© Galleria Torbandena, smpoly/Shutterstock

Sie ist eine Stadt zwischen den Welten: zwischen Österreich, Italien und Balkan, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Karst und Meer. Dazu ein Schuss Melancholie, und all das macht Triest zur idealen Kulturdestination mitten in Europa.

03 . Juni 2022 - By Maik Novotny

Fährt man von Nordost nach Südwest über den Karst, gibt es diese Stelle, an der die Landschaft beginnt, nach Zitronen zu riechen. Es ist der exakte Moment, an dem das Kontinentale dem Mediterranen weicht. Bald danach geht es steil bergab, in immer dramatischeren Serpentinen, und schon steht man auf dem Molo Audace mitten im Meer. Mitten in Triest.

Diese Stadt hat das Drama eingebaut, eingezwängt in einem Talkessel, der sich zur Bucht weit öffnet. Enge und Offenheit zugleich, das prägt eine Stadt. Triest war stets in der Mitte und am Rand: am Rand von Italien, von Österreich-Ungarn, vom Balkan – und dadurch mittendrin in Europa. Auch das prägt.

Die Triestiner fühlten sich immer etwas allein gelassen von Italien und Österreich, was zu reichlich melancholischer Selbstbespiegelung führte, kein schlechter Nährboden für Kultur. Vor allem in der Literatur, was Größen wie James Joyce und Italo Svevo bezeugen.

Das Potenzial der Stadt ist enorm und die Atmosphäre einzigartig. Die Cafés erinnern an alte Zeiten, der Porto Vecchio wartet auf eine große Zukunft, die abendlichen Piazze sind ganz Gegenwart, und entlang der Traumküste locken Duino im Norden und Piran im Süden. Seit 2021 gibt es auch wieder einen direkten Zug nach Wien. Es gibt viel zu entdecken.

Freitag

Das größte Kunstmuseum der Stadt, eine zeitgenössische Verbindungslinie nach Wien und eine intime Galerie in einer Künstlerwohnung.

Schon der erste Tag zeigt uns Triest in seiner künstlerischen Bandbreite. Das Museum Nummer eins am Platz dürfte zweifellos das Museo Revoltella sein. Gegründet 1872 und von Baron Pasquale Revoltella mit reichlich Budget ausgestattet, trug das stattliche Museum eine beeindruckende Sammlung italienischer Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts zusammen, von Giorgio de Chirico bis Alberto Burri, und wuchs dabei stetig weiter. Italiens Architekturmeister Carlo Scarpa baute ab 1968 daran, und heute umfasst der Komplex einen ganzen Block.

Nicht nur nach Italien, sondern vor allem nach Wien schaut das Kunstbüro mit dem radikal-kurzen Namen MLZ Art Dep. Die Kooperation mit der Wiener Art Foundation sorgt dafür, dass hier die historische Nabelschnur nicht abreißt, doch geschieht das ganz ohne Nostalgie. Hier werden beispielsweise aktuelle Arbeiten der ­Wiener Kunstakademie gezeigt, und man ­widmet sich allen Spielarten und Diskursen junger Emerging Artists, von Videointervention bis zur Skulptur.

ZU HAUSE BEI KÜNSTLER:innen

Doch wo ist die Seele Triests selbst zu Hause? Möglicherweise in einer Wohnung im vierten Stock des Palazzo Panfili. Dort ist die passend benannte Home Gallery, die das Künstlerpaar Roberto del Frate und Roberta de Jorio in seinen Räumlichkeiten führt. Die Ausstellungen sind klein und wechseln schnell, ­daneben kann man Malkurse bei den beiden ­belegen, und ein Teil der Räume dient als Atelier für Roberto. In diesem ungezwungen intimen Rahmen lassen sich gleich die ersten Kontakte zur lokalen Szene knüpfen, bevor es zum Abschluss in die Bar oder auf den Corso geht.

Samstag

Triest macht das Beste aus seiner europäischen Lage. Es streckt seine Fühler nach Osteuropa
und in die USA aus, und in Duino geht es zurück in die Geschichte.

Wo das MLZ Art Dep nach Österreich schaut, blicken andere nach Südosten. Die Galerie Trieste Contemporanea, gegründet 1995, propagiert und fördert den Dialog mit Osteuropa und etabliert Partnerschaften in Kunst, ­Design, Architektur, Multimedia, Musik und Film. Triest, sagt das Trieste-Contemporanea-Komitee, ist exakt der richtige Ort dafür, und natürlich hat das Komitee recht. Dementsprechend einladend und informell geht es hier in der Via del Monte zu – zum Beispiel beim »Videospritz«, während dem man sich bei einem Drink mit Videokünstler:innen austauschen kann.

WELTOFFENE HAFENSTADT

Eine der ältesten zeitgenössischen Galerien in Triest ist die 1964 gegründete Galleria Torbandena, die seit 1977 von Andy und ­Alessandro Rosada geführt wird. Gemeinsam ergibt das einen sehr breiten und reichen Referenzrahmen, der von Mailand bis Slowenien und nördlich über die Alpen reicht; zu sehen gibt es hier sehr viel Italienisches, ergänzt mit einer kontinuierlichen Zuneigung zur Kunst der USA, die die Galerie seit Jahrzehnten prägt. Die Weltoffenheit der Hafenstadt ist hier spürbar.

