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UK Design-Star Tom Dixon im Interview

Er ist Autodidakt, lässt sich nicht in Schubladen zwängen und hasst Langweile. LIVING gewährt Tom Dixon Einblicke in seine Gedankenwelt.

03 . Mai 2017 - By Luisa Siller

Ganz klar: Tom Dixon ist Britanniens Design-Export Nummer eins. In seinem gleichnamigen Studio bündelt er nicht nur seine unbändige kreative Kraft, sondern – im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen – auch eine äußerst effiziente Marketing- und Vertriebsmaschinerie. Denn es gibt wohl kaum etwas, was nicht schon einmal durch die kreativen Finger des Künstlers gegangen ist. Von Büroutensilien über Möbel bis zur Tableware – seine Entwürfe haben allesamt einen Touch von Tom: sehr durchdacht, angenehm unaufgeregt und immer für eine Überraschung gut.

LIVING Wie würden Sie einem Kind Ihren Design-Zugang erklären?

Tom DIXON Ich habe schon immer gerne Sachen gemacht – wie Kinder. Für mich ist das einer der grundlegenden Instinkte des Menschen, den viele begraben, wenn sie erwachsen werden. Meine besten Ideen -entstehen in spielerischen Momenten. Ich langweile mich schnell und suche ständig nach Neuem.

Fällt es Ihnen heute schwerer, sich für Dinge zu begeistern, als früher?

Nein, gar nicht. Mit jeder neuen Design-Aufgabe habe ich die Möglichkeit, mich selbst neu zu -erfinden. Dadurch bin ich in der tollen Position, -meine nächsten Schritte selbst entscheiden zu können. Ich habe die letzten 15 Jahre sehr hart dafür gearbeitet, nicht der -Sklave eines Unternehmens, sondern mein eigener Herr zu sein.

Wieso haben Sie sich entschieden, alte Designs wie etwa den S-Chair zurück in Ihre Firma zu holen?

Cappellini ist nicht mehr der Familienbetrieb, mit dem ich damals begonnen habe. Heute ist es ein amerikanisches Unternehmen mit italienischen Wurzeln, das Entwürfe eines britischen Designers verkauft. Das war für mich nicht mehr schlüssig. 

Sie haben damals in einer Garage Ihre ersten Teile aus Metall gefertigt, heute sind Sie der Chef eines enorm erfolgreichen Studios. Wie hat sich der Designprozess seit damals verändert?

Das ist bei jedem Teil anders, jedes Produkt hat heute seine eigene Geschichte. Ich habe noch immer die gleiche Unzufriedenheit in mir – ich bin mit keinem meiner Produkte gänzlich zufrieden. Designen heißt immer auch, Kompromisse einzugehen. Aber die Freude über das Entdecken einer neuen Form ist gleich geblieben. Unsere Lampe »Melt« war beispielsweise ein Zufallsprodukt. Die Vorlage stammt vom schwedischen Kollektiv Form und war aus weißem Plastik. Wir haben sie mit unserem Metall-Finish überzogen, und plötzlich war da ein ganz anderes Produkt. 

Apropos Metall: Ein großer Teil Ihrer ­Kollektion besteht aus unterschiedlichen Metallen. Ist das ein Material, das eine ­besondere Faszination auf Sie ausübt?

Nein. Momentan beschäftige ich mich viel mit Keramik. Meine ersten Design-­Erfahrungen habe ich mit Ton gemacht – wie aus einem weichen, unansehnlichen Klumpen, der durch meine Hände fließt, ein schöner Gegenstand wird. Das ist für mich der Inbegriff der Transformation, die Design möglich macht.

Sie bewegen sich als völliger Autodidakt durch die Design-Welt. Hätten Sie es mit einer klassischen Ausbildung leichter gehabt?

Nein, eher im Gegenteil. Ich war sechs Monate auf einer Kunstschule, aber das war nichts für mich. Ich wollte arbeiten und mich nicht mit Theorie beschäftigen. Ich bin in meinen Beruf hineingewachsen, war nie in der Situation, dass ich auf einmal theoretische Konzepte in Produkte übersetzen oder mein Portfolio präsentieren musste. Ich habe während meiner Zeit als Musiker begonnen, Dinge zu machen. Der Moment, in dem Leute meine Kreationen kaufen wollten, hat mich zum Designer gemacht.

»Ich bin mit keinem meiner Produkte gänzlich zufrieden. Designen heißt immer auch, Kompromisse einzugehen.«
Tom DixonDesigner, www.tomdixon.net

Sie sind bekannt für Ihre multidisziplinären Inszenierungen in Mailand. Wieso ist das Erlebnis rund um die Produkte so wichtig geworden?

Ich komme aus der Musikwelt und denke, ich habe viele Elemente einfach ins Design übersetzt. Die Menschen entscheiden sich nicht für unsere Produkte, weil es die praktischsten oder funktionalsten sind. Es geht immer um die Geschichte dahinter. Ich denke, es ist Teil unseres Jobs, unsere Produkte nahbar und zugänglich zu machen. 

Haben Sie Angst, durch Ihre Kooperationen – wie aktuell etwa mit Ikea – Stammkunden
zu verlieren? Die Marke Tom Dixon vielleicht sogar zu ­verwässern?

Ja, daran denke ich natürlich ab und zu. Aber in der Mode gibt es solche Projekte schon länger und ganz ehrlich: Hat Comme des Garçons an Einfluss verloren, weil sie mit H&M kooperiert haben? Die Sachen, die wir bei Ikea machen, sind genauso spannend wie unsere Produkte hier. Aber ja, die Angst ist da. Ich kämpfe mein ganzes Leben dagegen, von irgendjemand in Schubladen gezwängt zu werden. Wieso soll ich also nicht ein Bett um 300 Euro produzieren, wenn die Qualität stimmt? Am Ende geht es für mich immer darum, spannend, anders und einzigartig zu bleiben.

Ein großer Teil Ihrer ­Kollektion umfasst Tableware. Was reizt Sie so an Tischkultur?

Unsere Accessoires umfassen ein unglaub­liches Spektrum. Das geht von Geschirr über Seifen und Parfums bis zu Schlüssel­anhängern. Ich langweile mich schnell, und mit Accessoires kann ich in einem ­kleinen ­Maßstab experimentieren und damit ­gleichzeitig die Tom-Dixon-Welt ­komplettieren.

Impressionen finden Sie in der Bilderstrecke:

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