Ver­weilen ein. Die Regale gehen über mehrere Etagen, man sollte also ausreichend Zeit einplanen. Wer zwischendurch müde wird, kann sich im hauseigenen Café stärken.
    Füsslistrasse 4, 8022Zürich
    Telefon: +41 848 849848

Genuss – das ist zentrales Thema der Falstaff-Magazine. Nun stellen wir das perfekte Surrounding dafür in den Mittelpunkt. Das Ambiente beeinflusst unsere Sinneseindrücke – darum präsentiert Falstaff LIVING Wohnkultur und Immobilien für Genießer!

AKTUELLES MAGAZIN 05/2019