Danach ist es Zeit für einen ersten Ausflug entlang der Steilküste. Fast an deren nördlichem Ende thront das Castello di Duino. ­Errichtet im 14. Jahrhundert, hatte es reichlich prominente Gäste, darunter den Dichter ­Rainer Maria Rilke, der hier zwei seiner berühmten »Duineser Elegien« zu Papier brachte. Heute gehört das Schloss der Familie Thurn und Taxis, mehr als 18 Räume sind zu besichtigen, dabei spielt der Blick aufs Meer, wie schon für Rilke, auch heute eine große Rolle.

Sonntag

Ein Besuch bei den Abgründen der Vergangenheit, dem Reichtum der jüdischen Kultur und zum Schluss noch mal die Berge und das Meer.

Triest lag historisch immer an einer Art von Grenze – das hatte nicht nur positive ­Konsequenzen. Die dunkelsten Kapitel der Stadt liegen nicht lange zurück; davon kann man sich in der Risiera di San Sabba, einer ehemaligen Reisfabrik, überzeugen, die in der NS-Zeit als Konzentrationslager diente. Heute ist das Areal ein Museum, dafür wurden die alten Ziegelbauten von Architekt Romano ­Boico mit passender Rauheit ergänzt.

Einen elementaren informativen Kontrapunkt dazu setzt das 1993 gegründete Museum der jüdischen Gemeinde Triest in der Via del Monte. Hier war früher ein jüdisches Spital, das in den 1930er-Jahren Flüchtlinge beherbergte, die von Triest nach Palästina oder in die USA emigrierten. Das Museum beherbergt kulturell wertvolle Judaica aus früheren Schulen und aus Privatbesitz, die an die ­wichtige Rolle jüdischer Familien in früheren ­Jahrhunderten erinnern.

BETON UND GARTENFREUDEN

Zum Abschluss noch einmal auf den Berg und einmal ans Meer: Weithin sichtbar ist der archaische Pyramidenstumpf von Monte Grisa hoch über der Stadt. Nicht alle Triestiner:in­nen lieben diese brutalistische Betonkirche aus dem Jahr 1966, doch der Innenraum ist fast so großartig wie der Blick auf die Stadt.

Danach spazieren wir durch die Gärten des Castello di Miramare am Ufer, errichtet von
Erzherzog Maximilian, der die Schönheit des Ortes nicht lange genießen konnte. Heute strahlt das Castello nach langer Renovierung fast wie neu, was die zahlreichen Kunstwerke noch besser zur Geltung bringt. Ein bisschen darf man ja in der Vergangenheit leben. Und dann den Sonnenuntergang betrachten – während der Garten nach Süden duftet.

Hotels

THE MODERNIST HOTEL****
Das Hotel befindet sich in einem der schönsten historischen Gebäude des Corso Italia, erbaut vom Arzt und Philanthropen Gregorio Ananian. Jedes der Zimmer schafft gekonnt den Spagat zwischen moderner Eleganz und Funktionalität. Unweit der Piazza Unità d’Italia gelegen, ist es der ideale Ausgangsort für Erkundungstouren durch das Stadtzentrum.
Corso Italia 12, 34121 Triest
T: +39 040 0645690, themodernisthotel.it

HOTEL Solun trieste****
Schon von außen wird klar, dass das »Solun« keine Wohnhochburg ist. Mit 32 Doppelzimmern und zwei Suiten hat es genau die richtige Größe für einen entspannten Urlaub. Zudem besticht es durch sein altehrwürdiges Auftreten, dem durch die Generalsanierung 2013 zu altem Glanz verholfen wurde. 
Via Milano 16, 34133 Triest
T: +39 040 2038211, hotelsolun.it

Doubletree by Hilton Trieste****
Nicht nur der Adresse nach ist das »DoubleTree« das erste Haus am Platze. Das Gebäude aus
dem 20. Jahrhundert ist ein wahres Juwel der -italienischen Hafenstadt, mit Freskendecken Kron-leuchtern und Marmorsäulen, die an das alte Rom erinnern. Am Rande des Stadtzentrums gelegen, sind Sie in 20 Minuten beim Schloss Miramare und in wenigen Gehminuten in der Innenstadt.
Piazza della Repubblica 1, 34122 Triest
T: +39 040 9712950, hiltonhotels.it

HOTEL Coppe trieste****
Gäbe es ein Pendant zum Film noir, das »Coppe« wäre der richtige Drehort. Das Vier-Sterne-Hotel präsentiert sich ganz in Weiß und entführt so fast schon in eine Art Sci-Fi-Welt. Ein moderner Kontrast zu der sonst so verspielten Architektur der Stadt. Lage und Ausstattung überzeugen ebenfalls, auch das »Coppe« befindet sich im Stadtkern unweit der Piazza dell’Unita d’Italia.
Via Giuseppe Mazzini 24, 34121 Triest
T: +39 040 761614, hotelcoppetrieste.it

