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Der Galerist Etienne Lullin über die vitale Kunstszene in der Schweizer Metropole – und warum man für die Kunst-Geheimtipps auch mal auf den Berg oder in die S-Bahn steigen sollte.

05 . Februar 2019 - By Maik Novotny

LIVING: Herr Lullin, Sie haben internationale Erfahrung in der Kunstszene gesammelt. Was macht den Kunstort Zürich besonders?
Etienne Lullin: Die Qualität ist heraus-ragend, sowohl bei den Museen als auch bei den Galerien. Es gibt eine hohe Dichte junger Galerien in einem angenehmen Umfeld, das man in ein oder zwei Tagen besichtigen kann. Zürich ist sehr übersichtlich. Die Kunst konzentriert sich auf bestimmte Viertel wie den Stadtkreis 5 nördlich des Hauptbahnhofs, wo es Off-Spaces, das Theater im Schiffbau, Buchläden und multikulturelles Straßenleben gibt. 

Gibt es einen regen Austausch innerhalb der Kunstszene? 
Zwischen den jüngeren Galeristen gibt es ein sehr kollegiales Verhältnis, wir stimmen die Eröffnungen unserer Ausstellungen ab. Die Innenstadt ist zwar für junge Galerien teurer geworden, aber es kommt darauf an, welche Kunst man zeigen will. Für große Formate sind Standorte in anderen Bezirken geeigneter. Es gibt aber auch Galerien im Bankenviertel – und ausgezeichnete kleinere Häuser, die das Lokale pflegen, wie etwa das Helmhaus, das von der Stadt Zürich betrieben wird.

Etienne Lullin ist international renommierter Kunsthistoriker, der unter anderem in Genf, Bern, München und London tätig war. Seit 2008 ist er gemeinsam mit Corrado Ferrari Mitinhaber der Galerie Lullin + Ferrari in Zürich.

Etienne Lullin ist international renommierter Kunsthistoriker, der unter anderem in Genf, Bern, München und London tätig war. Seit 2008 ist er gemeinsam mit Corrado Ferrari Mitinhaber der Galerie Lullin + Ferrari in Zürich.

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In Zürich ist das Geld zu Hause. Zeigt sich das bei der Anzahl solventer Kunstsammler? 
Ja und nein. Das Interesse für Kunst ist zweifellos vorhanden. Natürlich sammeln Banken, Versicherungen und Firmen Kunst, aber das beschränkt sich nicht auf Zürich. Auch Museen kaufen Werke junger Künstler – und jede Galerie hat ihre eigene Stammkundschaft.

Was dürfen kunstsinnige Zürich-Besucher auf Wochenendbesuch auf keinen Fall verpassen? 
Die Glasfenster von Sigmar Polke im Grossmünster sind ein Must, und die Fenster von Chagall im Frauenmünster auf der anderen Flussseite sind sicher auch sehenswert. Von dort aus zu Fuß zum Kunsthaus, das zwar zurzeit erweitert wird und deshalb im Umbau ist, aber trotzdem einen Großteil seiner Sammlung zeigt, zum Beispiel die Giacometti-Skulpturen. Im Restaurant und in der Bar »Kronenhalle« hängen die Wände voller Kunst – hier trifft sich das kulturelle Zürich. Das Museum Rietberg spielt, was außereuropäische Kunst betrifft, in der Champions League und koope­riert unter anderem mit dem Metropolitan Museum und dem British Museum. Das Haus Konstruktiv ist die beste Adresse für konkrete und konzeptionelle Kunst. Die Graphische Sammlung im Semperbau der ETH Zürich ist eine echte Trouvaille und zeigt auch Werke zeitgenössischer Schweizer Künstler – von der ETH-Terrasse aus bietet sich eine herrliche Aussicht auf die Stadt. 

Gibt es auch weitere Geheimtipps abseits des Zentrums?  
Man sollte Winterthur nicht verpassen. Das ist zwar nicht mehr Zürich, aber mit der S12-Bahn ist man in 19 Minuten dort. Dort gibt es unter anderem das Kunst Museum mit seiner großartigen Sammlung französischer und zeitgenössischer Kunst, die Sammlung Oskar Reinhart »Am Römerholz« und mit dem Fotomuseum das wichtigste Haus für Fotografie in der Schweiz. 

Die Schweizer Metropolen Zürich und Basel verbindet eine ewige Rivalität. Wer hat in Bezug auf Kunst die Nase vorn?  
Die dynamischere Galerienszene ist eindeutig in Zürich zu Hause. Was die Museen betrifft, hat Basel eine andere Tradition, mit dem Kunstmuseum und der Fondation Beyeler als herausragende Häuser sowie der ART BASEL, während der in Basel ein Ausnahmezustand wie in der Fastnacht herrscht. Ich bevorzuge aber als Wohnort sicherlich Zürich!

LIVING Nr. 05/2018

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