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Hauptsache originell! Design-Ikone Marcel Wanders liebt das Unkonventionelle und erschafft Möbel und Produkte mit Seltenheitswert. Ein Interview über den Luxus, nicht mit der Masse schwimmen zu müssen.

05 . Oktober 2018 - By Angelika Rosam

Normal, 08/15, Understatement oder langweilig sind Attribute, die Marcel Wanders aus seinem Wortschatz gestrichen hat. Besser: Es hat sie dort niemals gegeben. Der holländische Top-Designer bevorzugt Opulenz, kokettiert in seinen Kreationen schon einmal gern mit verspielter Alice-im-Wunderland-Attitüde und verarbeitet auffällige Muster, die dank einzigartiger Hightech-Materialien Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Es darf blinken, glitzern und romantisch sein. Gibt es den Vorwurf des Kitsches, betrachtet Wanders dies mit lapidarem Augenzwinkern. Doch gerade der Charme dieser -Unbelehrbarkeit, dieses »Anders-Sein« ist es, das den 55-Jährigen aus dem niederländischen Boxtel in den Design-Olymp katapultiert hat. Die ganze Welt reißt sich um seine Kreationen, um seinen charmanten Snobismus, sein Enfant-terrible-Image, sein Talent, Produkte zu erschaffen, die Seltenheitswert garantieren.

So hat Wanders für den Licht-Giganten Flos die zwei kultigen Pendelleuchten »Skygarden« und »Zeppelin« kreiert und Hollands berühm­tes blau-weißes Delfter Porzellan neu interpretiert. Er arbeitet erfolgreich für internationale Unternehmen wie B&B Italia, Moroso, Louis Vuitton, Natuzzi oder Cappellini (um nur einige zu nennen) und hat als Gründer, Art-Director und Mitbesitzer das Design-Studio Moooi in neue Höhen gesteuert. Zuletzt vollbrachte Wanders auch einen weiteren Coup für Alessi. Mit der heuer bei der Milan Design Week erstmals präsentierten Raumduft-Kollektion »The Five Seasons« soll mit fließenden ­und organischen Formen unser Tast- sowie Geruchssinn angesprochen werden. Mit ­LIVING sprach der Provokateur des Designs über Poesie und Kunst sowie seinen Individu­alitätsanspruch für originelle Kreationen.

LIVING: Herr Wanders, Sie sind sehr umtriebig als Designer und arbeiten für sehr viele erfolgreiche Brands. Was genau hat Sie inspiriert, für Alessi Designs zu entwerfen?
Marcel Wanders: Für mich ist Alessi eine Ausnahmemarke. Alessi hat es geschafft, mit seinen Produkten Freude zu schaffen – mit fröhlichen Kreationen und einer Kombination von außergewöhnlichen Materialien.

Genau wie Alessi vertreten ja auch Sie einen Designansatz, der von Poesie und Kunst geprägt ist. Das Projekt »The Five Seasons« ist geradezu eine Lobeshymne auf die Natur.
Und wie. Bei dieser Raumduft-Kollektion entdecken wir die Grenzenlosigkeit der Natur und die großartigen Aromen, die sich frei im Raum entfalten. Mit ihrer Intensität tauchen uns die Düfte in ein Erlebnis stetiger Verwandlung. Sie sprechen unsere Seele an und haben eine beinahe überweltliche Wirkung auf uns.

Und welche Aufgabe hat die »Fünfte Jahreszeit« dabei?
Das war ja gerade der Clou daran, eine fünfte Jahreszeit zu erfinden, die es gar nicht gibt. Darum haben wir sie »Shhh« genannt, die Transzendenz, rätselhaft, geheimnisvoll und optisch ganz in Schwarz gehüllt.

Eigentlich haben Sie Ihre Karriere mit -Produktdesign begonnen. Interieur-Design kam dazu. Was liegt Ihnen mehr?
Mein Herz schlägt für beides. Mit dem Start, Interieur zu entwerfen, wollte ich einfach mein Leben komplizierter machen (lacht). Nein, im Ernst, Interieur ist einfach so komplett anders. Es hat mich persönlich ungemein inspiriert und herausgefordert. Mir wird schnell langweilig, und Neues zu erschaffen und auszuprobieren, ist einfach mein Antrieb.

Wollten Sie schon als Kind designen?
Ich habe keinen Design-Background. Meine Eltern betrieben ein Geschäft. Aber da gab es einen Moment in der Schule, als mein Werklehrer anmerkte: »Hey, Marcel, du hast was drauf. Du bist talentiert!« Das hat mich stolz gemacht. Ich habe immer viel gemalt und Dinge im Haus meiner Eltern mit dem Hammer zerlegt und wieder zusammenge-kittet. Also, wie Sie sehen, mein Talent war tatsächlich da (lacht), den Ausdruck Design habe ich allerdings erst in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren richtig wahrgenommen.

Ihre Entwürfe haben meist etwas Besonderes – stellen Sie sich viele kritische Fragen während des Design-Prozesses? 
Ich stelle mir Tausende von Fragen. Gemeinsam mit meinen Mitarbeitern zermartere ich mir den Kopf. Für welchen Zweck kreieren wir zum Beispiel einen neuen Stuhl. Ist er für eine Company oder für den Verkauf gedacht? Wie soll die Beschaffenheit sein? Wo wird er im Haus stehen? Welche Mate-rialien sind gewünscht? Wovon sprechen -wir eigentlich? Wie machen wir dieses Möbel lebendig? Was repräsentiert es? Wir brauchen eine Geschichte, das ist die Voraussetzung, ein neues Produkt oder Objekt ins Leben zu rufen.

Kommt es vor, dass Ihnen Entwürfe gar nicht gefallen und Sie wieder von vorne starten? 
Ach, das passiert ständig, es ist der Alltag bei uns. Oft werden Konzepte von zwei Wochen weggeworfen und neu gemacht. Das nervt natürlich, ist aber ein ganz normaler Prozess, mit dem man sich abfinden muss.

Sehen Sie sich als Perfektionist? 
Nein, überhaupt nicht. Perfektionismus ist ein Ausdruck für Loser. Perfektion tötet alle Möglichkeiten in einem Designvorgang. -Mit Perfektionismus im Kopf kann man sich nicht fortbewegen. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe sehr hohe Ansprüche in meinem Tun, aber mit dem Gedanken an Einschränkung kann man nicht gewinnen.

Sie arbeiten für viele internationale Firmen, dabei entwerfen Sie auch viele industriell hergestellte Produkte. Wie bewahrt man sich dabei die Individualität?
Design ist eine großartige Sache, und die Industrie gibt uns fantastische Möglichkeiten, tolle Produkte zu entwerfen. Aber gleichzeitig hat das zur Folge, dass die Einzigartigkeit der Dinge verschwindet. Das finde ich schade. Deshalb versuche ich, die industriell hergestellten Teile so zu verändern, dass sie anders werden – etwa der »Knotted Chair«, den ich für Moooi entwerfe. Jedes Produkt sieht an-ders aus, weil es anders hergestellt wird.

Wenn Sie Design mit drei Begriffen beschreiben müssten – welche würden Sie nehmen?
Es ist die Studie über die Menschheit, ebenso die Studie über Verhalten und natürlich die Studie über Liebe. Es geht letztendlich immer um Emotionen und die Liebe, also warum nicht auch im Design.

LIVING Nr. 04/2018

Erschienen in:

LIVING Nr. 04/2018

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