Grand Hotel Duchi D’Aosta*****
Mehr Zentrum geht nicht, denn das »Grand Hotel Duchi d’Aosta« liegt direkt am Platz der Einheit, der sich zur linken Seite hin öffnet und den Blick auf das Meer freigibt. Zu dem Fünf-Sterne-Bau gehören das Strandcafé »Maxi’s«, eine Pasticceria und das Restaurant »Harry’s Piccolo« mit zwei Michelin-Sternen.
Piazza Unità d’Italia 2, 34121 Triest
T: +39 040 7600011, duchi.eu

SAVOIA EXCELSIOR PALACE TRIEST****
Zum Sundowner an den Hafen oder gleich dort wohnen? Das »Savoia Excelsior Palace« bietet einen fantastischen Blick auf die Bucht von Triest und verfügt auch sonst über alles, was ein gutes Hotel ausmacht – eigenes Restaurant inklusive. Für den Absacker empfiehlt sich die hübsche Hausbar oder das nahe gelegene »The Roof« im Hafen.
Riva del Mandracchio 4, 34124 Triest
T: +39 040 77941, collezione.starhotels.com

HOTEL Duchi Vis à Vis****
Fast könnte man meinen, das »Duchi Vis à Vis« würde seinem großen Bruder auf der anderen
Straßenseite nacheifern, dabei stehen die beiden nicht in Konkurrenz zueinander. Sie gehören zusammen, aber verfolgen unterschiedliche Konzepte. Drüben altehrwürdige Tradition, hier modernes und zeitgemäßes, lichtdurchflutetes Design.
Piazza dell’Unità d’Italia 2, 34121 Triest
T: +39 040 7600011, hotelvisavis.net

Urban Hotel Design****
Ein Designobjekt jagt im »Urban Hotel« das nächste. Vom schwebenden Empfangstisch bis zum Speisesaal mit Glasboden und Blick auf antike Gemäuer. In den öffentlichen Räumen hat das Auge immer etwas zum Spielen, während die Zimmer schlichte Ruhe ausstrahlen. Und das alles nur wenige Gehminuten von der Piazza dell’Unità d’Italia entfernt
Androna Chiusa 4, 34121 Triest
T: +39 040 302065, urbanhotel.it

Seven Historical Suites****
Kein Hotel, dafür nur Suiten. Sieben an der Zahl und jede exklusiver als die andere. Das Konzept der »Seven Historical Suites« ist Glamour pur. Wer hier eincheckt, wohnt, als wäre Triest bereits das eigene Zuhause, denn jede Suite hat mehr als nur ein Bett und ein paar Möbel.
Via Fabio Filzi 4, 34132 Triest
T: +39 040 7600817, seventrieste.com

RestAurants & Cafés

Trattoria Nerodiseppia
Chef Giulio und seine Frau Valentina punkten auf allen Linien: Lokal, Service und Weinauswahl sind bezaubernd, hinreißend die Küche. Stockfisch mit Polenta oder tagesfrische Fische vom Grill, extravagante Vorspeisen wie Knödelchen aus Räucherschwertfisch und hausgemachte Desserts betören.
Via Luigi Cadorna 23, 34123 Triest
T: +39 040 301377, trattorianerodiseppia.com

Pasticceria La Bomboniera
Gäbe es wirklich Weihnachtsbäckereien, die Pasticceria La Bomboniera wäre eine von ihnen. Von der Eingangstür bis zur Kasse – hier werden Bäckermärchen erzählt, die so süß sind, dass selbst der Fleißzahn zur Torte greift.
Via Trenta Ottobre 3, 34122 Triest
T: +39 040 632752

Bars & nightlife

Mast Bar
Wo möchten Sie sitzen? Auf einer Schaukel, in einem alten Kinosessel oder doch auf einem
rustikalen Chesterfield? Im Gewölbekeller der »Mast Bar« ist alles möglich, auch die Zeit zu
vergessen.
Via San Nicolò, 3/b, 34121 Triest
T: +39 351 9497299, mast-bar.business.site

Gran Bar Unità
Ein Gläschen Wein bei Sonnenuntergang ist ja per se schon etwas Schönes. Noch mehr lässt es sich mit Blick auf das Meer genießen und über den großen Platz hinweg, der das Herz von Triest
bildet. Die »Gran Bar Unità« an der Piazza dell’Unità d’Italia könnte günstiger kaum liegen.
Piazza dell’Unità d’Italia 3, 34121 Triest
T: +39 331 4421484, granbarunita.it

BAR X
Gewölbedecken gehören einfach zu den Ladengeschäften, Bars und Restaurants in den
Erdgeschoßen altehrwürdiger Triestiner Häuser. So auch in der »Bar X«, in der man vom Früh- bis zum Dämmershoppen bestens aufgehoben ist. Hier gibt es nicht nur feine alkoholische Getränke, sondern auch edle Süßigkeiten und klassische Tramezzini für den Hunger zwischendurch.
Via del Coroneo 11, 34133 Triest
T: +39 040 634666

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LIVING Nr. 03/2022
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