© Sindre Ellingsen

Holz ist nicht nur was für Fischerhütten und Einfamilienhäuser in ländlicher Umgebung. Vor allem im innerstädtischen Raum bietet Holzbau viele Vorteile: Die Baustellen sind rasch fertiggestellt, leise, staubfrei und verlaufen meist ohne große Verkehrsbeeinträchtigung. Ein Blick auf die innovativsten Projekte zwischen Wien und São Paulo.

15 . März 2021 - By Wojciech Czaja

Man fühlt sich wie in einem Ma-tador-Baukasten, wie in einem raffiniert gestapelten, mit drei-dimensionalen Raumschleifen durchkreuzten Kapla-Klötzchenspiel für Erwachsene. Und dann erst der Geruch! »Wissen Sie jetzt, was ich meine! Das ist genau der Grund, warum wir uns dazu entschieden haben, in unserem Büro nach Möglichkeit nur noch mit Holz zu bauen«, sagt Reinhard Kropf, einer der beiden Köpfe des norwegischen Architekturbüros Helen & Hard, während er mitten im Foyer der von ihm geplanten SR-Bank in Stavanger  steht.

Holzbau ist in Norwegen keine Seltenheit, Tausende hölzerne Häuschen und Fischerhütten prägen die von Fjorden durchzogene, atemberaubend zerklüftete Küste. Das neue Headquarter weist aufgrund seiner Größe allerdings einige beeindruckende Rekorde auf. »Die SR-Bank-zentrale ist das derzeit größte Holzgebäude des Landes«, sagt der Architekt. »Und mit 19 Metern Länge ist uns in Zusammenarbeit mit den Holzplanern und Ingenieuren die größte, frei tragende Holztreppe der Welt gelungen.« Die massiven Holzläufe halten sich ganz von allein, keine wie auch immer geartete Stütz- oder Hängekonstruktion soweit das Auge reicht. »Allein schon dieses konstruktive Meisterstück beweist, wie modern und technologisch fortgeschritten wir heute schon mit Holz planen und bauen können«, so Kropf. »Holzbau ist, was die Planung und Errichtung betrifft, sicherlich die fortgeschrittenste Bautechnologie, die wir heute in Norwegen haben.« 

Vor allem im urbanen Bereich erweist sich Holzbau in vielerlei Hinsicht als Win-Win für alle Beteiligten. Ein Großteil des Gebäudes kann im Werk witterungsgeschützt und ohne Einflüsse von Regen, Schnee und Frost mit CNC-Maschinen millimetergenau vorgefertigt werden. Vor Ort müssen die Bauteile dann nur noch wie bei einem XXL-Baukasten Stück für Stück zusammengefügt werden. »Auf diese Weise«, erzählt Kropf, »konnten wir die Bauzeit um die Hälfte verkürzen. Hinzu kommt, dass eine Holzbaustelle für die Anrainer und Bewohner relativ leise und fast staubfrei ist.« 

Auch im fertigen Gebäude wirkt sich Holz in klimatischer und psychologischer Hinsicht in fast allen Bereichen positiv aus. Holz ist ­ein wertvoller CO₂-Speicher, absorbiert unangenehme Gerüche, regelt die Luftfeuchtigkeit, senkt den Stresslevel der dort arbeitenden Menschen und reduziert nachweislich – ­et­liche internationale Studien belegen das – Kopfschmerzen und Krankenstandstage im Unternehmen. Nur in einer Hinsicht hinkt Holz anderen Bauweisen hinterher: »Schalltechnisch liegt Holzbau aufgrund des gerin­gen Gewichts im Nachteil. Zum Dämmen ­der tieferen Frequenzen müssen wir mit Sand, Kies oder Betonestrich nachhelfen«, so Kropf.

Trotz dieses erheblichen Nachteils greifen immer mehr Architekten und sogar öffentliche und institutionelle Auftraggeber zum Baustoff Holz. In Dublin sollen die Hafendocks mit Holz aufgestockt werden, im Stadtzentrum von Vancouver ist ein 19-stöckiges Holzhochhaus in Planung, in Toronto planen die KPMB Architects ein Holzkrankenhaus für suchtkranke Patienten, im norwegischen Trondheim soll der neue Hauptbahnhof in Holz errichtet werden, und in Japan plant Toyota in Zusammenarbeit mit dem dänischen 

Architekturbüro BIG sogar eine ganze Stadt aus dem nachwachsenden Rohstoff Holz.  »Innerstädtischer Holzbau hat viele Vorteile«, sagt Leopold Kasseckert, Geschäftsführer des niederösterreichischen Familienunternehmens DPM Holzdesign. Vor Kurzem hat er neben dem Wiener Westbahnhof ein Holzhotel errichtet. »The Wood«, so der Name, besteht aus 49 vorgefertigten Zimmermodulen, die vor Ort nur noch übereinandergestapelt und miteinander verschraubt werden mussten. »Üb­licherweise dauert so eine Baustelle viele Monate, aber wir haben die 49 Zimmer in unserem Werk in Kasten bei Böheimkirchen vorgefertigt und dann per Spezialtransport nach Wien gebracht.« Fazit: Pro Nacht wurde eine ganze Etage errichtet, nach sieben Nächten – in einer davon hat es sogar geregnet – war der siebenstöckige Rohbau fertig. 

»Natürlich braucht es eine absolut perfekte, einwandfreie Logistik, von der Produktion über den Transport bis hin zur Montage vor Ort«, meint Kasseckert. »Aber wenn man die Abläufe gut plant, dann gibt es keine Bauweise, die schneller, unkomplizierter und für die An­rainer ruhiger und staubfreier über die Bühne geht als ein modularer Holzbau.« Auch in den Innenräumen sind die massiven Holzwände aus Fichten-Brettschichtholz visuell und vor allem olfaktorisch spürbar. Und: Statt monatelanger Verkehrsbeeinträchtigung musste der Mariahilfer Gürtel bei Ankunft der zimmergroßen Holzkisten nur viertelstundenweise gesperrt werden. Demnächst soll das Holzhotel eröffnet werden. 

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