© Francisco Nogueira

Es ist nicht alles edel, was glänzt. Denn auch Architektur ohne synthetische Kosmetik kann elegant, wohnlich und schön sein. Wenn die Materialien atmen dürfen, können auch die Menschen verschnaufen und sich wohlfühlen. Und das funktioniert in jedem Klima der Welt.

02 . Juni 2022 - By Maik Novotny

Die Älteren unter uns werden sich noch an die Zeit erinnern, als Nylonpullover und Viskosekleider die heißesten Dinge waren. Und sie wissen sicher auch noch, dass es in diesen gemeinsamen Meisterwerken von Mode und Chemie buchstäblich sehr heiß wurde. Die Atmungsaktivität war damals schließlich noch nicht wiedererfunden.

KEINE SCHWITZHÜTTEN

Die Architektur kennt ein ähnliches Phänomen, doch was das Umdenken betrifft, hinkt man der Mode noch leicht hinterher. Immer noch werden brandneue Häuser in dämmenden Schaumstoff gepackt und luftdicht versiegelt, immer noch werden zum Haareraufen der Klimaschützer mehrere Materialien zu Verbundstoffen verklebt, die sich niemals wieder – oder nur mit großem Aufwand – trennen lassen.

Doch es geht auch anders. Man muss nicht zukünftigen Sondermüll produzieren und auch keine Schwitzhütten bauen. Häuser sollen atmen können. So wie der klassische Vierkanthof in Oberösterreich, den Anna Moser und Michael Hager vom 2011 gegründeten Büro Moser Hager auf ganz luftige Weise sanierten. Sie ließen die Spuren der jahrzehntelangen Nutzungen sichtbar, ohne sie beschönigend zu überschminken. All die vielen Generationen von Ziegeln bilden eine historische Collage, die Dachbalken und Stützen aus Holz dürfen ihre Holzigkeit frei im Raum entfalten. Aufgeladen wird dieses Atmen durch den Kontrast eines verspiegelten Einbaus in die Tenne – einer entmaterialisierten Oberfläche, auf der der Atem des alten Hofes sichtbar wird. »Den Hof in seiner unberührten Ursprünglichkeit vorzufinden, erschien uns wie ein wertvoller Schatz, den es gut zu hüten und zu erhalten gilt«, sagen Moser und Hager.

LUFT IM KORKEN

Luft holen dürfen Häuser nicht nur im kontinentalen Klima Oberösterreichs, sondern auch im atlantischen Alentejo am Südwestzipfel Portugals. Hier baute der Architekt Ricardo Bak Gordon das Ferienhaus Casa Azul, das sich wie ein Chamäleon in der -rotbraunen Erde tarnt. Denn hier wurde traditioneller Putz aus Kalkmörtel verwendet, ergänzt durch Kork aus den vor Ort wachsenden Korkeichen. Beides besonders -ökologische Baustoffe, da sie keine weiten Transportwege zurücklegen müssen und die Rinde der Eichen obendrein auch nachwächst, nachdem man den Kork geerntet hat. So überließ es der Architekt dem Licht der Sonne, die kubische Architektur aus der Landschaft sichtbar zu machen – und einem schmalen Pool, der die atmende Fassade spiegelt. Zudem gibt es kaum Fenster, stattdessen schattige Höhlen, die im heißen portugiesischen Sommer Kühlung schaffen, damit Haus und Bewohner atmen können.

Luftigen portugiesischen Kork wählten auch CSK Architects für ihr Wohnhaus im noblen britischen Eton aus. Matthew Barnett Howland, Dido Milne und Oliver Wilton forschten dafür zehn Jahre lang mit Universitäten und der Baustoffindustrie, bis es gelang, ein ganzes Gebäude aus massiven Korkblöcken und vereinzelten Holzelementen zu errichten. Folien und Klebstoffe waren dabei verboten, stattdessen wurden die Blöcke von Roboterhand so gefräst, dass sie genau ineinanderpassen. Das Haus, das die Architekten aus diesem Baukastensystem auftürmten,
ist zwar klein, doch ragt es in tempelhaften Pyramidendächern hervor, die das Neue
hier ganz archaisch und etwas geheimnisvoll wirken lassen.

DER DUFT DER ZIRBE

Von der feuchten Insel zurück in die Alpen. Hier ist es natürlich vor allem Holz, das seit Jahrhunderten als Baustoff leben und aus seinen kleinen Poren weiter atmen darf. Zum Beispiel in St. Vigil in den Dolomiten. Das Wohnhaus ciAsa Aqua Bad Cortina von Pedevilla Architekten verwendete nur Holz von Bäumen, die in den angrenzenden Wäldern von herbstlichen Unwettern gefällt wurden. Auch hier wurde, Sie ahnen es schon, ganz auf synthetische Materialien verzichtet und die Einzelteile ohne Klebstoffe und Harze klug ineinander gesteckt. Fichte, Zirbe, Lärche: Sie alle dürfen verschnaufen, und das auch im Inneren. Dort wurde das Zirbenholz, das im Alpenraum seit Jahrhunderten für seinen angenehmen und natürlichen Raumduft bekannt ist, für alle Möbel verwendet.

Das geht auch im Kleinen: Der junge Architekt Lukas Lenherr realisierte im schweizerischen Jonschwil ein kleines Haus, das das unbehandelte Holz mit sichtbaren Montagespuren es selbst sein lässt und so eine Art helvetisch-japanischen Minimalismus erreicht. Ungeschminkte Schönheit, ganz ohne Schweißperlen.

Erschienen im Falstaff LIVING Residences 01/2022

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